Die Leiharbeiter-Nation

Nun dürfte langsam auch dem letzten (naiven) Freunden des neoliberalen Katastrophenkapitalismus so langsam klar werden, worauf der angebliche „Aufschwung“ oder das „deutsche Jobwunder“ beruht. Die bürgerliche Bundesregierung räumte auf eine Anfrage der Fraktion der Linkspartei im Bundestag ohne viel Schamgefühl ein, dass jede dritte, der bei der Bundesagentur für Arbeit gemeldeten offenen Stellen, dem Leih- und Zeitarbeitssektor zuzurechnen ist. Von 500.000 bei der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg gemedeten offenen Stellen stammten ca. 180.000 von Zeit- und Leiharbeitsfirmen. Dies entspricht einem prozentuallen Anteil von 36 Prozent.

Zurecht stellte die Linkspartei-Abgeordnete Jutta Krellmann fest: „Die Bundesregierung hat auf dem Arbeitsmarkt auf der ganzen Linie versagt. Deutschland wird immer mehr zu einem Billiglohnland, und das, obwohl die Unternehmen im derzeitigen Wirtschaftsaufschwung Milliarden einkassieren. Der drastische Anstieg der Leiharbeit zeigt, daß die Unternehmen ungebremst Stammarbeitsplätze durch prekäre Leiharbeit ersetzen.“

Besonders stark ist diese fatale Entwicklung in Norddeutschland ausgeprägt. In Hamburg macht der Anteil der Leiharbeitsverhältnisse an den gemeldeten freien Arbeitsstellen über 55 Prozent aus. In Bremen und Thüringen beträgt der Anteil 40 Prozent, in NRW etwa 39 Prozent. Auch in Baden-Württemberg, welches einst als Musterländle galt beträgt der Anteil 37 Prozent. Auch in Bayern ist diese neue Form der Sklavenarbeit immer mehr auf dem Vormarsch.

Betroffen von Leih- und Zeitarbeit sind in der BRD derzeit etwa eine Million. Hinzu kommen noch etwa sieben Millionen die zu Dumpinglöhnen arbeiten. Zu welchen Mitteln deutsche Großunternehmen – wie BMW – greifen, wurde erst jüngst wieder deutlich. So berichtete die „Mittelbayrische Zeitung“ in ihrer Ausgabe vom 22.11.2011: „Gleicher Lohn für die gleiche Arbeit – beim Thema Zeitarbeit ist BMW vielen anderen Unternehmen voraus. Eine Vereinbarung sieht vor, dass alle Leiharbeiter in den deutschen Werken den gleichen Grundlohn wie die festangestellten Mitarbeiter bekommen. Für die Zeitarbeiter bedeutete dies eine deutliche finanzielle Verbesserung: einen Stundenlohn von mindestens 11,61 Euro.
Ein Leser teilte der MZ-Redaktion jetzt mit, dass dies nicht für alle Beschäftigten auf dem BMW-Werksgelände zu gelten scheint. Im Rahmen von sogenannten Werkverträgen sollen Leiharbeiter nur nach dem gesetzlichen Mindeststundenlohn (7,79 Euro) der Zeitarbeitsbranche bezahlt werden. Die Pressesprecherin des Regensburger BMW-Werks, Martina Grießhammer, stellte am Dienstag auf MZ-Nachfrage, den Unterschied zwischen klassischen Zeitarbeitskräften und Zeitarbeitern im Rahmen von Werkverträgen klar.
Zeitarbeiter würden als flexibles Personal temporär über ein Zeitarbeitsunternehmen bei BMW beschäftigt, um Produktionsspitzen abzufangen: „Zeitarbeitskräfte sind Arbeitskräfte, die bei uns durch Arbeitnehmerüberlassung arbeiten. Bei einer Arbeitnehmerüberlassung haben wir wie bei direkt angestellten Mitarbeitern eine gewisse Verfügung über die Arbeitskraft.“ Daher habe sich BMW seit einigen Jahren dazu verpflichtet, diese im Gegenzug auch mindestens nach dem jeweils für die Metallbranche gültigen Tarif-Grundgehalt zu entlohnen.

Die Situation bei einem Werkvertrag gestaltet sich nach Angaben der BMW-Sprecherin anders. Dabei handle es sich um einen Vertrag über eine Dienstleistung. Die Bezahlung der Mitarbeiter des Dienstleisters sei nicht Bestandteil des Vertrags. Aufgrund der Natur eines Werkvertrags bekomme BMW eine Dienstleistung, habe aber keine „fachliche Führung“ für die vom Dienstleister eingesetzten Arbeitskräfte. Werkverträge würden vor allem für Dienstleistungen oder Wartungs- und Installationsarbeiten eingesetzt. Die Bereiche, in denen Tätigkeiten durch externe Dienstleister erbracht werden, seien vielfältig und umfassten das gesamte Spektrum an Dienstleistungen -, beispielsweise Logistik, Sicherheitsdienste oder Facility Management.“

Die Unternehmensverbände gehen unter dessen von einer Verdoppelung der Anzahl der in Leiharbeit beschäftigten Arbeiter aus. Eine Umfrage aus Gewerkschaftskreisen hatte bereits vor einigen Monaten deutlich gemacht, dass über 40 Prozent der Unternehmen in der Bundesrepublik vermehrt auf Leih- und Zeitarbeit setzen. Hinzu kommt das 42 Prozent der Betriebe auf befristete Beschäftigung setzen. Reguläre Stellen werden immer mehr zu einer Ausnahme, während schlecht bezahlte „Jobs“ immer mehr auf dem Vormarsch sind und zur „Normalität“ auf dem Arbeitsmarkt werden. Detef Wetzel, Vize der IG-Metall, führte hierzu folgendes aus: „Entgegen aller öffentlicher Bekundungen wird Leiharbeit nicht zum Abfedern von Auftragsspitzen genutzt, sondern als strategisches Instrument zur Etablierung einer neuen Billiglohnlinie eingesetzt“.

SPD und Grüne hatten während ihrer Regierungszeit Equal Pay im Arbeitnehmerüberlassungsgesetz (AÜG) festgeschrieben, diese aber unter einen Tarifvorbehalt gestellt, mit dem die gleiche Bezahlung wieder ausgehebelt wird. IG Metall-Chef Huber betonte, dass die Prekarisierung die Zukunft des Wirtschaftsstandortes Deutschland gefährde. Neben Leiharbeit setzen die Arbeitgeber verstärkt darauf, Tätigkeiten über sogenannte Werkverträge auszulagern. Diese sind zu einem beliebten Instrument für Lohndumping, Entrechtung der Arbeitnehmer und Flexibilisierung im Betrieb geworden. Auch das geht zu Lasten der Stammbelegschaften: In über einem Drittel der Betriebe, die Aufträge so auslagern, werden der Befragung zufolge reguläre Jobs gestrichen. Es besteht die Gefahr eines zweiten, ungeschützten Arbeitsmarkts, mit dem Mitbestimmung und Tarifverträge unterlaufen werden.

Kommentiere oder hinterlasse ein Trackback: Trackback-URL.

Kommentare

  • Thomas Wagner  On 24. November 2011 at 19:43

    Diese Zahlen und Fakten sollten sich mal diejenigen im nationalen Spektrum zu Gemuete fuehren, die immer noch meinen, dass das deutsche Grosskapital unbedingt zur Volksgemeinschaft gehoeren muesse. Dasselbe gilt fuer diejenigen, welche wie die Systemvertreter davon schwaermen, wie toll doch Deutschland vom Euro profitiere und hierbei auch die Bezeichnung „Exportweltmeister“ verwenden. Dieser zweifelhafte Titel wurde aber auf dem Ruecken der Arbeitnehmer erlangt, d.h. er beruht auf Lohndumping und Sozialabbau.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: