Die Linke und die nationale Frage in der BRD (3): Die nationale SED-Opposition

Im Januar des Jahres 1978 veröffentlicht das Nachrichtenmagazin „der Spiegel“ ein Manifest des Bundes Demokratischer Kommunisten Deutschlands in der DDR. Als Verfasser wurde ein ganze Riege höherer und mittlerer Funktionäre der SED ausgemacht. Hierbei handelt es sich um ein Manifest, welches als linksnationale Gegenreaktion auf die antinationale Abgrenzungspolitik Honeckers in den 1970er Jahren betrachtet werden muss. Dieses Manifest gelangt damals auch mit Kenntnis des amtierenden DDR-Ministerpräsidenten Willi Stoph in den Westen.

Die Aufregung im Westen war damals sehr groß, da sich rechtskonservative Kreise von deutschen Kommunisten aus der DDR an die nationale Frage erinnern lassen mussten, wo doch die sogenannte „Entspannungspolitik“ die Frage der Wiedervereinigung scheibar von der politischen Agenda gefegt hatte. Rudi Dutschke kommentierte die Resonanz auf das DDR-Manifest sowohl sarkastisch, als auch verbittert: „Was für ein Wirbel vollzog sich da in BRD-Land? Welch eine linke Verwirrung wurde da nicht offenbar? Der Geschichs- und Identitätsverlust von Generationen eines Landes trat hier für den Augenblick in der vernebelten Öffentlichkeit des Weststaates in Erscheinung. Als das Spiegel-Manifest erschien begannen die ganz Klugen in unserem Land verrückt zu spielen. Den BND und den CIA zum Weltgeist zu erheben, wurde neue Mode, wie wenn umgekehrt Stasi und KGB von Stauß und Löwenthal zum Weltgeist erhoben wurden. Der erfahrene SPD-Taktiker Wehner kann in dem Manifest alleine eine Provokation entdecken, von welcher Seite auch immer.“ (Dutschke in „da/avanti“, Nr. 6/1978).

Und eine „Provokation“ war es auch, was da die SED-Funktionäre forderten und feststellten: „Noch haben die Sowjets ihr Ziel, die Verewigung der deutschen Spaltung nicht erreicht. Auch die Deutschlandpolitik der SED-Spitze ist bislang gescheitert. Theorie und Praxis des SED-Politbüros unter Honecker stehen im direkten Gegensatz zur Theorie und Praxis der kommunistischen Parteien. Die historischen Erfahrungen in der UdSSR, Vietnam und Korea beweisen die Richtigkeit der theoretischen Verallgemeinerung sowjetischer Wissenschaftler, dass die nationale Komponente langlebiger als die nationale ist.“

Weiter hieß es im Manifest: „Die deutsche Arbeiterklasse ist eine Arbeiterklasse und muss es bleiben. Jahrhunderealte Tradition und Blutsbande sind weder durch imperialistische Machtpolitik noch durch Politbüro-Quislinge zerstörbar….kein Konzept konnte die Spannung an der Grenze und um die Grenze lösen. Keine pseudotheoretischen Haarspaltereien um die Nation schaffen das praktisch ungelöste nationale Problem aus der Welt. Damit bleibt ein für den Weltfrieden gefährlicher Spannungsherd auch weiterhin bestehen.“

Nach dieser Lageanalyse formulierte die nationale SED-Opposition ihre politische Zielvorstellung: „Es ist unser Ziel, in ganz Deutschland auf eine demokratisch-kommunistische Ordnung hinzuwirken, in der all Menschenrechte für die Bürger voll verwirklicht sind. Die demokratischen Kommunisten können in Deutschland nur zu politischen Einfluss gelangen, wenn sie die erste Forderung von Marx in der Revolution von 1848 zu ihrer eigenen machen und unverrückbar daran festhalten: Ganz Deutschland wird zu einer einigen, unteilbaren Republik erklärt“.

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Kommentare

  • Lawrenti  On 31. Januar 2012 at 06:04

    „Als Verfasser wurde ein ganze Riege höherer und mittlerer Funktionäre der SED ausgemacht.“

    Das hat so nicht gestimmt. Professor Hermann von Berg war der alleinige Verfasser des Manifests (von Berg diktierete den Text dem Ost-Berliner Korrespondenten des „Spiegel“).Hermann von Berg gehörte zu einem informellen Diskussionskreis von Gesellschaftswissenschaftlern und Funktionären (ranghöchstes Mitglied war Gerhard Weiss – ständiger Vertreter der DDR beim RGW), die den Text des Manifests vor der „Spiegel“-Veröffentlichung nicht gekannt haben. Einen „Bund Demokratischer Kommunisten Deutschlands in der DDR“ hat es nie gegeben.

  • schwab  On 31. Januar 2012 at 13:53

    Wahrscheinlich war „Bund demokratischer Kommunisten“ keine Eigenbezeichnung einer Gruppe, sondern dies wurde in den westlichen Medien so kolportiert. Damit war möglicherweise der entsprechende „informelle Diskussionskreis von Gesellschaftswissenschaftlern und Funktionären“ in der DDR gemeint!?

  • Lawrenti  On 3. Februar 2012 at 08:57

    @schwab

    Beide Vermutungen dürften zutreffen. Den Namen „Bund demokratischer Kommunisten“ wird sich der „Spiegel“ ausgedacht haben und mit dem Bund war der informelle Diskussionskreis gemacht.

    Es gibt Parallelen zur nationalkommunistischen Gruppe um Wolfgang Harich 1956. Harich hatte seine „Plattform“ allerdings auf Drängen der anderen Gruppen-Mitglieder ausgearbeitet und wollte Ulbricht stürzen, Hermann von Berg war ohne Wissen seiner Diskussionspartner zum „Spiegel“ gegangen. An einen Sturz der Honecker-Führung in kurzer Frist haben (realistischerweise) werder Hermann von Berg noch die andren Leute aus diesem Kreis gedacht.

    Weder Wolfgang Harich noch Hermann von Berg ist es übrigens im BRD-System seit der Wende besonders gut gegangen – was für beide sprichtihn spricht.

    Siehe auch

    »Raubritter in Bandenburg«
    Der Fall Hermann von Berg: Nach 22 Jahren Kampf gegen »Rückübertragung« soll sein Haus am Mittwoch vom Gerichtsvollzieher geräumt werden
    Von Arnold Schölzel
    http://www.jungewelt.de/2012/01-16/034.php

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