Zu den Gesellianern: Nationalistischer Klassenkampf statt Nationalkapitalismus!

Die bürgerliche Rechte verurteilt den Klassenkampf als vorgeblich „volksfeindlich“ und „bolschewistisch“. Er würde vor allem „das Volk spalten“, so die Vorwürfe aus der völkischen bis neo-nationalsozialistischen Rechten. Dies alles kulminiert auch in einer mehr als nur primitiven und reaktionären Antikommunismus-Kampagne. Beliebt ist die These, dass es sich beim Klassenkampf um eine Erfindung einer eingebildeten „jüdischen Weltverschwörung“ handeln würde, ganz so, als sei diese schon in der Antike bei Platon am Werk gewesen. Dabei kramen dann die rechten Verschwörungstheoretiker in der Familiengeschichte sozialistischer Buchautoren, Philosophen und Politiker, um daraus ihre Verurteilung pseudo-begründen zu können. Daraus wiederum ergibt sich der Wahnsinn, dass der Kapitalismus beseitigt sei, würde man nur die „jüdische Macht“ beseitigen. Der Kapitalismus solle auf völkischer Basis funktionieren, ganz so, als würde sich an den kapitalistischen Produktionsverhältnissen, der Ausbeutung der Arbeitskraft etwas ändern, falls man sich wie im historischen 3. Reich nur an einem Sündenbock auslassen könne.

So glauben heute nicht wenige Völkische offenbar, selbst die Weltfinanz- und Wirtschaftskrise durch eine jüdische Verschwörung erklären zu können – es handelt sich hierbei um nichts weniger als um einen „Antikapitalismus“ der Dummen. Ansonsten fällt auf, dass gerade zur Finanzkrise kaum Erklärungsmodelle vorherrschen die einem inhaltlichen Antikapitalismus oder gar Sozialismus auch gerecht werden könnten. Zum einem erklären gerade die antikommunistischen „Freien Kräfte“ die Finanzkrise – wenn überhaupt – als alleinige Folge des Zinssystems, mit welchem sie glauben, den Kapitalismus erklären und deuten zu können, um so den Umweg zur Affirmation mit dem kapitalistischen System schlagen zu können, indem sie erklären, dass Marktwirtschaft gar kein Kapitalismus sei.

Als Gegenlösung muss die „Freiwirtschaftslehre“ von Silvio Gesell herhalten, wobei aber der Speerspitze der Reaktion mittlerweile aufgefallen ist, dass Gesell nicht gerade aus ihrer politischen Ecke stammt, so dass man ihn dort etwas fälschlich als „Marxisten“ und „Internationalisten“ tituliert. In Wahrheit orientierte sich Gesell weniger an Marx als an dem anarchistischen Vordenker Max Stirner. Verschwiegen werden sollte aber auch die „nationalbolschewistische“ Episode nicht. So schlugen Ernst Niekisch und Gustav Landauer Gesell als Finanzminister der Münchner Räterepublik vor.

