Verschwinden in der Nebelregion

Hier nun der zweite Teil der Serie zur Kritik der Umdeutung des Antifaschismus hin zu einer Ideologie der Legitimation des Kapitalismus. Veröffentlicht in der Tageszeitung Junge Welt.

Position. Die Einsicht, daß Antifaschismus und Antikapitalismus zusammengehören, droht verlorenzugehen. Teil II (und Schluß): Die Antifa 2.0 und der Haß auf die Unterschichten.

Nie wieder Deutschlandfähnchen auf Kleinwagendächern. Dafür zu sorgen, zählen viele Antifas, nicht nur während Fußballweltmeisterschaften, zu ihren vornehmsten Pflichten. Einige bekämpfen mit Inbrunst die »virulente Gefahr«, die Hipstern und Besserverdienenden in Neukölln von dem dort ansässigen Lumpenproletariat droht. Zur Opposition gegen die gewaltsame Durchsetzung imperialer Großmachtinteressen Deutschlands, heute am Hindukusch, morgen vielleicht in Mali, zählen sich hingegen nur wenige. »Laßt es krachen, laßt es knallen – Deutschland in den Rücken fallen!« skandieren Antifaschisten auf ihren Demonstrationen, und tun dann genau das nicht. Ob es um »Leopard-2«-Panzer für Saudi-Arabien geht, den U-Boot-Deal mit Israel oder eine nicht zuletzt von deutschen Exportweltmeisterinteressen dominierte Spardiktatur über die Arbeiterklasse in Südeuropa: Einem großen Teil der Antifa fällt dazu bestenfalls nichts ein.

Einige treiben die Diskreditierung emanzipativer sozialer Kämpfe massiv voran. Sie möchten eine Erkenntnis von Bertolt Brecht lieber heute als morgen auf dem Müllhaufen der Geschichte sehen: daß den Faschismus nur bekämpfen kann, »wer das Privateigentum an Produktionsmitteln, und was immer dazugehört, aufgibt und wer also zusammen mit jener Klasse kämpfen will, die das Privateigentum am heftigsten bekämpft«.

Abschied vom Proletariat

In den 1990er Jahren noch ein schleichender Prozeß, war spätestens 2001 klar, daß es Bestrebungen gab, den revolutionären Antifaschismus von der Agenda der Linken verschwinden zu lassen. Die Antifaschistische Aktion/Bundesweite Organisation (AA/BO) gab auf dem Kongreß »2001 – das Jahr, in dem wir Kontakt aufnehmen« ihre Auflösung bekannt. Als Zerfallsprodukt und gleichzeitiges Aufbruchssignal in ein neues Antifa-Zeitalter, das vor allem von Spaltungsprozessen und Anästhesierung radikaler Praxis gekennzeichnet ist, wurde die »Antifa 2.0« aus der Taufe gehoben und die Zeitschrift Phase 2 gegründet.

Die »schematische Rückführung« gesellschaftlicher Übel auf den Kapitalismus, ein »typisches Überbleibsel des revolutionären Antifaschismus«, sei in Phase 2 mehr und mehr unterlassen worden, stellt ein Gründungsmitglied der Redaktion zufrieden fest. Zwar ließen noch nicht alle vom »Arbeiterbewegungsmarxismus« vollständig ab, einige hielten noch an »Instrumenten der traditionellen Kapitalismuskritik« fest. Aber ein »Großteil der Antifa« habe schon »die Konstruktionen von Volk und proletarischen Massen als Teil des Problems« erkannt, lautete 2002 die Vollzugsmeldung von Phase 2, die programmatisch für die Antifa 2.0 werden sollte.

