Der Nordirlandkonflikt und der irische Linksnationalismus (3)

Folgender Text erschien einst auf die-kommenden.

Die Irisch-Republikanische Armee

Verfasser: Richard Schapke

Dritter Teil: Dreißiger Jahre, Zweiter Weltkrieg und Wiederauferstehung

1. Valera und die IRA

Im Februar 1932 wurde Fianna Fáil bei den irischen Parlamentswahlen zur stärksten Partei. Der ehemalige Republikaner Eamon De Valera wurde zum neuen Ministerpräsidenten gewählt. Sein Programm sah Wiedervereinigung unter republikanischer Verfassung, kulturelle Unabhängigkeit und Förderung der gälischen Kultur, soziale Gerechtigkeit, wirtschaftliche Unabhängigkeit, Familienförderung und Industrialisierung vor. Daher war es nicht verwunderlich, daß die Basisgruppen der politischen IRA-Plattform Saor Éire enge Kontakte zur Fianna Fáil unterhielten. Valera amnestierte die inhaftierten IRA-Aktivisten und suspendierte den Public Safety Act, obwohl die IRA klarstellte, daß sie keine Regierung unterstützen werde, die im britischen Empire mitarbeite oder gar den Eid auf die Krone beibehalte. Das neue irische Kabinett schaffte in der Tat den Eid auf die britische Krone ab und führte Zölle auf britische Produkte ein, um die Kapitalverluste durch die Land Annuities auszugleichen – das Ergebnis war ein jahrelanger Wirtschaftskrieg mit London.

Der linke Flügel der republikanischen Bewegung um Saor-Parteichef Peadar O´Donnell strebte nach einer Einstellung der Tilgungszahlungen an die ehemaligen britischen Grundherren, der Land Annuities, und Valeras Industrieprotektionismus wurde als Unterstützung des Kapitalismus angegriffen. Außerdem verweigerte der neue Regierungschef die Säuberung von Armee, Polizei und Verwaltung von Freestaters. Mit seinen Verfassungsreformen sowie sozialem und wirtschaftlichem Fortschritt wollte Valera die republikanische Linke ausmanövrieren. Der Ministerpräsident und der IRA Army Council verhandelten mehrfach über weitere Kooperation, aber die IRA beharrte auf ihrer republikanischen Haltung, womit sie letztendlich desillusionierte Fianna Fáil-Anhänger an sich ziehen wollte. Umgekehrt schrieb Valera den Republikanern ins Stammbuch, daß er keine Privatarmee in Irland dulden werde. Eine Art Radikalenerlaß verhinderte weiterhin, daß Republikaner in Positionen im öffentlichen Dienst einsickern konnten.

An den Feiern zu Ehren der freigelassenen IRA-Aktivisten nahmen mancherorts bis zu 10.000 Menschen teil, und die Republikaner witterten wieder Morgenluft. Frank Ryan erklärte, man werde mit allen Mitteln bis hin zur Schußwaffe den Verrätern von Cumann na nGaedheal das öffentliche Auftreten verwehren. Peadar O´Donnell verlangte in „An Phoblacht“, man müsse die Freestaters aus dem öffentlichen Leben verdrängen. So geschah es auch. Anhänger von Fianna Fáil und IRA gingen mit sich steigernder Härte gegen Veranstaltungen der Konservativen vor, und im September 1932 wurde der erste Anhänger Cumann na nGaedheals von der IRA erschossen. Die Rechte wehrte sich durch den Aufbau der Army Comrades Association, aus der sich die faschistische Bewegung der Blueshirts entwickeln sollte. Im Wahlkampf für die Neuwahlen von 1933 gab es auf beiden Seiten mehrere Dutzend zum Teil schwer Verletzte. Die Republikaner beteiligten sich nicht an den Wahlen, fungierten aber als paramilitärische Hilfstruppe Valeras, der einen Putsch der Freestaters befürchtete.

