Marx oder Nietzsche ?

Von Jürgen Schwab

Der politisch philosophische Kern der Sarrazin-Debatte, die im Herbst 2010 in den BRD-Medien ausgetragen wurde, dreht sich um die beiden Pole der denkerischen Suche nach der geeigneten politischen Ordnung: Freiheit oder Gleichheit. Es liegt auf der Hand, daß Angehörige der radikalen Linken Sarrazins Thesen weitgehend ablehnten, während je rechter jemand im politischen Koordinatenspektrum verortet ist, den Analysen und Positionen des Ex-Bundesbankers in den meisten Punkten zustimmte. „Rechts“ in dem Sinne, daß der oder die Betreffende authentisch rechte, von der Ungleichheit der Menschen ausgehende Standpunkte vertritt. Das bürgerliche, liberale und kapitalismusfreundliche Lager der BRD, allen voran der Springer-Verlag mit seiner Israel-Loyalität und Islamophobie, aber auch Rechtspopulisten wie von der Pro-Bewegung sowie Nationalliberale wie Thorsten Thomsen stehen in diesem, von mir dargelegten Begriffssinne sehr weit rechts; [1] während beispielsweise ein sozialrevolutionärer Nationalist wie ich in gesell-schaftlichen, sozialen und wirtschaftlichen Fragen Sarrazins Positionen auf dem rechten und linken Augen in etwa gleich scharf sieht.

Freiheit oder Gleichheit?

Ein Kommunist, der dann sehr weit links steht, wird die Sarrazin-Debatte nur auf dem linken Auge wahrgenommen haben. Der Kommunist geht zunächst von seinem politisch utopischen Wunschbild aus, von der Gesellschaft der Freien und Gleichen. „Frei“ im sozialistischen Sinne bedeutet, daß möglichst alle Menschen frei von Ausbeutung und Unterdrückung sein sollen, [2] während der Liberale bzw. (national-) bürgerliche Kapitalismusbefürworter die Freiheit meint, daß die Minderheit der Begabten und Reichen, auch durch Erbschaft reich Gewordenen, frei sein soll, sich in Reichtum, Lebensstil und Aneignung politischer Macht durch Geldspenden von der Mehrheit der mehr oder weniger Besitzlosen abheben zu dürfen.

Der Marxist-Leninist wird nun versucht sein, alle Argumente, die in Richtung Ungleichheit der Menschen abzielen, zu leugnen, zu relativieren und im schlimmsten Fall mit Zensur beantworten zu wollen. Besonders verbohrte und intolerante Kommunisten wie Thomas Wagner gehen dann soweit zu behaupten, Thilo Sarrazin und seine Unterstützer „instrumentalisierten“ die Meinungsfreiheit. [3] Diese Sicht der Dinge ist natürlich am Stalinismus und Gulagsystem sehr dicht dran.

In der DDR beispielsweise wurde – wie in anderen Ländern des Ostblocks – die Gen- und Intelligenzforschung massiv behindert, worüber auch der linke Autor Heinz Dieterich in seinem Buch Der Sozialismus des 21. Jahrhunderts selbstkritisch zu berichten weiß. [4] Das hindert den Marxisten aber nicht – ohne Belege – zu behaupten, daß die „Ungleichheit zwischen den privilegierten 20 Prozent nicht resultieren aus ungleichen genetischen Substraten und daraus hervorgehenden unterschiedlichen menschlichen Produktionspotentialen, etwa zwischen Europäern, Afrika-nern, Asiaten und Lateinamerikanern, sondern aus den der ‚Dritten Welt‛ aufgezwungenen ausbeutenden Strukturen.“ [5]

Auch Volkmar Weiß berichtet in seinem Gespräch mit Hier & Jetzt [6] über die Unterdrückung der Gen- und Intelligenzforschung in der DDR. Da es, wie er sagt, selbst in der SED-Parteiführung Personen gegeben hatte, denen der Umstand nicht verborgen geblieben war, daß die Menschen in ihren Begabungen und Fähigkeiten auf den verschiedenen Gebieten doch sehr unterschiedlich veranlagt sind, zeigt das Dilemma auf, in dem sich alle Ansätze auf sozialistische Umgestaltung befinden. Zugleich könnte diese „alternative DDR-Sicht“ doch auch ein Lichtschimmer sein, der Sozialisten zeigt, wo ein Ausweg aus dem Dilemma, in dem sie sich befin-den, liegen könnte.

