Autonome Nationalisten

In den letzten Jahren hat sich auf der nationalen Rechten das Phänomen Autonomer Nationalisten (AN) herausgebildet. Da sich dieser Begriff – der an die Autonomen auf der Linken anklingt – schnell mit Gewalt und gesetzwidrigem Verhalten verbinden läßt, stürzen sich zunehmend die Systemmedien auf dieses Thema. Das sind die gleichen etablierten Journalisten, die nationale Theoretiker nur insofern interessant finden, als sie ihnen die Funktion von „Vordenkern gewaltbereiter Neonazis” andichten wollen. Auch im Nationalen Widerstand (NW) wird seit den letzten zwei Jahren zunehmend über die AN diskutiert. Es wird das Für und Wider dieser relativ neuen Erscheinung erörtert.

Einerseits birgt der Schwarze Block für die NPD insofern ein erhebliches Sicherheitsrisiko, da sich potentielle Gewalttäter, die auf Demos handgreiflich gegen Polizisten, Antifas und Medienvertreter vorgehen, hinter den Anmeldern und Versammlungsleitern beispielsweise der NPD verstecken können, die unbedingt auf Legalität angewiesen ist. Zudem wirken Vermummte nicht gerade vertrauenwürdig für die hauptsächliche Zielgruppe einer Wahlpartei. Haben diese Leute etwas zu verbergen? Andererseits wirkt das „Qutfit” der AN keinesfalls abschreckender als das des Skin-Kults der 1990er Jahre, der immer mehr am Verschwinden ist.

Bei der Diskussion über die AN kommt meistens zu kurz, daß dieser Strömung ein gesamtgesellschaftliches Phänomen zugrunde liegen dürfte. Autonomie bedeutet Unabhängigkeit. Das Streben nach gesellschaftlicher Unabhängigkeit läuft im Grunde genommen auf Individualismus hinaus. Das ist nun genau der Punkt, auf den die „Westliche Wertegemeinschaft” (WWG) sowieso ausgerichtet ist. Die Gesellschaft löst sich zunehmend in Sozialatome auf. Dies läßt sich an der Scheidungsrate, an der Geburtenrate, an der Zahl der „Single”-Haushalte und am Schrumpfungsprozeß im Vereinsleben ablesen, weshalb immer mehr Wirte, die früher noch gut von Hinterzimmerveranstaltungen leben konnten, dicht machen müssen.

Es schwindet überall in der Gesellschaft die Fähigkeit bzw. der Wille zur Bindung bzw. zur Verbindlichkeit. Man möchte überall dabei sein, sich aber nicht festlegen. Auch die Systemparteien, Gewerkschaften und Kirchen stellen diese Entwicklung in ihren Reihen anhand sinkender Mitgliederzahlen fest. Und die Mobilisierungsprobleme der Antifa liegen auch darin begründet. Dies ist in nationalen Parteien nicht anders. Wie viele sind in die NPD eingetreten, dann aber wieder ausgeschlossen worden, weil sie keine Beiträge zahlten? Wie viele haben keine Lust, langweilige Funktionen wie das Amt des Kassenwarts zu übernehmen? Wie viele finden es lästig, wenn ihre Anwesenheit auf Vorstandssitzungen kontrolliert wird, sie Rechenschaft über ihre ehrenamtliche Arbeit ablegen sollen? Die allgemeine Erscheinung des Utilitarismus läßt sich auch im NW aufspüren. Man will mitmachen dürfen, ohne Verantwortung übernehmen zu müssen.

Dieser Personenkreis fühlt sich auch in nationalen Foren im Weltnetz zu Hause, wo man kritisieren darf, ohne den Nachweis erbracht zu haben, daß man selbst schon einmal irgendwas organisatorisch auf die Reihe gebracht hat. Auch in solchen Foren ist Anwesenheit keine Pflicht, Leistungen werden nicht überprüft, man ist ja schließlich anonym. Wenn es einem nicht paßt, wechselt man einfach das Forum.