Abgesehen davon, daß der Begriff »Volk« nicht unweigerlich mit dem völkischen Denken der Nazis oder anderer Reaktionäre in Verbindung gebracht werden kann (weil er in traditionslinken Publikationen oftmals als Synonym für die unteren Klassen verwendet wurde), die Kategorie des »Volkes« im Sinne einer Nation keine statische, sondern ständig im Wandel ist, ihre historisch spezifischen Erscheinungsformen hat und kein Matrixbestandteil traditionslinker Theoriebildung ist – hier wollen offenbar ausgerechnet diejenigen, die heute lauthals das Erbe der 1932 aus der KPD hervorgegangenen Antifaschistischen Aktion für sich beanspruchen, mit der Arbeiterbewegung kurzen Prozeß machen.

Diese Haltung hat sich in Teilen der Antifabewegung etabliert. Die These, Faschismus sei eine Form bürgerlicher Herrschaft, dürfe nicht verabsolutiert werden, behauptete jüngst das Bundesausschußmitglied der VVN-BdA und Redakteur ihres Organs antifa, Peter C. Walther. »Und sie darf auf keinen Fall dazu führen, deshalb in der Konsequenz als Antifaschist ›bürgerliche Herrschaft‹ bekämpfen zu wollen.« Der Buchautor Conrad Taler betont in einem antifa-Beitrag, daß der Antifaschismus »kein ›Teil des internationalen Klassenkampfes‹« ist.

Daß der Kapitalismus eine durch die private Aneignung gesellschaftlicher Arbeit vermittelte Herrschaft des Menschen über den Menschen ist, gilt vor allem vielen autonomen Antifas 2.0 mittlerweile als abwegige Vorstellung. Auf unzähligen Homepages ist unisono von einer »apersonalen Herrschaft« des Kapitals die Rede. Privilegierte gebe es genausowenig wie US-Imperialismus, meint beispielsweise die antifaschistische Gruppe Tomorrow. Wer anderes behaupte, erliege nicht nur einem »Trugschluß« – die »Einbildung einer herrschenden Klasse o.ä. ist bereits der erste Schritt zur Ideologie des Antisemitismus«. Ausbeuter und Ausgebeutete würden der »Gewalttätigkeit« des Systems »gleichermaßen unterworfen« sein: »Der Unternehmer, welcher dafür Sorge tragen muß, daß eine gewinnbringende Produktion am Leben erhalten wird, ebenso wie die Arbeiterin, welche ihre Arbeitskraft dafür auf dem Markt anzubieten hat«, verkündet eine Antifa-Gruppe, was Philipp Rösler und der Arbeitgeberverband immer schon gewußt haben – und eine Lüge ist, die Karl Marx erschaudern und solchen Demagogen entgegnen ließ: »Überhaupt ist zu bemerken, daß da, wo Arbeiter und Kapitalist gleich leiden, der Arbeiter an seiner Existenz, der Kapitalist am Gewinn seines toten Mammons leidet.«

Echte und wahre Nazis

Auch die Antifa RGB findet, die »Macht der Reichen« sei eine Phantasmagorie – beispielsweise von der Globalisierungskritikerin Arundhati Roy. Weil sie nicht verstanden habe, »daß jeder Mensch auf der Welt seinen Teil zur Erhaltung der bestehenden Verhältnisse beiträgt, indem er gegen Lohn arbeitet, Geld benutzt, wählen geht« und ihre Argumentation damit »dem klassischen Antisemitismus unverschämt ähnlich ist«, steht Roy im Fadenkreuz der Antifa 2.0. Und wenn Phase 2-Antifas heute ihren Haß auf den »Prolet-Arier« herausbrüllen, dann gilt die Aggression meist weniger den »Ariern«, den Neonazis, sondern dem Proleten: »Gerade antikapitalistischer Widerstand manifestiert sich leicht als antisemitischer, auch in der deutschen Arbeiterbewegung«, lautete schon vor zehn Jahren ein Argument in einem Streit zwischen Hannoveraner Antifas.

