Antideutsche: „Die deutsche Stimme für Israel muss stärker werden!“

So das Motto eines „Israelkongresses“, an dem sich laut Veranstalterangaben bis zu 1000 Besucher einfanden. Die Veranstalter und Redner kamen aus den Reihen der Unionsparteien, der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG), Vereinen die dem christlichen Fundamentalismus nahe stehen, aber auch Politiker der Grünen wie Volker Beck und die sogenannten „Antideutschen“ waren anwesend. Das aber nun die zionistische Veranstaltung auch mit Schwarz-Rot-Gold drapiert war schien antideutsche Gruppen – wie Prozion Frankfurt oder Never Again und Stop the Bomb – sowie Referenten, wie den ehemaligen Bahamas-Redakteur Matthias Küntzel nicht weiter zu stören. Auch die philosemitische Aufforderung an „Deutschland“ sich (noch) mehr für die Interesse des Judenstaates einzusetzen stört die Antideutschen ganz offensichtlich kaum und dies trotz der Selbsttitulierung als „antideutsch“.

Die Antideutschen sind als „Bewegung“ in den Jahren 1989/1990 entstanden, als Reaktion auf die deutsche Teilwiedervereinigung mit der damaligen DDR. Damals sah man aus dieser Szene – im Verbund mit den Antinationalen und anderen „radikalen Linken“ – die Gefahr eines neuen 4. Reiches aufkommen. Ab dem Jahr 1991 kam es zu einer Spaltung mit den Antinationalen, als etwa in der Monatszeitschrift Konkret von dem Spiritus Rector der Antideutschen Wolfgang Pohrt ein nuklearer Erstschlag gegen den Irak des Saddam Hussein eingefordert wurde – um „Israel zu beschützen“. In den Jahren 1992/1993 sorgte man sich vor allem um Asylbewerber, die man einer neuen Reichskristallnacht ausgesetzt sah. „Höhepunkt“ war 1993 schließlich der von der Zeitschrift „Konkret“ ausgetragene antideutsche Kongress „Wir lieben dieses Land und seine Leute nicht“. Damals war auf dem Diskussionspodium im übrigen eine noch sehr junge Sahra Wagenknecht zugegen. In den kommenden Jahren sollten die Antideutschen an Einfluss auf die Linke verlieren. Eine deutliche Wende trat erst in den Jahren 2000 und 2001 ein, was mehre Gründe hatte: Zum einem hatte die deutsche Linke die Niederlage des Realsozialismus nie überwunden, hinzu kam in diesem Kontext zudem die Desillisionierung über Rot-Grün, schließlich sollten in jener Bundesregierung durch einzelne Bundestagsabgeordnten der Grünen, Ex-Mitglieder des „Nie wieder Deutschland“ Bündnisses aus dem Jahr 1989/1990 vertreten sein. Im Jahr 2000 war auch die Antifa in der Krise, als sich wie selbst Antifa-Aktivisten spotteten, die Bundesregierung sich als die „bessere“ Antifa erwieß. Wetlpolitisch kam die Al Aksa-Infifada der Palästinenser gegen die israelische Besazungsmacht hinzu, sowie der 11. September des Jahres 2001.

Insbesondere der 11. September ließ antideutsche Politansätze darauf hinausgehen den Koran mit „Mein Kampf“ zu vergleichen, im 11. September sah man eine „antisemitische“ Attacke des „Islamofaschismus“ auf die „westliche Welt“. Der „Westen“ wurde nun zur „einzigen Zivilsation“, der Islam zum „faschistischen Barbarentum“ gedeutet. Die durchgedrehtesten Antideutschen aus der Redaktion der Zeitschrift „Bahamas“ forderten die Ausrottung „islamischer Zentren“. Hinzu kam die militante Auseinandersetzung mit anderen Teilen der Linken, insbesondere mit den Antiimperialisten, die man nun als „rote Nazis“ zu bezeichnen trachtete. Auf Antifa-Demonstrationen kam es nun immer öfter zu körperlichen Auseinandersetzungen, bis hin zu Messerstechereien. Antideutsche provozierten unter anderem mit den Fahnen Israels und der USA. Insbesondere der harte Kern der Antideutschen um die Redaktion der Bahamas rückte immer weiter nach „rechts“ und erklärte auf einem eigenen antideutschen Kongress mit der Linken total gebrochen zu haben. In der Zeitschrift erschienen nun Lobesartikel auf den niederländischen Rechtspopulisten Pim Fortuyn, gar ein Jean Marie Le Pen wurde dort als „Partner der Israelsolidarität“ (Bahamas, Nr. 44) angelobt. Antiislamischen Rechtspopulisten wie von Pro NRW wirft man dort beispielsweise mittlerweile vor mit dem Islam zu „paktieren“.

