Verraten und verkauft – ein deutsches Schicksal

“Was moralisch und völkerrechtlich falsch ist, das kann nicht politisch richtig sein.“ (1)

Von Helmut Müller
Publizist, Wien

Es gibt einen Bereich der Zeitgeschichte, bei dessen Erörterung man zwar nicht gerade Kopf und Kragen riskiert, der aber für einen beachtlichen Teil der Meinungsmacher eigentlich immer noch als eine Art Tabu gilt oder zumindest von diesen nur fragmentarisch abgehandelt wird. Gemeint ist mit diesem Bereich die Vertreibung der Deutschen aus dem Osten und Südosten Europas und die in diesem Zusammenhang stattgefundenen Verbrechen, die ohne Zweifel zu den größten der neueren Geschichte zu zählen sind. Obwohl reichlich Literatur zu diesem auch von offizieller Seite lange verdrängten Thema erschienen ist, spielt dieses, von rühmlichen Ausnahmen abgesehen, auch im Angebot der großen etablierten Verlage nur eine untergeordnete Rolle.

Die unmittelbare Nachkriegsphase ausgenommen, tat man in der Bundesrepublik und auch in Österreich in den letzten Jahrzehnten ganz allgemein ja beinahe so, als habe die Vertreibung der Deutschen gar nicht stattgefunden. Und wenn schon, so der vermittelte Eindruck, dann habe dieses Phänomen keine nationale Priorität. Aus politisch korrekter neudeutscher Sicht verlautete auch deshalb vor wenigen Jahren, und zwar von höchster Staatsstelle, es gelte „den widerstreitenden Rechtsansprüchen das Verständigungsangebot überzuordnen“! (2). Wurden doch bloß einige Millionen zur „Wanderschaft gezwungen“. Wie einstens unerwünschte Zigeunersippen.

Wie diese „Wanderschaft“ übrigens verlief, wieviel Leid und Entbehrung sie für die Betroffenen mit sich brachte, kann in unzähligen authentischen Augenzeugenberichten nachgelesen und nachempfunden, in Einzelfällen auch nach-geweint werden. Millionen gingen irgendwo auf der Flucht verloren, wurden Opfer von Kälte und Hunger oder von schier unbeschreiblichen Grausamkeiten. Doch kaum jemand, dem Macht und Einfluß gegeben, möchte auch heute noch dazu mehr als nur Luftblasen absondern, will höchstens nur am Rande davon wissen, was deutsche Vertreibungsopfer später noch in ihren Alpträumen verfolgte und sie wie eine nicht heilende Wunde weiter bedrückt. Vertreibungs-Trauma? – nie davon gehört…

Kein einziger Hollywood-Regisseur hat sich noch dieses abendefüllenden Themas angenommen. Obwohl es darüber seit langem gesichertes Material für weitere Aufarbeitungs-Jahrzehnte gibt, beginnt sich erst relativ spät eine neue Forschergeneration dafür zu interessieren. Und – nicht ganz nebenbei gefragt – wie lange müssen wir wohl noch warten, bis sich jene Opfergruppen, denen bereits allerhöchste Aufmerksamkeit und Wiedergutmachung widerfahren ist, mit den entrechteten und lange Zeit verfemten volksdeutschen Vertriebenen solidarisieren?

Vielleicht ist es gerade das beinahe Unausprechliche, Unvorstellbare, ja man kann sagen, in nicht weniger Fällen ebenso Einzigartige, das unzähligen Deutschen widerfuhr, das nicht wahr sein, nicht wahrgenommen werden darf. Und dem jenes andere zum Glück noch nicht gänzlich gelungene Verbrechen anverwandt ist: der unablässig betriebene Versuch, die Vertreibungsverbrechen wie die Vertreibung an sich, auch in ihrer historischen und kulturellen Dimension, aus dem Gedächtnis des Volkes zu tilgen, vor allem in den Köpfen der jüngeren Generation nicht Fuß fassen zu lassen, und wenn, dann nur mit der Auschwitzkeule im Nacken. Und dies gewiß auch aus demselben Grund, mit dem heute die heroische Leistung einer ganzen Soldatengeneration – zuletzt noch bei der Evakuierung der Flüchtlinge aus dem Osten – ignoriert oder gar ins Gegenteil verkehrt wird.

