Sind die Juden am Kapitalismus schuld?

Von Jürgen Schwab

Die jüdisch-amerikanische „Anti-Defamation League“ (ADL) warnte im Herbst 2008 vor einer aufgrund der internationalen Finanzkrise anwachsenden Flut von „antisemitischen Kommentaren“ in Diskussionsforen, die mit Wirtschaft und Finanzen zu tun haben. Seit der Pleite der jüdisch-amerikanischen Bank Lehman Brothers würden in Foren hunderte von Beiträgen gepostet, die sich gegen Juden im Allgemeinen richten und diese für die gegenwärtige Krise verantwortlich machen, aber auch behaupten, daß Juden die Kontrolle der US-Regierung und des US-Finanzsystems übernommen hätten, um eine „jüdische Weltordnung“ zu errichten. „Wir wissen aus der modernen Geschichte“, erklärt ADL-Direktor Abraham H. Foxman, „daß es immer dann eine Zunahme an Antisemitismus gibt, wenn die globale Wirtschaft in einer Krise steckt. Das läßt sich auch jetzt beobachten.“ Ähnlich sei dies der Fall nach dem 11. September 2001 gewesen. Wenn es Unsicherheiten oder Wirtschaftskrisen gibt, müßten die Juden, so Foxman, weiterhin als „Sündeböcke“ herhalten und es würden alte Vorurteile wie die über Juden und Geld wieder aufgefrischt. (Quelle: http://www.heise.de/newsticker/Finanzkrise-soll-Flut-von-antisemitischen-Kommentaren-in-Internetforen-verursacht-haben–/meldung/116898)

Die scheinbare Sorge der zionistischen Propagandaorganisation ADL vor zu viel „Antisemitismus“ infolge der internationalen Bankenkrise hat wohl wirkliche, aber auch vorgeschobene Gründe. Zum einen vorgeschoben, weil die Zionisten den „Antisemitismus“ wie die Maschine das Schmieröl brauchen; zum anderen dürfte es zutreffen, daß bei Finanzkrisen der Antijudaismus – nicht nur unter Nationalisten verschiedener Volkszugehörigkeit und unter Islamisten – sprunghaft ansteigt. Dies hängt damit zusammen, daß die Vielzahl an menschlichen Flachdenkern nach einfachen Erklärungsmustern und eindeutigen Sündenböcken sucht. Vor allem im deutschen NW leben viele in der Vorstellung, Politik funktioniere nach dem einfachen Schema, demzufolge irgendwo in einem New Yorker Hinterzimmer ein Schalter angebracht sei, den man entweder auf Plus oder auf Minus umlegen könne. Da jüdische und freimaurerische Minusmenschen den Schalter auf Minus gestellt hätten, die arischen Plusmenschen nicht die Macht hätten, diesen verborgenen Schalter auf Plus – bzw. auf die Fortexistenz der europäischen Völker – umzulegen, gehe es mit den Völkern der weißen Rasse ständig bergab. Im Grunde genommen ist dieser „Politik“-Ansatz kein Fall für den politischen Theoretiker, sondern für den Psychotherapeuten.

Allerdings sollte man es sich zu einfach machen und etwa aus Gründen der politischen Korrektheit absurde Verschwörungstheorien ungeprüft in Bausch und Bogen verwerfen. Denn in den meisten Fällen enthalten Verschwörungstheorien auch einen Kern an Wahrheit. So zum Beispiel die vielen Theorien von Zinsgegnern. Diese unterstellen aber den Geldverleihern nur böse Absicht. Daß aber der Zins (oder ein alternatives Instrument unter anderem Namen) volkswirtschaftliche Funktionen ausübt, nämlich den Preis für einen Investitionskredit, wird ausgeblendet. Ebenso erweckt man den falschen Eindruck, die Geldvermögensbesitzer würden ihr Geld auf der Bank bloß „arbeiten“ lassen, dieses würde aber somit dem Produktionskreislauf entzogen. Den Leuten ist aber entgangen, daß die vielen kleinen und großen Spareinlagen bei der Bank von dieser zur Kreditvergabe (für private und unternehmerische Investitionen) genutzt werden, womit der Zusammenhang von Geld- und Produkionskapital zutage tritt.

