Eingebettet – Mediale Kriegshetze eskaliert

Dokumentiert aus der Tageszeitung Junge Welt.

Mediale Kriegshetze eskaliert
Von Werner Pirker

Zwei in die Anti-Assad-Front »eingebettete« Journalisten, die US-amerikanische Reporterin Mary Colvin und der französische Fotograf Remi Cochlin, sind Opfer ihrer kriegshetzerischen Tätigkeit geworden. Sie seien im Bombenhagel der syrischen Streitkräfte ums Leben gekommen, wird berichtet. Gewalt hat einzig auf der Regierungsseite wahrgenommen zu werden. Daß es sich längst nicht mehr um die blutige Niederschlagung friedlicher Proteste handelt, sondern um einen bewaffneten Konflikt, ist dem journalistischen Begleittroß der von Westmächten und arabischen Monarchien ausgehaltenen Rebellentruppen zwar bekannt, doch läßt sich die Geschichte vom Assad-Regime, das auf »das eigene Volk« schießen läßt, viel eindrucksvoller erzählen. Als würden die Aufständischen nicht auch auf das eigene Volk schießen.

Inzwischen wurde medial eine neue Runde der Eskalation eingeleitet. Aus dem »Krieg gegen das eigene Volk« ist ein gezielter Völkermord geworden. »Es ist wie in Srebrenica«, beschreibt Spiegel online die Kämpfe um die Rebellenhochburg Homs. Um ein zweites Srebrenica zu stoppen, erscheint jedes Mittel recht – auch das einer westlichen Militär­intervention. Daß aus der – offiziell entwaffneten – UN-Schutzzone 1995 heraus gezielt Serben in den umliegenden Dörfern terrorisiert und ermordet wurden, bevor die bosnisch-serbische Armee einrückte, tut seiner Instrumentalisierung für immer neue Srebrenicas, das heißt Anlässe für imperialistische Ordnungskriege keinen Abbruch.

In Syrien tummeln sich von der Regierung in Damaskus akkreditierte ausländische Journalisten. Daneben gibt es illegal ins Land gereiste Berichterstatter, die zumeist auch Mitarbeiter diverser Dienste sind. Die geballte Medieneinfalt ist auf eine einseitige Berichterstattung eingeschworen. Für die Herstellung günstiger Arbeitsbedingungen hat dann auch noch das Regime, dessen Sturz herbeigeschrieben werden soll, zu sorgen. Man fühle sich von wichtigen Informationen abgeschnitten, beklagt die Meute. Ein Umstand, der sie aber keineswegs daran hindert, die alleinige Deutungshoheit über die Geschehnisse im Lande zu beanspruchen.

Wie ihre libyschen Brüder wollen sich auch die syrischen Rebellen von den westlichen Interventen zur Macht tragen lassen. Zu einem aus eigener Kraft herbeigeführten Umsturz fehlt es an revolutionärem Potential. Die Gesellschaft ist gespalten – zumeist entlang konfessioneller Linien. Sollte sich das Anti-Baath-Lager durchsetzen, wäre das nicht das Ende des Bürgerkrieges, sondern der Beginn eines neuen Gemetzels zwischen den Siegern des Bürgerkrieges. Ein neues emanzipatorisches Projekt, das sowohl auf die Aufhebung der Baath-Diktatur, als auch die Überwindung sektiererischen Wahns gerichtet ist, kann nur im nationalen Dialog, der sich jegliche ausländische Einmischung verbittet, hergestellt werden.

Die imperialistische Einmischung hat aber bereits eine Intensität erreicht, daß ein solches Szenario, zumindest kurzfristig, nicht mehr möglich sein dürfte.

Junge Welt, vom 23.02.2012

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