Prof. Dr. Michael Nier: Was hat uns Karl Marx heute zu sagen?

Marx ist in Deutschland nicht wohl gelitten. Seit dem 3.10.1990 gibt es keinen Marxisten mehr auf einem Lehrstuhl in Deutschland. Im Westen wurde seit Jahrzehnten keiner mehr berufen. Im Osten wurden alle abberufen und entlassen. Die ehemaligen marxistischen Hochschullehrer der DDR erleben Berufsverbot und Einstellungsboykott. Marxismus wird nicht gelehrt, nicht einmal in so einer Stiftung wie der Rosa-Luxemburg-Stiftung der PDS/ Linkspartei. Die Linkspartei ist eine antikommunistische und antimarxistische Partei. Natürlich gibt es noch Marxisten, aber die haben nichts zu sagen. Sie stehen am Rande der Gesellschaft und gucken zu, wie dieses Land auf typisch kapitalistische Weise ruiniert wird. Die Marxisten sehen die permanente Bestätigung ihrer Lehre und es hilft ihnen nicht. Sie sind völlig machtlos. Wenn man sagt, man wäre Marxist, dann schauen einen die Leute an, als ob man von einem anderen Stern wäre oder eine ganz schlimme, ansteckende Krankheit hätte. Schon das Bekenntnis zu Marx scheint auf Verrücktheit oder echten Snobismus zu deuten.

Ich glaube beides nicht zu sein, ich will einfach die Zeit und unsere Lage verstehen. Das ist nach meiner Erfahrung nur mit der marxistischen Methode und vielen seiner Erkenntnisse möglich. Man kann sich auch durch forschende Lektüre unheimlich anregen lassen. Diejenigen, die nicht möchten, daß wir diese Gesellschaft und die Politik verstehen, haben etwas gegen Marx. Leider sind auch viele, die diese Gesellschaft verstehen möchten, aus alten Vorurteilen gegen die Lektüre von Marx. Ich habe mal paar von solchen Leuten kurze Texte von Marx präsentiert, die sie ganz toll fanden. Also ich denen sagte, daß sie doch mal diese oder jene Schrift lesen sollten, antworteten sie: „ Sie können doch nicht erwarten, daß ich mir das antue.“ Nun, wir tun uns heute mal ein bißchen Marx an.

Ehe ich einige bis heute aktuelle Gedanken von Marx präsentiere, darf ich einiges Aktuelles zur Behandlung von Marx, dann Grundlegendes zu Marx und dem Marxismus sagen. Ich werde dann in der Folge Fragen stellen und Zitate von Marx bringen, die zum eigenen Nachdenken auffordern könnten. Ich gebe auch die Literaturstellen an, wo man sie auffinden kann. Dazu kann man dann diskutieren.

Aktuelles zur Marxver- und entehrung

Chemnitzer Werbung: „Stadt mit Köpfchen“ ?

In Chemnitz, dem zeitweiligen Karl-Marx-Stadt, wird gerade der Karl-Marx-Kopf verhüllt. 120 000 € kostet der Spaß. Die Stadt, in der Kinder hungern und wo wegen Geldmangel die großen innerstädtischen Brachlandschaften zu einem erheblichen Teil nicht mehr gepflegt werden können, will 10 000 € zum Spektakel beisteuern. Man will mit den Mitteln der Spaßgesellschaft auf Marx aufmerksam machen. Vielleicht geht es heute nicht mehr anders. In dem Verhüllungsobjekt sollen auch Exemplare des Kapitals zum Studium ausliegen. Eintritt ein bis zwei Euro. Hätte die Stadt die Karl-Marx-Gedenkstätte hinter dem Marx-Monument erhalten, könnte man schon seit 1990 unter kapitalistischen Bedingungen geistige Bekanntschaft mit Marx schließen. Nun wird auf ihn als fast unbekanntes Wesen aufmerksam gemacht. Vielleicht hilft es. Nötig wäre es. Marx ist hochaktuell, obwohl er schon vor 190 Jahren geboren wurde und seit 125 Jahren tot ist.
Chemnitz hat zeitweilig mit dem Spruch geworben, „Stadt mit Köpfchen“. Dann hatte man die Hosen voll und bewarb Chemnitz als „Innovationswerkstatt“ und „Stadt der Moderne“. Komisch, in einer Abrißorgie ohne gleichen riß man viele Gebäude der „Moderne“ ab. Man könnte Chemnitz auch als „Abrißstadt“, „Industrielle Restestadt“, „Stadt der Brachflächen“ oder „Treuhandverwüstungsstadt“ bewerben. Die beste Werbung wäre aber die mit Marx, denn mit dessen Gedanken könnte sogar die wirtschaftliche Verwüstung der Stadt erklärt werden. Nun ist durch Befragungen festgestellt worden, daß der Marx-Kopf das zweitschönste Denkmal in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen ist, nach der Klosterkirche St. Maria in Schulpforta und vor der Frauenkirche in Dresden. Leider ist bis 31.8.2008 nur ein Lappenwürfel zu sehen, unter dem Marx versteckt ist.

Es gibt aber auch in Sachsen Leute, die was gegen Marx haben. Eigentlich sind auch alle Parteien des sächsischen Landtages gegen Marx. In der kostenlosen Anzeigenzeitung „Blitzpunkt“ vom 10. Mai 2008, S. 1, schreibt ein gewisser Thomy folgende Sätze: „Manche halten die Schriften von Marx und Co. für eine Kompilation sinnstiftender Axiome. Andere halten das meiste von dem, was Marx nicht abgeschrieben hat, für ziemlichen Unfug. Aber über Religionen soll man nicht streiten.

Nicht nur Chemnitz, auch Brüssel hat ein weltbekanntes, wenn auch viel kleineres Wahrzeichen. Das Männeken Pis. Das wird bei bestimmten Anlässen immer mal neu kostümiert. Diese Tradition könnte Chemnitz gut adaptieren. Weihnachten bekäme der Nischel eine Mütze übergestülpt und zu Ostern paar Hasenohren angeklebt. Vielleicht läßt sich der internationale Hutmacherverband zu einer langfristigen Kooperation überreden.

