Besprechungen (8)

Das 20. Jahrhundert war das grausamste Jahrhundert der Menschheitsgeschichte. Krieg und Leid hatte es auch vorher schon gegeben, aber die beiden Weltkriege mit dem Einsatz moderner Waffen stellte alles an bisher Bekanntem in den Schatten. Grund genug nach den Schuldigen für diese Katastrophen zu suchen. Während heute von links bis hin zu bürgerlichen Historikern hinsichtlich des Zweiten Weltkriegs Adolf Hitler und mit ihm die damaligen Deutschen als die Alleinschuldigen oder zumindest als Hauptschuldige gelten, gelangt der US-amerikanische Politiker und Publizist Patrick J. Buchanan zu einem völlig anderen Ergebnis. Für ihn ist Winston Churchill der Hauptschuldige dafür, daß sowohl 1914 als auch 1940 ein jeweils zunächst regionaler Konflikt auf dem europäischen Festland zu einem Weltkrieg ausgedehnt wurde – an der Schwelle zum Ersten Weltkrieg als intriganter britischer Marineminister (Erster Lord der Admiralität), 1940 als kompromißloser englischer Kriegspremier, der die zuvor bestehende „Appeasement“-Politik seines Vorgängers Neville Chamberlain gegenüber Hitler strikt ablehnte, stattdessen alles daran setzte, um 1940 Großbritannien im Krieg gegen das Deutsche Reich zu halten und die USA in diesen Konflikt hineinzuziehen.

Unter Churchill wurden alle Friedensinitiativen von deutscher Seite zurückgewiesen. Stattdessen favorisierte er, der eigentlich antikommunistisch gesinnt war, ein Bündnis mit der Sowjetunion gegen das Deutsche Reich. Nach 1945 war von ihm dann zu hören, die Westalliierten hätten das „falsche Schwein“ – nämlich Hitler statt Stalin – geschlachtet. Der Grund hierfür war Churchills Deutschenhaß, der sich als stärker als sein Antibolschewismus erwies.

Patrick Buchanan geht diesen zeitgeschichtlichen Spuren auf den Grund. Sein Buch ist materialreich, sämtliche Thesen sind gut in einem Anmerkungsparat belegt. Der US-amerikanische Autor vertritt die Auffassung, daß ein Krieg zwischen den angelsächsischen Mächten und Deutschland nicht notwendig gewesen wäre. Die USA hätten ihrem „Isolationismus“ treu bleiben sollen, der laut Umfragen in der Mehrheit der US-Bevölkerung verankert war. Leider hätten die „Interventionisten“ unter Roosevelts Führung die Oberhand bekommen. Dabei hätten man damals in der von weißen bzw. europäisch stämmigen Nationen geführten Welt die kolonialpolitischen Interessen nur abzustimmen brauchen. Die USA hätten sich auf ihr pazifisches und karibisches Imperium konzentrieren sollen, die Briten auf ihre afrikanischen und indischen u. a. Besitzungen. Hitler hingegen hätten die Angelsachsen freie Hand bei seinem Drang nach Osten („Lebensraum im Osten“) lassen sollen. Die imperialistischen Interessen der drei germanischen Mächte (NS-Deutschland, Großbritannien, USA) waren, so Buchanan, nicht in Konfrontation gestanden. Allerdings blieb Churchill der englischen Tradition der „balance of power“ treu, daß nämlich auf dem europäischen Kontinent keine Macht die gesamte Hegemonie erreichen dürfe. Das Ergebnis von Churchills Politik war es, daß Großbritannien sein Weltreich verspielte, seine Weltführungsrolle an die USA abtrat und daß die UdSSR bis 1990 ihre Hegemonie bis zum Thüringerwald ausdehnen konnte.

Dieses zeitgeschichtliche Buch Buchanans ist für wahrheitssuchende Leser schon deshalb zu empfehlen, weil es von einem US-Amerikaner geschrieben ist, der keinesfalls deutschfeindlich argumentiert, dem es auch um das Verstehen Hitlers geht, der aber nicht – wie manche Autoren auf der deutschen Rechten – den Fehler begeht, Hitlers Imperialismus („Lebensraum im Osten“) durch die „Präventivschlag“-These zum Verschwinden zu bringen, was politisch, aber nicht wissenschaftlich motiviert sein mag. Wer das 20. Jahrhundert möglichst objektiv kennenlernen möchte, sollte zu Buchanans Buch greifen.

