Souveränitätsdebatte

In letzter Zeit scheint den hierzulande rar gewordenen Intellektuellen endlich klar geworden zu sein, dass die Bundesrepublik Deutschland kein souveräner Nationalstaat ist. Eine Erkenntnis, die schon in der Geburtsstunde unserer hochgelobten Demokratie, selbst für einfache Gemüter mühelos erkennbar war. Doch diese Erkenntnis war damals für die deutsche Bevölkerung unwichtig. Wichtig allein war zunächst die Beschaffung von Kartoffeln und Zigaretten, und später, je nach Erweiterung der Möglichkeiten im neu geschaffenen Wirtschaftswunderland, der unstillbare Drang nach persönlichem Komfort und lustvoller Hingabe an den Müßiggang.

Und heute?

Wie viele von den Volksgenossen, die unter dem, fremder Gewalt unterworfenen Dachverband, der sich Bundesrepublik nennt, leben, interessieren sich noch für etwas anderes als fressen und saufen? Zuhause ebenso wie auf dem Ballermann. Halt! Beinahe hätte ich noch etwas vergessen, natürlich Fußball. Um einer Bundesligatabelle folgen zu können, reichen die geistigen Kapazitäten der Bevölkerungsmehrheit ebenso wie zum Ausfüllen eines Wahlzettels, noch aus.

Nun fragt man sich angestrengt, welches konkrete politische Ziel mit der Souveränitätsdebatte verfolgt werden könnte? Liegt der Souveränitätsdebatte überhaupt ein Ziel zugrunde? Und wenn ja, welcher politische Weg soll beschritten werden?Gibt es konkrete Überlegungen zu Weg und Wagnis?

Die Wiederherstellung unserer 1945 verlorengegangenen staatlichen Souveränität würde doch nur denkbar sein, wenn die US-amerikanische Vormundschaft abgeschüttelt werden könnte.
Also „Los von Amerika!“ Grundsätzlich finde ich natürlich an dieser Forderung Gefallen. Sie ist neben der Beachtung der Grenzen des Wachstums mein Credo.

Bleibt unser Schicksal unseres Volkes auch künftig an das amerikanische Herrschaftssystem gekoppelt, dann werden wir unweigerlich zusammen mit den Vereinigten Staaten von Amerika im Chaos landen.

Ich möchte aber dringend zur Besonnenheit raten. Nehmen wir einmal, konkrete Erörterungen diverser politischer Maßnahmen beiseite schiebend, fiktiv an, es wäre möglich, den amerikanischen Einfluss auf deutsche Belange auszuhebeln. Welche praktischen Auswirkungen würde das auf die materiellen Lebensumstände der Deutschen mit sich bringen? „Los von Amerika“ ist gleichbedeutend mit der Lösung vom global vagabundierenden Großkapital. Das würde aber zwangsläufig zunächst bedeuten, dass der Früchte tragende Ast auf dem sich das deutsche Volk niedergelassen und im Lauf der Jahre gemütlich eingerichtet hat, ratzeputz abgesägt werden müsste. Auf die Schnittstelle müsste das Reis einer anderen, besseren Wirtschaftsform aufgepfropft werden. Aber in der Zeit kurz nach dem Absägen des alten Astes bis der okulierte Zweig Früchte bringen kann, wird das Volk in Armut und Elend versinken.

Das vielfach, oft undurchschaubar verzweigte System der globalisierten Verschleißwirtschaft erbringt ja, wenngleich natürlich nicht mehr auf längere Sicht, so doch unbestreitbar derzeit noch beachtliche, materiell positive Ergebnisse. Zwar fallen bei der Ernte die reifen Früchte den internationalen Finanzmächten ins gierig aufgerissene Maul, aber die Deutschen können sich doch immer noch ganz gut vom Fallobst ernähren. Eine mit Not und Elend einhergehende Übergangsphase von einer noch einigermaßen funktionierenden, den Totalcrash hinausschiebenden Wirtschaftsform hin zu einer anderen langfristig Sicherheit und Wohlstand bietenden Organisationsform, würde von unserem Volk wohl nicht so einfach akzeptiert werden. In der unabdinglichen Interims-Zeit würden die Leute jammern und aufbegehren: „Warum habt ihr uns in die Wüste geführt? Lasst uns zurück kehren, zu den Fleischtöpfen Ägyptens.“

Von den materiellen Gegebenheiten abgesehen, muss man sich nicht zuletzt auch mit der Frage beschäftigen, ob das deutsche Volk mehrheitlich besonderen Wert auf die politische Selbstständigkeit Deutschlands legt?

Unbestreitbar sind die Deutschen politisch von den Siegern des II. Weltkriegs in jeder Hinsicht entmündigt worden, aber immerhin wird der Deutsche Bürger nicht anders behandelt als der nicht minder entmündigte amerikanische Bürger. Dabei steht der „Deutsch-Ami“, wenigstens, soweit es soziale Belange angeht, immer noch besser da, als der Original-US-Bürger in Amerika.

Doch der Bundesdeutsche ist letztlich nichts anderes als ein nachgemachter Ami. Und er scheint sich offensichtlich in dieser Rolle zu gefallen.

De facto ist die Bundesrepublik nichts weiter als ein nach 1945 neu hinzugekommener Bundesstaat der Vereinigten Staaten von Amerika, dessen formale Eingliederung verschämt unterlassen wurde. Würde die formale Eingliederung als amerikanischer Bundesstaat ernsthaft zur Debatte stehen, dann würden sich die Souveränitätsstreiter wundern, wie groß die Bereitschaft voll und ganz Ami zu werden, im deutschen Volk wäre.

Man soll mich nicht falsch verstehen. Ich wünschte mir nichts sehnlicher als die Unabhängigkeit unseres Volkes im Rahmen eines in allen Dingen einheitlichen Unionsstaates.

Und ich werde nicht müde werden, die Forderung nach Unabhängigkeit vom globalisierten Wirtschaftssystem und der transatlantisch orientierten politischen Botmäßigkeit zu fordern, aber ich bin auch realistisch genug, um den geistig und moralisch herunter gekommenen Zustand unseres Volkes wahr nehmen zu können und in Rechnung zu ziehen.
Meine Stimme wird eben so wenig von der Bevölkerungsmehrheit beachtet, wie die ergänzenden Argumente der intellektuellen Minderheit deutscher Systemkritiker. Dessen bin ich mir bewusst. Wir reden von Wahrheiten, ohne unsere Rede von der Aussicht auf Erfolg abhängig zu machen.

Ein Volk das nicht befreit werden will, kann man nicht befreien. Der Erkenntnis, dass die Deutschen nicht souverän sind steht gegenüber, dass es den meisten Volksgenossen ziemlich wurscht ist, ob sie frei oder abhängig sind, wenn nur der Wohlstand nicht in Frage gestellt wird.

Das hört sich nicht gut an. Wahrheiten sind selten etwas Erbauliches.

Karl-Heinz Hoffmann

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