Valera ging als unbestrittener Führer Irlands aus der Wahl hervor. Mit einer Landreform und vor allem einer umfangreichen Sozialgesetzgebung kam der Regierungschef den Republikanern entgegen. Die gewalttätigen Zusammenstöße mit Cumann na nGaedheal und den Blueshirts nahmen kein Ende, aber solange die IRA damit Valera die Möglichkeit zum Vorgehen gegen seine politischen Gegner gab, wurde die republikanische Gewalt geduldet. Beispielsweise wurde eine für den 13. August 1933 angesetzte Großkundgebung der Blueshirts zum Gedenken an den ermordeten Michael Collins nach massiven Drohungen der IRA verboten. Valera nutzte die Spannungen zum generellen Verbot der Blueshirts – die Opposition schloß sich nun unter dem Namen Fine Gael zusammen.

2. Radikalisierung und Verbot

Im März 1933 eröffnete die IRA eine Protestkampagne gegen die Ausweisung des amerikanischen Kommunisten Gralton und irritierte viele Katholiken. Im gleichen Monat veröffentlichte der Army Council einen seiner zahlreichen Verfassungsentwürfe. Jeglicher Besitz an Grund und Boden sollte verstaatlicht werden, ein staatliches Absatzsystem für den Verkauf der landwirtschaftlichen Erzeugnisse sorgen. Alle Industriebetriebe waren für die Verstaatlichung inclusive staatlichem Warenabsatz vorgesehen. Ein warnendes Zeichen hätte eigentlich schon das Vorgehen Valeras gegen die im Sommer 1933 neugegründete irische KP sein müssen, ferner bildete der ehemalige IRA-Stabschef Frank Aiken eine regierungstreue Miliz, welche der IRA mit risikoloser Soldatenspielerei zusehends den Nachwuchs streitig machte. Bereits im Herbst hatte die IRA-Gewalt gegen Fine Gael ein derartiges Maß erreicht, daß die Armee einschreiten mußte.

Auf der IRA Army Convention, dem Treffen der von den militärischen Einheiten bestimmten Delegierten, von 1934 regte Michael Price an, die republikanische Bewegung solle sich zur Arbeiterrepublik bekennen und den irischen Staat bis zu seinem Zusammenbruch bekämpfen. Ebenso wie ein von Peadar O´Donnell propagierter Kongreß zu programmatischen Fragen wurde dieser Vorschlag vom Oberkommando verhindert. Es gärte innerhalb der Bewegung, und die Komintern lobte die Massenarbeit der IRA. Moskau verglich die Lage in Irland mit dem Revolutionsjahr 1917: Der „Zar“ Cosgrave war gestürzt, und der „irische Kerenski“ de Valera an der Macht.

Im April 1934 hielt die IRA-Linke ein separates Führungstreffen ab, an dem sich auch Vertreter linksextremer Splittergruppen um den ehemaligen KP-Vorsitzenden Rory Connolly beteiligten. Ein vor allem von ehemaligen Vertretern der politischen Plattform Saor Éire getragenes Manifest verkündete, die gesamtirische Republik sei nicht ohne die Vernichtung des Kapitalismus zu erreichen. Dem Army Council hielt man vor, nicht begriffen zu haben, daß die wirtschaftspolitischen Maßnahmen Valeras nur der Stärkung des Kapitalismus dienten. Man kündigte die Einberufung eines Kongresses an, um die ausgebeuteten und unterprivilegierten Bevölkerungsgruppen zu sammeln. Die Mehrheitsfraktion der Linken um Connolly strebte die Gründung einer neuen Oppositionsbewegung gegen das gesamte System an, während O´Donnell eine antiimperialistische Einheitsfront von Republikanern und Gewerkschaften vorschwebte. Der Army Council untersagte allen IRA-Volunteers die Unterstützung der Kongreßbewegung und widmete sich seinem Privatkrieg gegen die Blueshirts, der jetzt auch zu Auseinandersetzungen mit der Staatsgewalt führte. Alleine 1934 wurden von Sondergerichten 349 Blueshirts und 102 Republikaner abgeurteilt.