Ungleichheit in Vermögensverhältnissen

Volkmar Weiß geriet dann, wie er erläuterte, aufgrund seiner Ausgrenzung in der DDR in die Fänge von amerikanischen Antikommunisten, [7] denen freilich die Forschungsergebnisse von Gen- und Intelligenzforschern sehr gelegen kommen. Schließlich läßt sich die anthropologische Tatsache der Ungleichheit menschlicher Begabungen und Intelligenz hervorragend zur Rechtfertigung der kapitalistischen Ungleichheit in den Vermögens- und Einkommensverhältnissen nutzbar machen.

Aus meiner Sicht müßten lernfähige Sozialisten aus dem linken oder nationalrevolutionären Spektrum nun eine dritte Position beziehen – in Abgrenzung zur rechtselitären Rechtfertigung des Kapitalismus, aber auch zur linken, wissenschaftlich nicht haltbaren Menschengleichheitsposition. Ein Sozialismus, der auf wissenschaftlichem Fundament begründet ist, bzw. ein solcher, der sich am lebensrichtigen Menschenbild des Nationalismus orientiert, kann den Menschen nur zurufen: Wenn ihr in irgendeinem Bereich besonders begabt seid, sei es im Handwerk, in der Wissenschaft, der Musik, des Sports oder als Unternehmer, dann müsst ihr – sofern ihr Sozialisten seid – euere Fähigkeiten weitgehend ohne Eigennutz in die Gemeinschaft, im Sinne des deutschen Nationalismus ins deutsche Volk einbringen.

Der in bürgerlichen und rechten Kreisen immer wieder – bis zum Erbrechen – vorgebrachte Einwand, daß ohne individuelle „Anreize“ sich nur wenige anstrengen würden, ist sicherlich ein Stückweit zutreffend, das sollten Sozialisten, sofern sie wissenschaftlich menschliche Verhaltensweisen und Gesellschaften überprüfen, anerkennen. Aber Menschen sind zwar auch – da haben die Rechten recht –, aber nicht nur – hier liegen die Linken richtig – Naturwesen bzw. egoistische Wesen, Raubtieren verwandt; sie sind darüber hinaus auch lernfähige, erziehbare und vernunftbegabte Kulturwesen, in diesem Punkt von Tieren unterscheidbar. Insofern hat es immer wieder Menschen gegeben, die uns allen gezeigt haben, daß ihre sozialistische Überzeugung nicht unbedingt aus ihrer desolaten eigenen sozialen Situation, im schlimmsten Fall nur aus Sozialneid resultiert. Dieser zuletzt genannte Typus würde, wenn er selbst zu Reichtum gelangen würde, genauso rücksichtslos handeln wie die meisten Kapitalisten eben handeln (müssen, sofern sie im Konkurrenzsystem erfolgreiche Kapitalisten bleiben wollen). Friedrich Engels, ein Unter-nehmersohn, der sehr vermögend gewesen war, war ein solches Beispiel für die Einsicht in die Notwendigkeit einer sozialen Revolution, wobei Engels sich selbst und seiner Familie enorm materiell geschadet hätte, wäre zu seinen Lebzeiten seine kommunistische Utopie zur politischen Wirklichkeit geworden. In der DDR wäre er enteignet worden.

Weitgehend richtige Analyse Sarrazins

Insofern ist aus nationalrevolutionärer Sicht Sarrazin in seiner Analyse – vor allem auf der Wirkungsebene! – weitgehend recht zu geben: insgesamt gesehen integrieren sich bestimmte Mi-grantengruppen – vor allem die aus dem islamischen Kulturkreis (bei uns Türken, Kurden, Araber) – besonders schlecht – im Vergleich zu Migranten aus Süd- oder Osteuropa. Auch ist die Analyse zutreffend, daß ein Großteil der Bezieher von Arbeitslosengeld II („Hartz IV“) bei ihren Bemühungen, auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen, resigniert haben. Dabei handeln diese Unterschichtler nicht anders als Menschen, die der Mittel- oder Unterschicht angehören: Anstrengungen werden nur unternommen, sofern sich diese utilitaristisch in bare Münze umwandeln lassen. Wer sich selbst auf dem Arbeitsmarkt abgeschrieben hat, wird sich kaum mehr anstrengen. Thorsten Thomsen, der meines Erachtens bei teilweise richtiger Analyse – auf der Wirkungsebene, bei weitgehender Aussparung der Ursachen, die im Kapitalismus liegen – die falschen, nationalliberalen Schlüsse zieht, [8] liefert uns aber immerhin doch den Hauptgrund für die Resignation großer Teile der Unterschicht: die Zahl der wirklichen, also sozialversicherungspflichtigen und dauerhaften Arbeitsplätze sind seit der Agenda 2010, die im Jahr 2004 vollzogen wurde, immer mehr im Schwundprozeß. Menschenwürdiges, auf soziale Anerkennung ausgerichtetes Arbeiten wird für viele immer weniger möglich.

Also setzt sich der Bodensatz der Gesellschaft unten ab, während der gesellschaftliche Abschaum weiter oben schwimmt (frei zitiert nach Reinhold Oberlercher [9]). Oder, um es mit Ernst Niekisch auszudrücken: „Der liberale Bürger ist der gleiche Lebensschmarotzer wie der ritterliche Edelmann es war.“ [10] Hier mag man einwenden: Während der ritterliche Edelmann in der alteuropäischen Gesellschaft immerhin eine (militärische) Funktion besaß, trifft Niekischs hartes Urteil sicherlich auch nicht auf den in seinem kleinen oder mittelständischen Betrieb leitend mitarbeitenden Kleinbürger zu, aber sehr wohl auf ausschließliche Kapitaleigner und Großaktionäre. Es ist bezeichnend, daß bei der Arbeitslosenschelte auch im Zuge der Sarrazin-Debatte von sämtlichen Liberalen aller Schattierungen von dieser Gruppe arbeitsloser Schmarotzer der Oberschicht nie die Rede war. Kaum die Rede ist auch von den vielen schmarotzenden Unternehmern, die einen Teil der zu entrichtenden Löhne auf Arbeitsagenturen und Argen abwälzen, wodurch das Heer der „Hartz IV-Aufstocker“ entstanden ist. Oder denken wir an solche kapitalistischen Schmarotzer, die die „Generation Praktikum“ in ihren Firmen unentgeltlich arbeiten läßt.

Thorsten Thomsen hat Recht, wenn er vermutet, daß viele auf der nationalen Rechten das soziale Schicksal der Dauererwerbslosen nur aus taktischen Gründen öffentlichwirksam beweinen, weil man a) dieses Klientel als Wähler braucht und b) sich auch viele Dauerarbeitslose, die Stütze beziehen, in den eigenen Organisationen tummeln, auf die man gerne als ehrenamtliche Wahlkampfhelfer zurückgreift. Denn welcher aktive Arbeiter, Angestellte oder Selbständige hat schon Zeit, unter der Woche Landtagswahlkampf zu machen?

Sollen Nationalisten das kapitalistische System stützen?

Die deutsche Philosophie hat beide Extrempositionen, wie auch wir nationalen Deutschen auf die kapitalistischen Auflösungsprozesse antworten können, parat. Die beiden Pole – in links und rechts – verkörpern Karl Marx und Friedrich Nietzsche. Beide Philosophen waren keine Befürworter des deutschen (und allgemein nicht des) Nationalstaats, soviel intellektuelle Redlichkeit sollten wir alle besitzen, dies so anzuerkennen. Aber beide Philosophen sind Stellvertreter der beiden entgegengesetzten gesellschaftspolitischen Problemlösungsalternativen. Der sozialrevolutionäre Nationalist wird – mit Marx – sagen, wozu sollen wir die Deutschen der Unter- und Mittelschichten, vor allem unsere eigenen Anhänger dazu auffordern, dieses volksfeindliche System noch durch eigene Anstrengungen zu stützen? Daß eine Volksgemeinschaft, auch ein sozialistisches System, wie immer dieses aussehen mag, nicht darauf verzichten kann, sich als Lei-stungsgesellschaft zu formieren, sollte klar sein.

Auch „Leistungsgemeinschaft“ hört sich gut an, aber „Leistung“, die tautologisch auf sich selbst bezogen ist, führt niemals in eine Ordnung, die die Bezeichnung „Volksgemeinschaft“ verdient hat, sondern immer zum Kapitalismus! Das verhält sich genauso mit der „Elite“, die, tautologisch auf sich selbst bezogen, nur in den Eigennutz und niemals zur Gemeinschaft münden kann. Das perspektivische Ziel kann nur lauten: Eliten und Leistungsbereite sollen sich in ein Kollektiv einbringen wollen, für Nationalisten in eine Volksgemeinschaft.

Selbst in der DDR wurden sogenannte Arbeitsscheue traktiert – bis sie zur Arbeit gingen. Allerdings gab es in der DDR – wie übrigens auch in der Alt-BRD – in ausreichender Zahl so gut wie für jeden Arbeitswilligen auch einen echten Arbeitsplatz – und sei es als Straßenkehrer oder als Hilfsarbeiter in der Fabrik oder auf dem Bau. In allen diesen Bereichen, selbst in der Dienstlei-stungsbranche, dem Terrain der neuen Mittelschicht, machen sich bei uns immer mehr Leih- bzw. Zeitarbeitsfirmen, befristete Arbeitsverträge und „Jobs“ im Niedriglohnsektor breit. Wer eigene Kinder satt zu kriegen hat und ihnen darüber hinaus etwas bieten möchte, wird sich auf diese unwürdigen Angebote einlassen müssen. Andere werden sich nicht darauf einlassen. Sozialrevolutionäre Nationalisten werden gerade ihren eigenen Kameraden, die jedes Personalbüro im Internet als „Rechtsextremist“ leicht finden kann, kein schlechtes Gewissen einreden, wenn sie Stütze beziehen.

Wer freilich philosophisch eher an Nietzsche ausgerichtet ist, wird die Schwachen verachten, auch in seinem eigenen Umfeld. Nietzsche schrieb: „Endlich – es ist das Furchtbarste – im Begriff des guten Menschen die Partei alles Schwachen, Kranken, Missrathnen, An-sich-selber-Leidenden genommen, alles dessen, was zu Grunde gehn soll –, das Gesetz der Selektion ge-kreuzt, ein Ideal aus dem Widerspruch gegen den stolzen und wohlgerathenen, gegen den jasa-genden, gegen den zukunftsgewissen, zukunftverbürgenden Menschen gemacht – dieser heisst nunmehr der Böse … Und das Alles wurde geglaubt als Moral! – Ecrasez l’infâme!“ [11] Nietz-sche war ein Feind des Sozialismus; hierzu führte er aus: „Endlich: der soziale Mischmasch, Folge der Revolution, der Herstellung gleicher Rechte, des Aberglaubens an ‚gleiche Menschen‛. Dabei mischen sich die Träger der Niedergangsinstinkte (des Ressentiments, der Unzufrieden-heit, des Zerstörer-Triebes, des Anarchismus und Nihilismus), eingerechnet der Sklaven-Instinkte, der Feigheits-, Schlauheits- und Canaillen-Instinkte der lange unten gehaltenen Schichten in alles Blut aller Stände hinein: zwei, drei Geschlechter darauf ist die Rasse nicht mehr zu erkennen, – alles ist verpöbelt.“ [12]

Nietzsches Verachtung der sozial Schwachen

Nietzsche unterstellte Sozialisten nur destruktive Motive: „Der Wille zur Macht erscheint […] bei den Unterdrückten, bei Sklaven jeder Art als Wille zur ‚Freiheit‛: bloß das Loskommen scheint das Ziel […].“ [13]

Das scheint der blinde Fleck in Nietzsches (politischer) Philosophie zu sein. Er glorifiziert die Starken und Überlegenen, straft die Unterlegenen und Schwachen mit Mißachtung. Allerdings scheint Nietzsche ein starres Modell der Eliten, Hierarchien bzw. Rangordnungen zu vertreten, demzufolge es ausgemachte Sache zu sein scheint, daß diejenigen, die unten sind, auch unten bleiben müssen (wie umgekehrt diejenigen, die oben sind, oben zu bleiben haben). Aber könnten nicht echte Aristokraten denjenigen auch Respekt entgegenbringen, die von unten nach oben aufzusteigen gedenken? Gibt es nicht auch bei uns Kinder, deren Eltern „nur“ einen Hauptschulabschluß haben, vielleicht arbeitslos gemeldet sind, deren Sprösslinge es aber von ihrer Begabung her und bei guter Förderung zum Abitur, vielleicht sogar bis zum abgeschlossenen Studium schaffen können? Aber sicher doch, die besonders Begabten werden in der Unterschicht nur maximal 20 Prozent ausmachen, aber die sollte man in einer Volksgemeinschaft entsprechend fördern. Mit Studiengebühren und verstecktem Schulgeld geht das nicht, das fördert den bürgerlichen Klassenstaat.

Mit Nietzsche läßt sich einwenden, daß doch der Sozialismus auf gesellschaftliche Gleichheit abziele. Aber auch diesem Argument wäre entgegenzuhalten, daß der Drang nach Gleichberechtigung ein hohes Maß an Selbstbewusstsein zum Ausdruck bringt. Zudem geht es wirklichen Sozialisten nicht nur um eine Freiheit bzw. Befreiung „von“ einem Zwang, sondern auch um eine Freiheit „zu“ einer neuen Ordnung mit neuen demokratischen Teilhabemöglichkeiten für Arbeitnehmer. Aber nein, Nietzsche plädierte dafür, die Arbeiter in ihrem niederen Stand zu belassen. Für ihn ist es eine „Dummheit“, daß es überhaupt eine „Arbeiterfrage“ gibt. „Die Hoffnung ist vollkommen vorüber, daß hier sich eine bescheidene und selbstgenügsame Art Mensch, ein Typus Chinese zum Stande herausbilde: und dies hätte Vernunft gehabt, dies wäre geradezu eine Notwendigkeit gewesen. Was hat man getan? – Alles, um auch die Voraussetzung dazu im Keime zu vernichten, – man hat die Instinkte, vermöge deren ein Arbeiter als Stand möglich, sich selber möglich wird, durch die unverantwortlichste Gedankenlosigkeit in Grund und Boden zerstört. Man hat den Arbeiter militärtüchtig gemacht, man hat ihm das Koalitionsrecht, das politische Stimmrecht gegeben: was Wunder, wenn der Arbeiter seine Existenz heute bereits als Notstand (moralisch ausgedrückt als Unrecht –) empfindet? Aber was will man? Nochmals ge-fragt. Will man einen Zweck, so ist man ein Narr, wenn man sie zu Herrn erzieht.“ [14]

Nietzsche rechtfertigt den Klassenstaat

Deshalb soll nach Nietzsche zu urteilen jeder in seiner Klasse bleiben; denn: „Ein tüchtiger Handwerker oder Gelehrter nimmt sich gut aus, wenn er seinen Stolz bei seiner Kunst hat und genügsam und zufrieden auf das Leben blickt. Nichts hingegen ist jämmerlicher anzuschauen, als wenn ein Schuster oder Schulmeister mit leidender Miene zu verstehen gibt, er sei eigentlich für etwas Besseres geboren.“ [15]

Nietzsche spricht einen wunden Punkt an. Sozialisten geht es nicht selten darum, daß sie selbst der Unterschicht angehören, weshalb sie dem Mächtigen, dem Reichen seinen Status neiden – mit dem „Giftauge des Ressentiment“. [16] Genau dieser „Sozialismus“ kann nicht das Ziel von sozialrevolutionären Nationalisten sein. Sozialismus ist nicht nur Sache der Betroffenen, der sozial Benachteiligten, der Zukurzgekommenen, der Sozialneider, die sich als Millionäre auch nicht anders verhalten würden als derzeitige Millionäre; nein, nationaler Sozialismus ist ein anderes System, in dem es bescheidene materielle Leistungsanreize geben soll, weil die meisten Menschen nun einmal Kleinbürger sind; aber nicht das Gewinninteresse, sondern die Bedarfsorientierung bezüglich von Gütern und Dienstleistungen muß die Volkswirtschaft im Ganzen bestimmen.

Sozialrevolutionäre Nationalisten akzeptieren es nicht, daß nur die Menschen als stark gelten sollen, die über wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Macht verfügen. Macht ist aber im kapitalistischen System immer auf das große Geld begründet. Nicht jeder Reiche ist so stark, wie diverse Kleinbürger, die zu ihnen aufschauen, dies meinen. Der Milliardär Adolf Merckle beispielsweise beging 2009 Selbstmord, weil er inmitten der letzten Finanzkrise die „Schande“ nicht ertrug, unter Milliardären ein „Loser“ zu sein. Er hatte viele Milliarden verloren oder verzockt, wie man dies heute so nennt. Also menschliches Glück scheint nicht immer an Geld und Macht gebunden zu sein. Merckle hätte den bürgerlichen „Ehr“-Begriff rechtzeitig verwerfen sollen, dann würde er heute noch leben.

Volksgemeinschaft oder Kapitalismus?

