Das Kapital

Um Wesen und Wirkung des Kapitals sinnvoll erörtern zu können, muss zuerst geklärt werden, was man unter dem Begriff „Kapital“ zu verstehen hat, denn es wäre unpräzise gedacht, wollte man Kapital einfach mit Geld gleichsetzen.50 Euro im Portemonnaie können, vielleicht semantisch abstrakt gesehen, aber nicht im eigentlichen Sinne als „Kapital“ bezeichnet werden.

Kapital entsteht, wenn das Geld an einer Stelle, gleichgültig aus welchen Gründen, zusammenklumpt. Egal ob die an einer Stelle zusammengeflossenen Finanzströme aus Arbeitserträgen, Erbschaften, oder Spekulationen stammen, sie ergeben ab einer bestimmten Größenordnung ein zur Geldvermehrung geeignetes Finanzpaket. Nur eine zur Vermehrung aus sich selbst geeignete Summe, oder beleihungsfähiger Pfandmaterie rechtfertigt den Begriff Kapital. Ist diese Größenordnung erreicht, dann kann man von Kapital sprechen. Dabei ist klar, dass „Kapital“ nicht unbedingt in bar verfügbar sein muss. Es kann auch in anderen Formen sowohl immateriell als auch materiell vorhanden sein.

In historischer Zeit war Geld, gleichgesetzt mit Edelmetall und dem ihm von der Gesellschaft unterstellten Wert. Ebenso wie beim modernen Papiergeld entspricht der Wert dem Waren- oder Leistungsumfang den man für eine bestimmte Geldmenge erhalten kann. Mit anderen Worten, einer Goldmünze oder einer Banknote messen wir einen bestimmten Wert bei, weil wir davon ausgehen, dass Andere den zugemessenen Wert ebenso einschätzen und demzufolge bereit sind, die beidseitig als angemessen betrachtete Ware zu liefern, bzw. Leistung zu erbringen. Der Wert des Geldes hat also immer etwas damit zu tun, was andere Gesellschaftsmitglieder und Handelspartner bereit sind, dafür zu leisten.
Seit den Anfängen der menschlichen Kultur haben sich die Menschen, zunächst neben dem Tauschhandel-Prinzip unterschiedlicher Zahlungsmittel bedient. Stets war der Wert der Zahlungsmittel an die Erwartung geknüpft, dafür Material oder Leistung zu erhalten. Die uns heute so selbstverständliche Vorstellung, dass Geld „arbeiten“ müsse, dass es Zins und Spekulationserträge bringen muss, war in der alten präindustriellen Zeit kein Gesichtspunkt von Bedeutung, wenngleich es, im Mittelalter gut nachweisbar, durchaus Möglichkeiten gab flüssige Geldmengen in Pfründen zu investieren um auf diesem Wege mit dem eingesetzten Geld, über dessen Tauschwert hinausgehende, laufende Erträge zu erzielen.

Prinzipiell aber, wurde das auf den unterschiedlichsten Wegen gesammelte Edelmetall als Barren oder zu Münzen geprägt in Schatztruhen oder Schatzkammern gehortet, um damit Macht auszuüben zu können, Luxus zu ermöglichen und kriegerische Raubzüge zu finanzieren. Wenn die Verwaltung des Edelmetallschatzes meldete, dass die Bestände defizitär wurden, schickte man sich an, ein wohlhabendes Nachbarland zu überfallen und auszurauben, um die Schatzkammern wieder füllen zu können.In der Neuzeit hat das Geld, sobald es zum Kapital zusammengeklumpt ist, eine Eigenschaft entwickelt, die es in der älteren Zeit nicht hatte.

Je größer das Kapitalbudget ist, umso stärker unterliegt es dem Zwang sich vermehren zu müssen. Nein, richtiger ist es zu sagen, der Zwang zur Vermehrung geht vom Kapital aus. Millionen und Milliarden Summen können nicht einfach ertraglos irgendwo aufbewahrt werden. Die Kapitalertragsmöglichkeiten sind zu beachtlich, um sie einfach ignorieren zu können. Die Verwaltung derartiger Vermögenswerte liegt schon lange nicht mehr in den Händen Ihrer Eigentümer. In der Regel handelt es sich um eine unübersehbare Menge von Aktionären, die naturgemäß nicht direkt an der konkreten Verwaltung des gemeinschaftlichen Kapitaleigentums beteiligt sein können.

Die großen Vermögenswerte werden von Managern verwaltet. Und diese stehen wiederum unter dem vom Kapital ausgehenden Zwang, eine möglichst hohe Geldrendite zu erzielen. Erwirtschaften kann man nicht so ohne weiteres sagen, denn zumeist werden die Aktionärsgewinne und natürlich auch die der Manager durch Spekulationen und die Einrichtung unnötiger, zu oft gleichzeitig schädlicher „Bankprodukte“ erzielt.
Können die Manager der Kapitalpools nicht die angestrebten Gewinne einspielen, verlieren Sie Ihren Posten. Angestrebter Gewinn heißt mehr, oder mindestens so viel, wie die Manager der konkurrierenden Finanzpools erzielen. Wird diese Anforderung nicht erreicht, so sinkt die Aktie im Wert. Die Investoren kaufen die Aktien der deutlichere Gewinn abwerfenden Konkurrenten.

Der vom Kapital ausgehende Zwang zur Vermehrung ist der Krebsschaden unserer modernen Industriegesellschaft. Dieser Zwang fördert nicht nur sinnlose, sondern auch umweltschädliche Unternehmungen. Das umweltgerechte Sinnvolle kann sich oft nicht durchsetzen, weil das Sinnlose, Schädliche den größeren Gewinn verspricht. Das vom Verstand als eindeutig sinnlos und schädlich Erkannte, ist für den nur in Gewinnkategorien befangenen Kaufmann durchaus sinnvoll. Sinnvoll insofern, als es sein Konto besser stellt, als es die ökologisch sinnhafte Handlungsweise gewährleisten kann.
Da der Lebens- und Wirtschaftsraum auf unserem Planeten begrenzt ist, müssen die, aus dem Kapitalvermehrungszwang resultierenden Auswirkungen nach periodisch auftretenden Krisen am Ende zum Totalcrash führen.

Leider hat die Menschheit nicht mehr genug Zeit, die „Freie Marktwirtschaft“ und das unnatürliche Kapitalvermehrungsprinzip zu Gunsten einer reinen von den Zwängen des Kapitals befreiten, nur der Versorgung der Völker dienenden Bedarfswirtschaft aufzugeben. Die Weichen hätten bereits vor 50 Jahren umgestellt werden müssen. Deshalb wird uns der Totalcrash der als unverzichtbar geltenden, zum unantastbaren Dogma erhobenen, global agierenden „Freien Marktwirtschaft“ nicht erspart bleiben.

Karl-Heinz Hoffmann

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