Vom Kreuzzug der Guten und Gerechten

Im Lande lebende Ausländer sind keine Ausländer mehr, sondern „Menschen mit Migrationshintergrund“. Ein schwer erziehbares Kind ist bloß „verhaltensoriginell“. Kritik an Israel oder israelischen Politikern ist „Antisemitismus“. Ein Behinderter ist nicht mehr behindert, sondern „anders befähigt“. Aus der „Negerprinzessin“ (Pippi Langstrumpf) wurde die „Südseeprinzessin“, und der „Wiener Korporationsball“ heißt jetzt „Wiener Akademikerball“. Alles klar?

Die vor zwei Jahrzehnten an US-Universitäten seuchenartig ausgebrochene Politische Korrektheit (Political correctness) hat also längst auch den deutschen Sprachraum im Würgegriff. Seit den Anfängen dieses großteils scheinmoralischen Kreuzzuges hat etwa allein die Frage der Hautfarbe inzwischen weite Kreise gezogen, und doch hat mein Wiener Stammlokal noch immer den „Mohr im Hemd“ auf der Speisekarte.

Wie kann der gute Wirt nur mit der Schande leben, müßte sich da ein empörter SOS-Mitmensch fragen, nicht wahr? Dabei haben der gleichnamige Verein und dessen gleichgesinnte Freunde den Fachverband der Gastronomie ohnehin schon auf politisch korrekte Linie gebracht. Immerhin, es wird das köstliche, aber brandgefährliche „Zigeunerschnitzel“ kaum noch unter seinem Originalnamen serviert.

Doch gelegentlich, ich erröte schon vor Scham, benütze sogar ich noch das Wort Zigeuner. Zum Beispiel in Fällen oder Gegenden, wo selbst Mitglieder der ethnischen Großgruppe namens Roma sich selbst als Zigeuner bezeichnen. Darauf legt, zum Beispiel, die deutschsprachige „Sinti-Allianz“, im Gegensatz zu den südosteuropäischen Roma in deutschen Landen, großen Wert.

In der Tat, manche Begriffe und Wörter haben es heutzutage ganz schön in sich, aber noch mehr die Scheinmoral jener, die plötzlich wie Lichterengel herumschwirren und vor lauter gut scheinen wollen gelegentlich jedes Augenmaß verloren zu haben scheinen. Was gestern noch anstandslos über die Sprechbühne des Alltags ging, wird heute gnadenlos versenkt. Von Ausnahmen abgesehen.

Die etwas abfällig gemeinten „Muselmanen“ bei Karl Marx, zum Beispiel, stören keineswegs. Die bleiben, wo sie sind. Das ist auch richtig so, und wäre es auch in so manch anderem Fall. Es ist eben ein Unterschied, ob ich eine Originalfassung lese oder eine dem Zeitgeist gefällige. Wörter sind Teil eines Sinnpuzzles oder Inhaltskomplexes, die nicht der Willkür selbsternannter Sprachreiniger preisgegeben werden sollten.

Sogar in harmlosen Kinderbüchern wird allerlei „Anstößiges“ entdeckt, da zollt man selbst prominenten Autoren keinen Respekt. Deren Werke werden von den neuen Inquisitoren regelrecht „entnazifiziert“, das heißt, sie werden von „veralteten und politisch nicht mehr korrekten Begrifflichkeiten“ befreit, wie ein im vorauseilenden Gehorsam tätiger Verleger meinte. Freiheit der Kunst? In diesem Falle nicht.

Ich weiß schon, die Sprache wandelt sich, spiegelt gesellschaftliche Prozesse wider, und bekanntlich gab es auch immer wieder und gibt es noch beharrende Kräfte angesichts unvermeidlicher Entwicklungen. Was nun aber nicht nur mir heutzutage besonders wider den Strich geht ist, daß überliefertes Wortgut von Eiferern gar verboten werden soll. Nichts gegen Sprachsensibilität, aber Wortverbot? Nein Danke!

Daß das Wort „Neger“ durchaus in einem herabwürdigenden Sinne gemeint sein kann, ist schon klar, aber noch nie habe ich einen solchen im Geiste vor mir gesehen, wenn ich einen „Mohr im Hemd“ genossen habe. Auch glaube ich nicht, daß ich damit jemand beleidigt oder gekränkt habe, wie manche behaupten würden. Das wäre wirklich absurd.

Das sind also die ernsthaften Probleme, mit denen wird uns heute beschäftigen müssen. Auch unsere Regierung, denn sie überlegt gerade Strategien gegen das angeblich österreichweit verbreitete Po-Grapschen. Bekommen wir demnächst einen gut besoldeten Po-Grabsch-Abwehrbeauftragten? Wenn man nur auch sonst wo, vor allem aber bei sich selbst, so auf Anstand und gutes Benehmen schauen würde, wie schön wäre das doch.

In bundesdeutschen Pharisäer-Kreisen herrscht derweil helle Aufregung, weil ein älterer Politiker eine Bar mit seinem Stammtisch verwechselt haben dürfte. Er soll vor etwa einem Jahr einer gewiß schnüffelnden Journalistin nicht nur auf deren Busen geschaut, sondern auch noch diesbezüglich Komplimente gemacht haben. Wie gesagt, vor einem Jahr.

Aber erst jetzt nahm das groß in Szene gesetzte „Opfer“, aus welchen Gründen auch immer, die Gelegenheit beim Schopf, um den Fall hoch zu spielen. Und umgehend hieß es, das sei ein gefährlicher Angriff auf die Würde dieser Frau gewesen. Schwere Geschütze werden dabei ganz allgemein gegen den Sexismus aufgefahren. Auch immer an der richtigen Front?

Ganz allgemein aber soll endlich den Männern das Fürchten gelehrt werden. Noch fehlt aber eine Anleitung dazu, wie diese gegenüber einer attraktiven Vertreterin des anderen Geschlechts in Augenhöhe standhaft verharren können ohne dabei auch nur einen Millimeter nach unten abzurutschen. Ein biologischer Blindgänger hätte damit wahrscheinlich kein so großes Problem.

Ich ärgere mich ja selbst immer wieder über geschmacklose, schlüpfrige, ausgesprochen sexistische Werbung, und da werden ja übrigens mittlerweile auch schon die Männer dazu hergenommen. So daß, nicht nur in diesem Zusammenhang, viele sich inzwischen schon fragen, was ist bloß los mit unserer Gesellschaft? Wird virtueller Sex noch zu ihrem identitätsstiftenden Merkmal?

Ja, und was den in allen gesellschaftlichen Bereichen bereits wütenden politisch korrekten Gesinnungsterror betrifft, da dürfte es wohl so sein, daß bei bestimmten Akteuren dieser verkappten Hexenjagd mit ihren denunziatorischen und erpresserischen Instrumenten und Methoden der Hang zum Totalitären einfach latent vorhanden ist.

Wie sagt doch mein alter Freund Zarathustra: die größte Gefahr liege bei den Guten und Gerechten, den Pharisäern. Denn „ihr Geist ist eingefangen in ihr gutes Gewissen“. Und, so meine auch ich, sie müssen den kreuzigen, der an seinem eigenen Welt- und Menschenbild festhält.

Helmut Müller

Quelle

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