Am 13. Oktober 1934 hielt die Kongreßbewegung ihre angekündigte Versammlung ab. Unter den 186 Delegierten befanden sich rund 30 aus Belfast, wo der unionistische Terror langsam zu einem Erstarken der Republikaner führte. Connolly wollte die latente Militanz der Arbeiter erwecken, den Kapitalismus bekämpfen und durch eine konfessionsübergreifende Politik auch protestantische Proletarier aus Nordirland gewinnen. Die Anhänger O´Donnells verabschiedeten eine abgeschwächte Resolution, in welcher aus taktischen Gründen die Arbeiterrepublik-Propaganda abgelehnt wurde – dieser Weg liefere Fianna Fáil nur weltanschauliche Argumente gegen die Republikaner. In jedem Falle wurde der von Valera verkörperte Kapitalismus als Hindernis für die Republik angesehen. Bei der Abstimmung setzte sich O`Donnells Einheitsfrontkurs mit 99 gegen 84 Stimmen durch. Die Gewerkschaften und Labour lehnten indessen eine Unterstützung des Kongresses ab, ebenso wie die um ihren Besitz fürchtenden Kleinbauern. Immerhin konnte die Mehrheit der IRA-Brigade Dublin gewonnen werden. Hier gab es seit 1932 bescheidene Ansätze eines überkonfessionellen Klassenkampfes gegen die kapitalistische Ausbeutung. Herausragend war die Unterstützung eines protestantischen Eisenbahnerstreiks durch die Belfaster IRA, bei der ein Polizist erschossen wurde. Diese Ansätze verflüchtigten sich im Juli 1935 angesichts schwerer Pogrome in der Falls Road. Es gab 11 Tote und 574 Verletzte, zumeist Katholiken, die von Protestanten aus der Shankill Road angegriffen wurden. Insgesamt wurden 439 katholische Häuser zerstört, und 2241 Katholiken flüchteten aus Belfast.

O´Donnells Kongreßbewegung verpuffte in der Folgezeit im luftleeren Raum. Ihr letztes Lebenszeichen sollte die Entsendung der Kompanie „James Connolly“ unter Frank Ryan sein, die innerhalb der Internationalen Brigaden gegen die Franco-Truppen kämpfte. Die große Mehrheit der Iren stand aus religiösen Gründen auf Seiten Francos, auch wenn es große Sympathien für die Unabhängigkeitsbestrebungen der Basken und Katalanen gab. Der Army Council intensivierte derweil seine in alle Richtungen ausgreifende Terrorkampagne bis hin zur spektakulären Ermordung des britischen Admirals Somerville im März 1936. Im Juni (nach anderer Lesart bereits im Juni 1935) wurde die IRA verboten. Stabschef Maurice Twomey erhielt eine langjährige Haftstrafe, und die mit Hilfe der IRA etablierten Unterdrückungsmechanismen des Staates gegen Oppositionelle richteten sich nun gegen sie selbst. Staatlicher Druck und die antikommunistische Haltung weiter Teile der irischen Öffentlichkeit verringerten den politischen Einfluß der IRA erheblich.

3. Kampf gegen England

Im Sommer 1936 zeichnete sich eine Umorientierung der bislang vorwiegend auf die Machtergreifung in Südirland fixierten IRA ab. Am 15. August veröffentlichte der „Daily Telegraph“ ein Interview mit Séan Russell, dem neuen Stabschef der IRA. Der weitsichtige Russell erkannte die Zeichen der Zeit und erklärte, man werde eine militärische Auseinandersetzung zwischen Großbritannien und Deutschland auszunutzen wissen. Die Ereignisse der Jahre 1937 und 1938 trieben die Umorientierung voran. Fianna Fáil rückte politisch immer weiter nach rechts und glich sich 1938 mit den Briten aus, so daß die republikanische Bewegung ohne jeden Verbündeten dastand.

Schon am 13. Mai 1937 sprengte ein IRA-Kommando ein britisches Königsstandbild in Dublin in die Luft. Der Besuch des britischen Königspaares in Nordirland wurde Anlaß der ersten großangelegten Terroroffensive in den Six Counties. In Belfast scheiterte ein Bombenanschlag auf die Monarchen. Am 8. Dezember 1938 übertrugen die letzten Überbleibsel des 1921 gewählten Zweiten Dáil, des letzten von der IRA anerkannten irischen Parlaments, alle Exekutivbefugnisse auf die IRA Army Executive, eine Art Politbüro mit 12 Mitgliedern. Diese von der Army Convention gewählte „Regierung“ wiederum bestimmte die Mitglieder des Army Council, des IRA-Oberkommandos. In militärischen Dingen operierte das Oberkommando völlig autonom, stellte also die eigentliche Machtzentrale der Untergrundarmee dar. Die IRA schloß sich wieder mit dem politischen Republikanismus zusammen, der nun rasch von ihr absorbiert wurde. Fortan stellte die Army Executive in republikanischen Augen die einzig legitime Regierung Irlands dar.

Russell orientierte die Strategie der IRA neu. Die britischen Kolonialherren sollten nun dort getroffen werden, wo sie am verwundbarsten waren – in England selbst. Hauptziele waren militärische Einrichtungen und die Infrastruktur, wobei Menschenleben möglichst zu schonen waren. Die geplante Offensive erhielt den Namen S-Plan – S wie Sabotage. Schottland und Wales wurden von den Operationen ausgenommen, da deren Bewohner als keltische Brudervölker galten. Eine Minderheit im Oberkommando plädierte dafür, den operativen Schwerpunkt nach Nordirland zu verlegen. Hier hatte jedoch vor allem die IRA-Einheit in Belfast schwere Schläge infolge nachrichtendienstlicher Unterwanderung hinnehmen müssen und befand sich nachhaltig in der Defensive.

Am 12. Januar 1939 ließ die Army Executive dem britischen Außenminister Lord Halifax ein Ultimatum zukommen. Das IRA-„Politbüro“ erklärte sich zur einzig legalen Regierung Irlands und forderte den Abzug aller britischen Truppen von der Insel. London wurden vier Tage für die Abgabe einer entsprechenden Absichtserklärung gegeben. Diese erfolgte aus begreiflichen Gründen nicht, und am 16. Januar detonierten sieben Sprengsätze in britischen Kraftwerken, die u.a. London, Manchester und Birmingham mit Strom versorgten. Bis zur Jahresmitte verübte die IRA 127 Anschläge in England (davon 57 in London), wobei es nur zwei Todesopfer gab. Im Juni 1939 verabschiedete das irische Parlament zur Beruhigung der Briten die Offences against the State Act – Militärtribunale und Internierungslager sollten Südirland endlich befrieden. Die Treason Act drohte bei besonders schweren Fällen staatsfeindlicher Untergrundaktivitäten die Todesstrafe an.

Seit Anfang 1939 stand Séan Russell in Verbindung mit Carl Heinz Petersen, dem Irlandkorrespondenten des Deutschen Nachrichtenbüros in Dublin. Das Reichspropagandaministerium begann jedoch erst im Mai mit einer zaghaften Unterstützung der Republikaner, nachdem die Briten eindeutig Stellung für Polen und gegen Deutschland bezogen hatten. Anfang Juni reiste Russell als Sondergesandter der republikanischen Bewegung in die USA. Er versuchte, die Amerika-Iren zum Widerstand gegen die probritische Politik Roosevelts zu mobilisieren. Mittlerweile hatte das RPM durch die Fichte-Gesellschaft Fühlung zur IRA aufgenommen, und auch die deutsche Abwehr trat auf den Plan. James O´Donovan reiste im Sommer dreimal nach Berlin und Hamburg und erhielt Geld und Waffen ausgehändigt. Als Gegenleistung bot er Berlin für den Kriegsfall die Einrichtung eines Funkdienstes an.

Im Juli 1939 traten auch in Großbritannien verschärfte Antiterrorgesetze in Kraft. Als am 25. August eine gegen eine Transformatorenstation in Coventry gerichtete Operation ihr Ziel verfehlte, detonierte der Sprengsatz inmitten einer belebten Straße. Es gab 5 Tote und 70 Verletzte. Die britische Öffentlichkeit war entsetzt, und zur Beruhigung richteten die Briten 1940 mit Peter Barnes und James McCormack zwei Unschuldige hin, was den prodeutschen Gefühlen in Irland Auftrieb gab.

4. Zweiter Weltkrieg

England dämmte die IRA-Kampagne nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges mit massiven Polizeimaßnahmen ein, und auch Valera ging gegen die IRA vor, da er sein Land nicht als Aufmarschbasis sehen wollte. Die Bombenkampagne der Republikaner gefährdete die irische Neutralität und konnte einen idealen Vorwand für einen britischen Einmarsch darstellen. Die IRA überzog ihr Konto endgültig, als sie am 23. Dezember 1939 das Armeedepot Phoenix Park/Dublin ausräumte. Bis Kriegsende wurden 6 IRA-Aktivisten hingerichtet, 3 weitere hungerten sich im Gefängnis zu Tode. Irland inhaftierte 500 Republikaner ohne und 600 mit Gerichtsverfahren. Der Höchststand wurde 1943 mit 653 Internierten erreicht.

