Zweite Revolution

Ein „nationaler Sozialist“ meinte vor einiger Zeit, Flugblätter der „Sache des Volkes“ könne man nicht verteilen, weil sie von einem „Nationalbolschewisten“ formuliert seien, der sowieso nicht „unserer Weltanschauung“ teile. Der Inhalt des Flugblattes sei ihm „zu rot“. Der Betreffende scheint vergessen zu haben, daß „unsere“ Fahne sehr wohl zum großen Teil auch rot ist. Obwohl dies vom Erfinder dieser Flagge – einem talentierten Künstler – als Demagogie gedacht gewesen sein mag, mit dem Ziel, den Sozis und Kommis mit deren Farbe die Anhänger und Wähler abzuwerben, haben dennoch Millionen von SA-Männern, NSDAP-Parteimitgliedern und Wählern den Sozialismus im Programm und Parteinamen sehr wohl ernst genommen. Sie sahen sich als echte Sozialisten.

Deshalb war dann auch rund ein Jahr nach der Machtergreifung immer wieder die Rede von einer zweiten Revolution, die notwendig sei. Ernst Röhm beispielsweise war genauso wenig echter Sozialist wie Hitler, was sozialistisches Eigentum betrifft, aber er wollte dennoch – sicherlich auch aus eigenem persönlichem Ehrgeiz – die SA in ein Volksheer umbauen, dem sich die Reichswehr unterzuordnen habe. Die Herren Reaktionäre der Reichswehr sahen dies mit Unbehagen (später auch Hitler – nach dem Anschlag des Reaktionärs von Staufenberg, da war Röhm schon lange tot …). Hitler, dessen Macht 1934 noch keineswegs gesichert war – er war umrahmt vom reaktionären Vize-Kanzler Franz von Papen und vom reaktionären Reichspräsidenten Paul von Hindenburg –, sah sich nun in der Klemme zwischen den Kräften der „zweiten Revolution“ (Röhm, SA, die Gebrüder Strasser, die ideell zwar dazu gehörten, aber 1934 machtpolitisch schon ausgeschieden waren. Hierzu gehörten auch Feder und anfangs Goebbels, der dann opportunistisch motiviert die Seiten wechselte) und der Reaktion. Letztere bestand grob aus zwei Gruppen: aus der modernen Reaktion (deutsche Hochfinanz: Reichsbankpräsident Hjalmar Schacht und Umfeld; der Schwerindustrie: Friedrich Flick, die Kontaktleute von Hermann Göring, usw.) und der feudalen Reaktion (Großgrundbesitzer: Kreise um von Papen und von Hindenburg junior und senior, zumeist adeliges Offizierskorps der Reichswehr). Die beiden reaktionären Blöcke drohten Hitler mit dem Sturz. Der mußte sich nun entscheiden.

Es dürfte nicht schwer fallen, zu erkennen, daß die Reaktion die stärksten Trümpfe in der Hand hielt. Hitler mußte sich zwischen Kameradschaft und Treue einerseits und Machterhalt andererseits entscheiden. Seine Entscheidung ist bekannt. Die Ereignisse, die dann folgten, brauche ich nicht weiter zu erzählen. Die Homosexualität Röhms war schon lange intern und in der Öffentlichkeit (über kommunistische Zeitungen wie die „Rote Fahne“) bekannt gewesen; die Behauptung, die Aktion vom 30. Juni 1934 habe damit in Zusammenhang gestanden, war eine schlichte nachträgliche Propagandalüge (wie auch die Legende, Hitler habe Röhm in einem Hotelzimmer in Bad Wiessee in flagranti erwischt). Besonders widerlich war diese Lüge aus dem Mund des verhinderten „Nationalbolschewisten“ Goebbels, der dann im Mai 1945 zu seinem „Nationalbolschewismus“ zurückkehrte, als er nach Hitlers Tod der nach Berlin vorgedrungenen Sowjetarmee ein Bündnis anbot. Die echte Reaktion – vertreten durch Himmler und Göring – boten den Westmächten ein Bündnis gegen den Bolschewismus an, wobei Hitler, der zu diesem Zeitpunkt noch lebte, Göring den Strick androhte, da dieses Bündnis hinter seinem Rücken geschlossen werden sollte.

Aber zurück zu 1934. Die „zweite Revolution“ entsprang einerseits der „tiefen antikapitalistischen Sehnsucht des deutschen Volkes“ (Gregor Strasser) und andererseits dem Drang der Mehrheit in der SA (das waren Typen wie viele heute im NW, denen es zwar oftmals am Begriff des Sozialismus fehlt, die aber gefühlsmäßig Sozialisten sind). Zu keiner Zeit allerdings war ein Putsch oder Staatsstreich gegen Hitler geplant. Im Gegenteil: der langjährige Freund und Kamerad Hitlers, Röhm, wollte gemeinsam mit seinem Führer – und unter dessen Befehl – diese zweite Revolution durchführen. Alles andere ist – wie schon gesagt – Propagandalüge. Daß in SA-Kreisen Waffen gesammelt wurden, ist kein Beleg für einen SA-Putsch gegen Hitler, sondern dafür, daß sich die SA-Führung für eine eventuelle Auseinandersetzung mit der Reichswehr rüsten wollte. Für diese Auseinandersetzung sollte Hitler gewonnen werden, der sich allerdings – wie bekannt – anders entschieden hatte.

Wie schon erwähnt, so wurde unter anderen bei dieser Aktion Gregor Strasser gelyncht, dessen Bruder Otto war schon 1930 aus der Partei unter der Parole „Die Sozialisten verlassen die NSDAP“ ausgetreten und befand sich 1934 im Ausland. Er wandte sich vor allem dagegen, daß sich allmählich unter Regie Hitlers (seit der Führertagung von 1926 in Bamberg) die Tendenz durchsetzte, die sozialistischen Programmpunkte (Nr. 11-18) des 25-Punkte-Programms von 1920 als gegenstandslos zu erklären. Hitler glaubte Rücksicht auf diejenigen Kreise nehmen zu müssen, denen er später, 1933, den Weg zur Macht verdankte.

Siehe: http://www.dhm.de/lemo/html/dokumente/nsdap25/

Die deutsche Hochfinanz um Hjalmar Schacht war nicht erfreut über den Punkt „11. Abschaffung des Arbeits- und mühelosen Einkommens, Brechung der Zinsknechtschaft.“ Dieser Punkt hätte bei einer realistischen politischen Auslegung die Verstaatlichung der Banken und Aktiengesellschaften, Schließung der Börse und – damit einhergehend – des Verbots des privaten Gewinns aus Kreditgeschäften bedeutet. Daraus ist nichts geworden. Feder wurde von Schacht zur Seite geschoben. Immerhin ist es den Machthabern gelungen, die nationalstaatliche Kontrolle über die Finanz- und Währungspolitik zu erlangen (was sicherlich ein Grund der Westalliierten für den Krieg gegen das Deutsche Reich gewesen war). Aber der Zins blieb – wie es in jeder Marktwirtschaft unvermeidbar ist – bestehen.

Auch der Punkt 12 fand keine Anwendung: „Im Hinblick auf die ungeheuren Opfer an Gut und Blut, die jeder Krieg vom Volke fordert, muß die persönliche Bereicherung durch den Krieg als Verbrechen am Volke bezeichnet werden: Wir fordern daher restlose Einziehung aller Kriegsgewinne.“ Mit dem Punkt 11 eng verbunden war der Punkt 13: „Wir fordern die Verstaatlichung aller (bisher) bereits vergesellschafteten (Trusts) Betriebe.“ Kapitalgesellschaften (Aktiengesellschaften, GmbHs) wurden zwischen 1933 und 1945 nicht verstaatlicht. Die Börse wurde in Deutschland nicht geschlossen, selbst ausländische Konzerne durften weiter produzieren. So machte Opel im Zweiten Weltkrieg einen großen Reibach als Lieferant der Wehrmacht, die amerikanische Opel-Mutter General Motors belieferte die US-Armee, die gegen das Reich kämpfte. Aber wenigstens im Jahr 2009 könnten doch deutsche Nationalisten die Verstaatlichung der finanziell angeschlagenen Opel AG fordern!

Auch Punkt 14 war für die seit 1933 Herrschenden leeres Geschwätz: „Wir fordern Gewinnbeteiligung an Großbetrieben.“ Die Beseitigung der Massenarbeitslosigkeit, sicherlich eine Leistung der Regierung Hitler, wurde ab 1933 zunächst mittels Lohnkürzungen erreicht. Man reihte zuvor Arbeitslose in den Produktionskreislauf ein, die bislang Beschäftigten erhielten Arbeitszeitverkürzung bei weniger Lohn. Eine Gewinnbeteiligung blieb aus.

