Publizist Alain de Benoist setzt auf Föderalismus statt Nationalismus

Folgender Text erschien vor einigen Jahren in der Deutschen Stimme.

Wer sich mit der politischen Theorie der Neuen Rechten auseinandersetzen will, kommt an dem umfassenden Werk von Alain de Benoist nicht vorbei. Der maßgebliche Vordenker der französischen Nouvelle Droite wird auch mit seiner Neuerscheinung unter dem Titel »Schöne Vernetzte Welt« die intellektuelle Debatte im nationalen und rechtskonservativen politischen Spektrum beleben. Dabei handelt es sich um eine Aufsatzsammlung zu verschiedenen Themen, die sich alle unter der Rubrik »Kritik an der Globalisierung« zusammenfassen lassen und die zuvor in vor allem französischen Zeitschriften erschienen waren.

Fundiert analysiert Benoist die geistigen Grundlagen und Funktionsmechanismen des kapitalistischen Freihandels, der heute inklusive amerikanischer Weltherrschaft weitläufig als Globalisierung bezeichnet wird. Der damit einhergehenden kulturellen Nivellierung und dem Diktat des Ökonomischen setzt der Autor Basisdemokratie auf Gemeindeebene und kulturelle Selbstbestimmung der Regionen entgegen und greift dabei geistesgeschichtlich ins deutsche Mittelalter zurück. Benoist bietet seinem Publikum das Heilige Römische Reich Deutscher Nation, das noch keine moderne Staatlichkeit kannte, als Gegenentwurf zur Globalisierung an – Dezentralisierung statt Zentralismus lautet die Devise. Hingegen wird der Nationalstaat, weil »zentralistisch«, als mögliche Ordnungsalternative vom Autor in Bausch und Bogen verworfen. Das mag den nationalen deutschen Leser zunächst verwundern, doch es muß bei einer allzu schnellen fundamentalen Kritik an den Thesen von Benoist berücksichtigt werden, daß hier ein explizit französischer Autor schreibt, der das geschichtliche Trauma der grande nation als Maßstab verwendet, um den Nationalstaat letztendlich als denkbaren Ausweg aus der Globalisierungsfalle zu verwerfen.

Stattdessen propagiert Benoist ein föderal strukturiertes vereinigtes Europa. Dagegen einzuwenden wäre, daß – bei aller Kritik des Autors an den ökonomisch fixierten Auswüchsen der EU – ein solches Modell heute gerade in der BRD vom gesamten Establishment vertreten wird und schon deshalb ein »föderales Europa«, wie von Benoist angepriesen, kein exklusives Gegenmodell zur vorherrschenden Politik in der BRD darstellen kann. In Frankreich, wo die herrschende politische Klasse traditionell auf nationalen Zentralismus setzt, mag dies aber durchaus anders aussehen. Deswegen schon können Benoists Thesen gegen den Nationalstaat nicht als richtig oder falsch, sondern als notwendige Kritik eines überzeugten Ethnopluralisten am künstlichen Konstrukt einer französischen Staatsnation gewertet werden.

Aus der Momentaufnahme heraus wagt Benoist die These, daß (heute!) der Nationalstaat »von unten« (Regionalismus und soziale Bewegungen) und »von oben« (Internationalisierung) ausgeschaltet wird und somit kein Ordnungsmodell mehr darstellen könne. Das erscheint dem Rezensenten zu strukturkonservativ gedacht, vergleichbar mit den linken Globalisierungsgegnern, die gegen die realexistierende Globalisierung demonstrieren und randalieren, jedoch darüber hinaus kein Gegenkonzept vorzuweisen haben, worüber auch der Allgemeinplatz »wir sind für eine bessere, nämlich humanere Globalisierung« nicht hinwegtäuschen kann.