Vor allem sollten wir uns von dem Irrglauben lösen, daß eine „Volksgemeinschaft“ unter kapita-listischen Verhältnissen noch herstellbar sein könnte. Unter den Bedingungen eines alternativen (nationalen) Sozialismus – dem eine Mischform aus marktwirtschaftlichen und sozialistischen Elementen zugrunde läge – wäre ein solches Projekt, wenn überhaupt, sehr wohl vorstellbar, und vielleicht auch realisierbar. Über eines sollte Klarheit bestehen: die deutschen Arbeitslosen sind nicht verantwortlich für die Ausländerbeschäftigung hierzulande, für die in- wie ausländische Reservearmee, die für den aktiven Arbeitsmarkt bereitsteht, um die Löhne der Arbeitsplatzbesitzer zu drücken; für Asylmißbrauch, für Arbeitsplatzverlagerung ins Ausland und vieles andere mehr, was man mit der Redewendung „Auflösung des deutschen Volkes“ zusammenfassen kann.

Sarrazin hat in drei Bereichen seiner Analyse, die er vor allem in seinem Buch Deutschland schafft sich ab dargelegt hatte, Recht: 1. Multikulti und Integrationsgesellschaft sind gescheitert (dies wurde auch schon von Helmut Schmidt und Angela Merkel festgestellt); die Migranten aus dem islamischen Kulturkreis passen sich insgesamt am schlechtesten an. 2. Viele Dauerarbeitslose, auch deutscher Herkunft, haben auf dem Arbeitsmarkt resigniert. 3. Die Menschen sind individuell, rassisch und kulturkreisspezifisch zum Teil sehr unterschiedlich begabt. Soweit zur richtigen Analyse Sarrazins. Aber für die Verwerfungen des ausbeuterischen Kapitalismus sind – auf der Ursachenebene! – weder deutsche, türkische oder sonst welche „Hartz IV-ler“ noch Islamisten und Minderbegabte – gleich welcher völkischen, rassischen oder religiösen Herkunft – schuld. Sozialrevolutionäre Nationalisten werden in der kommen-den deutschen Volksgemeinschaft auch die deutsche Unterschicht zur Leistung – entsprechend individueller Fähig-keiten – verpflichten, die Islamisierungstendenzen (Moscheebau usw.) beenden und – durch Ausländerrückführung –zurückstutzen; aber wir werden hier und jetzt immer das kapitalistische System selbst für die Auflösungstendenzen verantwortlich machen.

Wir werden auf die Überwindung der Ursachen, des Kapitalismus selbst abzielen. Indem Rechtspopulisten den Anschein erwecken, die Wirkungen (Moscheebau, Ausländerkriminalität, aus- wie inländische Arbeitslose usw.) seien die Ursachen, wollen sie uns von den eigentlichen Ursachen, die nur in der kapitalistischen Entfremdung zu finden sind, ablenken. So trommelt die Industriellenvereinigung Österreichs nach mehr „Zuwanderung“, [17] um den österreichischen Arbeitnehmern weiter die Löhne und Gehälter zu drücken, während die FPÖ, die bei dieser Industriellenvereinigung auf der Spendenliste steht, sich mit der „Zuwanderung“ längst arrangiert hat, demgegenüber als Ventil für ihre kleinbürgerlichen Wähler auf das Feindbild des Islamismus einschlägt. Hierbei werden Ursachen und Wirkungen bewußt vertauscht, die Ursache der Überfremdung liegt vor allem in der Lobbypolitik der Industriellen-vereinigung Österreichs selbst!