Einer Überlegung wert wäre der Vorschlag, auf der anderen Straßenseite, direkt im Blickfeld des Klassikers, ein zweites Denkmal zu errichten. Zur Erinnerung an diejenigen, die im Namen seiner Ideen zugrunde gingen. Gäbe es dieses Denkmal, hätte die Verhüllung jenes Monumentes auch einen tiefen Sinn.“
Zum Glück steht das Karl-Marx-Monument noch und wird nachts auch wieder angestrahlt. Man kann den in vielen Sprachen formulierten Satz lesen: „Proletarier aller Länder vereinigt Euch!“ Die Wendeaktivisten, die sich in Anbiederung an den Westen überschlugen, wollten das Denkmal natürlich abräumen. Aber die Denkmalschützer in Sachsen haben nicht geschlafen. Den „deutschen Taliban“ ist bekanntlich auch der Palast der Republik zum Opfer gefallen. In Chemnitz hat das nicht geklappt. Als ich mit einem Prof. Dr. Raban Graf von Westphalen, Fachhochschulprofessor aus Berlin und entfernt mit Marx verwandt, 1990 durch Chemnitz spazierte, fragte er mich, wann das Denkmal denn wegkomme. Da sagte ich zu ihm: „Das bleibt zur Drohung für Euch stehen!“. Es guckte ganz kariert. Nun ist es so weit. Marx droht wieder und zwar mit Gedanken. Die Verhältnisse sind wieder so schön kapitalistisch reif, daß man mit der Lektüre von Marx ein Aha-Erlebnis nach dem anderen haben kann. Marx ist der modernste Denker auch des 21. Jahrhunderts, eben weil wir wieder in einer Entwicklungsphase des Kapitalismus sind, wo er die brutalen Züge seiner Anfangszeit erneut und potenziert zeigt. Nach wie vor sind wir im Analyse- und Prognosezeitraum von Marx. Damals mußte der Marxismus erst entstehen. Heute haben wir das Glück, daß es den Marxismus in vielfältigen Buchausgaben antiquarisch gibt und man nur zugreifen muß. Neu gibt es sogar eine illustrierte Ausgabe des ersten Bandes des Kapital. Man braucht nur guten Willen, Interesse und darf kein Analphabet sein.
Was sollte man elementar vom Marxismus wissen?

Marxismus ist eine der großen Weltanschauungen in der Geschichte der Menschheit. In der Dimension und Wirkungsmächtigkeit ist er den großen Religionen Christentum, Islam oder Buddhismus ebenbürtig. Alle anderen Philosophien sind neben ihm klein.

Er entstand
1. als die Naturwissenschaften zur Erkenntnis von der Entwicklung der Natur kamen,
2. als das Bürgertum die Religion mit ihren Mythen als historisch überlebte Ideologie des alten Regimes zur Seite schob,
3. als in der Philosophie Hegels die Entwicklung des menschlichen Geistes und der Gesellschaft formuliert und propagiert worden war,
4. als eine Zeit bürgerlicher Revolutionen mit sichtbarer Beteiligung einer neuen Klasse, des Proletariats angebrochen war,
5. als der Kapitalismus als neue Wirtschaftsordnung dominierte, schon die ersten Krisen zeigte und eine neue Qualität des unmenschlichen Umganges mit Menschen offenbarte,
6. als die nationalökonomische Erkenntnis des Kapitalismus sich schon als Wissenschaft und Selbstverständnis der gebildeten Bourgeoisie herausgebildet hatte und
7. als schon Ideen für eine Zeit nach dem Kapitalismus, also für einen Sozialismus und Kommunismus, in der Öffentlichkeit diskutiert wurden ( utopischer Sozialismus) und
8. alles darauf hindeutete, daß eine neue Klasse, das Proletariat, der Träger einer Entwicklung aus dem Kapitalismus hinaus in eine neue klassenlose Gesellschaft sein könnte.
Mitte des 19. Jahrhunderts war die Zeit für den neuen weltanschaulichen Erkenntnisschritt reif.
Vorbereitet wurde der Marxismus durch Aufklärung und Liberalismus. Ja man kann sogar sagen, daß der Marxismus von der politischen Tendenz her proletarischer Liberalismus ist, in welchem das Proletariat durch Aufklärung zur intellektuellen Besinnung und durch Kampf zur politischen Macht kommen kann. Vermittels dieser politischen Macht werden dann die gesellschaftlichen Verhältnisse grundlegend verändert, d.h. vor allem das kapitalistische Eigentum aufgehoben.

Durch die Geburt aus dem Geist des Liberalismus gibt es immer Berührungsflächen zum jeweiligen Liberalismus bürgerlicher Schichten und Tendenzen, sich zum Marxismus hin und von ihm weg zu entwickeln. Wenn der Marxismus durch Bürgerlichkeit angefüllt wird, dann spricht man im marxistischen Sprachgebrauch von Revisionismus. Auch die Bezeichnung des kleinbürgerlichen Liberalismus der 68er-Bewegung als Marxismus ist so verständlich. Man blieb ideologisch beim junghegelianischen, demokratischen und jugendlichen Marx stehen und bezeichnete ihn als originären Marx. Die Bezeichnung der 68er als Marxisten stimmt leider nicht, denn die „Emanzipation“ junger Leute von kapitalistischer Unterdrückung war nur die Emanzipation von Formen und Äußerlichkeiten der bürgerlichen Gesellschaft. Typisch kleinbürgerlich. Zum Teil war es nur Unartigkeit und pubertäre Lust am Provozieren. Außerdem scheint die 68er Bewegung auch als Teil der „Vergangenheitsbewältigung“ direkt organisiert worden sein. Proletarische Emanzipation ist Beseitigung der kapitalistischen Eigentumsverhältnisse, also was ganz anderes. Diese ist antikapitalistisch und nicht nur kapitalismuskritisch.

Marx und Engels gingen vom Wissen ihrer Zeit und den damaligen politischen Ideen nur einen kleinen historischen Schritt weiter und machten damit einen Riesenschritt für die Menschheit. Indem sie das bisherige Wissen aufnahmen ( böse Leute sagen dumm, alles sei abgeschrieben) und die Konsequenzen daraus entwickelten ( das Kapital nennt das „falsche Schlußfolgerungen“), eröffneten sie den Blick in ein neues Zeitalter. Um nicht nur utopistisches Geschwafel zu bieten, entwickelten sie ein modernes wissenschaftliches Fundament für das Durchdenken des Kapitalismus und für eine neue Politik. Sie wurden durch ein neues historisches Subjekt der Geschichte zur Ausarbeitung einer neuen Weltanschauung motiviert, das Proletariat als Widerpart der Bourgeoisie. Dieses Proletariat war empirisch auffindbar! In der DDR nannte man das deshalb die „wissenschaftliche Weltanschauung der Arbeiterklasse“. Als neues Subjekt der Politik sahen sie vor allem die Industriearbeiterschaft, die natürlich durch eine eigene führende Intelligenz gebildet und geführt werden mußte. „Zahlen fallen nur in die Waagschale wenn Kombination sie vereint und Kenntnis sie leitet.“ Deshalb strebten Marx und Engels danach, eine Partei der Arbeiterklasse herauszubilden und anzuleiten. Das „Kommunistische Manifest“ heißt deshalb „Manifest der kommunistischen Partei“. Sozialisten waren damals Bürgerliche, wie auch heute wieder! Wenn Prodi oder Solana als Sozialisten bezeichnet werden, dann weiß man, was ich meine.