Die Theorie der Gesellianer und Federisten im NW basiert auf der Theorie einer „Marktwirtschaft ohne Kapitalismus“, was sich aber eher verbal als praktisch niederschlägt. Explizit wurde diese Theorie etwa im Rahmen der sogenannten „Antikap“-Kampagne unter das Volk gebracht. Bei Gesell stellt sich diese Theorie über verschiedene Punkte dar und zwar Freigeld, Freihandel und Boden. Nun scheinen die Gesellianer im NW entweder Gesell nie richtig gelesen zu haben oder aber sie verschweigen etwas ganz bewusst. Die Bodentheorie von Gesell scheint nämlich mit einem wie auch immer gearteten Nationalismus und erst recht einem völkisch gedachten Nationalismus gänzlich unvereinbar zu sein. Gesell schlägt nämlich vor, das Privateigentum an Boden abzuschaffen, um so schrittweise die Grenzen der Nationalstaaten aufzulösen. Gesell tritt weiter für die „völlige Niederlassungsfreizügigkeit“ ein. Gesell offenbart sich für diejenigen, die sein Werk gelesen haben, als früher Globalisierer: „Der Erde, der Erdkugel gegenüber sollen alle Menschen gleichberechtigt sein, und unter Menschen verstehen wir ausnahmslos alle Menschen – ohne Unterschied der Rasse, der Religion, der Bildung und körperlichen Verfassung. Jeder soll dorthin ziehen können, wohin ihn sein Wille, sein Herz oder seine Gesundheit treibt. Und dort soll er den Alt-Angesessenen gegenüber die gleichen Rechte auf den Boden haben.“ Gesell fordert nicht weniger als die Auflösung der Nationalstaaten und verneint die Souveränität eben jener. „Der Begriff Freiland lässt keinerlei Einschränkung zu. Er gilt unbeschränkt. Darum gibt es der Erde gegenüber auch keine Völkerrechte, keine Hoheitsrechte und Selbst- bestimmungsrechte der Staaten. Das Hoheitsrecht über den Erdball steht dem Menschen, nicht den Völkern zu. Aus diesem Grunde hat auch kein Volk das Recht, Grenzen zu errichten und Zölle zu erheben. Auf der Erde, die wir uns im Sinne von Freiland nur als Kugel vorstellen können, gibt es keine Waren-Ein- und Ausfuhr. Freiland bedeutet darum auch Freihandel, Weltfreihandel, die spurlose Versenkung aller Zollgrenzen. Die Landesgrenzen sollen nur einfache Verwaltungsgrenzen sein, etwa wie die Grenzen zwischen den einzelnen Kantonen der Schweiz.“ (Silvio Gesell, Die Natürliche Wirtschaftsordnung, Seite 92).

Silvio Gesell forderte desweiteren den unbeschränkten Warenverkehr und steht damit in der Vortradition der heutigen Freihandelsdoktrin der „Chicago Boys“. Gesell propagierte ein damals utopisches Wirtschaftssystem ohne Zölle, Kontrolle und Grenzen, ein System, das man heute als den Siegeszug des vagabundierenden Kapitals bezeichnen könnte. Gesells innerer Kern seiner Theorien ist aber nichts weiter als purer Aberwitz. Er dachte nämlich an die Konzentration von Kapitalwerten bei denjenigen, die in der kapitalistischen Gesellschaft sowieso schon am meisten besaßen. Eine Ausbeutung der Arbeitskraft im kapitalistischen Produktionsprozess kennt Gesell nicht, da eine solche Analyse des innersten Kerns des Kapitalismus seine Zirkulationstheorie entscheidend angreifen würde. Deshalb plädiert Gesell für das ganze Horrorszenario des „Raubtierkapitalismus“ – erhöhte Ausbeutung der Arbeitskraft durch die Steigerung der Produktion bei gleichzeitiger Verkürzung der Arbeitszeit pro Produkteinheit. Gesell plädiert für eine ungehemmte Steigerung der sogenannten „Arbeitsproduktivität“, er forderte eine Auslese durch den totalen Marktwettbewerb. Wir sehen also, dass man es bei Silvio Gesell sicherlich mit einem Theoretiker zu tun hat, der übertragen auf das Hier und Jetzt dem globalisierten Kapitalismus das Wort redet, aber nicht mit einem, der tauglich wäre, eine antikapitalistische Bewegung inhaltlich zu begründen.