Je intensiver deutsche Nazigegner darüber wachen, daß von deutschem Boden ja nie wieder ein Klassenkampf ausgeht, desto mehr können sie sich für die Idee begeistern, den welthistorischen Imperativ der Linken »Nie wieder Krieg!« durch »Antifa heißt Luftangriff« zu ersetzen. »Die erste große Welle der Friedensbewegung in der 70er und 80er Jahren bildete das Fundament der völkischen Wiedervereinigungsrituale, mit der Folge des explosionsartigen Anstiegs der Pogrome gegen alles Undeutsche«, erklärte 2003 ein Redner auf einer Antinazidemonstration im Ruhrgebiet diese affirmative Wende.

Anetta Kahane, Vorstandsvorsitzende der »konsequent gegen Rechtsextremismus« engagierten Amadeu Antonio Stiftung, hat Antiimperialisten und Abgeordneten der Linkspartei, die sich an der »Free Gaza!«-Flotte beteiligt haben, den Kampf angesagt. Die seien nämlich allesamt nicht besser als »ihre Großeltern, als die sich noch Herrenmenschen nannten«, würden immer noch auf Lenin hören und sich menschenverachtende und reaktionäre Bündnispartner suchen. Daher streitet Kahane lieber für das westliche Sanktionsregime gegen den Iran – beispielsweise auf der Kundgebung »Freiheit statt Islamische Republik« zusammen mit der neokonservativen Kriegslobby (Stop the Bomb und das Iranian Freedom Institute). Die hat sich stets als zuverlässiger Werbepartner erwiesen, wenn es um die Durchsetzung von Menschenrechten geht – etwa im Irak mit Hunderttausenden Opfern in der Zivilbevölkerung.

Komplizen der braunen Kameraden sind laut solchen Antifaschisten nicht nur Antiimperialisten, Franz Josef Degenhardt und die DKP. Sogar der Résistancekämpfer und Buchenwald-Überlebende Stéphane Hessel steht unter Verdacht. Hessel sei nämlich Sprachrohr aller, die sich »über Spekulanten, Zionisten, Wall Street und Besatzer aufregen«, wie auf einem Flugblatt des Bündnisses gegen Antisemitismus Duisburg zu lesen ist, das gegen den Auftritt Hessels vor einigen Monaten in Essen demonstriert hat. »Dieser alte Mann kann uns über Antifaschismus nichts mehr erzählen.«

Wer hingegen vom Antikapitalismus emanzipierten Antifas – in der autonomen Szene, der Linkspartei oder Rosa-Luxemburg-Stiftung – etwas über Antifaschismus erzählen kann, sind Neokonservative wie Stephan Grigat, Matthias Künzel oder der Rechtspopulist Henryk M. Broder.

Entsprechend geht es in deren Vorträgen in linken Zentren wie in den Hörsälen der Universitäten, beispielsweise im Rahmen antifaschistischer Hochschultage, so gut wie nie gegen die echten Nazis, dafür umso häufiger gegen die »wahren« Nazis: »die Moslems«, Judith Butler, die Keynesianer und ATTAC, die DDR, Moshe Zuckermann und die israelische Linke. Gern auch gegen den »deutschen Erinnerungswahn« und die angeblich bevorstehende »Endlösung der Israelfrage«.

Mit Adorno gegen »Hartzis«

Für die gute Sache werden im gehobenen Antifa-Diskurs marxistische Theoriebestände, allen voran die Kritische Theorie, geplündert, verstümmelt, neutralisiert, bis sie ins Prokrustesbett derjenigen passen, die aktive Gewerkschafter und Occupy als braune Gefahr denunzieren und Hartz-IV-Betroffene als potentielle SA-Rekruten – allzeit pogrombereit. Der ausgebeutete Jobber könne verblendet durch die »klassentranszendierende Kraft des Fetischismus und seiner Aufhebung« auf dumme Gedanken kommen, macht ein besorgter Antifaschist in der Zeitschrift Prodomo auf den überdurchschnittlichen Judenblutdurst des Niedriglöhners aufmerksam und warnt vor der »falschen Aufhebung der Klassengesellschaft«. Denn »bald schon mag es dann heißen: ›Haltet den Dieb!‹, und man zeigt auf den Juden«, bringt er Adornos und Horkheimers »Elemente des Antisemitismus« gegen die unteren Klassen in Stellung. Daß die Kritischen Theoretiker mit »man« nicht »die da unten«, sondern das Kapital und seine Träger als Urheber und Profiteure ausgemacht hatten – »Die herrschende Klasse wird nicht nur vom System beherrscht, sie herrscht durchs System und beherrscht es schließlich selber« (Adorno) –, ficht den vom Jagdinstinkt auf den »Nazi-Hartzi« (wie ein Blogger ALG-II-Bezieher ironisch bezeichnete) getriebenen Antifaschisten nicht an.