Die Unterstützung Israels, der USA und des westlichen Imperialismus führte auch zu dem höchst möglichen Lob auf das System des Kapitalismus. So wird von den Antideutschen der neoliberale und globalisierte Gegenwartskapitalismus als „höchste entwickelte Stufe“ der Zivilisation gelobt. Sozialismus sei der Rückschritt in die „Barbarei“. So entdecken Antideutsche auch in Hartz IV „Verantwortlichkeit“, in der Finanzkrise gar ein Zeichen für die „Zivilisiertheit“ des Kapitalismus (so etwa der Konkret-Schreiber Stefan Frank). Antikapitalismus sei strukturell antisemitisch, während man vor allem in dem Higher and Fire Kapitalismus der USA eine Vorstufe zu einem Idealzustand beschreibt. Die „gebrochenen Versprechungen“ des Kapitalismus seien einzufordern. Der antideutsche „Kommunismus“ erweist sich dabei als besonders brutaler Kapitalismus der zwar viel mit einem Milton S. Friedmann, aber sehr wenig mit Karl Marx und Friedrich Engels zu tun hat. Antideutsche bekämpfen vor allem den klassischen Bezug sozialistischer und kommunistischer Bewegungen auf die Arbeiterklasse. Diese habe sich in antideutschen Augen besonders anfällig für den „Faschismus“ und die „Regression“ gezeigt. Die Globalisierung gilt als Modernisierungsschub des Kapitalismus und habe den Menschen freier und unabhängiger gemacht. Alles im allem rieche Antikapitalismus „nach Gas“, wie schon mal in antideutschen Publikationen nachzulesen war. Eine Diffamierung antikapitalischer Bewegungen, wie sie so nicht einmal von den härtesten (klassischen) Apolegeten des Kapitalismus geäußert wurde.

Die Antideutschen neigen zu einem extremen Sektiertum und sind mittlerweile dazu übergangen sich offensiv zu bekämpfen. Dabei verlaufen die Auseinandersetzungen entlang der Grenze zwischen sogenannten „Hardcore“ und „Softcore“-Antideutschen. Während die „harten“ Antideutschen sich längst von der Linken verabschiedet haben, trachten die „Soften“ danach, die Linke im antideutschen Sinne zu transformieren, etwa durch die Unterwanderung der „Antifa“ oder auch der Partei die Linke, in der sich mit dem BAK Shalom ein mittlerweile einflussreicher antideutscher Arbeitskreis gebildet hat. Die Bahamas-Fraktion wittert nun gar bei ihren „weichen“ Vettern „Antisemitismus“ und wirft diesen vor für den „Antisemitismus in der Linken“ nur eine Alibi-Funktion wahrzunehmen. So sieht also der bis zum Exzess gesteigerte philosemitische Wahn aus. Weitere Streitpunkte drehen sich dabei um das Thema „Realpolitik“ oder aber die Frage was im Jahr 2010 „noch Antideutsch, auf der Höhe der Zeit“ sei.

Der „Deutschlandkongress“ zu Unterstützung Israels scheint die linken Kritiker der Antideutschen zu bestätigen, die schon vor langem der Meinung waren, man müsse die Gleichung „Deutsch, Deutscher, Antideutsch“ aufmachen. Hinter den Antideutschen würden sich in Wahrheit „Amokdeutsche“ verbergen. Teile der „Antideutschen“ haben sich längst ihre Theorie gebastelt, mit der sie sich in einen „antideutschen“ BRD-Chauvinismus retten können. Die „deutsche Ideologie“ sei längst nicht mehr in Deutschland beheimatet, sondern zeige sich im Iran, in Palästina, im Libanon und anderen islamischen Gegenden, sowie auch in Süd- und Mittelamerika, etwa in Venezuela oder Bolivien. Deutsch sei kein erblicher Nationalcharakter, sondern eine universelle politisch-ökonomische Ideologie, so etwa Stefan Grigat von der antideutschen Gruppe „Cafe Critique“ aus Wien, der ansonsten darum bemüht ist, nachzuweisen, dass die Islamkritik der rechtspopulistischen FPÖ in Wahrheit auf ein „Appeasement“ mit dem „Islamofaschismus“ hinauslaufe. Ein Redakteur des Conne Island Newsflyer warnte daher davor das der Kampf gegen Deutschland in Wahrheit nur den Islamismus stärke und die antiiranischen Lobbyisten von Stop the Bomb demonstrierten schon einmal zusammen mit der rechten Islamkritik um PI-News oder Pax Europa. So findet irgendwie zusammen, was zusammen gehört, so könnte man nun zumindest kritisch anmerken.