Weil Marx und Engels erkannten, daß sie etwas von weltgeschichtlicher Bedeutung tun. Deshalb haben sie mit aller Kraft ihres Herzens daran gearbeitet. Marx war kein weltabgewandter Gelehrter, sondern ein Mann der Wissenschaft und der Politik. Letztlich hat er sich gesundheitlich ruiniert und totgearbeitet. Ihm ist zu Recht die größte Portraitbüste der Welt gewidmet. Im Baedeker DDR von 1990 hat das Denkmal einen Stern.

Was ist eigentlich Marxismus?

Der Marxismus entstand in der Tradition des philosophischen Materialismus. Seine erste Gestalt fand der in der materialistischen Geschichtsbetrachtung, dem historischen Materialismus. Der besagt grob, daß die Entwicklung der Gesellschaft vor allem durch die Veränderung der Produktionsweisen vorangetrieben wird und die gesellschaftlichen Ideen diese materiellen gesellschaftlichen Ursachen reflektieren. Diese gesellschaftlichen Ideen wirken über die Menschen wieder zurück ins Geschehen.

Ich zitiere. „Das Privateigentum treibt allerdings sich selbst in seiner nationalökonomischen Bewegung zu seiner eignen Auflösung fort, aber nur durch eine von ihm unabhängige, bewußtlose, wider seinen Willen stattfindende, durch die Natur der Sache bedingte Entwicklung, nur indem es das Proletariat als Proletariat erzeugt, das seines geistigen und physischen Elends bewußte Elend, die ihrer Entmenschung bewußte und darum sich selbst aufhebende Entmenschung. Das Proletariat vollzieht das Urteil, welches das Privateigentum durch die Erzeugung des Proletariats über sich selbst verhängt, wie es das Urteil vollzieht, welches die Lohnarbeit über sich selbst verhängt, indem sie den fremden Reichtum und das eigene Elend erzeugt. Wenn das Proletariat siegt, so ist es dadurch keineswegs zur absoluten Seite der Gesellschaft geworden, denn es siegt nur, indem es sich selbst und sein Gegenteil aufhebt. Alsdann ist ebensowohl das Proletariat wie sein bedingender Gegensatz, das Privateigentum verschwunden.“ (Marx/ Engel: Die Heilige Familie …, Werke Bd. 2, S. 37f.)

Der Marxismus entstand zuerst in der Form des historischen Materialismus in den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts. Das ist sozusagen seine erste Gestalt. Marxismus ist eine in viele Fachgebiete gegliedertes System von philosophischen und Gesellschaftswissenschaften. Marxismus reduziert sich nicht auf Gesellschaftswissenschaften, sondern ist auch Gesellschaftswissenschaft. Er wirkt auch in die Arbeit von marxistischen Wissenschaftlern aller möglicher Fachgebiete hinein und prägt vor allem die Geistes- und Gesellschaftswissenschaften auch inhaltlich. In den Einzelwissenschaften ist er die Bekräftigung materialistischen und dialektischen Herangehens sowie auch Politisierung der Wissenschaftler. Deshalb hat man im Anschlußgebiet bis 1993 70 Prozent aller Hochschullehrer entlassen. Sie waren marxistisch infiziert. Deshalb sind solche Entlassungen und Berufsverbote auch als „Säuberungen“ aus weltanschaulichen Gründen zu verstehen.

Der Marxismus gliedert sich in die drei Hauptgebiete: Philosophie, Politische Ökonomie und politische Theorie (Wissenschaftlicher Sozialismus). Zur Philosophie gehören Logik, dialektischer Determinismus oder Ontologie, Naturphilosophie, Historischer Materialismus, Ethik, Ästhetik, Erkenntnistheorie, Wissenschaftsphilosophie und Geschichte der Philosophie. Politische Ökonomie und der wissenschaftliche Sozialismus sind ebenfalls disziplinär organisiert, bzw. waren dies. Zum Beispiel gab es Berufungen für „Politische Ökonomie des Kapitalismus“.

Ich hatte eine ordentliche Professur für „Dialektischen und Historischen Materialismus“ an der Ingenieurhochschule Mittweida und mein Forschungs- und Publikationsgebiet war Technikphilosophie, d.h. marxistische Forschung zu Technik, Technikwissenschaft, Ingenieurtätigkeit und den Entwicklungszusammenhängen von Technik und Gesellschaft.

Wenn man den heutigen verbeamteten Philosophieprofessoren, Zeitgeistschwätzern, Gemeinschaftskundelehrern und der Springerpresse glaubt, dann muß dialektischer Materialismus eine absurde stalinistische Ideologie sein, die einen ehemals staatlich durchgesetzten Meinungsterror verkörpert. Von Marx, Engels, Lenin, Stalin, Mao, Pol Pot und bis zum Ende der DDR wurde eine Ideologie der Unfreiheit staatlich durchgesetzt, die zum GULAG, zu Stasi, zu Mauer und Stacheldraht und zur völlig maroden Wirtschaft der DDR führte. Marxismus wäre eine menschenfeindliche Ideologie. Das ist natürlich Blödsinn. und ideologischer Kampf. Da die Masse der Menschen nicht durchschaut, was man mit ihnen anstellt, wird so was nachgeplappert. Da so manche in der DDR nicht nur gute, sondern auch schlechte Erfahrungen gemacht haben, können sich emotional aufgeheizte Erfahrung und bürgerliche Lügen verbinden. Wenn man dann noch politische Phantasie-Filme sendet, dann glauben die Manipulierten die frisch erlogene Geschichte. Auch Zahlen haben oft einen verborgenen politischen Inhalt. Wenn die Bundesregierung bisher die Opfer der DDR mit 82 Millionen € entschädigt hat, so sind darin auch die Entschädigungen für von der DDR gefangene westdeutsche Agenten mit drin.

