Karl O. Paetel: Sozialismus und nationale Frage. Eine Antwort

Aus: Sozialistische Warte, 20.05.1938

In Nr. 16 der Tribüne der „SW“ nehmen Junius und W. Hansen Stellung zu meiner kurzen Diskussionszuschrift „Nationalbolschewismus?“ Ich will gerne annehmen, dass die dabei sehr zahlreich auftretenden Missverständnisse vor allem auf den aphoristisch unvollständigen Charakter meiner Zuschrift, die außerdem noch gekürzt worden war zurückgehen. Aber trotzdem dürfen sie nicht unwidersprochen bleiben, wenn auch nicht auf alles eingegangen werden kann.

Junius meint, heute, wo offensichtlich die nationale Parole von Hitler und sehr eindeutig kapitalistisch-imperialistischen Kräften missbraucht wird, bedeute es „fehlende Scham“, wenn man gleichfalls noch die nationale Losung herausstellt. Die internationalen Sozialisten würden, soweit eine solche bestünde, ihre innere Verbindung mit dem deutschen „Erbe“ in die geheimen Bezirke des blühenden Geistes verlegen. Zuerst einmal stellen wir dem gegenüber fest, dass es uns sogar sehr notwendig erscheint, in einer Zeit, wo die wildesten utopischen internationalen Prognosen mangels konkreter Realisierungs-Chancen in Deutschland allerorts vertreten werden, das Bekenntnis zum deutschen Volk entweder achselzuckend negiert oder aber mit Augenzwinkern als Zugeständnis an geistig Zurückgebliebene motiviert wird, auszusprechen, dass es sich hier für uns um eine politische Willensentscheidung für Deutschland und nicht um private Erbauung an deutscher Geisteskultur handelt. Der Mangel an Scham scheint uns durchaus da zu liegen, wo man sich nicht scheut, die nationale Realität als Lebensgrundlage zu negieren; weil andere damit Missbrauch treiben, anstatt den Versuch ihrer Loslösung aus der Verfälschung zu machen.
Ganz abgesehen davon bleiben aber die Diskussionspartner, die uns mitteilen, dass die künftige sozialistische Ordnung nur international sein kann, jeden Beweis dafür schuldig. Hypothesen kann man halt nicht beweisen, auch dann nicht, wenn sie das echte Pathos eschatologischer Endvisionen haben. Uns scheint im Gegensatz zu der landläufigen Auffassung (und die UdSSR liefert hierfür existenzielle Beweise) durchaus noch nicht so ausgemacht, dass nach Anlösung des Kapitalismus durch den Sozialismus der Staat absterben, das nationale Sonderbewusstsein sich nach und nach verlieren und eine äußere und innere Einheit entstehen wird. Die alte Bauersche Gegenthese gegen diese Marx-Engels-Leninsche Annahme scheint uns viel mehr Wahrscheinlichkeit für sich zu haben, die im Gegenteil voraussagt, dass nach der sozialistischen Revolution eine schöpferische Intensivierung des Gefühls der nationalen Sonderheit eintreten und eine neue bewusste „sozialistische Nation“ entstehen wird. Man kann das, wenn man den konsequent sozialistischen Charakter dieser Staatlichkeit unterstellt (und Junius muss zugeben, dass ihre von uns angedeuteten Kriterien allgemein sozialistische Forderungen sind) polemisch „nationalen Sozialismus“ nennen. Wir möchten, um jede Nachbarschaft zum Hitler-Faschismus zu vermeiden, die Formulierung eines Deutschen Sozialismus vorziehen.

Junius meint, die Formulierung: „eine Selbstverwaltung“ die den echten Traditionen germanischer Demokratie entspricht“, sei „leeres Gerede“. Wir müssen sagen: Sein Kommentar scheint uns einfache Ignoranz zu sein. Vielleicht ist ihm bekannt, das neben der Engelsschen „Mark“ vor allem schon Landauer den sehr eindringlichen Nachweis dafür erbracht hat, dass die Räteidee, zu der wir uns stets bekannt haben, sich aus dem altgermanischen Thing ableitet, dass Kropotkin den demokratischen Charakter der mittelalterlichen freien Stadt dargestellt hat, dass die Steinschen Reformen ihren Ursprung in dieser germanischen Demokratie haben. Und wer einmal in Skandinavien gelebt hat, weiß, dass die dortige Verwurzelung des demokratischen Bewusstseins ein absolut legitimes „Erbe“ germanischer Demokratie über Thingformen und Ständeparlament ist. Das hat mit der Rassenmischung des deutschen Volkes ebenso wenig zu tun, wie mit der Scherzfrage, der „nationale Sozialismus“ leite sich wohl etwa von der wilhelminischen Tradition ab. Hier macht man es sich etwas zu leicht.

Fast an die Grenze der Fairness kommt die Schlussfrage von Junius, es sei noch absolut nicht sicher, ob wir nach dem Sturz des Hitlerfaschismus nicht konterrevolutionäre Faktoren wären. Wir haben seit 10 Jahren, in denen wir lange genug alle Chancen hatten, mit dem Nazismus zu paktieren, unter nicht ganz populären Voraussetzungen Seite an Seite mit der Linken gekämpft, haben als zahlenmäßig hoffnungslose Minderheit in der nationalen Bewegung in all diesen Jahren konsequent gegen den Faschismus gearbeitet und nie, wie Hansen unterstellt, eine Affinität, auch anfänglich nicht, zum Hitlerismus gehabt. Unsere legale und illegale Arbeit in Deutschland, alle unsere Publizistik, die eigentlich die beiden Diskussionspartner vor einer Auseinandersetzung mit den paar der „SW“ eingesandten Bemerkungen ergänzend hätten zur Kenntnis nehmen müssen, beweisen, das uns die sozialistische Komponente unserer politischen Haltung sehr eindeutig, ein für alle Mal, auf der revolutionären Seite der Barrikade einordnet. Nicht zuletzt auch deshalb, weil viele von uns in Freikorps und NSDAP am eigenen Leibe den faschistischen Volksbetrug erlebt haben; auch Betrogen-worden-sein wirkt als „Tradition“.

Wir sind allerdings der Auffassung, dass das Bekenntnis zum nationalen Schicksal (man verzeihe das harte Wort, das wieder Anlass zu nicht ganz gutwilligen „metaphysischen“ Entlarvungen geben wird) unumgänglich notwendig sein wird, will man die Sache des Sozialismus in Deutschland, was ja doch wohl auch den replizierenden Kameraden am Herzen liegt, aus einer rein ökonomischen Klassenfrage zu einer Angelegenheit des Volksganzen machen. Es ist einfach nicht wahr, dass die nationale Idee dem Sozialismus feindlich gegenüberstehen muss.

In der Einschätzung der seinerzeitigen Versuche Wolffheims, im Rahmen der deutschen Arbeiterbewegung in diesem Sinne zu wirken, werden wir also wohl verschiedener Ansicht bleiben (die Formulierungen Ruth Fischers habe ich nicht zu verteidigen), aber uns scheint eine viel größere Konfusion, als sie uns bei dem Versuch, aus sozialistischen und nationalen Notwendigkeiten eine Synthese zu schaffen, nachgewiesen werden konnte, und was schlimmer ist, eine verhängnisvolle Vogel-Strauß-Politik darin zu liegen, wenn Hansen apodiktisch erklärt, eine Zusammenarbeit mit in diesem „Gefühlsleben“ Verharrenden sei nur nach völliger Liquidierung dieser geistig-seelischen „Rückstände“ möglich. Wir befürchten daher, dass dann die geschulten Marxisten, ergänzt vielleicht durch die Anhänger Nelsons, sehr unter sich bleiben dürften.

Unsere Parolen sind durchaus keine Anleihen beim Faschismus, aber sie knüpfen an die Erlebniswelt vieler junger Deutscher, die heute in Opposition zum Faschismus stehen, an, die bereit sind, alle ökonomischen Forderungen eines entschiedenen Sozialismus zu bejahen, aber nicht bereit, sich die Bindungen an ihr Volk, ihre Geschichte und ihre Tradition entreißen oder wegdiskutieren zu lassen, denn diese „Traditionen“ haben ja auch noch andere Seiten, als die Junius-Hansenschen Auswahlsendungen uns offerieren.
Trotzdem bedeuten, wie wir oft genug betont haben, unsere Losungen, sehr viel weniger als die Positionen der meisten anderen Gruppen, endgültige Doktrinen. Wir wollen nicht nur politisch eine weit über bisherige Parteigrenzen hinausgehende Front deutscher Sozialisten, sondern auch eine selbstkritische ideologische Selbstverständlichkeit der deutschen Opposition. Die Tatsache dieser Gespräche scheint uns deshalb sehr begrüßenswert, wenn wir uns auch manche Formulierungen dabei etwas kameradschaftlicher gewünscht hätten.

Wir und ihr wollen ein freies sozialistisches Deutschland. Kann man da nicht viele Einzelheiten getrost dem Leben selber überlassen?

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Kommentare

  • Arbeiterdemokrat  Am 5. November 2013 um 19:02

    Interessante Stellungnahme von Paetel. Wäre jetzt eigentlich noch interessant, den gesamten Diskussionsverlauf zu sehen.
    Paetel scheint sich ja tendenziell auf der Seite der Linken zu sehen, wie es ja durchaus einigen Deutschen der damaligen Zeit ging, die ursprünglich dem nationalen Lager angehörten, aber vom „Nationalsozialismus“ enttäuscht wurden.
    Darf ich Euch vom SdV fragen, wo Ihr Euch im Verhältnis zu Paetel selbst einschätzt? Da Ihr Euch heute eher im nationalistischen Lager verortet, steht Paetel vermutlich links von Euch in Eurer Selbsteinschätzung, sozusagen als tolerables Bindeglied zur Linken?

  • Schwab  Am 7. November 2013 um 18:51

    @Arbeiterdemokrat

    Die SdV-Aktivisten stammen allesamt aus der nationalen Rechten, weshalb die meisten Linken einen großen Bogen um uns machen. Dabei geht es weniger darum, was die SdV vertritt, sondern was diejenigen vertreten, mit denen wir in Kontakt standen oder stehen. Also mit wem wir mal auf ner Demo waren usw.

    Wirtschaftspolitisch stehen Sozrev und ich links von Sahra Wagenknecht. Martin Laus und Helmut Müller stehen weiter rechts, aber nicht so weit rechts wie diejenigen im Nationalen Widerstand, die „Sozialisten“ ausgrenzen wollen. Für die Linken und den VS ist die SdV „rechtsextremistisch“, für Torsten Heise, Thomas Wulff und Uwe Meenen sind wir „Linksextremisten“ (Marxisten, Bolschewisten), weshalb wir doppelt ausgegrenzt werden.

    Die Räterepublik, die unter anderem Paetel vertrat, steht innerhalb der Linken auf der Linken, also linkslinks, davon standen Lenin und Stalin, aber auch Niekisch rechts.

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