Jürgen Schwab

Patrick J. Buchanan: Churchill, Hitler und der unnötige Krieg. Wie Großbritannien sein Empire und der Westen die Welt verspielte. Zweite Auflage im Pour le Mérite-Verlag, Selent 2011. 368 Seiten, 25,95 Euro.

Siehe:
http://www.lesenundschenken.de/Buecher/Zeitgeschichte/Churchill-Hitler-und-der-unnoetige-Krieg?xaf26a=9359cac8c26288639dbdcb1886c65911

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Kommentare

  • Thomas Wagner  On 30. Januar 2012 at 20:12

    @Juergen Schwab

    Fuer mich, der das o.g. Buch nicht gelesen hat, stellt sich die folgende Frage. Geht Buchanan als Amerikaner auch auf die Zielsetzungen der amerikanischen Herrschaftselite waehrend des 2. Weltkriegs ein? Der Buchtitel und die von Ihnen gemachte Kurzbeschreibung laesst einen eher das Gegenteil vermuten. Buchanan scheint sich, wohlgemerkt basierend auf den wenigen oben gemachten Informationen, auf Churchill als den Hauptschuldigen zu konzentrieren. Es ist doch aber so, dass auch die Amerikaner ihr ganz eigenes imperialistisches Sueppchen gekocht haben. Man denke nur an die, fuer die US-Aussen- u. Nachkriegspolitik von immenser Bedeutung gewesenen, Ausarbeitungen der „War and Peace Study Group“ des CFR (Council on Foreign Relations), welche uebrigens von der Rockefeller Stiftung finanziert wurden und unter Leitung des Geopolitikers Isaiah Bowman standen. Diese War and Peace Study Group nahm ihre Arbeit bereits Ende 1939 (also gut zwei Jahre vor dem offiziellen Kriegseintritt der USA) auf, und hatte den Auftrag die wirtschaftlichen und politischen Ziele der USA (natuerlich im Sinne der amerikanischen Finanzoligarchie) fuer die Zeit nach dem Krieg festzulegen. Interessant ist auch, dass man von Anfang an davon ausging, dass sich der europaeische Krieg zu einem Weltkrieg ausweiten wuerde und die USA hieraus als Sieger und beherrschende Weltmacht hervorgehen, welche die Welt nach ihren Vorstellungen und Interessen formen wuerde. Im Kontext dieser Nachkriegsplanung wurde auch von einem sich anbahnenden „Amerikanischen Jahrhundert“ (nichts anderes als ein Euphemismus fuer amerikanischen Imperialismus) gesprochen. Erwaehnt sollte auch noch werden, dass z.B. die UNO, sowie zwei wichtige Saeulen der internationalen Finanzoligarchie, naemlich der IWF und die Weltbank, von der „War and Peace Study Group“ des CFR noch waehrend des Krieges angedacht worden waren.

  • sozrev  On 31. Januar 2012 at 05:44

    Thomas Wagner:

    Buchanan dürfte in der Tradition von Hamilton Fish stehen:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Hamilton_Fish_III

  • schwab  On 31. Januar 2012 at 12:21

    @Thomas Wagner

    Ohne jetzt aufs Detail einzugehen: Selbstverständlich geht Buchanan auch auf die eigenständig imperialistischen Strömungen in der US-Politik ein, auf den Gegensatz von Isolationisten und Interventionisten. Churchills Strategie, die USA in den europäischen Konflikt reinzuziehen, mußte auf jeden Fall in den USA auf Gegenliebe – bei den Interventionisten – stoßen.

  • schwab  On 31. Januar 2012 at 15:57

    Verriß des Buchanan-Buches von der „Süddeutschen“:

    http://www.sueddeutsche.de/politik/churchill-hitler-und-der-unnoetige-krieg-hitler-harmlos-1.694353-2

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