In ähnlicher Weise möchte Benoist die für ihn scheinbar zwangsläufige Globalisierung und ethnische Vermischung regionalistisch irgendwie entschärfen und ausgleichen, indem er, wie er präzise ausführt, den Bereich zwischen atomisiertem Individuum und Einheitsnationalstaat wiederbeleben möchte. So soll dem globalen Menschen als Ausgleich zur Internationalisierung die Identität ganz unten, in der Gemeinde und in der Region, zuteil werden. Und über der Region kommt dann gleich – scheinbar ohne Zwischenschritt – Europa. Man arrangiert sich mit den globalistischen »Realitäten« und möchte sich darin so gut wie irgendwie möglich einrichten. Ein wirklich nationalpolitischer Ansatz – den Benoist für sich ja gar nicht in Anspruch nimmt, ihn vielmehr negiert – müßte hingegen vom zwangsläufigen Scheitern der Globalisierung ausgehen und gerade im deutschen Nationalstaat d i e Ordnungsalternative sehen.

Die Gleichsetzung von Jakobinertum und Nationalstaat, die Benoist vornimmt, mag für Frankreich historisch zutreffen, dem zu rekonstruierenden deutschen Nationalstaat liegt hingegen eine Abstammungsnation zugrunde, die der Staatsnation vorausgeht. Bei den Deutschen fallen Volk (als biologische Einheit) und Nation (als geistige Einheit) vom Gegenstand her zusammen. Im deutschen Nationalstaat (als politische Einheit) finden sie zu einer Einheit in Vielfalt zusammen. Während es sich also immer um den gleichen Gegenstand handelt, wechselt bloß die Kategorie (biologisch, geistig und politisch). Während der französische Absolutist und Jakobiner immer bestrebt war, das unterschiedliche Volkstum von germanisch sprechenden Elsässern und Flamen, keltischen Bretonen, romanischen Westfranken, Okzitaniern, Katalanen, Korsen und Basken zu »homogenisieren«, also auszulöschen, um erst auf künstlichem Wege eine homogene Staatsnation mittels Druck von oben, vor allem durch die Ausschaltung der kommunalen und regionalen Selbstverwaltung, gewaltsam herbeizuführen, ist die Homogenität des deutschen Volkes – als Gemeinschaft der westgermanischen Stämme – natürlich historisch gewachsen. Die Deutschen stellen eben im Gegensatz zu den Franzosen e i n Volk dar. Die stammesregionalen Unterschiede zwischen Bayern, Sachsen, Mecklenburgern, Schlesiern und Westfalen widersprechen nicht der Gemeinschaft, sondern stützen sie. Die wenigen in Deutschland ansässigen Menschen anderer Volkszugehörigkeit, die hier wirklich ihr traditionelles Heimatrecht haben, wie die Dänen und Sorben, stellen allenfalls die Ausnahme und nicht die Regel im Rahmen der deutschen Nation dar. Von diesen Minderheiten geht keine Gefahr für die deutsche Nation aus, weshalb man schon aus diesem Grunde kulturpolitisch großzügig ihnen gegenüber verfahren kann.

Wenn Benoist aus französischer Perspektive völlig zurecht auf einen Widerspruch zwischen Nation und Region hinweist, so ist das in Wirklichkeit, und seine Ausführungen machen das gut deutlich, ein Konflikt zwischen verschiedenen Völkern auf französischem Staatsterritorium, die verschiedenen Sprachen, oftmals sogar unterschiedlichen Sprachfamilien (romanisch, germanisch, keltisch, baskisch) zuzuordnen sind; in Deutschland hingegen muß sich heute der Regionalismus nicht gegen den deutschen Nationalstaat richten, der ja erst zu schaffen wäre, sondern dieser betrifft die widersinnige »regionale« Gliederung des westdeutschen Staatsgebietes nach 1945. Man denke nur an die vielen Bindestrichbundesländer im Westen der Republik. So leben die Rheinländer gleich in zwei Bundesländern (Nordrheinwestfalen und Rheinland-Pfalz), während sich die Westfalen mit den nördlichen Rheinländern eines teilen müssen, die Osnabrücker fühlen sich zwar als Westfalen, gehören aber zu Niedersachsen, die Franken – ohne eigenes Bundesland – sind aufgeteilt auf Bayern, Baden-Württemberg und Thüringen, die Badener wollten in den fünfziger Jahren ursprünglich ein eigenes Bundesland, was ihnen demokratiewidrig verwehrt wurde, die Schwaben leben in den Bundesländern Bayern und Baden-Württemberg und so weiter und so fort. Die Beispiele machen es deutlich: Der Regionalismus in Deutschland ist eine Angelegenheit unter den deutschen Stämmen, welche aber dennoch ihre gemeinsame Nationalkultur und die germanisch-deutsche Geschichte eint. Im deutschen Kulturraum müssen Regional- und Nationalkultur keine Gegensätze darstellen, das zeigt die deutschsprachige Schweiz, wo der Zuschauer im Fernsehen zwischen Programmen im Hochdeutsch und im Schwyzerdütsch auswählen kann.

Es bleibt dabei: Für die Deutschen ist der Nationalstaat d e r Gegenentwurf zur Globalisierung, während für Frankreich möglicherweise die Rettung der Identitäten nur in einer Regionalisierung liegt. Schon Benoists Verwendung der Begriffe »Region« und »Regionalismus« macht deutlich, daß es kein einheitliches politisches Denken in Europa geben kann (und auch nicht geben muß!), weil die kulturellen und historischen Voraussetzungen zu verschieden sind. Gerade aber deswegen lohnt sich die Lektüre von Benoists neuem Buch »Schöne Vernetzte Welt«. Es zeigt auf, wo die Gemeinsamkeiten, aber auch wo die Unterschiede der europäischen Nationen liegen.

Jürgen Schwab

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Kommentare

  • Kaan Mutver  On 12. April 2012 at 21:38

    Meiner Meinung nach spricht nichts gegen ethnische Vermischung und Entwurzelung, denn schlussendlich sind wir alle HOMO SAPIENS!

  • EdOne  On 19. August 2012 at 20:46

    Auf den ersten Blick hatte ich gedacht, es spiegelt die spanische Problematik. Ich hätte trotzdem als spanische Nationalist, sozial-revolutionäre „falangista“ folgendes zu widerlegen:
    Spanien ist eine Nation mit unterschiedliche Völkern und Sprachen. Wir, „falangisten“ erkennen diese Pluralität, diese Regionen bilden zusammen was wir als UNA, GRANDE, LIBRE (eine, große freie Nation). Alle diese Regionen bilden eine Einheit als „historische Schicksalsgemeinde“. Nation und Regionen müssen sich nicht unbedingt widersprechen. Föderalismus (und seine Begründung) hat in der letzten Jahren der Reich reicher gemacht, weil diese Föderalismus sich meistens an der Kapital Strukturen angelehnt hat, benutzt haben sie aber die unterschiedliche Identität zu die anderen spanische Völker.
    Region und Regionalismus sind integriert, gehören zur Nation. Föderalismus hat die spanische Realität zerstört. Meine Meinung nach kommt zuerst das Individuum, dann die Familie, die Gemeinde, das Syndikat (or whatever), der Staat als spanische Nation und dann Europa als eine historisch, kulturelle Einheit.
    Unterschiedliche Sprachen gründen nicht unterschiedliche Nationen. Leider verstehen Basken und Katalanen Spanien als ein Angriff gegen sie. Ich bin selber in Bilbao geboren, ich bin baske aber über alles Spanisch. Man vergisst oft wie viele von uns gibt. Nicht alle sind Separatisten in der „Baskenland“.
    Regionalismus sollte in Spanien die verschiedene Kulturen, Sprachen, Bräuche etc. miteinander verbinden, um die spanische Identität neu zu gestalten.

    Ubrigens: ist eure e-mail adresse „sachedesvolkes@gmx.net“ noch aktuell?

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