No-Go-Areas

Folgender Text stammt aus dem Jahr 2007.

Meine Kolumnen auf Altermedia scheinen die Geister zu scheiden, wobei – neben viel Zustimmung – mancher Diskutant in den Kommentarspalten mein Anliegen noch nicht begriffen hat. Dieses Anliegen hat nichts mit MORAL zu tun, über die man besitzt oder auch nicht; die man auf jeden Fall nicht zur Schau tragen sollte. Politisches Denken und Moralismus vertragen sich nun einmal überhaupt nicht. Es geht um das Aufzeigen von Interessen und Konfliktlinien und nicht darum, wer nun der Schuldige ist, über den man sich öffentlich empört, um sich in der Rolle des Moralisten selbst zu inszenieren. Nur Moralisten wissen einen Tag nach „Mügeln“, wer die Täter und die Opfer sind.

So werden meine Texte von manchen rechten Moralisten als unmoralisch empfunden, wenn sich diese gegen das Privateigentum des Kapitals richten, linke Moralisten halten dann meinen Hinweis für unmoralisch, daß sich menschliches Leben zwar zivilisatorisch vom Tierreich unterscheidet und unterscheiden sollte, daß aber die menschliche Zivilisation nur eine verdammt dünne Schicht über dem Zusammenleben von menschlichen Gruppen ist, die in einer Krisensituation schnell zerreißen kann – und man befindet sich wieder, um es mit Thomas Hobbes auszudrücken, im Kampf jeder gegen jeden.

Was linke Ideologen überhaupt nicht wahrhaben möchten, ist die Tatsache, daß es die Solidarität des internationalen Proletariats nur in ihrer Wunschvorstellung gibt. Klassengegensätze gibt es, aber immer innerhalb einer Nation. Der Staat kann sich wie im Mittelalter und Barock mit adeliger Elite formieren oder wie im 19. Jahrhundert bis heute unter Führung der Bourgeoisie, oder auch unter der des Proletariats bzw. entsprechender Klassenparteien. Dies ändert aber nichts daran, daß türkische Arbeiter Türken und deutsche Arbeiter Deutsche sind. Die Erfahrung stützt solche Behauptung. Als ich nach den Ereignissen von Mügeln über die öffentlich inszenierte „moralische“ Empörung des BRD-Gutmenschentums erfuhr, wurden bei mir sofort Erinnerungen wach, die mich zu der Kolumne „Deutsche Jungmänner in Aktion“ animierten.

Es war Ende der 1980er Jahre, als ich mit zwei meiner Kameraden, darunter der heutige NPD-Bundespressesprecher Klaus Beier, eine Provinz-Disko in Kleinwallstadt/Main (bei Aschaffenburg) aufsuchte. Die Disko war schon von Türken besetzt, was uns in dem Moment nicht störte. Es fiel kein böses Wort, plötzlich wurden wir drei von der Tanzfläche gedrängt. Die Blessuren waren schnell verheilt. Wir wären damals auch nicht auf die Idee gekommen, bei der Polizei Anzeige zu erstatten und uns beim „Main Echo“, der Lokalzeitung, auszuheulen, zumal niemand uns Gehör geschenkt oder eine Fernsehkamera vor uns aufgebaut hätte; im Gegenteil, Deutsche, zumal, wenn sie im NW organisiert sind, sind in solchen Kreisen, die gerne zum Moralisieren neigen, grundsätzlich Täter. Und schließlich sind bestimmte Gegenden im Raum Aschaffenburg schon damals türkisch befreite Zonen bzw. „No-Go-Areas“ für Deutsche gewesen.

(Daß bei den Gutmenschen Deutsche in solchen Auseinandersetzungen immer die Täter und die Fremden die Opfer zu sein haben, dies ist auch dem sächsischen CDU-Politiker Heinz Eggert aufgefallen, der in der „FAZ“ (vom 25.8.2007) feststellt: „In Mügeln wurden acht Inder, vier Deutsche und zwei Polizisten verletzt.“ Aber aus dem Radio erfahre ich von „Bayern 5“ nur etwas von den acht indischen Opfern, zumal der Hergang des Streits wohl derzeit noch von Polizei und Staatsanwaltschaft untersucht wird.)

Ein paar Jahre später, es war Anfang der 1990er Jahre, ich studierte zu dieser Zeit in Bamberg, erhielt ich Besuch von zwei Kameradinnen aus Sachsen. Die meinten zu mir, daß es doch unglaublich sei, daß sich um den Bamberger Bahnhof herum so viele Ausländer „herumtrieben“. Ich sagte den beiden Mädels, daß das im Wessiland „völlig normal“ sei, dies falle unsereins schon gar nicht mehr auf, zumal ich in meiner Kindheit Fußball spielte und es in den entsprechenden Mannschaften immer auch mit Türken zu tun hatte, mit denen ich mich im übrigen prima verstanden hatte.