Auch der Hinweis, daß in Bibel und Koran die Zinsnahme verboten sei, hilft hier nicht weiter. Christen und Moslems können es sich in ihrer Scheinheiligkeit nun einfach machen, entweder den (reformierten) Zins nur umzubenennen („Bankgebühr“, „Werterhaltungssatz“ usw.) oder aber – wie im christlichen Mittelalter – das Geschäft mit dem Geldverleih zum Teil den Juden zu überlassen.

Anstatt anzuerkennen, daß der Kredit seinen Preis besitzt, den man nennen kann wie man möchte, versuchen nun einige die Existenz des Zinses den scheinbar ausschließlich jüdischen Zinsnehmern anzulasten. Der Jude fungiert hier nur als Sündenbock. Der Umstand, daß beispielsweise im Dritten Reich der Zins und Zinseszins keinesfalls abgeschafft wurde, während Juden im KZ verschwanden, paßt dann nicht ins antijudaistische Konzept. Schließlich geht es bei gewissen nationalen Rechten nicht darum, den Kapitalismus (schöneres Wort: „Marktwirtschaft) abzuschaffen, sondern den Schuldigen zu finden, warum dieses kapitalistische System nicht im volksgemeinschaftlichen Sinne funktioniert. Schuld – nach dieser „Logik“ – sind immer persönliche Entscheider, aber niemals das System selbst!

Arne Schimmer, ein kluger nationaldemokratischer Autor, hat dieses Problem genau erkannt. Er hat den Blick dafür, daß die rechte Suche nach dem linken Sündenbock nur vom Versagen rechter Marktwirtschaftler ablenken soll: „Viele Konservative konstatieren mit einer geradezu komischen Verzweiflung eine angeblich bis heute fortdauernde politische und kulturelle Hegemonie der 68er, die nur zu Werteverfall und Konsumterror geführt habe. Wohlweislich übersehen wird dabei, daß der heute hegemoniale Neoliberalismus so gut wie gar nichts mit dem utopischen Kommunismus der 68er zu tun hat und der globale Siegeszug dieses Neoliberalismus nicht unerheblich durch die konservative Marktvergötzung begünstigt wurde.“ (Deutsche Stimme, September 2008)

Es ist also gar nicht so wichtig, ob der Sündenbock im Kommunisten, im Juden oder im Freimaurer gesucht wird. Die rechte Methode alleine ist entscheidend. Es kommt nur darauf an, sich mittels eines Sündenbocks von der Frage zu entlasten, warum man selbst über keine ausreichende Kapitalismuskritik verfügt. Horst Mahler hatte einmal in einem Seminar die Wahrheit auf den Punkt gebracht: Es sei die Aufgabe eines jeden von uns, den Juden in sich selbst zu erkennen. Meine Ergänzung: Da gäbe es bei den vielen rechten Marktwirtschaftlern ein breites Betätigungsfeld!

Aber dennoch sollte man Verschwörungstheorien nicht ungeprüft verwerfen. Die „jüdische Weltverschwörung“ zum Beispiel, welche die ADL vorschnell in das Reich der Fabeln und Legenden verschieben möchte, hat nämlich durchaus wahre Gesichtspunkte. Allerdings sollten intelligente Nationalisten auch hier zwischen Dichtung und Wahrheit unterscheiden. Die Vorstellung jedenfalls, das gesamte Banken- und Börsengeschäft werde alleine von Juden gesteuert, ist so lächerlich, daß sich diese lächerliche Idee irgendein jüdisches Hinterzimmer hätte ausdenken können, um den NW in Deutschland lächerlich zu machen. Der Kapitalismus wird nämlich nicht schöner mit einem „Arier“ an der Spitze von Banken und Konzernen, wie dem Österreicher Peter Löscher bei der Siemens AG. Nur Einfaltspinsel kommen auf den Gedanken, der „Arier“ Löscher werde von „Krummnasen“ wie Alain Greenspan in die Irre geführt. Der Deutschösterreicher Löscher ist intelligent, gut ausgebildet, eitel und kann bei der Siemens AG viel Geld verdienen. Er besitzt ein hohes gesellschaftliches Prestige. Das hat er aber nur, weil er fähig ist (zumindest bis zur Finanzkrise war dies der Fall), im Konkurrenzkapitalismus die Kapitalrendite zu steigern. Die Basis, die Aktionäre, erwartet dies von jedem Vorstand, dessen ethnische Herkunft spielt dabei keine Rolle!

Daß sich bestimmte nationale Rechte auf den jüdischen Einfluß auf das Wirtschaftsleben konzentrieren, ist ihr gutes Recht und sollte nicht mit dem PC-Knüppel des „Antisemitismus“ beantwortet werden. Hierbei ist vielmehr eine offene und tabufreie Debatte zu führen. Es ist lediglich der Versuch zurückzuweisen, die notwendige Kapitalismuskritik auf einseitige Schuldzuweisung auf jüdische Kapitalisten zu verkürzen. Der Physiker Gerhoch Reisegger beispielsweise personifiziert (in Die Aula, Oktober 2008, S. 30) den Finanzkapitalismus mit dem ehemaligen amerikanischen Notenbankchef Alain Greenspan. Dem österreichischen Kritiker geht es allerdings nicht um eine Wirtschaft, die eines Tages ohne Börse auskommen könnte, sondern um eine Finanzwirtschaft ohne Finanzjuden. Der Beifall auf der Rechten wird ihm sicher sein, zumal Greenspan sich schon rein von seiner Physiognomie her prima als „Stürmerjude“ eignet. Daß das Federal Reserve System (Fed) seit Februar 2006 auch ohne Grünspan funktioniert, ahnen wohl die intelligenteren Leser.

Aber selbst geistig anspruchsvolle nationale Autoren sind offensichtlich gegenüber verkürzter Kapitalismuskritik nicht immun. Ein gefundenes Fressen stellt hierbei wohl das Buch von Yuri Slezkine „The Jewish Century“ (2004) dar. Karl Richter jedenfalls fühlt seine Sicht der Dinge, daß die Moderne eine jüdische Veranstaltung sei, von dem jüdischen Autoren vollauf bestätigt (vgl. Neue Ordnung, Nr. 1/08, S. 14-16), und auch Richard Melisch ist vollauf begeistert von dem jüdischen Buch (vgl. Abendland Nr. 4/2008, S. 11-31). Nicht zuletzt springt auch Friedrich Romig auf dieses Buch an (Die Tagespost, Würzburg, 24.01.2006). Das ist auch irgendwie naheliegend, daß der Standpunkt, den man über die Juden immer schon hatte, sich am besten von einem Juden bestätigen läßt. Schon Hans-Dietrich Sander hatte 1988 in seinem wirklich lesenswerten Buch „Die Auflösung aller Dinge“ diese Theorie entwickelt. Sanders These lautet, das Judentum sei geschichtlich der „Vorläufer der Moderne“ (ebd., S. 20-41).

Diese These ist nun wirklich nicht so einfach mit dem „Antisemitismus“-Vorwurf beiseite zu schieben. Zumal die zahlenmäßige Beteiligung von Juden an modernen kapitalistischen Prozessen, Branchen und Berufen ins Auge sticht. Denn gemessen an ihrem kleinen Anteil an der Weltbevölkerung stellen die Juden viele Funktionsträger in der modernen kapitalistischen Arbeitswelt. Der Frankfurter Michel Friedman zum Beispiel ist in der Medienbranche tätig, Haim Sabban zieht bei Pro 7 und bei SAT 1 die Fäden, Ron Sommer hatte bei Telekom mit der „Volksaktie“ die deutschen Kleinbürger in die Irre geführt. Der Frankfurter Ignaz Bubis war als Immobilienhändler tätig. Führende amerikanische Nachrichtenagenturen sollen jüdisch bestimmt sein. Barack Obamas Hauptsponsorin im amerikanischen Präsidentenwahlkampf war die jüdische Milliardärin Penny Pritzker. Außerdem wurde er noch von weiteren reichen Juden unterstützt: von den Hollywood-Mogulen Jeff Katzenberg, David Geffen und von Alan Solomont „und viele[n] andere[n].“ (Rafael Seligmann in Cicero; http://www.cicero.de/97.php?item=3078)

Der französische Jude Dominique Strauss-Kahn führt seit 2007 den IWF. Von Alan Greenspan und Milton Friedman wollen wir jetzt erst gar nicht anfangen. So oder so läßt sich bei einigermaßen objektiver Betrachtung der jüdische Anteil am Kapitalismus einfach nicht leugnen. Da müßten die philosemitischen Scheuklappen schon riesengroß sein.

Aber es erscheint mir doch, daß hier nur von rechter Seite Wirkung mit Ursache vertauscht wurde. Daß es bestimmte Völker gibt, die aufgrund ihrer genetischen Anlagen und stammesgeschichtlichen Prägung die kapitalistische Maschine besser bedienen können als andere, weniger in dieser Hinsicht begabte Völker, dies gehört zu den Wirkungen und nicht zu den Entstehungsursachen des modernen Kapitalismus. Die Ursachen sind vielmehr die, die Karl Marx und Friedrich Engels in ihrem Werk beschrieben haben: Privateigentum an Betrieben und freie Konkurrenz. Das Ziel besteht in möglichst umfassender Gewinnmaximierung (ob als Profit aus der Industrieproduktion, in der Grundrente oder im Zins aus Geldanlage). Und die zweifache „Freiheit“ des Arbeiters ist grundlegend für den Kapitalismus: „frei“ zu sein von eigenen Produktionsmitteln und sich „frei“ (nicht hörig wie im Mittelalter) auf dem Arbeitsmarkt zu bewegen. Karl Marx hatte diesen Prozeß vom Mittelalter zur Neuzeit in dem Kapitel über die sogenannte ursprüngliche Akkumulation genau analysiert (Das Kapital, Bd. 1, 24. Kapitel).

Daß wir an den Schaltzentralen der UNO mehr Juden, weiße Amerikaner und Europäer als Afrikaner und Indios finden, daß weltweit unter Börsenmaklern mehr Juden als Vietnamesen tätig sein dürften, daß wir unter den Konzernchefs in der Industriebranche mehr Deutsche als Nigerianer zählen können, daß es mehr türkische Teppichhändler als schwedische geben mag, hat nichts mit der Grundursache des Kapitalismus zu tun. Die seit 70 nach Christi verstreuten Juden sind eben im großen und ganzen aufgrund ihrer genetischen Veranlagung und ihrer stammesgeschichtlichen Erfahrung (Entortung) flexibler als solche Menschen, deren Stämme und Völker seit Jahrhunderten tief verwurzelt sind. Ein entwurzeltes Volk lebt weniger im Raum, dafür mehr in der Zeit. Der deutsche Volksmund kommentiert dies mit „jüdischer Hast“. Die Fähigkeit, kaufmännische Tätigkeiten in knapper Zeit zu erledigen, die Wirtschaftstätigkeit vom bestimmten Raum zu lösen, ist genau die Fähigkeit, die heute in der Globalisierung zum Erfolg führt. Zum privaten wirtschaftlichen Erfolg, versteht sich, nicht zum Erfolg von Völkern und Nationen.

Der Erfolg betrifft immer nur eine Minderheit. Selbst das jüdische Volk profitiert am Ende nicht vom Kapitalismus. Die jüdische Geburtenrate in den USA und Israel ist ähnlich schlecht wie die deutsche; die türkische (in der BRD) und die palästinensische ist höher. Die Mischehen nehmen unter den Juden zu (Beispiel Michel Friedman), viele Juden fallen vom jüdischen Glauben ab (wie schon die Eltern von Karl Marx), der Kulturzerfall betrifft die Juden genauso wie die anderen Völker in der westlichen Welt.

Am Ende werden nur wenige vom Kapitalismus profitieren. Dies ist bei den Juden nicht anders wie bei Deutschen und anderen Völkern. Schon Karl Marx scheute sich nicht, auf die Affinität bestimmter Juden zur Finanzwelt hinzuweisen. In seiner Schrift „Zur Judenfrage“ (1843) führte er hierzu aus: „Suchen wir das Geheimnis des Juden nicht in seiner Religion, sondern suchen wir das Geheimnis der Religion im wirklichen Juden, Welches ist der weltliche Grund des Judentums? Das praktische Bedürfnis, der Eigennutz. Welches ist der weltliche Kultus des Juden? Der Schacher. Welches ist sein weltlicher Gott? Das Geld. Nun wohl! Die Emanzipation vom Schacher und vom Geld, also vom praktischen, realen Judentum wäre die Selbstemanzipation unsrer Zeit. […] Die gesellschaftliche Emanzipation des Juden ist die Emanzipation der Gesellschaft vom Judentum.“ (Siehe: http://www.mlwerke.de/me/me01/me01_347.htm)