Immerhin wurden in den Folgejahren die Renten angehoben („15. Wir fordern einen großzügigen Ausbau der Altersversorgung.“) Aber auch folgender Programmpunkt stand zum Teil nur auf dem Papier: „16. Wir fordern die Schaffung eines gesunden Mittelstandes und seine Erhaltung, sofortige Kommunalisierung der Groß-Warenhäuser und ihre Vermietung zu billigen Preisen an kleine Gewerbetreibende, schärfste Berücksichtigung aller kleinen Gewerbetreibenden bei Lieferung an den Staat, die Länder oder Gemeinden.“ Die Großwarenhäuser wurden nicht kommunalisiert. Viele kleine Einzelhändler, die überproportional stark NSDAP wählten, sahen sich deshalb ab 1933 getäuscht. Der Vernichtung des Einzelhandels zugunsten großer Warenhäuser und – nach dem Krieg – der Supermärkte und Baumärkte, war somit schon ab 1933 der Boden bereitet. Heute hat man in der Großstadt Mühe, noch einen einzelnen Bäcker zu finden, der noch nicht von einer Back-Kette abgelöst worden ist. Der Metzger (Fleischer) ist ebenso im Supermarkt verschwunden wie Tante Emma; und die freie Tankstelle ist von Esso, Shell und Aral geschluckt. Auch kleine Baufirmen werden von Baulöwen verdrängt. Diese Entwicklung hätte man schon 1933 stoppen können.

Davor hatte der Herr Reichspräsident und Großgrundbesitzer von Hindenburg am meisten Angst: „17. Wir fordern eine unseren nationalen Bedürfnissen angepaßte Bodenreform, Schaffung eines Gesetzes zur unentgeltlichen Enteignung von Boden für gemeinnützige Zwecke. Abschaffung des Bodenzinses und Verhinderung jeder Bodenspekulation.“ Deshalb galt auch dieser Punkt für die Hitler-Richtung spätestens seit 1926 als gegenstandslos. Dieser Programmpunkt wird heute vom nationalen Sozialisten Evo Morales in Bolivien verfochten.

Auch dieser Punkt wurde nur zum Teil eingehalten: „18. Wir fordern den rücksichtslosen Kampf gegen diejenigen, die durch ihre Tätigkeit das Gemeininteresse schädigen. Gemeine Volksverbrecher, Wucherer, Schieber usw. sind mit dem Tode zu bestrafen, ohne Rücksichtnahme auf Konfession und Rasse.“ Aussortiert wurden vor allem jüdische Spekulanten, aber auch viele untadelige Juden. Ungeschoren blieben hingegen alle möglichen deutschen Millionäre wie die Quandts, also die Familie, in die der „Nationalbolschewist“ Goebbels dann einheiratete. Ein Sproß dieser Milliardärs-Dynastie ist Frau Klatten.

Siehe: http://de.wikipedia.org/wiki/Susanne_Klatten

Skurril ist besonders, daß der große Zigaretten-Kapitalist Reemtsma infolge des privaten Liefermonopols an die Ostfront ein großes Vermögen ansammelte, das nach 1945 dessen Sohn für „Antifa“-Arbeit nutzt. Dies zeigt, daß das Kapital sich immer wieder neuen Herausforderungen zu stellen weiß.

Wir sehen also, daß die Phrasendrescher von „unserer Weltanschauung“ auf sehr dünnem Eis stehen. Auf „unser Programm“ können sich diese Herrschaften jedenfalls in weiten Teilen nicht berufen. Diese Leute reagieren zunehmend hysterisch, da sie erkennen müssen, daß sich heute immer mehr junge Nationalisten der „zweiten Revolution“ verschreiben, da alles andere an den Herausforderungen des heutigen, globalen Kapitalismus vorbeigeht. Auch die Auflagen der Flugblätter der „Sache des Volkes“ beweisen es, die sich – einschließlich der Auflagen der Bündnispartner – von Aktion zu Aktion vervielfachen. Ständig kommen neue Verteilgruppen aus verschiedenen Bundesländern hinzu. Die Reaktionäre können uns daran nicht hindern.

Jürgen Schwab

Bücher von Jürgen Schwab:
Angriff der neuen Linken – Herausforderung für die nationale Rechte. Hohenrain Verlag, Tübingen 2009, 19,80 Euro.
Die „Westliche Wertegemeinschaft“, Abrechnung, Alternativen. Hohenrain Verlag, Tübingen 2007, 19,50 Euro.
Volksstaat statt Weltherrschaft. Das Volk – Maß aller Dinge. Hohenrain Verlag, Tübingen 2002, 9,80 Euro.

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