Auch Gesells Theorien zum Schwundgeld sind mehr als fraglich. Laut Gesell und den Neo-NS „Zinstheoretikern“ entstand die aktuelle Wirtschaftskrise durch das Vorhandensein des Zinssystems. Nun scheinen aber die Gesellianer nicht zu wissen, dass Gesell gar nicht die Abschaffung des Zinssystems forderte, sondern lediglich eine Einschränkung. Erhalten bleiben sollte bei Gesell ein sogenannter „Urzins“ von mindestens 2,5 Prozent. Die Gesellsche Theorie ist aber schon im Kern grundfalsch, weil diese davon ausgeht, das Geld nicht „zu rosten“ hätte. Soll konkret bedeuten: Geld dürfe nicht an Wert verlieren und müsse ständig im marktwirtschaftlichen Kreislauf zirkulieren. Nun wird jeder eigentlich erahnen können, dass Geld sehr wohl „rostet“, also an Wert verliert, und zwar durch Inflation, Kursschwankungen und falsche politische Entscheidungen.

Einmal davon abgesehen ist auch eine Berufung auf Feder und die „Befreiung von der Zinsknechtschaft“, in deren Totalität mehr als nur anzweifelbar. Während man es bei Gesell ja in Wahrheit mit einem Wachstumswahn zu tun hat, wird von Seiten der Zinstheoretiker ins Feld geführt, dass es ihnen um eine Beseitigung des Wachstumszwangs ginge. Das Problem ist, dass jene Zinstheoretiker zwar die Verstaatlichung von Banken und Kreditinstituten ablehnen und gar als „marxistisch“ brandmarken, aber eine äußerst krude Theorie in Bezug auf eben jene Banken vertreten. Die Banken würden die Spareinlagen der Anleger „horten“ und dieses Geld somit dem marktwirtschaftlichen Zirkulationskreislauf entziehen. Das ist aber wieder völlig grundfalsch: Banken investieren für gewöhnlich in die Produktion, in die Industrie, oder auch in den Handel und andere diverse Wirtschaftszweige. Was sich alleine schon aus der Verzahnung von Banken und Industriekapital ergibt, die sich gerade in Zeiten der Globalisierung besonders herausstellt, aber schon einem gewissen Lenin ein Begriff war. Die Theorie der Zinstheoretiker muss in der Praxis schon daran scheitern, dass das deutsche und internationale Finanz- und Industriekapital kein Interesse an der Abschaffung des Zinses hat; da kann man sich noch so sehr zur „reinen“ und „wahren“ Marktwirtschaft bekennen und beteuern, dass man den „guten“ und urgründlichen deutschen Kapitalisten vor den bösen Bolschewiken schützen würde.

Das Angebot an das Großkapital ist ein einseitiges, jenes benötigt den „Faschismus“ dieses Mal nämlich nicht als Steigbügelhalter. Die Zeiten sind längst vorbei, als es noch einen Gleichklang von völkischem und privatwirtschaftlichem Kapitalismus hätte geben können. Vor allem wird der Kapitalist wie Anno 1933 nicht darauf verzichten wollen, seinen Gewinn durch Zins und Zinseszins mehren zu können – die Theorie der kleinbürgerlichen Freunde der Marktwirtschaft baut sich auf absurden Wunschvorstellungen und Bittgesuchen auf. Auffällig ist bei den Zinstheoretikern, die in ihrer „Kritik“ oftmals nur den jüdischen Sündenbock meinen, dass sie gar keine Konzepte präsentieren. Man erfährt nicht, was sie konkret zu tun gedenken würden, wenn sie hierzu auch die entsprechenden Möglichkeiten hätten. Auch erfährt man nicht, was an Staaten wie Saudi-Arabien, Dubai oder Kuwait so besonders „antikapitalistisch“ sein soll – dort ist nämlich die Erhebung von Zins verboten.

