Planlos in das Chaos

„Die amerikanischen Werte bestimmen die amerikanischen Interessen in der Welt“. Dies sagte niemand geringerer als der ehemalige US-Präsidentschaftskandidat John MC Cain in einem Interview mit der französischen Tageszeitung Le Figaro. Aber auch wenn es umgekehrt ist, ändert es ja nichts an den Auswirkungen dieser Doktrin.

Wenn nun aber amerikanische Werte und Interessen ident sein sollten, dann stehen wir entweder vor einem Rätsel oder vor der brutalen Wirklichkeit imperialistischer Außenpolitik. Seit Hiroshima und Dresden müssen wir diese akzeptieren. Die sehr selektiv vorgeht : in Libyen und Afghanistan anders als in Syrien und in Saudi Arabien. Oder Burma. Oder im Falle der Republik Saharouie. Letztere, von Marokko besetzt, ginge übrigens auch Frankreichs selbsternannten Menschenrechtler Sarkozy, der Ghadaffi gerne ein AKW angedreht hätte, etwas an. Aber so schaut planlos-launische Politik à la francaise heute eben aus.

Was hält den Westen nun eigentlich davon ab in Syrien militärisch zu intervenieren, was hält die UNO** noch zurück? Da sind einmal Israel, Saudi-Arabien, die Türkei und der Libanon, die aus unterschiedlichen Erwägungen heraus kein Interesse an einem Regimewechsel in Damaskus haben. Obwohl das die Sache mit Teheran erleichtern könnte.
Aber dann ist da ja noch etwas : Inzwischen sind viele in der arabischen Welt hellhörig geworden, kritischer genüber dem Westen, und nicht zuletzt ist die syrische Armee kein Jausengegner wie jene Ghadaffis. Aber selbst die gibt nicht so schnell auf.

Aber auch Sonstiges, was aus Libyen an neuen Informationen herüberkommt, läßt Zweifel an der richtigen Strategie der USA bzw. NATO aufkommen. Und Haß in der islamischen Welt. Den Bomben auf Ghadaffi eher verstärken werden. Am Ende könnte es sein, daß der Schaden für den Westen größer sein wird als der Nutzen. Auch für Monsieur Sarkozy persönlich, denn jetzt schon belastet der Militäreinsatz das ohnehin angeschlagene französische Budget außerordentlich.

Zum Thema Libyen aus aktuellem Anlaß noch eine Ergänzung* :

Die vor Tagen erfolgte Nachricht, Ghadaffis Truppen hätten sich von Misrata abgesetzt um Stämmen vor Ort die Möglichkeit zu geben, die Ordnung in der Stadt wieder herzustellen, offenbarte wieder einmal die Stammeswirklichkeit auf der Libyens soziale und gesellschaftliche Ordnung beruht.

Das Problem, wann immer man von Libyens Stämmen spricht, besteht darin, daß man sich (wie hier schon einmal erwähnt) gegenüber einem Ganzen befindet, das aus unzähligen Clans und Nebenclans (etwa 150) mit ihren wechselnden Bündnissen und Niederlassungen besteht, und daß deren Interessen regelmäßig gegensätzlicher Natur sind. Diese Stämme bilden keine homogenen Gruppen, die ausschließlich einem bestimmten Lager angehören. So findet man sogar einen Cousin Ghadaffis auf Seiten der Aufständischen. Für wie lange? Niemand vermag es zu sagen.

Die familiären Bindungen zwischen diesen Stämmen und Clans sind sehr eng, so daß deshalb immer wieder damit zu rechnen ist, daß die Seiten plötzlich gewechselt werden. Zum Beispiel gehen die engen historischen und familiären Verbindungen zwischen dem Stamm der Ghadaffa und einigen Gruppierungen der Warfallah sehr weit zurück. Als die Mehrheit der Warfallah sich im März von Ghadaffi löste, meinte der Chef eines Warfallah-Clans, Ghadaffi sei nicht mehr sein „Bruder“. Doch das Blut könnte sich am Ende wieder als stärker erweisen.

Ein weiteres Beispiel: Kaum jemand nahm Notiz von einer Ansprache die Saif al-Islam Ghadaffi an die Adresse der Rebellen in der Cyrenaika richtete und dabei von seinen dortigen Onkeln des Barasa Stammes sprach. Von diesem Stamm, einer der tonangebenden im Osten, stammt nicht nur König Idriss, sondern auch die zweite Frau Ghadaffis, also die Mutter von Seif al-Islam, ab. Da sind also wohl noch Überraschungen möglich.
Derzeit ist es zwar so, daß der mächtige Stamm der Warfallah sich mehrheitlich auf die Rebellen-Seite geschlagen hat, einige seiner Clans, vor allem die in Tripolitanien, aber bei Ghadaffi geblieben sind. Man darf auch nicht übersehen, daß die Opposition der Warfallah zum Ghadaffi-Regime auf das Jahr 1993 zurückgeht als dutzende Offiziere eine Verschwörung gegen Ghadaffi anzettelten.

Die Gesamtheit des Maghara-Stammes in Tripolitanien, zum Beispiel, ist aber auf Seite des „Führers“ geblieben. Was schließlich die Stämme im Süden angeht, so spielen sie zwar keine große Rolle, sind aber großteils ebenfalls Ghafaffi ergeben. Sie, die Stämme der Toubou im Fezzan etwa, hätten von Rebellenseite immerhin Grausamkeiten zu befürchten, da sie Ghadaffi Kämpfer zur Verfügung gestellt haben, die im Westen als schwarzafrikanische „Söldner dargestellt werden, weil sie schwarzer Hautfarbe sind. Auch ein Teil der Berber, die ursprüngliche Bevölkerung Libyens, hat sich auf die Seite Ghadaffis geschlagen.

Kurz und gut: Die Lage in Libyen ist mehr als komplex und das macht eine Voraussage sehr schwierig.. Alles ist noch möglich. Bei uns aber soll man sich endlich von gewissen naiven westlichen Wunschvorstellungen lösen, die diametral zur gesellschaftlichen und sozialen libyschen wie arabischen Wirklichkeit stehen und daher so wie erwünscht nie eintreten werden.

Sollte die Rebellenseite (übrigens nicht weniger grausam als ihre Gegner) obsiegen, wird sie früher oder später entweder westliche Einmischung wieder zurückweisen und dann eventuell um die Beute streiten oder sich schon vorher wieder in sich einander konkurrierende Stämme und Clans aufsplittern, usw. Chaos ist also vorprogrammiert. Dank planloser Westler.

Nach derzeitigem Stand und in Kenntnis aller Fakten ist wohl damit zu rechnen, daß mit oder ohne Muammar Ghadaffi dessen Familie weiter eine entweder maßgebliche oder nicht ganz unbedeutende Rolle in Libyen spielen könnte. Und natürlich vermehrt das qualitativ hochstehende libysche Öl, nachdem Saudi-Arabien zur Überraschung aller seine Produktion im März heruntergefahren hat.

*Quelle: L’alchimie tribale libyenne (Point de situation) Communiqué de Bernard Lugan, le 24 avril 2010

** Der UNO-Menschenrechtskommissar hat Damaskus aufgefordert, alle politischen Gefangenen freizulassen. Und die in Österreich und Deutschland?

Helmut Müller

Quelle

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