Um Himmels willen! – wo noch auf dieser Welt ist solches möglich?
Beim jüdischen Volk heißt es: Ohne Vergegenwärtigung der Katastrophe kein Bewußtsein der Erlösung. Nun kann man, gewiß, wie alles auch dieses stete Erinnern übertreiben, gar Geschäfte damit machen, und niemand weiß dies besser als der um Verstehen und Versöhnung bemühte Teil der Holocaustüberlebenden, zu denen etwa die Heidegger-Schülerin Hannah Arendt oder die beiden großen Humanisten Viktor Frankl und Yehudi Menuhin gehörten. Aber jene krankhafte Verdrängung, jene Erinnerungsverweigerung, wie sie heute noch vom Großteil der herrschenden Klasse und den ihr verbundenen Medien in der Vertriebenenfrage praktiziert wird, stößt selbst bei Opfern des Nationalsozialismus auf zunehmendes Unverständnis. Nicht nur bei diesen:

Haben nicht ausländische Stimmen wie jene des estnischen Staatspräsidenten indirekt an jenes höhere Ethos erinnert, das insbesonders auch allen Volksvertretern Gemeingut sein sollte? Dazu gehören eben auch die Verteidigung und Pflege eines überlieferten geistigen und kulturellen Erbes sowie die Wahrung der Rechtsansprüche des Volkes wie seiner Einzelteile. Sicher, politische Tugenden, wie sie einem Perikles von Thukydides in den Mund gelegt wurden, wird man zwischen Wien und Berlin vergeblich suchen. „Habe ich etwas im Geist der Gemeinschaft getan?“ (Marc Aurel), – nein, diese Frage wird sich kein Regierungschef stellen müssen, dem – nicht unbedingt geographisch gesehen – Brüssel oder die amerikanische Ostküste näher liegen als Oppeln oder Königsberg.

Das Recht auf die Heimat ist indes keineswegs eine ausschließliche Erfindung deutscher „Störenfriede“ oder „Ewig-Gestriger“, es wird auch von anderen Vertreibungsopfern, und das mit mehr Nachdruck eingefordert. Einige unter diesen, seien es Palästinenser oder Tataren, haben in einer für sie existenziellen Angelegenheit – und hier ist nicht ausschließlich der materielle Aspekt gemeint – bedeutend mehr erreicht als die Vertriebenenorganisationen der Volksdeutschen, denen es noch immer an mächtigen Fürsprechern fehlt. Aber, und das gilt es dabei nicht zu übersehen, letzten Endes ist ein Erfolg wohl nur dann vorstellbar, wenn der Druck auf die politischen Entscheidungsträger aus der betroffenen Gruppe selbst heraus kommt und nicht ständig aus „politischer Räson“ nachgegeben wird. So etwa als, um ein Beispiel zu nennen, beim Schlesiertreffen 1985 das Motto „Schlesien bleibt unser“ auf Wunsch des eingeladenen Bundeskanzlers geändert werden mußte. Lassen sich nämlich die Vertriebenenorganisationen weiter vor den Karren der Politiker spannen, geschieht vieles nur zum Schein, und es könnte sich im Nachhinein alles Liebeswerben als vergeblich erweisen. Da dürften mancherorts gepflegte Träume eines nicht allzufernen Tages als jene sprichwörtlichen Schäume sichtbar werden. So wie ja auch zu erwarten ist, daß jenseits von Oder und Neiße nicht plötzlich die große „Trauerarbeit“ ausbrechen und man von offizieller Seite den ermordeten und vertriebenen Deutschen „Holocaust“-Denkmäler setzen werde, wie es etwa vorbildlich in Ungarn begonnen wurde. Ist doch bei unseren anderen Nachbarn, zwar nicht unbedingt in Regierungskreisen, gerade erst ein bescheidener Meinungsbildungsprozeß in Gang gesetzt worden, dessen hoffentlich gutes Ende noch lange nicht abzusehen ist.