Die AN wollen sich nicht binden. Sie wollen sich nicht von NPD-Krawattenträgern vorschreiben lassen, ob sie einen Schwarzen Block bilden dürfen. Zudem bietet die Anonymität auch Spielräume für Bürgerlichkeit, weshalb man diese dann mit unbürgerlichem „Outfit” zu übertünchen gedenkt. Wer sein Gesicht nicht zeigt, seinen Namen nicht über Google mit „Rechtsextremismus” in Verbindung bringt, hat auf dem normalen Arbeitsmarkt allemal bessere Chancen als der Verlagskaufmann Holger Apfel, der vor Jahren alle Brücken hinter sich abgerissen hatte. Dafür sind Holger Apfel, Andreas Molau und andere nun umso mehr auf den Erfolg ihrer Projekte bedacht, den sie nicht durch Schwarze Blöcke und andere Unwägbarkeiten riskieren möchten.

Wer sich hingegen eine Kapuze überstreift oder mit Sonnenbrille auf der Demo auftritt, kann am kommenden Montag unerkannt am Arbeitsplatz erscheinen. Das ist vielleicht auch der Typus, der am Wochenende als Hooligan seinen Kick erlebt, neuerdings seine Dritte Halbzeit im NW verbringt. Die Woche drauf steht man unerkannt als Angestellter hinter dem Bankschalter und bedient freundlich die Kunden. Mancher junge Heißsporn, den wir früher in unseren Reihen sahen, ist später zur CDU gewechselt. Unlängst ist sogar ein früherer „Neonazi” bei Modelwettbewerben in Mecklenburg aufgetaucht. (vgl. http://www.endstation-rechts.de/index.php?option=com_content&task=view&id=1570&Itemid=92) Für vorübergehende Partynationalisten ist es wichtig, daß ihr Name nicht allzu früh „verbrannt” ist.

Verallgemeinern sollte man solche Verhaltensmuster sicherlich nicht. Mir sind ein paar AN bekannt, die auch unter ihrem wirklichen Namen öffentlich in Erscheinung treten. Aber die Tendenz der AN zur Anonymität wird sicherlich in dem ein oder anderen Fall darin begründet sein, daß man sich in der Öffentlichkeit nicht auf den NW festlegen, daß man im Berufs- und Privatleben eben nicht als „Rechtsextremist” gelten möchte. Nationale Autonomie könnte in diesem Zusammenhang auf eine neue Bürgerlichkeit im NW hindeuten, die sich unbürgerlich gibt. Hierbei kann man auch den Rückzug in die eigene bürgerliche Behaglichkeit „revolutionär” ummänteln. Denn draußen, im wirklichen politischen Leben, drohen Gefahren, wie ein „Dr. Bakterius” zu berichten weiß: „Es geht dem Staat wie dem politischen Gegner darum, uns psychisch, sozial und ökonomisch zu ruinieren – Grund genug, entsprechende Vorsichtsmaßnahmen zu treffen. Im Knast, sozial marginalisiert, aus der Uni oder der Schule geprügelt oder ganz einfach nach der 10. Hausdurchsuchung psychisch fertig nutzen die Leute uns nämlich nicht sonderlich viel.” (Quelle: http://www.subvakt.tk)

Es wäre sicherlich unklug, gleich jede hoffnungsvolle bürgerliche Biographie im politischen Kampf zu verheizen. Aber eine revolutionäre Bewegung kann nicht ausschließlich aus bürgerlichen Pseudonymen bestehen. Vielmehr wird sich eine revolutionäre Bewegung nur entfalten, wenn Frauen und Männer wie Denise Friederich und Michael Haldimann (vgl. http://www.pnos.ch) u. a. dieser Bewegung ein Gesicht geben und dabei in Kauf nehmen, in der bürgerlichen Öffentlichkeit sozial geächtet zu werden. Nach wie vor aktuell ist der zur Karikatur A. Paul Webers zugehörige Spruch: „Nur über den Bürger führt der Weg zu Deutschlands Freiheit!”

Hinsichtlich ihrer Probleme mit den Autonomen Nationalisten sollte sich die Parteiführung der NPD auch an die eigene Nase fassen. Hätte sie genug Zugkraft und Ausstrahlung auf junge Leute, die ihre Führer als solche respektieren würden, dann könnte diese Partei dieses Potential leicht binden. Vor allem scheint es an der notwendigen Glaubwürdigkeit von NPD-Politikern zu fehlen, die vor Wahlen händeringend nach Wahlhelfern bei den freien Kameradschaften suchen, deshalb Versprechungen machen, die sie nach der Wahl nicht mehr einhalten. So geschehen vor der letzten Niedersachsenwahl, als Udo Voigt die AN hofierte, um ihnen danach in den Hintern zu treten. Das liegt aber auch daran, daß Parteipolitiker es (fast) jedem recht machen müssen. Vielleicht ist auch die Zeit der großen Führer vorbei – in einer Zeit, in der immer mehr die Bürokratie im Auftrag von Banken und Konzernen bestimmt, wo es lang geht und das Primat der Politik zum frommen Wunsch gerät.

Es gibt aber auch Stärken, die dieses Spektrum ausmacht. Autonomie bedeutet nicht nur Unabhängigkeit, sondern auch Selbständigkeit. Autonome Nationalisten möchten es nicht länger der Willkür von Systembehörden überlassen, ob sie demonstrieren dürfen und welche Einschränkungen sie bei genehmigten Demos in Kauf zu nehmen haben. Wenn die Polizei wie vor Jahren in Leipzig nicht willens oder fähig ist, eine Antifa-Blockade aufzulösen, werden wohl künftig autonome Nationalisten ihr Demorecht selbst in die Hand nehmen. Der Versammlungsleiter sollte aber zuvor die Demo offiziell auflösen. Dann könnte der inoffizielle Teil folgen – was dazu führen könnte, daß bei nächster Gelegenheit die Einsatzleitung der Polizei die Demorechte von Nationalisten mehr respektiert. Für eine Partei wie die NPD, die auf Legalität angewiesen ist, ist das sicherlich nicht die geeignete Vorgehensweise, aber man sollte aus „Gewalt” nicht immer die schlechte Absicht (Agenten usw.) herauslesen, sondern auch zur Kenntnis nehmen, daß Staatsgewalt und Gewalt von Antifa zur Gegengewalt führen kann. Wer dies wie ich analysiert, ruft nicht zur Gewalt auf, sondern versucht lediglich Ursache und Wirkung offenzulegen.

Auf Gewalt verzichten Nationalisten gerne, sofern man sie ungehindert demonstrieren läßt. So oder so ist weniger obrigkeitsstaatliches Denken im nationalistischen Bereich angebracht. Das dachten sich auch die Aktivisten der Landvolkbewegung, als am 1. August 1929 in der holsteinischen Stadt Neumünster ihr friedlicher Aufmarsch von der Polizei zusammengeknüppelt wurde. (Armin Mohler: Die Konservative Revolution in Deutschland, 3. Auflage von 1989, S. 162) Soll man künftig die Demonstrationsfreiheit von der Willkür des Innenministeriums oder der Polizeiführung abhängig machen? Sind die Polizisten, die deutsche Freiheitskämpfer niederknüppeln, nicht auch deutsche Familienväter, die derzeit ihr Eigenheim abzuzahlen haben? Dies fragt sich Udo Voigt, womit der Parteivorsitzende der NPD einerseits auf Volksgemeinschaft abzielt, andererseits seinen Legalitätskurs unterstreicht. (Vgl. http://www.deutsche-stimme.de/ds/?p=95)

Auch hierbei lohnt sich ein Blick in die Vergangenheit: In der Weimarer Republik bekriegten sich bekanntlich die Bürgerkriegsorganisationen der verschiedenen Parteien. Es kam zu Toten und Verletzten bei Straßen- und Saalschlachten von SA, Stahlhelm, Rotfrontkämpferbund (RFB) und Reichsbanner – um nur die wichtigsten Schlägerkommandos zu nennen. Die Kommunisten des RFB unterschieden sich von den anderen nur in einem Punkt: sie verübten auch gezielt Polizistenmorde. In diesem Punkt glänzte gerade die SA durch Zurückhaltung. (Karlheinz Weißmann: Der Nationale Sozialismus, München 1998, S. 315) Diese Diskrepanz hing damit zusammen, daß die „Kommis” in der Weimarer Republik und ihren Sicherheitsorganen den bürgerlichen Klassenstaat erblickten, die „Nazis” allerdings, die auf klassenübergreifende Volksgemeinschaft abzielten, wollten auch die Kapitalisten, patriotisch bürgerliche Politiker, die Staatsbürokratie und deren Beamte auf ihre Seite herüberziehen. Das Weimarer System sollte ins Dritte Reich transformiert werden; ein völliger Systembruch, gerade auch auf ökonomischer und Verfassungsebene, war nicht vorgesehen. In ähnlicher Weise argumentiert heute Udo Voigt, wenn er in Polizeibeamten deutsche Landsleute erblickt, die er gewinnen und nicht abstoßen möchte. Die AN hingegen scheinen diesbezüglich, auch wenn viele antimarxistisch argumentieren, der kommunistischen Tradition näher zu stehen. Der Polizist wird als Vollzugsorgan des Systems erkannt. Hierzu paßt auch die Mentalität des freien Nationalisten Kay Diesner, der derzeit eine mehrjährige Haftstrafe wegen der Tötung eines Antifaschisten und eines Polizisten (auf der Flucht) verbüßt. Auch bei der moralischen Bewertung dieser Straftaten gehen die Meinungen weit auseinander. (vgl. http://de.altermedia.info/general/solidaritat-mit-kay-diesner-110708_15145.html)