Die Antideutschen sind ein spezifisches deutsches Phänomen, des bundesrepublikanischen Nationalmasochismus. Ein solches politisches Phänomen auf der Linken ist anderen Nationen fremd, wenn auch bestimmte Vergleiche zu den US-Neocons durchaus angebracht sind. Ehemalige führende Exponenten haben sich derweil längst von den Antideutschen verabschiedet, so etwa ein Jürgen Elsässer, der längst für den deutschen Nationalstaat, wenn auch mit einem reformistischen Wirtschaftsprogramm trommelt oder ein Wolfgang Pohrt. Die Antideutschen vertreten nicht nur mit ihrem Philosemitismus und Philoamerikanismus bedingungslos die Interessen des US-Imperialismus und Zionismus, sondern gleichwohl auch die Interessen des neuen BRD-Imperialismus. „Germans to the front“, ist längst das in Bahamas, Konkret und Jungle World ausgegebene Motto, wobei Angela Merkel als „Stimme der Vernunft“ bezeichnet wird. Deutsche Truppen sollen in Afghanistan die Interessen der Westlichen Wertegemeinschaft verteidigen. Schon 2006 ertönte in der Jungle World der Ruf nach Bundeswehrsoldaten im Libanon, nun sollen deutsche Truppen im antideutschen Sinn ganz vorne an der Front gegen den „neuen Hitler“ aus Teheran kämpfen. Richtigerweise stellt Moshe Zuckermann in seinem neuesten Buch „Antisemit! Ein Vorwurf als Herrschaftsinstrument“ fest, dass die Antideutschen heute besonders stramme Parteigänger des BRD-Imperialismus sind. Die „Antigermans“ verteidigen publizistisch das Interesse des deutschen Kapitals und der deutschen Bundesregierung nach neuen Absatzmärkten, nach der Eroberung von Rohstoffen und Handelswegen, sie krakelen dabei nur noch wesentlich heftiger als die Guttenbergs, Köhlers und Strucks.

Der Anti-Antisemitismus der Antideutschen birgt hierbei einen tendenziell antisemitischen Kern in sich. So scheint etwa die antideutsche Linksparteigruppe BAK Shalom sich in Herman Göring ein Vorbild zu nehmen. Während der Reichsmarschall im 3. Reich bekanntlich bestimmte wer Jude ist und wer nicht, scheinen die philosemitischen Nachwuchs-Neocons in der Linkspartei bestimmen zu wollen wer jüdisches Holocaust-Opfer sei und wer nicht. Der antizionistische jüdische Publizist Norman Finkelstein wurde etwa in einer Stellungsnahme als „angeblicher“ Nachfahre von Holocauts-Opfern bezeichnet. Die Eltern von Finkelstein hatten im 3. Reich als Lagerinsassen ein KZ überlebt. Also scheinbar scheinen antideutsche Zionisten darüber befinden zu wollen wer als Jude Opfer sein dürfe und wer nicht. Dabei ist längst klar das sich Antideutsche in Wahrheit gar nicht für Juden und deren Judentum interessieren. Juden dienen den Antideutschen als ideologische Projektionsfläche auf deren Rücken Antideutsche ihre innerlinken Konflikte austragen. Auf diesem Ticket wird auch begründet warum man sich bedingungslos hinter das kapitalistische System stellt oder warum man die Ausrottung islamischer Zentren einfordert. Der bereits erwähnte israelische Publizist und Professor Moshe Zuckermann warnte in diesem Zusammenhang davor, dass es sich bei den Antideutschen wohl um eine besonders moderne Abart echter Antisemiten handele. Bei jenen handele es sich wohl um die Sorte Menschen die dazu veranlagt seinen das Projekt ihrer angeblichen „Solidarität“ der Vernichtung zuzuführen.

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