Von Rechtspopulisten und anderen Liberalen wird diesem Argument gerne entgegengehalten, daß doch die meisten Einwanderer in die sozialen Netze einwanderten. Das Argument ist nicht falsch, entlastet aber nicht das Kapitalinteresse, wie von den rechten Apologeten des Kapitalismus beabsichtigt. Richtig ist, daß in den Anfangsjahrzehnten der Gastarbeiteranwerbung in etwa zwei Drittel dieses Personenkreises direkt in den Arbeitsmarkt und ein Drittel in die sozialen Netze einwanderten. Seit den 1990er Jahren ist es allerdings umgekehrt: nur noch in etwa ein Drittel wandert in den Arbeitsmarkt, zwei Drittel dafür in die sozialen Netze ein. Die zuletzt genannte Gruppe bezieht staatliche Transferleistungen, sie werden also nicht von der Siemens AG, der Daimler AG, der Bayer AG und den vielen anderen Unternehmen finanziert; sie werden von den deutschen wie ausländischen Beitragszahlern in die Sozialversicherungen ausgehalten. Während die Kapitalisten die für den Arbeitsmarkt brauchbaren Ausländer für ihre Profitmaximierung nutzen, „konnten alle Folgekosten der Zuwanderung der Allgemeinheit aufgebürdet werden, wirkten sich also nicht profitmindernd aus.“ Dies schreibt Bernhard Radtke in dem rechts stehenden Magazin Zuerst. [18] Der Profit, der aus der Ausländerbeschäftigung resultiert, wird also privatisiert, die Kosten der Einwande-rung, zu der erwerbslose wie auch kriminelle Ausländer beitragen, wird sozialisiert. Zu diesem Ergebnis gelangt der sozialdemokratische Historiker Hans Ulrich Wehler in Compact Magazin. [19] Beim BRD-Arbeitsmarkt handelt es sich demnach um ein äußerst parasitäres System: kapitalistische Schmarotzer dürfen gewinnbringend Fremdarbeiter beschäftigen, die Kosten für „Zuwanderer“ zahlt die Allgemeinheit an Beitragszahlern in die Sozialversicherungen und auch die Steuerzahler. Zudem dürfen Kapitalisten „Hartz IV-Aufstocker“ beschäftigen, was sich ebenfalls gewinnsteigernd auswirkt, die „Aufstockung“ zahlt die Allgemeinheit der Beitragszahler. Auch sollte nicht unerwähnt bleiben, daß 1-Euro-Jobs der Beginn einer Rutschbahn in den Niedriglohnsektor darstellen. Mit diesem „Reform“-Instrument werden nämlich die Löhne und Gehälter von Millionen von Arbeitern und Angestellten gesenkt. Auch die Ausdehnung von Leih- bzw. Zeitarbeitsfirmen trägt dazu bei, den sozialen Unfrieden im Land weiter zu verstärken. Deutsche Nationalisten sollten sich deshalb an die Spitze der Unterdrückten der deutschen Unter- und Mittel-schichten stellen und mit keinem Handschlag den Klassenkampf von oben unterstützen, den die Kapitalisten gegen das Volk führen.

…….

[1] Siehe Thorsten Thomsens Beitrag: Sarrazin aus rechter Sicht; in Hier & Jetzt Nr. 16/2010, S. 9-21.
[2] „An die Stelle der alten bürgerlichen Gesellschaft mit ihren Klassen und Klassengegensätzen tritt eine Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden die freie Entwicklung aller ist.“ (Karl Marx und Friedrich Engels: Mani-fest der kommunistischen Partei. Werke Bd. 4, Dietz Verlag, Berlin 1972, S. 482.
[3] Thomas Wagner in Junge Welt vom 11.01.2011, S. 10; Titel: Instrumentalisierte Meinungsfreiheit.
[4] Heinz Dieterich: Der Sozialismus des 21. Jahrhundert. Wirtschaft, Gesellschaft und Demokratie nach dem globalen Kapitalismus. 2. Auflage im Kai Homilius Verlag, Berlin 2006 (= Politik und Denken 3 ), S. 100.
[5] Ebenda, S. 77.
[6] „Jede Gegenmeinung wird als Rassismus bekämpft“. Im Gespräch mit dem Leipziger Intelligenzforscher und Genealogen Volkmar Weiß. In: Hier & Jetzt, Nr. 16/2010, S. 27-33.
[7] Ebenda, S. 32.
[8] Siehe Thorsten Thomsens Aufsatz: Sarrazin aus rechter Sicht; in Hier & Jetzt Nr. 16/2010, S. 9-21.
[9] Siehe: http://www.reich4.de/2006/10/uber-die-unterschicht/
[10] Ernst Niekisch: Ost – West. Unsystematische Betrachtungen. Minerva-Verlag, Berlin 1947, S. 14.
[11] Friedrich Nietzsche: Ecce Homo. Wie man wird, was man ist. In: Friedrich Nietzsche. Werke in zwei Bänden, Bd. 2. Ausgewählt und eingeleitet von August Messer. 8. Auflage, Alfred Kröner Verlag, Leipzig 1930, S. 243-312, hier S. 312.
[12] Friedrich Nietzsche: Der Wille zur Macht. Versuch einer Umwertung aller Werte. In: Friedrich Nietzsche. Werke in zwei Bänden, Bd. 2. Ausgewählt und eingeleitet von August Messer. 8. Auflage, Alfred Kröner Verlag, Leipzig 1930, S. 313-535, hier S. 496.
[13] Friedrich Nietzsche: Der Wille zur Macht. Versuch einer Umwertung aller Werte. In: Friedrich Nietzsche. Werke in zwei Bänden, Bd. 2. Ausgewählt und eingeleitet von August Messer. 8. Auflage, Alfred Kröner Verlag, Leipzig 1930, S. 313-535, hier S. 478.
[14] Friedrich Nietzsche: Götzen-Dämmerung oder wie man mit dem Hammer philosophiert. In: Friedrich Nietzsche. Werke in zwei Bänden, Bd. 2. Ausgewählt und eingeleitet von August Messer. 8. Auflage, Alfred Kröner Verlag, Leipzig 1930, S. 159-209, hier S. 199.
[15] Friedrich Nietzsche: Der Wille zur Macht. Versuch einer Umwertung aller Werte. In: Friedrich Nietzsche. Werke in zwei Bänden, Bd. 2. Ausgewählt und eingeleitet von August Messer. 8. Auflage, Alfred Kröner Verlag, Leipzig 1930, S. 313-535, hier S. 335.
[16] Friedrich Nietzsche: Zur Genealogie der Moral. Eine Streitschrift. In: Friedrich Nietzsche. Werke in zwei Bänden, Bd. 2. Ausgewählt und eingeleitet von August Messer. 8. Auflage, Alfred Kröner Verlag, Leipzig 1930, S. 87-157, hier S. 99.
[17] Siehe: http://www.industriellenvereinigung.at/b2300
[18] Bernhard Radtke in Zuerst, Nr. 9/2010, S. 27.
[19] In Compact Magazin Nr. 1; siehe: http://juergenelsaesser.wordpress.com/2011/01/25/die-sarrazin-linke/