Adolf Hitler legte bekanntlich nach seinem Landsberger Gefängnisaufenthalt einen Legalitätseid ab. (Weißmann, ebenda, S. 252) Er wolle nur legal an die Macht gelangen. Hierzu paßt, daß er sich von der revolutionären Landvolksbewegung, die Claus Heim in Schleswig-Holstein anführte, distanzierte, die ja bekanntlich wenig von Legalität hielt. Statt dessen legte man Bomben an Landrats- und Finanzämtern. Wenn also Udo Voigt meint, daß die Blöcke der NPD nicht schwarz seien, dafür aber ihre Fahnen, dann sollte er bedenken, daß diese Fahnen ihre Tradition aus dem Bauernkrieg des 16. Jahrhunderts und aus der Landvolkbewegung der 1920er Jahre beziehen.

Zu erinnern ist auch an das Jahr 1932. Bei der Reichstagswahl vom 6. November 1932 rutschte die NSDAP von 37,3 auf 33,1 Prozent der abgegebenen gültigen Stimmen ab. Die Sitzzahl reduzierte sich von 230 auf 196 Mandate. Die Machtergreifung schien nun insbesondere vielen SA-Kämpfern auf legalem Wege als immer unwahrscheinlicher. Deshalb kam es zu erheblichen Unruhen und Auflösungstendenzen in Partei und SA. Die Enttäuschung über den erfolglosen Legalitätskurs führte zu Meutereien. Nach einer Auseinandersetzung mit Gauleiter Julius Streicher hatte der fränkische SA-Führer Stegmann mit 2.000 bis 3.000 Gefolgsleuten die Fahne Hitlers verlassen und ein „Freikorps Franken” gegründet, das ähnlich nationalrevolutionäre Ziele verfolgte wie die noch im Januar 1933 gebildeten „Freikorps Ruhr” und „Freikorps Oberrhein”. (Karlheinz Weißmann, ebenda, S. 321) Aufgrund des Legalitätskurses Hitlers verließen auch viele SA- und NSDAP-Mitglieder kurz vor der Ziellinie (am Tag der „Machtergreifung”, dem 30. Januar 1933) die braunen Bataillone in Richtung KPD. Richard Scheringer und Bodo Uhse sind nur zwei prominente Beispiele.

Im Frühjahr 1930 waren drei junge Leutnants der Ulmer Garnison, Hanns Ludin, Richard Scheringer und Hans Friedrich Wendt, verhaftet worden, weil sie im Heer nationalsozialistische Propaganda beitrieben und versucht hatten, ihre Kameraden zu überreden, im Falle eines nationalsozialistischen Aufstands keinen Schuß auf die Rebellen abzugeben. Das letztere war Hochverrat. Der für die drei zuständige General Groener versuchte zunächst, den Fall als Disziplinarsache zu behandeln, um kein Aufsehen in der Öffentlichkeit zu erregen. Aber das trotzige Verhalten des Leutnants Scheringer, der aus der Zelle einen scharfen Artikel für den Völkischen Beobachter hinausschmuggelte, vereitelte Groeners Bemühen.

Der Reichswehrminister war gezwungen, den Fall dem Reichsgericht in Leipzig zu übergeben. Beim Hochverratsprozeß wurden die drei Leutnants unter anderem von zwei späteren NS-Größen, Hans Frank und Dr. Karl Sack, verteidigt. Für besonderes Aufsehen sorgte aber Adolf Hitler, der von Frank als Zeuge benannt wurde. Hitler stand in der Zwickmühle. Einerseits mußte er aufgrund seines Legalitätskurses der Öffentlichkeit, vor allem auch der Reichswehrführung, versichern, daß er nicht beabsichtige, die Reichswehr zu unterwandern und zu zersetzen. Zudem mußte er der Anklage widersprechen, daß die NSDAP als revolutionäre Organisation gewaltsam die Macht ergreifen wolle. Hitler wollte die führenden Kreise um den Reichspräsidenten Hindenburg, des Großkapitals, Großgrundbesitzes und der Reichswehr für seine Sache gewinnen. Andererseits galt der Führer der NSDAP als Verräter bei den drei Leutnants und ihrem Umfeld, wenn er sich von deren Propaganda in der Reichswehr distanzierte. Genau dies geschah dann aber auch. Hitler distanzierte sich von Scheringer, Ludin und Wendt. Die drei Leutnants wurden zu einer Festungshaft von 18 Monaten verhaftet. (William L. Shirer: Aufstieg und Fall des Dritten Reiches. Köln und Berlin 1961, S. 134-136) Im Gefängnis wurde Scheringer von KPD-Insassen zum Kommunismus „bekehrt”. Hitler galt nun vielen Nationalrevolutionären als Verräter.

Das Jahr 1930 war für die NSDAP noch in einer anderen Hinsicht ereignisreich. In diesem Jahr verließ Otto Strasser unter der Parole „Die Sozialisten verlassen die NSDAP” diese Partei und gründete mit wenigen Tausend Kameraden die „Kampfgemeinschaft Revolutionärer Nationalsozialisten” (KGRNS). Dessen Bruder Gregor Strasser entschied sich für den Verbleib in der Partei und legte die Leitung des „Kampf-Verlages” nieder, den er bis dahin gemeinsam mit seinem Bruder Otto betrieben hatte. (Weißmann, ebd., S. 269) Obwohl Gregor Strasser als Reichsorganisationsleiter immer wieder versuchte, die Partei inhaltlich sozialrevolutionär auszurichten, entwickelte auch er sich zum Realpolitiker, der sogar mit dem katholisch bürgerlichen Zentrum um eine Vizekanzlerschaft verhandelte. Auch er unterstützte den Legalitätskurs, seine Kontakte zur Großindustrie brachten ihm immerhin 10.000 Reichsmark pro Monat ein. (Weißmann, ebenda, S. 310)

Heutige Hitleristen werden nun einzuwenden haben, daß Hitlers Legalitätskurs zum Erfolg führte. Zweifellos gelangte Hitler an die Macht und konnte daraufhin viele wirtschaftliche und soziale Probleme lösen. Es ist nur hier dem Irrglauben zu widersprechen, daß dieser Weg zum Erfolg auch heute noch gangbar wäre. Denn entgegen der Legende von der „Machtergreifung” wird in der kapitalistisch unterfütterten „Demokratie” nicht die Macht „ergriffen”, sondern sie wird vielmehr von denjenigen übertragen, die sich zur Sicherstellung ihrer Kapitalakkumulation ihre Regierung aussuchen. Da die großen Agrarfabriken, Industriekonzerne und Banken für ihre Geschäfte heute den souveränen Nationalstaat am allerwenigsten gebrauchen können, müßte die NPD ihr Programm schon in Richtung Alleanza Nationale umschreiben, um von diesen Kreisen als regierungswürdig erachtet zu werden. Das Ergebnis wird dann aber kein nationales bzw. völkisches sein. „National” wird nur das Interesse der „deutschen” Kapitalfraktion auf dem Weltmarkt sein, das es zu berücksichtigen gilt. So beschäftigt der Siemens-Konzern weltweit etwa 420.000 Mitarbeiter, davon rund 130.000 in Deutschland. Von letzteren kann man noch die türkischen und sonstigen Fremdarbeiter, die von Siemens in Deutschland beschäftigt werden, abziehen, um das Deutschtum dieses Konzerns erfassen zu können. Nur Einfaltspinsel kämen auf die Idee, man könne mit dem Vorstand der Siemens AG darüber verhandeln, daß in Deutschland nur noch deutsche Arbeitnehmer zu beschäftigen und Arbeitsplatzverlagerungen ins Ausland zu vermeiden und bereits vollzogene umzukehren seien.

Hingegen buhlen die AN nicht um Akzeptanz bei den Mächtigen. Die AN haben erkannt, daß sich das deutsche Schicksal mit Legalität alleine nicht wenden läßt. Deshalb sind diese Leute besonders kreativ. Da man Individualist ist, sich nicht binden und unterordnen möchte, ist man darauf angewiesen, seine Sache selbst zu machen. Die Kreativität kann sich wohl besser entfalten, wenn es keinen Rahmen gibt, der vom Parteiengesetz, innerparteilicher Demokratie, Verbotsdiskussionen und dem ständigen Wahlzirkus bestimmt ist. Die Frage ist nur, was die AN daraus machen. Der Versuch, sich als schwarzer Block an NPD-Demos anzuhängen, ist wohl gescheitert. Daraus ergibt sich die Konsequenz, eigene Demos freier Kameradschaften mit Schwarzen Blöcken zu versehen. Scheinbar hat Christian Worch als Versammlungsleiter bislang damit kein Problem.