Der in den USA vom Kriegsausbruch überraschte Russell kehrte im Januar 1940 nach Europa zurück. In Genua ersuchte er den deutschen Generalkonsul, ihn zur Organisation des antibritischen Kampfes nach Irland zu schleusen. Während die Abwehr dem Vorschlag positiv gegenüberstand, warnte Deutschlands Gesandter Hempel aus Dublin, die Briten könnten die IRA-Aktivitäten als Anlaß für eine militärische Besetzung des für den Schutz der transatlantischen Seewege bedeutenden Irland nutzen. Unterstaatssekretär Woermann, Leiter der Politischen Abteilung im Auswärtigen Amt, warnte Reichsaußenminister Ribbentrop, ein Bündnis mit der IRA habe erst Erfolgsaussichten, wenn London in Schwierigkeiten sei. Russell wurde nach Deutschland gebracht und dort vom Sonderbeauftragten Veesenmeyer betreut. Immerhin griff die deutsche Propaganda nach der Hinrichtung von zwei IRA-Aktivisten in Birmingham im Februar das Thema Irland begierig auf.

Abwehrchef Canaris machte sich im Sommer 1940 selbständig und beauftragte Hauptmann Goertz, eine Kooperation mit den Iren einzuleiten. Mit kleinen Yachten und Kuttern wurden wiederholt deutsche Agentenkommandos und Spezialeinheiten der „Brandenburger“ nach Irland gebracht. Diese Kommandos steuerten – stets behindert durch mangelnde Landeskenntnis und Dilettantismus – funktechnisch Luftangriffe, befreiten abgesprungene Flieger und sprengten u.a. ein Kraftwerk bei Edinburgh in die Luft. Die Zusammenarbeit mit der IRA gestaltete sich infolge der Eigenwilligkeit der Iren wenig produktiv. Als Lösung wurde der Transport Russells nach Irland angesehen, aber dieser erlag am 14. August 1941 auf der Überfahrt an Bord eines deutschen U-Bootes einem Herzinfarkt. Zu allem Überfluß flog kurz vorher der kommissarische IRA-Stabschef Séan Hayes als britischer Doppelagent auf.

Gegen den Willen des Auswärtigen Amtes wollte die Abwehr Russell nach Irland schleusen, um die IRA zur Unterstützung der irischen Truppen gegen eine etwaige britische Invasion vorzubereiten. Im Falle einer deutschen Landung in England oder Irland sollte die IRA das Landungskorps unterstützen. Ribbentrop unterrichtete jedoch im Spätsommer durch Hempel die irische Regierung, das Reich beabsichtige keinesfalls eine Invasion auf der Insel. Deutschland werde keinerlei Aktionen unternehmen, solange Irland seine Neutralität bewahre. Es gebe auch keine Fünfte Kolonne der Deutschen auf der Insel. Im November verhafteten die Briten den mittlerweile in Nordirland befindlichen Goertz, der unter maßloser Überschätzung seiner Möglichkeiten davon träumte, mit Hilfe der IRA 8000 Mann gegen England zu mobilisieren. Das bedeutete auch das Ende von Planungen, eine deutsche Militärmission zur IRA zu entsenden. Mit dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion im Juni 1941 war eine Zusammenarbeit in den Augen der IRA ohnehin als rechtslastiges Abenteurertum diskreditiert. Bis 1944 stellte die deutsche Gesandtschaft in Dublin eine nachrichtendienstliche Drehscheibe des Krieges dar, was letztlich zur völligen Isolation Irlands durch Briten und Amerikaner führte.