Natürlich muß man anerkennen, daß der Marxismus auch politische Ideologie ist und darin besteht immer die Gefahr, Erkenntnisse oder zeitweilige Positionen zu politisieren und zu verabsolutieren. In seiner Funktion als politische Ideologie ist der Marxismus aus den Händen der Wissenschaft in die Hände der Politik geraten und das ist ihm nicht immer gut bekommen. Das betraf die Arbeiterbewegung schon während des Leben von Marx und umfangreicher nach den Machergreifungen der kommunistischen Parteien. Wir haben deshalb dauernd Streitereien von Marx mit politischen Weggefährten. Bei Stalin ging das nach guter asiatischer Art bis zur physischen Vernichtung seiner Genossen in der Partei. Er ließ alle Mitglieder des Leninschen Zentralkomitees liquidieren. Er wußte, das der Sozialismus unter Fortexistenz des Weltkapitalismus keine bürgerliche Demokratie aushalten kann.

Der Marxismus kann daran Schaden nehmen, daß Politiker sich den Marxismus so weit aneigneten, wie sie ihn verstehen und das dann als den kompletten Marxismus ausgeben. Noch problematischer war, daß mit der Entwicklung sozialistischer Staaten der Marxismus Staatsideologie wurde und die Führungen der kommunistischen Parteien, besonders der KPdSU, kommandierten auch den Marxismus inhaltlich. Also, nicht mehr der Marxismus wies der Politik den Weg, sondern die Politik wies dem Marxismus den Weg. Damit verbunden waren Verflachung, Vereinseitigung und Dogmatisierung. Der Marxismus hat die bei Marx, Engels und Lenin vorhandene Freiheit der Wissenschaft in den sozialistischen Ländern teilweise aufgeben müssen.

Der Marxismus und die DDR

Feinde hatten Marx und die Marxisten nicht deshalb, weil sie über den Kapitalismus moralisch klagten oder auf dessen Vergänglichkeit als Ordnung hinwiesen, sondern weil sie zum Kampf gegen den Kapitalismus aufriefen, die politische Organisation der antikapitalistischen Kräfte betrieben und für eine Gesellschaft nach dem Kapitalismus kämpften. Sie taten also richtig was. Das wird nicht verziehen. Heute erleben wir, das den DDR-Bürgern und den Marxisten die DDR nicht verziehen wird. Hermann Kant formulierte mal. „Wir hatten uns ihnen weggenommen.“ Dafür mußten wir bestraft werden.

Die DDR war der große marxistische Versuch einer neuen Gesellschaft auf deutschem Boden. Die DDR wollte der bessere deutsche Nationalstaat und Vorbild für den Westen Deutschlands sein. Das gelang nur teilweise. Dem, was gelungen war, wird heute nachgetrauert. Die DDR war ein sozialistischer Wohlfahrtsstaat. Im Unterschied zur BRD, wo die Oberstschichten offensichtlich im Kommunismus leben (Verteilungsprinzip: „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen.“), war die DDR kein kommunistisches Land. Es regierten nur Kommunisten, die wußten, daß der Sozialismus eine lange Entwicklungsperiode umfassen muß. Die Sowjets hatten dazu andere Auffassung und dazu gab es viel Streit mit ihnen. Viele Fehler, die man heute der DDR anlastet, wurden uns vom „großen Bruder“ aufgezwungen. Natürlich gab es auch eigene Irrtümer.

Die DDR war Sozialismus unter einer Besatzungsmacht, angedockt an industriell wenig entwickelte Länder im RGW, unter den Bedingungen des feindlichen Kapitalismus der BRD als westlichem Konkurrenzprojekt, genötigt zu kulturfremden sowjetischen Führungsprinzipien, mit einem Proletenliberalismus (genannt „Arbeiterpolitik“) die eigenen Leistungsquellen verschüttend und in einem viel zu keinen Land.

Wer hätte heute von einem Studieren von Marx und Engels einen Gewinn?

Jeder, der den Kapitalismus verstehen will, ob als Gegner dieser Gesellschaft oder als Nutznießer. Die Gegner würden besser wissen, was Kapitalismus ist, wie sie ihn in seinen Erscheinungen identifizieren könnten, wie sie ihn politisch treffen könnten und sie wären sich sicher, daß es auch eine Zeit nach dem Kapitalismus geben wird, für die es sich zu kämpfen lohnt.

Nutznießer des Kapitalismus hätten mit einem sachgerechten Studium des Marxismus ein schweres Problem. Nehmen sie ihn als ehrliche Leute auf, dann können sie nicht mehr zu dieser Gesellschaft stehen oder leben im permanenten inneren Widerspruch, der sie zerreißen kann. Aber clevere Leute mit sehr weitem Gewissen können mit dem Studium des Marxismus, speziell der politischen Ökonomie, ihre Chancen auf beruflichen und gesellschaftlichen Erfolg verbessern.

Ein Banker, der Marx verstanden hat, ist seinen Kollegen haushoch überlegen. Ein Politikberater kann mit Marx seine Empfehlungen besser ausarbeiten, nämlich die strategischen Veränderungen der internationalen und nationalen Klassenverhältnisse prognostizieren und planen. Er wird dadurch sogar knallhart und nüchtern, vielleicht sogar recht zynisch.

Kann denn auch ein Nationalist was vom Marxismus lernen?

Na klar, er muß sogar, wenn er erfolgreich sein will. Denken wir nur an Golda Meir, die in der Sowjetunion Lehrerin für Marxismus-Leninismus gewesen war. Die marxistische Methode kann also sehr wohl Teil einer über 100 Jahre laufenden Nationalstrategie sein.

Der Nationalist würde sich bei der Verwendung des Marxismus oder seiner Momente zugleich einer Selbstkritik aussetzen. Er müßte nämlich den Zusammenhang von Klassenfrage und nationaler Frage bestimmen. Es ist die Frage, ob Nationalismus die unterschiedlichen Klasseninteressen der Mitwirkenden dauerhaft vereinen kann oder nur zeitweilig.

Wenn man freilich einen proletarischen Nationalismus vertritt, dann kann der sehr erfolgreich sein. Sicher würde das auch für das heutige Deutschland gelten. Als Stalin sein Land gegen die deutsche Wehrmacht in höchster Not einigte, gab er die Parole vom „Großen vaterländischen Krieg“ aus. Das klappte. Heute könnte man in Deutschland sicher mit einem eleganten deutschen Nationalismus politisch was machen. Ab und an kommen solche Töne aus den verschiedenen Parteien, die mehr oder minder ehrlich gemeint sind. Unausgesprochen sollte aber bei intelligenten Leuten Marx zur Lagebeurteilung herangezogen werden. Das Spannungsverhältnis von Volks- und Klasseninteressen muß immer geklärt werden. Der Nationalismus kann eine Gegenstrategie gegen den imperialistischen Internationalismus sein. Ein Teil der Losungen wäre notwendig proletarisch-klassenkämpferisch. Wie weit ein politischer Nationalismus im EU-Deutschland praktikabel ist und was man direkt tun könnte, lasse ich unreflektiert.

Warum fordert uns Marx auf, die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ zu lesen?

Kern des Marxismus ist der dialektische Materialismus, d.h. ein philosophischer Materialismus mit Entwicklungstheorie. Engels schrieb in der „Deutschen Ideologie“, um den Unterschied der neuen Philosophie zur früheren und damaligen zu betonen: „Philosophie und Studium der wirklichen Welt unterscheiden sich wie Onanie und Geschlechtsliebe:“ Die neue Philosophie ist also „Studium der wirklichen Welt“.
Das Brisante des Marxismus ist, daß er sich Geschichte, Gesellschaft und Politik zugewandt hat, zutreffende Einsichten gewonnen hat und damit in das gesellschaftliche Geschehen eingreifen kann. Mit marxistischen Erkenntnissen und mit der marxistischen Analysemethode kann man bessere Einsichten gewinnen, als diejenigen, denen das nicht zur Verfügung steht. Marx fordert also zu einem organisierten Studium der wirklichen Welt, von Wirtschaft, Politik und Ideologie auf. Für das „Studium der wirklichen Welt“ nutze ich als empirische Basis die FAZ, die Wirtschaftswoche, die NZZ und so manche andere Zeitung bzw. die entsprechenden informativen Orte im Internet. Dieses Studieren ist natürlich marxistisch „vorbelastet“. Sonst schaut man in die Zeitungen, wie ein Schwein in Uhrwerk“. Man ehrt Marx, indem man die FAZ marxistisch studiert.

Marxistisches Wissen und Denken kann in unterschiedlichen Niveaustufen existieren, wobei man natürlich herumkritteln kann, ob es sich da immer um Marxismus handelt oder nur um marxistische Bruchstücke im Alltagsdenken.

In welchen Niveaustufen kann marxistisches Denken existieren?

Marxistisches Denken kann existieren:

1. Als qualifizierter „Klasseninstinkt“, d.h. zum Beispiel als Fragen des Proleten, was der Kapitalist denn mit seinen Maßnahmen und Losungen im Schilde führt. Das geht nicht unbedingt tief, hat aber eine große Gefühlsstärke. Zu einer klassenkämpferischen Rede von agitatorischem Charakter ist man in der Lage. Man kann so etwas als Gefühlsmarxismus bezeichnen. Das ist in Form von Parteilehrjahr, „Schule der sozialistischen Arbeit“, per Karl-Eduard von Schnitzlers „Schwarzer Kanal“, Tagespresse und Redeweise von Leitern verbreitet worden. Das kommt heute wieder als Schimpfen über den Westen und den Kapitalismus bei den Unzufriedenen hervor. Auch manche Gewerkschafter holen ab und zu das proletarisch-klassenkämpferische Vokabular hervor, gern auch am 1. Mai. Wir haben einen Hauch von Marxismus in allen Hirnen der Ossis, bei dem einen mehr und bei dem anderen weniger.

2. Als spezielle Geschultheit in Lehrgängen, wo man mit Grunderkenntnissen des Marxismus konfrontiert wurde, Grundpositionen lernen und wiedergeben mußte, Originaltexte zu lesen hatte und vielleicht sogar eine schriftliche Arbeit abliefern mußte. Man könnte solche Personen als Propagandisten bezeichnet. Dazu gehören auf jeden fall Personen, die einen vertieften Nachweis marxistisch-leninistischer Kenntnisse für ihre Promotion A ablegen mußten und vielleicht sogar als Sekretär für Agitation und Propaganda der FDJ-Leitung eines Akademieinstitutes tätig waren. Wenn solche Leute politisch die Front wechseln, dann haben sie einen enormen Wissensvorsprung vor marxistisch Unqualifizierten. Ähnlich war es auch bei ehemals sozialistischen Werkleitern, die auf einmal Unternehmer zu sein hatten. Sie wußten um Ausbeutung und Herrschaft, paßten sich den Verhältnissen von einem Tag zum anderen an.

3. Marxismus konnte man auch disziplinär studieren und bekam dabei einen Gesamtüberblick über das ganze Weltanschauungsgebäude. Dafür mußte man den Marxismus relativ tiefgründig zur Kenntnis nehmen. Das geschah freiwillig und interessiert oder auch oft erzwungen und mäßig interessiert. Wir haben auch bei den studierten Marxisten Abstufungen der Erkenntnisqualität. Zugleich wurde der Marxismus immer im Verhältnis zu seinen früheren und aktuellen Gegnern gelehrt. Da konnte es passieren, daß man die Gegner interessanter fand als die marxistische Lehre. Außerdem muß man anerkennen, daß der reale Sozialismus und die Politik der SED Zweifel am Marxismus begünstigten. So hat das Studium des Marxismus auch den antikommunistischen Reformerflügel der Linkspartei vorbereitet oder einen marxistisch-leninistischen Kulturwissenschaftler aus der Nische AdW der DDR ins Präsidium des Bundestags kommen lassen. Es gibt aber auch Leute, die als marxistisch-leninistische Wissenschaftstheoretiker so clever sind, daß sie nun als Unternehmensberater im Westen Belegschaften ausdünnen. Andere blieben verstockt und stolz Marxisten. Die haben sich grollend bei Rotfuchs oder der „Gesellschaft für Bürgerrecht und Menschenwürde“ gesammelt oder genossen Maßnahmen des Arbeitsamtes/Agentur für Arbeit bis zur Rente.

Vielleicht sollte man noch erwähnen, daß Marxist sein nicht heißt, alle unzeitigen Hoffnungen von Marx oder von kommunistischen Parteien zu akzeptieren. Marxismus ist eine Anleitung zum eigenen Denken. Marxens erster Wahlspruch war: „An allem ist zu zweifeln!“. Das ist nicht als Pessimismus zu werten, sondern als heuristisches Prinzip der permanenten Erkundens. Es war ein optimistischer Spruch.

Marx antwortet nicht mehr ungefragt

In der DDR wurde einem Marx aufgedrängt. Man wurde mit seinen Ideen sogar mehr oder weniger belästigt. Auch die ihn nicht verstanden hatten, belehrten die anderen mit ihm. Es war teilweise schlimm. Das ist heute vorbei.

Heute redet er nur, wenn man ihn fragt. Er kommt nicht ungewollt ins Haus und erzählt uns was. Man muß selbst schon Fragen haben und so weit sein, die Fragen formulieren zu können.

Was sind solche Fragen, die uns auf den Nägeln brennen?

1. Ist es wirklich die Wahrheit, was uns Rürup, Raffelhüschen, Köcher, Köhler, Herzog, Miegel, Hundt, Merkel, BILD und FAZ täglich erzählen?

Fingerzeig von Marx:

“Die Gedanken der herrschenden Klasse sind in jeder Epoche die herrschenden Gedanken, d.h. die Klasse, welche die herrschende materielle Macht der Gesellschaft ist, ist zugleich ihre herrschende geistige Macht.“ (Die deutsche Ideologie, Auszug, Ausg. Werke in 6 Bänden, Berlin 1983, S. 238)
„Die Bourgeoisie hat alle bisher ehrwürdigen und mit frommer Scheu betrachteten Tätigkeiten ihres Heiligenscheins entkleidet. Sie hat den Arzt, den Juristen, den Pfaffen, den Poeten, den Mann der Wissenschaft in ihre bezahlten Lohnarbeiter verwandelt.“ (Manifest, Ausg. Werke Bd. 1, S. 419)

2. Gibt es wirklich noch Klassen oder ist die Gesellschaft nicht vielmehr vielfältig in Schichten gegliedert, die sich nach ganz unterschiedlichen Kriterien bestimmen?

Fingerzeig von Marx:

„Was mich nun betrifft, so gebührt mir nicht das Verdienst, weder die Existenz der Klassen in der modernen Gesellschaft noch ihren Kampf unter sich entdeckt zu haben. Bürgerliche Geschichtsschreiber hatten längst vor mir die historische Entwicklung dieses Kampfes der Klassen, und bürgerliche Ökonomen die ökonomische Anatomie derselben dargestellt. Was ich neu tat, war 1. nachzuweisen, daß die Existenz der Klassen bloß an bestimmte historische Entwicklungsphasen der Produktion gebunden ist; 2. daß der Klassenkampf notwendig zur Diktatur des Proletariats führt; 3. daß diese Diktatur selbst nur den Übergang zur Aufhebung aller Klassen und zu einer klassenlosen Gesellschaft führt.“ Brief von Marx an Weydemeyer, 5. März 1852, Ausg. Werke, Bd. 2, S. 523)

„In demselben Maße, worin sich die Bourgeoisie, d.h. das Kapital, entwickelt. in demselben Maße entwickelt sich das Proletariat, die Klasse der modernen Arbeiter, die nur solange leben, als sie Arbeit finden, und die nur so lange Arbeit finden, als ihre Arbeit das Kapital vermehrt. Diese Arbeiter, die sich stückweis verkaufen müssen, sind eine Ware wie jeder andere Handelsartikel und daher gesetzmäßig allen Wechselfällen der Konkurrenz, allen Schwankungen des Marktes ausgesetzt.“
(S. 423)

„Die wesentliche Bedingung für die Existenz und für die Herrschaft der Bourgeoisklasse ist die Anhäufung des Reichtums in den Händen von Privaten, die Bildung und Vermehrung des Kapitals; die Bedingung des Kapitals ist die Lohnarbeit. Die Lohnarbeit beruht ausschließlich auf der Konkurrenz der Arbeiter unter sich.“ (S. 429)
„Von allen Klassen, welche heutzutage der Bourgeoisie gegenüberstehen, ist nur das Proletariat eine wirklich revolutionäre Klasse. Die übrigen Klassen verkommen und gehen unter mit der großen Industrie, das Proletariat ist ihr eigenstes Produkt.“ (Bd. 1, S. 427)

Was ist der Arbeitslohn und gibt es die „Lohn-Preis-Spirale“?

Fingerzeig von Marx:

„Zur Verwandlung von Geld in Kapital muß der Geldbesitzer also den freien Arbeiter auf dem Warenmarkt vorfinden, frei in dem Doppelsinne, daß er als freie Person über seine Arbeitskraft als seine Ware verfügt, daß er andrerseits andere Waren nicht zu verkaufen hat, los und ledig, fei ist von allen zur Verwirklichung seiner Arbeitskraft nötigen Sachen.“

„Das Kapital ist also nicht nur Kommando über Arbeit, wie A. Smith sagt, es ist wesentlich Kommando über unbezahlte Arbeit. Aller Mehrwert, in welcher besonderen Gestalt von Profit, Zins, Rente usw. er sich später kristallisiere, ist seiner Substanz nach Materiatur unbezahlter Arbeitszeit. Das Geheimnis von der Selbstverwertung des Kapitals löst sich auf in seine Verfügung über ein bestimmtes Quantum unbezahlter fremder Arbeit. „ Das Kapital, Bd. 1, Werke Bd. 23, S. 556)

„Daß ein halber Arbeitstag nötig, um ihn während 24 Stunden am Leben zu erhalten, hindert den Arbeiter keineswegs, einen ganzen Tag zu arbeiten. Der Wert der Arbeitskraft und ihre Verwertung im Arbeitsprozeß sind also zwei verschiedne Größen. Diese Wertdifferenz hatte der Kapitalist im Auge, als er die Arbeitskraft kaufte.“ ( Kapital, Bd. 1, S. 208)

„Die letzte Grenze oder Minimalgrenze des Wertes der Arbeitskraft wird gebildet durch den Wert einer Warenmasse, ohne deren tägliche Zufuhr der Träger der Arbeitskraft, der Mensch, seinen Lebensprozeß nicht erneuern kann, also durch den Wert der physisch unentbehrlichen Lebensmittel.“ (Kapital, Bd.1, S. 187)
„Im Gegensatz zu andren Waren enthält also die Wertbestimmung der Arbeitskraft ein historisches und moralisches Element.“ (Kapital, Bd. 1, S. 185)

„Überall schießt daher der Arbeiter dem Kapitalisten den Gebrauchswert der Arbeitskraft vor; läßt sie vom Käufer konsumieren. bevor er ihren Preis bezahlt erhält, überall kreditiert daher der Arbeiter dem Kapitalisten.“ (Kapital, Bd. 1, S. 189)

„In allen Fällen, die ich einer Betrachtung unterzogen habe- und sie machen 99 vom Hundert aus – habt ihr gesehen, daß ein Ringen um Lohnsteigerung nur als ein Nachspiel vorhergehender Veränderungen vor sich geht und das notwendige Ergebnis ist von vorhergehenden Veränderungen im Umfang der Produktion, der Produktivkraft der Arbeit, des Wertes der Arbeit, des Wertes des Geldes, der Dauer und der Intensität der ausgepreßten Arbeit, der Fluktuationen der Marktpreise, abhängig von den Fluktuationen von Nachfrage und Zufuhr und übereinstimmend mit den verschiedenen Phasen des industriellen Zyklus – kurz, als Abwehrreaktion der Arbeit gegen die vorhergehende Aktion des Kapitals.“ (Lohn, Preis, Profit, Ausg. Werke Bd. 3, S. 121)

Gibt es Gesetzmäßigkeiten der Entwicklung des Kapitalismus?

Fingerzeig von Marx:

„Sobald dieser Umwandlungsprozeß nach Tiefe und Umfang die alte Gesellschaft hinreichend zersetzt hat, sobald die Arbeiter in Proletarier, ihre Arbeitsbedingungen in Kapital verwandelt sind, sobald die kapitalistische Produktionsweise auf eigenen Füßen steht, gewinnt die weitere Vergesellschaftung der Arbeit und weitere Verwandlung der Erde und anderer Produktionsmittel in gesellschaftlich ausgebeutete, also gemeinschaftliche Produktionsmittel, daher die weitere Expropriation der Privateigentümer, eine neue Form. Was jetzt zu expropriieren ist, ist nicht länger der selbstwirtschaftende Arbeiter, sondern der viele Arbeiter exploitierende Kapitalist.

Diese Expropriation vollzieht sich durch das Spiel der immanenten Gesetze der kapitalistischen Produktion selbst, durch die Zentralisation der Kapitals. e ein Kapitalist schlägt viele tot. Hand in Hand mit dieser Zentralisation oder Expropriation vieler Kapitalisten durch wenige entwickelt sich die kooperative Form des Arbeitsprozesses auf stets wachsender Stufenleiter, die bewußte technische Anwendung der Wissenschaft, die planmäßige Ausbeutung der Erde, die Verwandlung der Arbeitsmittel in nur gemeinsam verwendbare Arbeitsmittel, die Ökonomisierung aller Produktionsmittel durch ihren Gebrauch als Produktionsmittel kombinierter, gesellschaftlicher Arbeit, die Verschlingung aller Völker in das Netz des Weltmarktes und damit der internationale Charakter und damit der internationale Charakter des kapitalistischen Regimes. Mit der beständig zunehmenden Zahl der Kapitalmagnaten, welche alle Vorteile dieses Umwandlungsprozesses usurpieren und monopolisieren, wächst die Masse des Elends, des Drucks, der Knechtschaft, der Entartung, der Ausbeutung, aber auch der Empörung der stets anschwellenden und durch den Mechanismus des kapitalistischen Produktionsprozesses selbst geschulten, vereinten und organisierten Arbeiterklasse. Das Kapitalmonopol wird zur Fessel der Produktionsweise, die mit und unter ihr aufgeblüht ist. Die Zentralisation der Produktionsmittel und die Vergesellschaftung der Arbeit erreichen einen Punkt, wo sie unverträglich werden mit ihrer kapitalistischen Hülle. Sie wird gesprengt. Die Stunde des kapitalistischen Privateigentums schlägt. Die Expropriateurs werden expropriiert.“ ( Kapital, Ausg. Werke Bd. 3, S. 453f.)

Gibt es wirklich universelle und ewige Menschenrechte, die über allen anderen Rechten thronen?

Fingerzeig von Marx:

„Vor allem konstatieren wir die Tatsache, daß die sogenannten Menschenrechte, die droits de l´homme im Unterschied von den droits du citoyen, nichts anderes sind als die Rechte des Mitglieds der bürgerlichen Gesellschaft, d.h. des egoistischen Menschen, des vom Menschen und vom Gemeinwesen getrennten Menschen“ …

„Keines der sogenannten Menschenrechte (Privateigentum, Freiheit, Gleichheit, Sicherheit – MN) geht über den egoistischen Menschen hinaus, wie er Mitglied der bürgerlichen Gesellschaft, nämlich auf sich, auf sein Privatinteresse und seine Privatwillkür zurückgezogenes und vom Gemeinwesen abgesondertes Individuum ist.“ Zur Judenfrage, Werke Bd. 1, S. 364 und 366)

„Gleich zu Beginn des Revolutionssturms wagte die französische Bourgeoisie das eben erst eroberte Assoziationsrecht den Arbeitern wieder zu entziehen. Durch Dekret vom 14. Juli 1791 erklärte sie alle Arbeiterkoalitionen für ein ‚ Attentat auf die Freiheit und die Erklärung der Menschenrechte’, strafbar mit 500 Livres nebst einjähriger Entziehung der aktiven Bürgerrechte.“ (Das Kapital, Bd. 1, Werke Bd. 23, S. 769)

Was treibt den Kapitalismus voran?

Fingerzeig von Marx:

„Der Gebrauchswert ist also nie als unmittelbarer Zweck des Kapitalisten zu behandeln. Auch nicht der einzelne Gewinn, sondern nur die rastlose Bewegung des Gewinnens.“ (Kapital, Bd. 1, Werke Bd. 23, S. 168)

Warum fühlt sich der Arbeiter im Kapitalismus nicht mehr wohl?

Fingerzeig von Marx:

„Der Arbeiter wird um so ärmer, je mehr Reichtum er produziert, je mehr seine Produktion an Macht und Umfang zunimmt. Der Arbeiter wird eine wohlfeilere Ware, je mehr Waren er schafft. Mit der Verwertung der Sachenwelt nimmt die Entwertung der Menschenwelt im direkten Verhältnis zu.“
(Ökonomisch-philosophische Manuskripte aus dem Jahre 1844, Ausg. Werke, Bd.1, S. 83)

Wie ist der globale Freihandel zu bewerten und wird es uns damit besser gehen?

Fingerzeig von Marx:

„Was ist unter dem heutigen Gesellschaftszustand der Freihandel? Die Freiheit des Kapitals. Habt ihr die paar nationalen Schranken, die noch die freie Entwicklung des Kapitals einengen, eingerissen, so habt ihr lediglich seine Tätigkeit völlig entfesselt.“ (S. 373)

Warum gibt es die Staatsschulden?