Andererseits sind die heutige Oder-Neiße-Grenze oder das mit Gewalt entdeutschte Sudetenland vorerst nun einmal eine Tatsache und kann nicht anders denn als politische Realität zur Kenntnis genommen werden. Ebenso nüchtern sollten sie aber auch, wie Alfred M. de Zayas, feststellt, als „Besetzung und Annexion des Gebietes eines Besiegten im Kriege“ (3) verstanden werden. Und sie ist keineswegs die logische Konsequenz Hitlerscher Politik, wie Politiker vom Kaliber eines Herrn von Weizsäcker immer wieder beteuern mußten, sondern entspricht nachweisbar längerfristigen polnischen wie westlichen Überlegungen. So wie ja auch Herr Benesch die Sudetendeutschen bereits nach 1918 vertreiben wollte, wie de Zayas richtig bemerkt. Keine einzige deutsche Nachkriegsregierung hätte auch nur einen Funken Anlaß gehabt, diese „Unrechtsgrenze“ anzuerkennen oder unverschämten Prager Forderungen nachzugeben. Auch nicht um den Preis einer (erpresserischen) Teilvereinigung, die ohnehin früher oder später, aber in nicht befleckter Weise gekommen wäre. Die Bonner Staats- und Regierungsspitze hätte die verdammte Pflicht und Schuldigkeit gehabt, ihr Volk von den Bedingungen der sogenannten „Wiedervereinigung“ zu unterrichten und gegebenenfalls darüber erst einmal eine Volksbefragung einzuleiten.

Natürlich wird der gesunde Menschenverstand sich fragen, wie es möglich ist, daß Politiker solcherart regelrecht Verrat an legitimen Interessen eines Volkes (neuerdings mit wohlwollender offizieller Duldung nur mehr Bevölkerung genannt) begehen können. Die rechtlichen und politischen Hintergründe sind ja hinlänglich bekannt, und in gewisser Hinsicht kommt einem zur Faktenlage nur mehr die russische Troika aus Wallstreet, Mafia und Regierung als vergleichendes Beispiel in den Sinn. Aber auch wenn deutsche Gefälligkeitspolitik nicht auf diesen gemeinsamen Nenner zu bringen sein sollte, so fiele der geistig-moralische Befund der deutschen wie auch der anscheinend desinteressierten Regierungsverantwortlichen in Österreich dennoch ernüchternd genug aus. Und das hat einen tieferen Grund: Wo nur Techniker der Macht und der Herrschaft am Ruder sind und nicht „ein vorbildlicher Charakter einen sittlichen Geist des Ganzen“ erzeugt, darf nichts anderes mehr erwartet werden.

Spätestens jetzt wären die Vertriebenen und ihre Organisationen gut beraten, sich von den großen Parteien abzunabeln und zu eigenständigen politischen Standpunkten zu finden, die über das bisherige Auf-der-Stelle-Treten hinausgehen. Was richtig oder falsch ist für die Vertriebenen oder welcher Wort- und Begriffswahl man sich bedient, haben nicht Regierung und Medien (u.a. als Urheber eines semantischen Betrugs bezüglich Ostdeutschlands), sondern darüber haben die Betroffenen selbst zu befinden. Es bedarf gewiß nüchternen Verstandes und großen Verhandlungsgeschicks, um die Verantwortlichen in Staat und Medien dann davon überzeugen zu können, daß die Forderungen der Vertriebenen nicht nur richtig und rechtens, sondern auch im Sinne und im Interesse des Gemeinwesens seien. So könnten nach und nach die Anliegen der Vertriebenen durchaus zu einer Sache des gesamten Volkes werden. Denn noch gibt es dieses deutsche Volk ja, obgleich an dessen Auflösung eifrigst gewerkt wird und immer mehr deutsche Landsleute, auch in Österreich, in die innere Emigration getrieben und eigene verbriefte Rechte dieses Mal den Erwartungen und Forderungen von unseren kulturfremden Migranten untergeordnet werden sollen.

Das Schicksal der Ostpreußen, Schlesier, Sudetendeutschen, Untersteirer und anderer Entrechteter vor Augen, wäre dieses deutsche Volk also gut beraten, wie ein Mann aufzustehen und seine Rechte zu verteidigen, will es nicht eines Tages das Schicksal der Vertreibung – in welcher Form auch immer – als Ganzes erleiden.

(1) Frei nach Gladstone: William Ewart Gladstone, engl. Staatsmann, (1809 – 1898).
(2) Richard von Weizsäcker in seiner Rede vom 8. Mai 1985.
(3) Alfred M. de Zayas: Die Anglo-Amerikaner und die Vertreibung der Deutschen, Ullstein-Zeitgeschichte, 1996

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