Zur gleichen Zeit erlebte Nordirland einen wahren Kriegsboom. Von hier aus wurden die transatlantischen Seewege nach Glasgow und Liverpool gesichert, mit den Werften und den Short-Flugzeugwerken stellte Belfast einen wichtigen kriegswirtschaftlichen Standort dar und wurde durch deutsche Luftangriffe noch schwerer getroffen als Coventry. Nach Angaben von US-Historikern entschied der riesige Stützpunkt der US Navy in Derry die Geleitzugschlachten im Nordatlantik zugunsten der Alliierten. Ferner stellte Nordirland das Sprungbrett der Amerikaner nach Europa dar. Sie flogen ihre Langstreckenbomber via Nordirland ein, und schon im Januar 1942 landeten die ersten US-Soldaten in Belfast. London verzichtete allerdings auf die Einführung der Wehrpflicht für Nordirland, um den katholischen Widerstand nicht zu provozieren.

5. Neubeginn und Border Campaign

Am Ende des Zweiten Weltkrieges hatte die republikanische Bewegung ihr bislang geringstes Ansehen und ihre größte Schwäche erreicht. Dennoch versammelten sich unmittelbar nach Kriegsende alle noch lebenden und nicht internierten Mitglieder der Army Executive von 1938 und stellten die politische Handlungsfähigkeit der IRA wieder her. Im Jahr 1946 bildeten die Republikaner die neue Partei Clan na Phoblachta unter dem IRA-Veteranen Séan McBride. Der Clan griff das alte Programm Valeras mit Wiedervereinigung, Austritt aus dem Commonwealth of Nations, aktiver Sprachenpolitik zur Rettung des Gälischen, finanzieller Unabhängigkeit, Stärkung der Wirtschaft und sozialen Reformen auf. Der Hauptgegner blieb Großbritannien. London bekämpfte in den Augen der Republikaner durch seine direkte Herrschaft in Nordirland und die indirekte Kontrolle Südirlands ein sozialistisches Irland, um eine Kuba-Situation mitten im Atlantik zu verhindern. Als privilegiertes Element habe es die nordirischen Unionisten und deren Protestant State geschaffen. Die Unionisten sollten sich als gleichberechtigte Bürger in einen irischen Gesamtstaat einfügen. Neben jungen Nationalisten strömten der Partei vor allem Protestwähler zu.

Bei den irischen Parlamentswahlen vom Februar 1948 wurde Clan na Phoblachte nach Fianna Fáil und Fine Gael mit 13,2 % der Stimmen noch vor der Labour Party zur drittstärksten Partei. In der neuen Regierung Costello unter der Fine Gael, dem ersten Koalitionskabinett in der Geschichte Irlands, war auch die Clan na Phoblachta vertreten, die hauptsächlich durch Protestwähler erstarkte. Das Kabinett amnestierte alle IRA-Gefangenen und kündigte die staatsrechtliche Bindung an die britische Krone gänzlich auf – bis hin zum Austritt aus dem Commonwealth. Der allmähliche Wiederaufstieg der Untergrundarmee lief an. Ein weiterer begünstigender Faktor war, daß die polizeiliche Zusammenarbeit zwischen Dublin und Belfast ein absolutes Tief erreichte. Die Social Welfare Act faßte Valeras Sozialmaßnahmen zusammen und baute sie erheblich aus. Am 17. Mai 1949 erkannte London die Republik Irland an, beharrte jedoch auf dem Besitz Nordirlands als einem Bestandteil des Vereinigten Königreiches. Die Republikaner starteten eine effektive Kampagne gegen die Teilung der Insel. Ein wichtiger Faktor für ihr Erstarken war eine neue, dynamische Führungsschicht der IRA unter Stabschef Séan Cronin. Es gelang jedoch nicht, eine nennenswerte Einheit in Belfast zu schaffen – dies sollte erst den Auswirkungen der Krawalle von 1968/69 vorbehalten bleiben.

Die Reorganisation des militärischen Flügels der Bewegung führte wieder zur Abkehr von der Politik. Schon bei den Parlamentswahlen von 1951 fiel Clan na Phoblachta auf ganze 4,1 % der Stimmen zurück und schied aus der Regierung aus, die nunmehr wieder von Valeras Fianna Fáil gestellt wurde. Im Mai 1954 erreichte sie ebenfalls nur 4 %, aber Costello kehrte erneut für drei Jahre in die Regierungsverantwortung zurück. In Irland waren paramilitärische Übungen der IRA (zumindest unter Costello) wieder an der Tagesordnung. Der Army Council ignorierte die Feindseligkeit der irischen Spezialeinheiten und untersagte seinen Volunteers, auf Landsleute zu schießen. Alle Operationen in Südirland wurden eingestellt. Die Republikaner wollten den internen Bürgerkrieg beenden und sich eine Operationsbasis gegen Nordirland sichern. Waffen wurden nur noch in Nordirland geraubt, bei Rückzügen über die Grenze versteckte man sie zuvor. Der Council erkannte, daß eine Offensive gegen den Protestant State auf die Sympathie der Iren rechnen konnte.