Ich wurde dann ein paar Wochen später zu einem Gegenbesuch in den Raum Dresden eingeladen. Dort ging es abends ins ländliche Umland. Mehrere Kameradinnen und Kameraden fuhren in einer Autokolonne in ein Dorf, besuchten dort die Disko. Nun erlebte ich, daß hier die zahlenmäßigen Kräfteverhältnisse anders ausschauten als in meiner Heimat. Auf der Tanzfläche bewegten sich ein paar Ausländer, die ziemlich rasch von Deutschen unsanft verdrängt wurden. Man sei schnell einmal „flitzen“ gegangen, hieß es danach. Nach der Aktion meinten die sächsischen Jungmänner zu mir, daß es völlig normal sei, daß Ausländer hier nichts zu suchen hätten, und auch die Kameradinnen, die dabei standen, erweckten in der Aussprache den Anschein, daß es völlig normal sei, daß das „Revier“, dem auch sie angehörten, von den deutschen Männern zu verteidigen sei. Das sei schon so zu „Ostzeiten“ gewesen. Auch wenn man solchen archaischen Bräuchen mit gemischten Gefühlen gegenübersteht, aber mir wurde damals bewußt, daß der Individualismus im mitteldeutschen Arbeiter- und Bauernstaat nicht so stark ausgeprägt gewesen war wie bei uns in der amerikanisch besetzten Zone.

Es ist naheliegend, daß ich bis heute zwischen den beiden Erlebnissen (in Kleinwallstadt und in Sachsen) einen Zusammenhang sehe. Allerdings habe ich mich dann in den letzten Jahren zum Theoretiker weiterentwickelt, der solche Ereignisse nicht mehr zuallererst emotional und moralisch betrachtet, sondern politisch. Das heißt, ich habe den Türken, die damals in Kleinwallstadt glaubten, ihr Revier verteidigen zu müssen, nichts vorzuwerfen. Es würde ja gerade von Politikunfähigkeit zeugen, dem Türken vorzuwerfen, daß er Türke ist, dem Juden vorzuwerfen, daß er Jude ist und dem Polen vorzuwerfen, daß er als Pole natürlich die deutschen Ostgebiete behalten möchte, auf die die Polen schon seit 300 Jahren Anspruch erheben. Hier geht es im Stile von Machiavelli einfach nur um Machtfragen und nicht um Moral.

Als ich in diesem Jahr an Christi Himmelfahrt mit der Bahn an Kleinwallstadt vorbeifuhr, schlenderte im Zugabteil ein junger Türke an mir vorbei und fragte mich, ob „heute der Mediamarkt aufhat“. Ich erklärte ihm höflich, daß an diesem Tag christlicher Feiertag sei und die Geschäfte geschlossen haben. Er nickte und ging weiter.

Jürgen Schwab

Bücher von Jürgen Schwab:
Die Manipulation des Völkerrechts. Wie die „Westliche Wertegemeinschaft” mit Völkermordvorwürfen Imperialismus betreibt. Kyffhäuser Verlag, Mengerskirchen 2011, 14,95 Euro.
Angriff der neuen Linken – Herausforderung für die nationale Rechte. Hohenrain Verlag, Tübingen 2009, 19,80 Euro.
Die „Westliche Wertegemeinschaft”, Abrechnung, Alternativen. Hohenrain Verlag, Tübingen 2007, 19,50 Euro.
Volksstaat statt Weltherrschaft. Das Volk – Maß aller Dinge. Hohenrain Verlag, Tübingen 2002, 9,80 Euro.

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Kommentare

  • Freidenker  Am 23. März 2012 um 22:18

    Jemanden in der Disko nur wegen seiner Volkszugehörigkeit von der Tanzfläche zu drängen stellt ein ethisches Fehlverhalten dar. So etwas ist abzulehnen, gleich ob inländerfeindlich oder ausländerfeindlich motiviert.
    Politik kann nicht immer nach ethischen Kriterien gestaltet werden. Doch eine Politik ohne Ethik tendiert besonders zu Fehlern und Unrecht, da ihre Grundlagen unvollständig sind.

  • Schwab  Am 24. März 2012 um 12:00

    @Freidenker

    Seh ich genauso. Nur indem wir uns jetzt gegenseitig versichern, welche guten Menschen wir doch sind, bringen wir die weniger schönen menschlichen Verhaltensweisen, die in jedem Menschen angelegt sind, nicht aus der Welt. Die Politik muß halt darauf reagieren, so oder so. Der Staat ist aber nicht zu jederzeit auf jeder Dorfdisko präsent. Vielleicht im Nachhinein, wenns ne Strafanzeige gibt.

  • Thomas Wagner  Am 24. März 2012 um 20:58

    @Schwab

    „Es geht um das Aufzeigen von Interessen und Konfliktlinien……..“

    Ein fehlendes politisches Denken in diesem Sinne zeigt sich z.B. immer wieder bei dem vieldiskutierten Thema der Auslaenderbeschaeftigung. Teile der deutschen Rechten geben den Auslaendern selbst (insbesondere den Moslems unter ihnen) die Schuld fuer ihre Anwesenheit in Deutschland. Die hierbei zugrunde liegenden Interessen des Grosskapitals werden aber nicht angesprochen oder erkannt. Diese Erkenntnis (Primat der Wirtschaft ueber die Politik) sehe ich aber als eine Voraussetzung fuer das Herausbilden eines Systembewusstseins, welches wiederum die Grundlage fuer nationalrevolutionaeres Handeln ist.

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