In einem Zeitungsartikel schrieb Marx im Jahr 1850: „Gerade so bildete sich Herr Guizot als Minister ebenfalls ein, das Gleichgewicht zwischen Parlament und Krone und das europäische Gleichgewicht auf seinen Schultern zu balancieren, während er in Wirklichkeit nichts anderes tat, als den ganzen französischen Staat und die ganze französische Gesellschaft Stück für Stück an die Finanzjuden der Pariser Börse zu verschachern.“ (Siehe: http://www.mlwerke.de/me/me07/me07_198.htm) Im gleichen Zeitraum (1848-1850) berichtete Marx, wie in Frankreich die „Börsenjuden“ an Einfluß gewannen. Der damalige französische Finanzminister soll der „Börsenjude Fould“ gewesen sein. (Siehe: http://www.mlwerke.de/me/me07/me07_012.htm)

Es ist ja wirklich frappierend: die Flexibilität bestimmter klischeehafter Juden, die im Nazi-Streifen „Der Ewige Jude“(1940) beschrieben wurde, stimmt heute haargenau mit dem Gebot des modernen Arbeitsmarktes nach Flexibilität überein. Aber damit ist – wie oben erläutert – das Wesen der kapitalistischen Moderne eben nicht bestimmt. Deren wirkliche Wurzel besteht in bürgerlicher Aufklärung, im technischen Fortschritt, verbunden mit dem Privateigentum an Betrieben und der Profitorientierung auf dem Markt der freien Konkurrenz, die folgerichtig aufgrund der Niedermacherkonkurrenz sich immer mehr in den Monopolkapitalismus transformiert.

Jedenfalls ist die fanatische Suche von Rechten nach jüdischen Konzernchefs und jüdischen Leitern großer Finanzinstitute und Nachrichtenagenturen, wo gemessen an ihrer Weltbevölkerungszahl relativ viele Juden anzutreffen sind, gegenstandslos. Selbstverständlich können bestimmte Völker dem Kapitalismus ihren spezifischen Stempel aufdrücken, weshalb wir dann von einem rheinischen Kapitalismus, vom Manchesterkapitalismus oder vom jüdischen Händler und Geldverleiher sprechen –, aber dies alles wirkt heute im Zeitalter der Globalisierung nur noch hilflos. Hierbei wird die Illusion genährt, man könne mit einem rein deutschblütigen Banken- und Börsenpersonal das Vaterland noch retten. Diese Illusion hatte auch Adolf Hitler verbreitet, der sich gegen „Börsenjuden“ wandte, aber am Ende die deutsche Börse nicht abschaffte. (Adolf Hitler: Mein Kampf. Zwei Bände in einem Band. Ungekürzte Ausgabe, 851.-855. Auflage von 1943. Zentralverlag der NSDAP, Franz Eher Nachf., München. – Wortverbindungen wie „internationale jüdische Weltfinanz“, „jüdische Börse“ und ähnliche siehe: S. 163, 345, 358, 702, 703)

Auch im etablierten Politikbetrieb ist es üblich, für das Versagen des kapitalistischen Systems immer schuldige Personen präsentieren zu wollen. Der Kapitalismus bzw. die Marktwirtschaft sei ja an sich eine feine Sache, wenn sie nicht von „Nieten in Nadelstreifen“ oder von unfähigen Politikern fehlerhaft angewandt würde. So gab im Oktober 2008 Nicolas Sarkozy der BRD-Bundeskanzlerin Angela Merkel die Schuld dafür, daß auf europäischer Ebene die Finanzkrise nicht zu bewältigen sei. (Siehe: http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,582876,00.html)

Der dem Klischee entsprechende „Antisemit“ hingegen wird sicherlich dem „Vierteljuden“ („Halbjuden“?) Sarkozy die Schuld geben wollen. So oder so wird immer irgend jemand gesucht, der daran schuld sein soll, daß der Kapitalismus nicht funktioniert. Aber eines ist Tabu: daß nämlich der Kapitalismus an sich der Fehler ist, der immer wieder zwangsweise Krisen hervorbringt. Dies wurde von Karl Marx vorausgesehen. Als Fazit bleibt: Die Reduzierung des „Antikapitalismus“ auf die Judenfrage nutzt den Zionisten. Die sind nämlich dringend auf das Klischee des „dummen Neonazis“ angewiesen, der aus reinem Minderwertigkeitskomplex, weil man selbst die Fähigkeit zum Bank – oder Börsendeutschen nicht besitzt, die Schuld an den Krisen des Kapitalismus alleine dem Börsenjuden zuschiebt. In diesem Sinne bezeichnete der SPD-Urvater August Bebel den „Antisemitismus“ als den „Sozialismus der dummen Kerls.“ (Siehe: http://de.wikipedia.org/wiki/August_Bebel)

Die Schuldfrage entbindet übrigens nationale Deutsche nicht von der Verpflichtung, über ihr eigenes Verhältnis zum Kapitalismus Auskunft zu erteilen. Die „jüdische Weltverschwörung“ hat nämlich die Funktion, von dem Umstand abzulenken, daß man selbst den Kapitalismus gar nicht überwinden möchte. Und man braucht auch keine Flugblätter vor Werkstoren an deutsche Arbeiter zu verteilen, weil doch „Alljuda“ sowieso allmächtig sei, man an dieser Macht nichts ändern könne. Diese Theorie aus dem rechten Ghetto nutzt den Zionisten und dem Weltkapital, das uns am Boden hält. Diese Theorie funktioniert so, daß man meinen könnte, sie sei vom Mossad ausgedacht worden. Aber auch dies wäre wiederum eine Verschwörungstheorie. Aber die Verschwörungstheoretiker sollten schon einmal ihre Lieblingsfrage, die sie bis zum Erbrechen stellen, an sich selbst richten: Wem nutzen Verschwörungstheorien – cui bono? Wem nutzt der rechte Dumpfsinn wirklich?

Zudem hat Antijudaismus auch nichts mit Elite, aber viel mit Unterlegenheit zu tun. Friedrich Nietzsche, ein echter Aristokrat des Geistes, hatte für die „Antisemiten“ unter seinen Landsleuten nur Verachtung übrig. Er wandte sich dagegen, die „Juden als Sündenböcke aller möglichen öffentlichen und inneren Übelstände zur Schlachtbank zu führen.“ (Friedrich Nietzsche: Menschliches, Allzumenschliches/Ein Blick auf den Staat. In: Werke, 1. Band, Alfred Kröner Verlag, 8. Auflage, Stuttgart 1930, S. 169) Die „antisemitischen Schreihälse“ wollte Nietzsche gar „des Landes verweisen“. (Friedrich Nietzsche: Jenseits von Gut und Böse/Völker und Vaterländer. In: Werke, 2. Band, Alfred Kröner Verlag, 8. Auflage, Stuttgart 1930, S. 69)

Gegen begründete Kritik an einzelnen Juden, an Gruppen von Juden, am jüdischen Staat Israel, selbst am jüdischen Volksgeist gibt es freilich aus nationalistischer Sicht nichts einzuwenden. Die ist sogar notwendig. Wer uns deshalb „Antisemit“ nennt, soll dies ruhig tun. Das halten wir aus. Die Theorie, daß ein einziges Volk von Kritik auszunehmen sei, während man alle anderen Völker kritisieren darf, wird von deutschen Nationalisten nicht anerkannt. Echte Aristokraten erkennt man daran, daß sie bestrebt sind, jedem Menschen Gerechtigkeit widerfahren lassen zu wollen. Man sollte also nicht fürs eigene Versagen anderen die Schuld geben. Für fehlende fundierte Kapitalismuskritik im NW sind ausschließlich bestimmte Protagonisten dieses Lagers selbst schuld. Der pauschale Haß gegenüber jüdischen und anderen Intellektuellen speist sich im Regelfall aus geistiger Unterlegenheit und Minderwertigkeitskomplex. Auch wenn dieser Personenkreis nichts zustande bringt, was ihn vom Durchschnitt abhebt, so zählt er sich dennoch zur „arischen Aristokratie“. Aber genau von solchen „arischen Aristokraten“ hätte sich der Aristokrat Nietzsche abzugrenzen gewußt.

Erstveröffentlichung in Hier & Jetzt Nr. 14, im November 2009.
Siehe: http://www.hier-und-jetzt-magazin.de/

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