Veröffentlicht in hier & jetzt, Ausgabe 17.

Kommentiere oder hinterlasse ein Trackback: Trackback-URL.

Kommentare

  • Thomas Wagner  On 16. September 2011 at 22:06

    Dass es tatsaechlich Nationalisten gibt, die den Kapitalismus nicht antasten wollen, ist sicherlich ein schier unglaubliches Phaenomen, welches eine selektive Wahrnehmung, d.h. Ausblendung gewisser Realitaeten, darstellt. Der globale Kapitalismus wie er sich heute praesentiert, ist der Todfeind des souveraenen Nationalstaats. Das internationale Grosskapital ist heute zum Zwecke der Profitmaximierung an der grenzenlosen, weltweiten Verschiebung von Kapital, Waren, Dienstleistungen und Menschen interessiert. Ein funktionierender Nationalstaat koennte hier durch sein Grenzregime, sowie seinem Reglement zum Schutze des heimischen Arbeitsmarkts (z.B. Schutzzoll), dieser ungehinderten weltweiten Profitmaximierung der Geldmacht arge Probleme bereiten. Daher entspricht es absolut der Logik des derzeit herrschenden Systems (Primat der Wirtschaft) den Nationalstaat zu entkernen und ihn letztendlich aufzuloesen. Dies geschieht, im Falle z.B. der BRD, im Innern durch Multikulti und von Aussen durch die Bruesseler EU-Buerokratie. Deren Endziel ist es nach der Entfernung der letzten Reste von nationaler Souveraenitaet (Siehe angedachte Uebertragung des Haushaltsrechts an die EU) die Nationalstaaten in zentral verwaltete EU-Provinzen zu verwandeln. Dass es dann spaeter zur territorialen Neugliederung dieser Provinzen – wieso gibt es denn nur die vielen sogenannten Euroregionen? – kommen wird, darf man getrost voraussetzen. Unter diesen gegebenen Umstaenden die „guten“ deutschen Kapitalisten in die Volksgemeinschaft aufnehmen zu wollen auch nur zu erwaegen, ist ein Aberwitz, ein unaufloesbarer Widerspruch in sich selbst. Der heutige deutsche Kapitalist ist ein „global player“ und darauf ist er stolz. Er hat kein Vaterland (falls er sich darunter ueberhaupt noch etwas vorstellen kann), sein Gott ist der Profit. Um des Profits willen wird er sein Land tausendfach verraten.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: