Nationalbolschewisten in der Kommunistischen Plattform?

Die Kommunistische Plattform, kurz auch KPF genannt, ist ein Arbeitskreis und Zusammenschluss von Kommunisten in der Linkspartei, vormals der PDS, der von Gegnern und Anhängern dem „orthodoxen“ Kommunismus, also dem Marxismus-Lennismus oder auch „Stalinismus“ zugeordnet wird. Die KPF bezieht sich im großen und ganzen auf den Realsozialismus – also auch auf die DDR – und möchte die daraus gezogenen Erfahrungen zu einem zukunftsfähigen Sozialismus weiterentwickeln. Die KPF verfügt laut eigenen Angaben über 1100 Mitglieder, der Verfassungsschutz spricht von 800 Mitgliedern. Die KPF arbeitet darüber hinaus relativ eng mit der DKP zusammen, wobei der Einfluss in der Linkspartei als eher eingeschränkt zu betrachten ist.

Einem in den Jahren 1998 und 1999 geführten „nationalbolschewistischen“ Diskurs in der PDS, an der sich auch unser Autor Michael Nier beteiligte, erteilte die KPF eine Absage. Der Frage und zugleich Aufforderung „wie national muss die Linke sein“, erteilte die Vorsitzender der KPF, Ellen Brombacher eine Abfuhr, indem sie auf die Beiträge der nationalen Linken Roland Wehl und Michael Nier nur mit der Faschismuskeule zu antworten wusste bzw. konnte. Ronad Wehl führte damals im „Neuen Deutschland“ folgendes aus: „Vieles von dem, was in der DDR ‚links‘ war, gilt im vereinten Deutschland als ‚rechts‘. Das betrifft nicht nur die Haltung zur Armee, Polizei und ‚Recht und Ordnung‘. Es betrifft auch das gemeinschaftliche Denken, das in der DDR so stark entwickelt war. Es betrifft die Fürsorge gegenüber dem Nächsten und die Liebe zum eigenen Land. In den Haßgesängen eines Teils dieser Jugendlichen drückt sich auch die Wut über diesen Verlust aus. Darin zeigt sich die Sehnsucht nach etwas ganz anderem: nach Liebe und einer heilen Welt, die in der Erinnerung der DDR ähnelt.Auf diese Sehnsucht muß die Linke eine Antwort haben. Die Antwort kann nicht aus einem Aufguß alter westlinker Stereotypen bestehen. Die PDS darf nicht die Fehler einer alten West-Linken wiederholen, für die das ‚Volk‘ immer nur eine reaktionäre Größe war.“

Vielleicht erfuhr Brombachers Reaktion aber bei vielen deutschen Nationalisten und nationalen Rechten auch einer Fehlbeurteilung. Schließlich hatte Brombacher immerhin Lenin durchaus zustimmend mit den Worten zitiert: „Das Vaterland , d.h. das gegebene politische, kulturelle und soziale Milieu, ist der stärkste Faktor im Klassenkampf“. Der Eindruck der Fehlinterpretation von nationaler Seite verstärkt sich durch einen neueren Debattenbeitrag Brombachers, welcher von antinationaler und antideutscher Seite wohl als „rot-braun“ verunglimpft werden wird.

Brombacher scheint in einem Beitrag zum Thema des „Nationalsozialismus“ die Tradition Richard Scheringers, der sich in der KPD für einen nationalen und sozialistischen Kurs stark machte, entdeckt zu haben. Auf der Debattenseite „Freiheit und Sozialismus“, die dem linken und kapitalismuskritischen Flügel der Linkspartei zuzurechnen ist, schreibt die Vorsitzender der KPF: “Es ist sehr zu begrüßen, dass der Parteivorstand entschieden hat, im Programmentwurf nicht wie ursprünglich formuliert, den Begriff des Nationalsozialismus zu verwenden. Denn den von den deutschen Faschisten zur Selbstbezeichnung gewählten, gleichermaßen demagogischen wie verlogenen Begriff dürfen wir nicht übernehmen. Die deutschen Faschisten waren weder national noch sozialistisch.”

Siehe: http://www.freiheit-durch-sozialismus.de/?p=66

Brombacher spricht der NSDAP also ganz im Sinne des „Scheringer-Kurses“ der Weimarer KPD ab, national und sozialistisch gehandelt zu haben. Viel mehr hätten die „Nazis“- die Brombacher nicht „Nationalsozialisten“ sondern „Faschisten“ nennen möchte – Sozialisten abgeschlachtet und die deutsche Nation in Trümmern gelegt. Das Programm der KPD aus dem Jahre 1930 zur „nationalen und sozialen Befreiung des deutschen Volkes“ hatte die NSDAP des nationalen Verrates beschuldigt und die KPD selbst als einzig wahren nationalen Interessenvertreter bezeichnet. Diese Linie war auf die „Nationalbolschewisten“ Richard Scheringer, Bodo Uhse oder Beppo Römer zurückzuführen, die sich im „Aufbruch-Kreis“ organisierten. Diesem nationalkommunistischen Kreis war dann auch der „revolutionäre Nationalsozialismus“ eines Otto Strasser noch zu „bürgerlich“.

Allerdings ist es zweifelhaft ob sich Scheringer, Uhse und Beppo Römer zum einem in einer „Linkspartei“ organisiert hätten, die auf Multikulti, Auflösung der Familie, Mitarbeit an kapitalistischen Landesregierungen und antideutschen Neocon-Arbeitskreisen setzt. Der Aufbruch-Kreis hätte die Linkspartei vermutlich dem Lager der antinationalen Klassenfeinde der deutschen Arbeiterklasse zugerechnet. Brombacher fühlt sich im Zuge der Multikulti-Ideologie dem bundesrepublikanischen „Antirassismus“ verpflichtet. Die KPF tritt für offene Grenzen für alle Flüchtlinge ein begreift den Multikulturalismus falaterweise als ein Stück „internationaler Solidarität“. In diesem Sinne wären Scheringer, Uhse und auch die DDR unter Ulbricht und Honecker als „rassistisch“ zu diffamieren. Aber wenigstens tritt Brombacher für eine Symbiose von Sozialismus und Nation ein. Ob sie damit in der Linkspartei auf Resonanz stoßen wird, dies bleibt zweifelhaft. Aber immerhin scheint man bei dem Linkspartei-Arbeitskreis „antikapitalistische Linke“ mittlerweile wieder auf nationale Souveränität und den Ordnungsrahmen des Nationalstaates zu setzen, auch wenn man sich der absurden Illusion einer „besseren“ EU hingibt: „Wir wollen eine Europäische Union, die Demokratie und nationalstaatliche Souveränität nicht den Finanzmärkten opfert. Wir weisen alle Angriffe auf die Demokratie in Europa, etwa durch die Etablierung von Durchgriffsrechten auf nationalstaatliche Haushalte, zurück…“ (Newsletter der „Antikapitalistischen Linken“ vom 02.11.2011).

In der Linkspartei lässt sich die Stellung zur Nation kaum nach entsprechenden Arbeitskreisen und politisch-weltanschaulichen Strömungen eingruppieren. Nationalstaatliche Positionen (unter Abstrichen) nehmen linke Sozialdemokraten wie Lafontaine und Maurer, Mitglieder des Arbeitskreises „Sozialistische Linke“ wie Dieter Dehm, aber auch unter dem rechten und prokapitalistischen Reformerflügel gibt es die Anhänger der Nation (Gabi Zimmer, Peter Porsch). Grundsätzlich setzt die Linkspartei aber nicht auf den Nationastaat und die Nation und gibt sich der pseudointernationalistischen Illusion einer „emanzipatorischen“ Aufhebung der Nationalstaaten durch die aufziehende EU-Diktatur hin. Die postmoderne und antinationalstaatliche Haltung wird vor allem von breiten Teilen der Linkspartei-Rechten (Forum Deokratischer Sozialismus, Emanzipatorische Linke, BAK Shalom) vertreten. Aber auch Parteilinke wie Sahra Wagenknecht möchten den „Begriff des nationalen Interesses streichen“. (Wagenknecht in einem Debattenbeitrag in der Zeitung „Freitag“). Bei linken Pseudo“inertnationalisten“ soll ausgerechnet die wirtschaftsfundamentalistische und imperialistische EU die deutsche Nation und den Nationalstaat „positiv überwinden“. Vor allem darf es für diese Form der linken Kapitalismusapologie „kein Zurück zur Nation“ geben.

Reaktionäre Nationalkapitalisten aus dem Eck der „NS“-Orthodoxie benutzen den Vorwurf des „Nationalbolschewismus“ zur Diffamierung von sozialrevolutionären Nationalisten. Dem Wortsinn nach meint Nationalbolschewismus eigentlich die Vergesellschaftung der Produktionsmittel und Betriebe in einer Ein-Parteien-Herrschaft, bei der radikal mit der bürgerlich-kapitalistische Herrschaft gebrochen wird. Der Nationalbolschewismus setzt desweiteren nicht auf die sogenannte „positive Aufhebung“ der Nationen und Nationalstaaten sondern möchte den Realsozialismus im Nationalstaat organisieren Dieses Konzept wurde von Scheringer und anderen KPD-Nationalisten als „Sowjetdeutschland“ bezeichnet. Auf internationaler Ebene trifft dieses Konzept gegenwärtig am ehesten auf die Juche-Ideologie in Nordkorea zu.

Allerdings kann Nationalbolschewismus auch anderst interpretiert werden. Karl Otto Paetel und die Gruppe Sozialrevolutionäer Nationalisten verstanden darunter einen deutschen Nationalkommunismus der den Sozialismus in einem nationalen Rätestaat aufbauen sollte. Der nationale Rätesozialismus sollte durch eine Revolution der Bauern, Arbeiter und der proletarisierten Mittelschicht geschaffen werden. Eine Aufsatzsammlung zu dieser Form des Nationalbolschewismus findet sich in Paetels „nationalbolschewistischen Manifest“. In Deutschland kam der Begriff des „Nationalbolschewismus“ ernsthaft zunächst durch den „Hamburger Nationalkommunismus“ durch die Genossen Lauffenberg und Wolffheim auf, die auf einen nationalen Rätesozialismus setzten. Auf der politisch-korrekten und prokapitalistischen bzw. postmodernen Linken werden heute zudem linke Nationalstaatsbefürworter – wie etwa einige Autoren der Jungen Welt – als Nationalbolschewisten bezeichnet.

Bei der bekannten rusischen Nationalbolschewistischen Partei handelt es sich im eigentlichen Sinn um keine echte „nationalbolschewistische Partei“. Sie erinnert von der Weltanschauung her eher an den aufgelösten „Kampfbund Deustcher Sozialisten“ (KDS). Die russischen „Nationalbolschewisten“ vertreten dabei einen etwas krude wirkenden Mischmasch aus Stalin und Mussolini. Die NBP war auch Mitglied des prowestlichen und neoliberalen Anti-Putin-Oppositionsbündnisses „Anderes Russland“.

Heutige sozialrevolutionäre Nationalisten bieten allen Strömungen in ihren Reihen Platz: Also sowohl denjenigen die sich eher an Scheringer, Paetel oder aber auch an einem Otto Strasser oder Ernst Niekisch ausrichten.

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Kommentare

  • Toby  On 29. Juli 2014 at 10:30

    Otto Strasser war für mich kein Deutscher Nationalbolschewist! Er ließ die Müncher Räterepublik niederschlagen. Außerdem gehörte auch Goebbels dem „linken“ Flügel der NSDAP an, der nichts weiter als ein Lügner und Heuchler war um Kommunisten zu verwirren damit die Faschisten mehr naive Anhänger bekamen.

  • Toby  On 20. August 2014 at 07:55

    Ok hab mich nochmal über Otto Strasser befasst. Er war immerhin gegen den rechtreaktionären Kapp-Putsch. Wie ich schon einmal hier gelesen habe, das Otto Strasser ein rechter Sozialdemokrat war. Rechter Sozialdemokratismus kann man von mir aus halt auch zum Nationalbolschewismus zählen, auch wenn die Meinungen bei anderen auseinander gehen.

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