Annäherung an den Abgrund

Die zunehmende Verblödung ist ja nur ein Aspekt einer immer überflüssiger werdenden Gesellschaft. Aber sie steht mit anderen Auflösungserscheinungen, die hier nicht alle genannt werden, in einem ursächlichen Zusammenhang. Dazu gehört die Schamlosigkeit, die sich in mannigfaltiger Weise vom unverschämten Abzocken über erfundene Asyl-Rechtsansprüche bis hin zur öffentlichen Vermarktung der Intimzone frech und lautstark äußert.

Auch Sex vor Publikum reiht sich in diese Kategorie. Und neuerdings verschicken sogar schon Jugendliche, eigentlich noch Kinder, erotische Selbstaufnahmen via “Smartphone”. Wie alles angeblich Gute kommt auch dieser „Sexting“ genannte Unsinn aus den USA.

Wem das als Heranwachsender bereits zu spießig oder zu „soft“ ist, dem stehen ganz andere – von Frust genährte und von Medienkonsum geförderte – Bewährungsproben zur Auswahl. Um, zum Beispiel, an das nötige Kleingeld für ihr geliebtes „Fast-Food“ zu kommen, überfielen drei fremdländische Buben zwischen 13 und 14 Jahren einen 12-Jährigen, schlugen ihn, beraubten ihn und flüchteten. Kein Einzelfall.

Da können längst auch schon Mädchen durchaus mithalten: Vier davon traktierten in Kärnten eine Stunde lang eine 13-Jährige und bedrohten diese sogar mit dem Umbringen. Das Opfer erlitt eine Gehirnerschütterung. Bekommt die Politik das überhaupt mit? Oder liegt sie auch in Sachen Jugendkriminalität bereits im Kompetenzkoma?

Als ein weiterer Meilenstein in unserer wenig empfehlenswerten Annäherung an den gesellschaftlichen Abgrund darf das von uns hingenommene „Frechheit siegt!“ betrachtet werden. So wurde ich Augenzeuge als eine junge bettelnde Nomadin vom Balkan in der Wiener Innenstadt von einer Passantin frisch und frei 20 Euro erbeutete und, als sie diese noch in Händen hielt, flehenden Blicks eine Draufgabe forderte. Und bekam.

Unsere „Großzügigkeit“, sagen wir lieber Schwäche, in diesem oder im Fall der Besetzung der Wiener Votivkirche, ist dabei das Bedenklichere, denn es lädt zu weiteren unverschämten Forderungen ein und führt, neben weiteren ähnlichen Dummheiten, letztlich zur Preisgabe unserer angestammten Rechte und unserer Heimat.

Ich phantasiere natürlich nicht, sondern spreche hier wie auch sonst an anderer Stelle von nachweisbar unhaltbaren Zuständen und bekannten Übeln und den daraus zu erwartenden Folgen. Was dabei aber erschrecken lassen sollte, ist der Umstand, daß die einen nicht zu wissen scheinen oder nicht wissen wollen, was sich gehört, während die anderen es bereits gottergeben hinnehmen.

Daß das auf Dauer nicht gut gehen kann, darf getrost angenommen werden, und ich bin gerne bereit, eine Wette darauf abzuschließen. Leben wir denn nicht schon in einer Gesellschaft von gutmütigen Schafen, in der, wie manche meinen, die Wölfe einmal das Sagen haben könnten? Was begreiflicherweise einige besorgt macht. Nur in den Gesichtern der verantwortungslosen politischen wie gesellschaftlichen Elite zeigt sich das gleiche Lächeln idiotischer Zufriedenheit.

Helmut Müller

Quelle

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