Davon abgesehen stellt sich die Frage, ob die Aktionsform Demonstration für die AN passend ist. Hier ist auch der Analyse von Johannes Nagel zuzustimmen. (vgl. Hier & Jetzt, Nr. 11/2008, S. 44-45) Warum wählt man nicht verstärkt Aktionsformen, bei denen es keiner behördlicher Anmeldung bedarf? Um wie die „Sache des Volkes” in der Fußgängerzone, vor der Berufsschule oder vor dem Werkstor Flugis zu verteilen, braucht man weder Anmeldung noch viel Personal. Das gleiche gilt für Aufkleber-, Plakat-, Transparent- und Sprühaktionen usw. Allerdings ist bei legalen Verteilaktionen wie auch bei dem Betrieb einer legalen Weltnetzseite immer ein presserechtlicher V.i.S.d.P. (mit Wohnanschrift) notwendig. Ansonsten droht strafrechtliche Verfolgung. Womit deutlich wird, daß selbst autonome Strukturen nicht völlig ohne legales Auftreten denkbar sind. Auch AN sind bei einer Gemeinde bzw. Stadt gemeldet und verfügen über einen Ausweis.

Erneuerung wäre auch bei den politischen Inhalten erforderlich. Bislang ist aber für mich nicht ersichtlich, daß sich insgesamt das AN-Spektrum inhaltlich von den AN-Gegnern unterscheiden würde. Der „nationale Sozialismus” ist hinsichtlich des Sozialismus zumeist genauso inhaltsleer wie bei den Gegnern. Die „Querfront” beschränkt sich in der Regel auf rein symbolische Kopie der Antifa: Black Block, Antifa-Fahnen, Kommunistenfaust, Pali-Tücher, Antikap-Phrasen usw. usf. (zum gleichen Ergebnis gelangt Johannes Nagel, ebd.) Ein Schnauzbärtchen hinter einem Pali-Tuch ist aber am Ende dann doch keine (inhaltliche) Neuerung.

Sicherlich sollte man hier nicht verallgemeinern und sich genau ansehen, was einzelne Personen und Gruppen zu sagen haben, aber insgesamt gesehen bleibt AN bislang inhaltlich ziemlich farblos. Die Idee selbst, daß sich Nationalisten autonom organisieren, ist sicherlich positiv zu bewerten. Neben der NPD sollte es Gruppen im freien nationalen Widerstand geben, die ein Korrektiv zu dieser Partei darstellen. Wenn Verbonzung und Konformität zunehmen, dann muß sich der Nationalismus auch aus anderen Kanälen heraus äußern können. Monopole sind hierbei nur schädlich. Die NPD ist sicherlich mit Abstand die wichtigste Organisation im NW, aber mit ihren 7.000 Mitgliedern bindet sie rund ein Viertel des Potentials des gesamten NW. In VS-Berichten ist von rund 30.000 „Rechtsextremisten” die Rede.

Aber auch der NPD kann das AN-Spektrum insofern nützlich sein, da hier eine Drohkulisse aufgebaut wird, die gegen künftige Verbotsverfahren spricht. Die Systempolitiker sollten sich genau überlegen, ob sie mit einem NPD-Verbot wirklich den AN-Strukturen neuen Zulauf bescheren wollen. Denn irgendwohin werden ehemalige NPD-Mitglieder, deren Partei verboten ist, die aber nicht ans Aufhören denken, hingehen wollen.

Jürgen Schwab

Bücher von Jürgen Schwab:
Angriff der neuen Linken – Herausforderung für die nationale Rechte. Hohenrain Verlag, Tübingen 2009, 19,80 Euro.
Die „Westliche Wertegemeinschaft“, Abrechnung, Alternativen. Hohenrain Verlag, Tübingen 2007, 19,50 Euro.
Volksstaat statt Weltherrschaft. Das Volk – Maß aller Dinge. Hohenrain Verlag, Tübingen 2002, 9,80 Euro.

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Kommentare

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