Cronin setzte einen Partisanenkrieg gegen die nordirische Polizeitruppe RUC durch, obwohl die IRA hierfür keinesfalls ausreichend bewaffnet war. Die Minderheit wollte strategische Schläge gegen Transportsystem und Kommunikation führen, um gleichzeitig die Katholiken auf eine Kampagne des zivilen Ungehorsams vorzubereiten. Dieser Kampagne wiederum würde Übergriffe der B-Specials und der RUC auslösen und die IRA öffentlich berechtigen, die Katholiken zu verteidigen. Ermutigend war, daß im Mai 1955 die Republikaner Philip Clarke und Tom Mitchell für Nordirland ins britische Unterhaus gewählt wurden. Beide beteiligten sich als IRA-Mitglieder an einem Anschlag auf die RUC-Kaserne in Omagh und saßen hierfür je 10 Jahre im Gefängnis. Im Süden hatten sich bereits republikanische County Councils als Basisorganisation gebildet und nutzten den Erfolg propagandistisch aus.

Im November 1956 eröffnete die IRA die sogenannte Border Campaign gegen Nordirland, indem sie sechs nordirische Grenzstationen überfiel und niederbrannte. Durch die Zerstörung von Verwaltung und Infrastruktur sollten entlang der Grenze schrittweise befreite Zonen geschaffen und der Einfluß der protestantischen Regierung in Belfast zurückgedrängt werden. Nach einer Terrorwelle verhängte die Nordirland am 15. Dezember den Ausnahmezustand. Es zeigte sich jedoch, daß Ausbildung und Ausrüstung der IRA den Anforderungen keinesfalls gewachsen waren. Anfang 1957 kamen zwei Volunteers bei einem Anschlag auf die Brookeborough-Kaserne im nordirischen Fermanagh ums Leben, wenig später sprengte sich ein Fünf-Mann-Kommando an einer Grenzstation mit seiner eigenen Bombe in die Luft. Der erste von der IRA getötete RUC-Beamte war ausgerechnet ein Katholik. Noch vor Ende Januar 1957 erbeutete der britische Nachrichtendienst die Operationspläne der IRA, und die Border Campaign verlief bis Anfang 1962 im Sande. Die Beziehungen zwischen Dublin und Belfast verschlechterten sich weiter, und der militante Unionismus in Nordirland wurde nachhaltig angeheizt, während eine Solidarisierung der nordirischen Katholiken ausblieb.

Die irischen Parlamentswahlen im Mai 1957 spalteten den politischen Flügel der republikanischen Bewegung. Das IRA-Oberkommando reaktivierte die Partei Sinn Féin, behielt sich aber die politische Führung des Republikanismus vor, solange es nicht die Befugnisse des Zweiten Dáil auf den Parteivorstand übertragen hatte. McBrides Clan na Phoblachta versank mit 1,7 % in der Bedeutungslosigkeit, wogegen Sinn Féin mit 4 % und 66.000 Stimmen einen Achtungserfolg erzielte. Die 4 Abgeordneten nahmen getreu der republikanischen Tradition ihre nicht Sitze nicht ein. Hochburgen der republikanischen Bewegung waren Kerry mit 25 %, Monaghan mit 20 % und Leitrim mit 16 % der Wählerstimmen. Dublin bekam wieder einmal eine Fianna Fáil-Regierung unter Valera, die mit aller Härte gegen die IRA vorging und unter Berufung auf die Sondergesetze Hunderte im Lager Curragh internierte. Die Border Campaign war auf beiden Seiten der Grenze ein – militärischer – Mißerfolg und wurde Anfang 1962 eingestellt.

(Fortsetzung folgt)

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