Fingerzeig von Marx:

„Die Staatsschuld, d.h. die Veräußerung des Staates – ob despotisch, konstitutionell oder republikanisch – drückt der kapitalistischen Ära ihren Stempel auf. Der einzige Teil des sogenannten Nationalreichtums, der wirklich in den Gesamtbesitz der modernen Völker eingeht, ist ihre Staatsschuld. Daher ganz konsequent die moderne Doktrin , daß ein Volk um so reicher wird, je tiefer es sich verschuldet. Der öffentliche Kredit wird zum Credo des Kapitals. Und mit dem Entstehen der Staatsverschuldung tritt an die Stelle der Sünde gegen den heiligen Geist, für die keine Verzeihung ist, der Treuebruch an der Staatsschuld.
Die öffentliche Schuld wird einer der energischsten Hebel der ursprünglichen Akkumulation. Wie mit dem Schlag einer Wünschelrute begabt sie das unproduktive Geld mit Zeugungskraft und verwandelt es so in Kapital, ohne daß es dazu nötig hätte, sich der von industrieller und selbst wucherischer Anlage unzertrennlichen Mühverwaltung und Gefahr auszusetzen. Die Staatsgläubiger geben in Wirklichkeit nichts, denn die geliehene Summe wird in öffentliche leicht übertragbare Schuldscheine verwandelt, die in ihren Händen fortfungieren, ganz als wären sie ebensoviel Bargeld. Aber auch abgesehen von der so geschaffenen Klasse müßiger Rentner und von dem improvisierten Reichtum der zwischen Regierung und Nation die Mittler spielenden Finanziers –wie auch von dem der Steuerpächter, Kaufleute, Privatfabrikanten, denen ein gut Stück jeder Staatsanleihe den Dienst eines vom Himmel gefallenen Kapitals leistet – hat die Staatsschuld die Aktiengesellschaften, den Handel mit negoziablen Effekten aller Art, die Agiotage emporgebracht, in einem Wort: das Börsenspiel und die moderne Bankokratie.“ (Das Kapital, Bd. 1, Werke Bd. 23, S. 782f.)

„Mit den Staatsschulden entstand ein internationales Kreditsystem, das häufig eine der Quellen der ursprünglichen Akkumulation bei diesem und jenem Volk versteckt.“ (S. 783)

„Da die Staatsschuld ihren Rückhalt in den Staatseinkünften hat, die die jährlichen Zins- usw. Zahlungen decken müssen, so wurde das moderne Steuersystem notwendige Ergänzung des Systems der Nationalanleihen. Die Anleihen befähigen die Regierung, außerordentliche Ausgaben zu bestreiten, ohne daß der Steuerzahler es sofort fühlt, aber sie erfordern doch in der Folge erhöhte Steuern. Andererseits zwingt die durch Anhäufung nacheinander kontrahierter Schulden verursachte Steuererhöhung die Regierung, bei neuen außerordentlichen Ausgaben stets neue Anleihen aufzunehmen. Die moderne Fiskalität, deren Dehnungsachse die Steuern auf die notwendigsten Lebensmittel (also deren Verteuerung) bilden, trägt daher in sich den keim automatischer Progression. Die Überbesteuerung ist nicht ein Zwischenfall, sondern vielmehr Prinzip.“ ( S. 784) .

Gibt es wirklich die Herrschaft des Finanzkapitals und wie sieht sie aus?

„Die Julimonarchie war nichts als eine Aktienkompanie zur Exploitation des französischen Nationalreichtums, deren Dividenden sich verteilten unter Minister, Kammern, 240 000 Wähler und ihren Anhang. Louis Philippe war der Direktor dieser Kompanie – Robert Mecaire auf dem Throne. Handel, Industrie, Ackerbau, Schiffahrt, die Interessen der industriellen Bourgeoisie mußten // S. 33 // beständig unter diesem System gefährdet und beeinträchtigt werden. Wohlfeile Regierung, gouvernement à bon marché, hatte sie in den Julitagen auf ihre Fahne geschrieben.

Indem die Finanzoligarchie die Gesetze gab, die Staatsverwaltung leitete, über sämtliche organisierte öffentliche Gewalten verfügte, die öffentliche Meinung durch die Tatsachen und durch die Presse beherrschte, wiederholte sich in allen Sparten, vom Hofe bis zum Café Borgne dieselbe Prostitution, derselbe schamlose Betrug, dieselbe Sucht sich zu bereichern nicht durch die Produktion, sondern durch die Eskamotage schon vorhandenen fremden Reichtum, brach namentlich an den Spitzen der bürgerlichen Gesellschaft die schrankenlose, mit den bürgerlichen Gesetzen selbst jeden Augenblick kollidierende Geltendmachung der ungesunden und liederlichen Gelüste aus, worin der aus dem Spiele entspringende Reichtum naturgemäß seine Befriedigung sucht, wo der Genuß crapuleux wird, wo Geld, Schmutz und Blut zusammenfließen. Die Finanzoligarchie, in ihrer Erwerbsweise wie in ihren Genüssen, ist nichts als die Wiedergeburt des Lumpenproletariats auf den Höhen der Bürgerlichen Gesellschaft.“
(Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850, Ausg. Werke Bd.2 S. 12f.)

Dieser Vortrag wurde im Jahr 2008 auf dem Karl Marx Seminar der Deutschen Akademie in Sachsen gehalten.

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Kommentare

  • dreusicke  Am 25. Januar 2012 um 21:25

    Es fehlt in Ihrem Aufsatz/Vortrag eine Zusammenfassung Ihrer Thesen.
    Sie zitieren Marx wie der Pfarrer die Bibel. Danach folgt die je nach Bedarf und „revolutionärer Situation“ wechselnde Interpretation.
    Sie verharren in dem alten Klassendenken der SED. Entsprechend polemisieren Sie wie Marx.
    Mit wissenschaftlicher Arbeit hat das nichts zu tun. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie Professoren Ihrer Fakultät in den Jahren 1973/74 Doktoranden aller Fachrichtungen mit „Gesellschaftswissenschaft“ berieselt haben. Mir erging das so in den Räumen der HU in der Invalidenstraße in Berlin.
    Was uns der Marxismus heute zu sagen hat, das können Sie nachlesen in dreusicke.wordpress.com.
    Dort finden Sie auch eine Analyse der Marx´schen Ökonomie-Hypothese. Sollten Sie sich die Mühe machen, den Inhalt nach zu vollziehen, so wäre ich dankbar, wenn Sie Fehler darin benennen würden.

    Mit Gruß
    Manfred Dreusicke
    manfred@paux.de
    033201/31473

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