Von dem von Adorno und Horkheimer genannten wahren ökonomischen Grund des modernen Antisemitismus, der »Verkleidung der Herrschaft in Produktion«, daß die Fabrikanten sich »unter die Schaffenden einreihten, während sie doch die Raffenden blieben wie ehedem«, will eine Antifa, die mit Friedrich August von Hayek der Meinung ist, daß Nazis »eine Spezies der Gattung des Kollektivismus sind«, freilich nichts wissen. Denn Horkheimer und Adorno entlarven den Judenhaß als notwendig falsches Bewußtsein, das die Klassenherrschaft aufrecht erhält und vor allem einem nützt: Dem Kapitalisten. »Als der wahre Shylock bestand er auf seinem Schein«, so Horkheimer und Adorno, und seine produktive Arbeit »war die Ideologie, die das Wesen des Arbeitsvertrags und die raffende Natur des Wirtschaftssystems überhaupt zudeckte«.

Die Quantität, alles und jeden mit dem Antisemitismusvorwurf zu belegen, schlägt um in Qualität – die antisemitische Ideologie wird zur Weltformel, zum Hauptwiderspruch erhoben. »Mit Horkheimer läßt sich sagen: Im Nazifaschismus ist die Gesellschaft nicht mehr der Grund des Antisemitismus, sondern der Antisemitismus wird zur Ursache dafür, daß es so etwas wie Gesellschaft überhaupt noch gibt«, meint beispielsweise der von Antifa-Gruppen häufig konsultierte Referent Martin Dornis. Selbstverständlich hat Horkheimer nicht so einen Blödsinn geredet. In dem Brief von 1941, auf den Dornis sich bezieht, sagt Horkheimer, »so wahr es ist, daß man den Antisemitismus nur aus unserer Gesellschaft heraus verstehen kann, so wahr scheint es mir zu werden, daß heute die Gesellschaft selbst nur durch den Antisemitismus richtig verstanden werden kann« – also etwas ganz anderes. Viel interessanter ist aber, daß Dornis und seine Gesinnungsgenossen die marxistische Antisemitismusforschung von den Füßen auf den Kopf stellen und behaupten, das falsche Bewußtsein des Judenhasses bestimme das gesellschaftliche Sein. Setzte sich dieses antiaufklärerische Denken durch, hätte sich der historische Materialismus samt Kritischer Theorie erledigt, und nicht nur die antifaschistische Linke verschwände in der Nebelregion der idealistischen Welt.

In deren Grenzbezirk ist ein anderer, bei organisierten Antifas gern gesehener Gast längst angesiedelt: Von dem Freiburger »Ideologiekritiker« mit ausgeprägter Neigung zum Mystizismus Joachim Bruhn können jene nicht nur erfahren, daß das Kapital ebensowenig zu verstehen ist wie Gott. Sie können auch lernen, daß, wer »typisch proletarisch« ist, quasi fürs Nazi- und Antisemit-Sein vorbestimmt ist. Die Arbeiterklasse habe sich »im Staat vom Kampf emanzipiert. Und das proletarische Interesse, das Subsistenz wie Existenz des Körpers, der die Arbeitskraft behaust, im politischen Souverän garantiert sieht, macht sich leidenschaftlich (nicht etwa im Zuge von Manipulation) ans Vernichtungswerk«, meint Bruhn. »Nach der Wannsee-Konferenz ist jede Rede vom Klassenkampf nur Beschönigung und Verdrängung der Geschichte.«

Nur konsequent, daß heute auf Antifa-2.0-Demos Parolen wie »Was macht den Leninisten Dampf? – Wertkritik statt Klassenkampf!« zu hören sind. Wenn Kapitalismus lediglich als eine von Geisterhand in Bewegung gesetzte kybernetische Maschine begriffen und jeder Versuch, sie zu stoppen, unweigerlich in einem volksgemeinschaftlichen Blutbad enden muß, dann muß dem Kollektivsubjekt, das laut Marx und Engels für die revolutionäre Überwindung der warenproduzierenden Gesellschaft zuständig ist, dringend Einhalt geboten werden.

Geschichtsrevisionismus

Das geht am besten durch Erosion der Erinnerung an die historischen Leistungen der Arbeiterbewegung und Entstellung der Geschichte des Realsozialismus. Enthistorisierungen, Entkontextualisierungen bis hin zu lupenreinen Fälschungen – wenn’s darum geht, Antisemitismus zu einem zentralen Wesenszug der Traditionsmarxisten und die DDR zum Konservatorium des Judenhasses zurechtzulügen, heiligt der Zweck nahezu jedes Mittel.

So findet der Historiker Thomas Haury, daß der Antizionismus der DDR von Antisemitismus durchsetzt gewesen sei. Sein Kollege Olaf Kistenmacher möchte gern, daß die ab den 1920er Jahren wütenden Kämpfe zwischen der zionistischen und der arabischen nationalen Bewegung in Palästina antisemitische Pogrome waren, für die im Organ der KPD Die Rote Fahne um ideologische Unterstützung geworben worden sei. Diese Zeitung habe sogar »eine eigene, scheinbar antikapitalistische und sogar ›antifaschistische‹ Variante des Antisemitismus entwickelt, der dazu führte, daß die kommunistische Bewegung sich auch nach 1945 schwer tat, ›Juden‹ als Opfer des Faschismus anzuerkennen«, schreibt Kistenmacher in Phase 2.

Daß das Zentralkomitee der KPD kurz nach der Reichspogromnacht aus dem Untergrund einen verzweifelten Appell zur Solidarität mit den Verfolgten (»Helft unseren gequälten jüdischen Mitbürgern mit allen Mitteln!«) an die Deutschen richtete, ist solchen Historikern bestenfalls eine Randnotiz, oft gar keine Erwähnung wert. Gleiches gilt für die Tausenden Kommunisten im Widerstand, die in den KZ zu Tode gemartert wurden. Hier geht es nicht darum, im Laufe von 180 Jahren tatsächlich begangene Fehler der Arbeiterbewegung sowie reaktionäre Epiphänomene zu analysieren und zu kritisieren. Hier geht es um Geschichtsrevisionismus und historische Delegitimierung des Antikapitalismus.
»Friendly Fascism«
Gesellschaftliche Ungleichheit werde »immer wieder durch die Dämonisierung der Menschen am unteren Ende gerechtfertigt«, lautet eine ebenso banale wie richtige Feststellung des Journalisten Owen Jones in seiner Analyse des wachsenden neuen-alten Klassenhasses in Großbritannien. Äußert sich die neoliberale Rechtfertigungsideologie für brutale Sozialkürzungen in der immer noch vom Feudalismus beeinflußten politischen Kultur dort durch Verächtlichmachung bis hin zu offener Gewalt gegen die »Prolls« – im Täterland haben die happy few und ihre Claqueure entdeckt, daß die Arbeiterklasse vor allem ein nazistischer Mordbrennermob ist. Die empirische Forschung hat bewiesen, daß das nicht wahr ist. Aber das hält Hayeks Hilfsideologen nicht von der Exkulpation der Auftraggeber der Massenvernichtung durch Arbeit ab: »Wenn man die Gründe für Auschwitz wirklich verstehen will, soll man endlich aufhören, plakativ mit Namen wie ›Flick‹, ›Krupp‹ oder ›Deutsche Bank‹ zu operieren«, meint der Historiker Götz Aly, der unter »Antifaschismus« den radikalen Bruch mit einer Politik der »Steuerhärten gegen die Bourgeoisie« und »Steuermilde für die Massen« versteht.

Bei dieser an Perfidie kaum zu überbietenden vergangenheitspolitischen Umschuldung von oben nach unten leisten viele aus der Antifa 2.0 Schützenhilfe. Nicht wenige bewegen sich auf die Seite derer, die Sozialdarwinismus und das Plädoyer für Kriege als Fortsetzung der freien Marktwirtschaft mit anderen Mitteln zu Maximen der westlichen Gesellschaften erheben wollen – und sie in den strukturellen Faschismus treiben.

Der Sozialwissenschaftler und Exmitarbeiter des US-Senats Bertram Gross hatte bereits 1980 in der wachsenden Konzentration von Reichtum und Macht (»Big Business« und »Big Government«) im Neoliberalismus das Potential für einen »Friendly Fascism« erkannt. »Schwarze Hemden« oder »Massenaufmärsche« suche man in diesem »schleichenden Faschismus« vergeblich. Er erscheine »super-modern und multiethnisch« mit »Samthandschuhen« und »exklusiven Abendessen, Kreditkarten und Apfeltorte. Es ist ein Faschismus mit einem Lächeln«. Aber seine Gier werde den Menschen chronische Rezession und Arbeitslosigkeit bringen, Umweltzerstörung, Militärinterventionen und Kriege in ungeahntem Ausmaß – und nicht zuletzt die Aushebelung ihrer Grundrechte.

Inzwischen haben deutsche Innenminister längst offen ausgesprochen, die Verfassung sei »immer stärker die Kette, die den Bewegungsspielraum der Politik lahmlegt«, und sie arbeiten mit ihren US-amerikanischen und europäischen Kollegen an der Installation des Feindstrafrechts (derzeit vor allem gegen Menschen aus arabischen Ländern). Allein der »kalte Bürgerkrieg«, den der Neoliberalismus gegen »verkrustete Tarifautonomie« und »sozialen Größenwahn« führe, müßte die »Analogien zwischen faschistischer und neoliberaler Ideologie« in den Fokus linker Politik rücken, forderte der Ökonom Herbert Schui in seinem Buch »Wollt Ihr den totalen Markt?« schon 1997. Ihre Träger müßten sich deutlich machen, daß Faschismus und Neoliberalismus ein gemeinsames Ziel haben: Die Verteidigung des Kapitalismus.

Von dieser Wahrheit hat sich die Antifa 2.0 Galaxien weit entfernt. Sie initiiert lieber ideologische Feldzüge gegen eine Arbeiterbewegung, die derzeit invalide existiert, gegen die DDR, die nicht mehr existiert, und gegen den »Islamfaschismus«, der niemals existiert hat. Sie liefert genau den »Antifaschismus«, den der Neoliberalismus braucht. Sie hat einen Grad an Selbstentfremdung und Selbstverleugnung erreicht, der sie kaum etwas mehr verabscheuen läßt als die Aussage: »Eine andere Welt ist möglich«.

Michael Sommer arbeitet zur Marxschen Theorie des Kapitalismus. 2008 hat er zusammen mit dem Marx-Forscher Dieter Wolf eine Kritik am griechisch-französischen Wirtschaftswissenschaftler und Philosophen Cornelius Castoriadis veröffentlicht. Susann Witt-Stahl ist freie Journalistin und Autorin. Sie hat diverse ideologiekritische Aufsätze zur Propaganda für neue imperialistische Kriege, zum Islamhaß und zur Instrumentalisierung der Antisemitismuskritik veröffentlicht.

Quelle: Junge Welt

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