Nun gibt es aber noch eine andere Zugangsart der verkürzten Kapitalismuskritik, und zwar den Keynesianismus, der nicht nur in der Gestalt eines Oskar Lafontaine auftritt, sondern auch bei etwa der NPD seine Fürsprecher findet. Nun sind Sascha Roßmüller, Jürgen Gansel oder ein Per Lennart Aae näher an der Wahrheit als die kritisierten Zinstheoretiker, allerdings beschränken sie sich auf eine Kritik, die im Grunde sozial-marktwirtschaftlich ist. Kritisiert werden zwar die „Verfehlungen“, der „Casino-Kapitalismus“, ohne aber einen grundsätzlichen Systemwechsel einzufordern. Von der zu Anfang vom NPD-Bundesvorstand geforderten Bankenverstaatlichung ist nichts mehr übrig geblieben. Es handelte sich wohl doch nur um einen „populistischen“ Schnellschuss, der dann doch nicht so gemeint war. Hier wird nun so getan, als könne man das Spielchen „guter deutscher Kapitalismus“ versus böser „amerikanischer Kapitalismus“ aufziehen. Sie setzen auf eine harmonische Einheit von Kapital und Politik, glauben, dass sich das Kapital in der Marktwirtschaft wieder der Politik unterzuordnen hätte. Dass diese Option im Kapitalismus heute nicht mehr besteht, dies wollen die Nationaldemokraten nicht wahr haben. Gerade seit der Neuwahl des Parteivorstandes macht sich in der NPD durch die Verstärkung des sogenannten „radikalen“ Flügels ein Antikommunismus breit, der gleichsam nichts weiter als ein Antisozialismus ist. Bewusst setzt man auf die Verurteilung des Klassenkampfes und spricht dementgegen von der „Einbindung der Menschen aller Klassen in die Volksgemeinschaft“.

Der Klassenkampf hat aber durchaus auch eine Tradition im revolutionären Nationalismus, so etwa bei Ernst Niekisch, Karl Otto Paetel, den Hamburger Nationalkommunisten oder der Scheringer-Linie der KPD. Nun hat Karl Marx den Klassenkampf weder erfunden, noch gibt es darauf ein Patent, wie die Reaktion gerne und immer wieder behauptet. Um die Notwendigkeit des Klassenkampfes zu ersehen, braucht man nun nicht unbedingt Karl Marx, wenn dieser auch eine sehr genaue und umfassende Analyse des Kapitalismus abgeliefert hatte. Die Realität des Klassenkampfes wird in der Realität der Bundesrepublik deutlich und im Werdegang des Kapitalismus im weltweiten Rahmen. Da kann man noch so viele Zeilen über die harmonische Volksgemeinschaft verfassen, wenn in der Bundesrepublik die Oberschichten, die Klasse der Kapitalisten, seit Jahr und Tag einen Klassenkampf von „oben“ gegen die Unterklassen führen. Revolutionärer Nationalismus hat die Überführung der Produktionsmittel in die Hände der Werktätigen zu fordern. Strikt abzulehnen ist die Unterteilung in einen angeblich „guten“ und bösen Kapitalismus. Wir wollen den Sozialismus und nicht die volksgemeinschaftlich gedachte „Sozialpartnerschaft“ eines „Nationalkapitalismus“.

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Kommentare

  • ariald  Am 17. Juni 2010 um 20:39

    Interessanter und intelligenter Text, auch wenn ich im Wesentlichen nicht zustimme.

  • Grünauge  Am 22. Juni 2010 um 00:09

    Außerordentlich inspirierender Text – meine Hochachtung. Ganz wichtig in diesem Aufsatz ist vor allem die längst überfällige Demaskierung von Gesell, der gar nicht so weit von den Theorien eines Milon Fridman entfernt liegt, wenn man die Einzelkomponenten seiner Thesen einer kritschen Prüfung unterzieht. Evola hatte in der Tat nicht ganz unrecht mit seinen Ausführungen wie es scheint. 1919 konnte man den Wesensgehalt von Gesells Theorien wohl nicht ganz überblicken, sonst hätte man ihn in München nicht berufen; Keynes war der intellektuell weitaus der bessere Kopf, nicht umsonst ging es ab den „Chicagoer Boys“ mit der westlichen Welt intellektuell, wirschaftlich und auch demographisch bergab.

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