Polen zwischen Berlin und Moskau

Vorbemerkung: Der vorliegende Artikel erschien vor einigen Jahren bereits an anderer Stelle (im mittlerweile eingestellten Europakreuz) und sorgte für teilweise kontroverse Reaktionen – aus diesem Grunde gestattete der Verfasser uns eine erneute Veröffentlichung. Wie jedes Volk, so besitzen auch die Polen ein Recht auf nationale Existenz – Grund genug, die unglückliche Geschichte des polnischen Nationalismus zwischen dem Ersten Weltkrieg und der Unterwerfung durch die Sowjetunion einmal zu beleuchten.

Verfasser: Richard Schapke

Polen verdankt seine Unabhängigkeit den Folgen des Ersten Weltkrieges. Ende des 18. Jahrhunderts verschwand es nach der Dritten Polnischen Teilung von der Bildfläche. Die Teilungsmächte waren Preußen, Österreich und Rußland. So kam es, daß Polen in den Armeen dreier Staaten in den Krieg zogen. Zum geteilten Vaterland kam ein geteilter Widerstand. Jozef Pilsudskis Sozialisten orientierten sich an Deutschland, während Roman Dmowskis Nationaldemokraten auf den Westen setzten. Beide beteiligten sich mit Freiwilligenverbänden auf Seiten der Mittelmächte und der Alliierten an den Kämpfen. Insgesamt 2,5 mio Polen wurden Soldaten, und fast 400.000 von ihnen fanden den Tod.

Am 5. November 1916 proklamierten Deutschland und Österreich-Ungarn einen polnischen Staat. Führender Mann war hier bis zu seinem Bruch mit den Deutschen Pilsudski. Als sich zeigte, daß den Mittelmächten ein Satellitenstaat vorschwebte, stärkte sich nicht zuletzt dank großer Versprechungen des Westens die Position der Nationaldemokraten. Nach dem Zusammenbruch der Mittelmächte im Herbst 1918 setzte eine Periode von Raubkriegen ein, mit denen der junge Staat sich seine Nachbarn Deutschland, Litauen und Sowjetrußland zu Feinden machte. Das utopische Programm, die alte Grenze von 1772 zurückzugewinnen, führte 1920 im Kampf gegen die Rote Armee fast zur Katastrophe. Erst vor den Toren Warschaus konnte Pilsudski die Roten stoppen und Polens Freiheit retten. Hiermit erwarb er sich den Titel eines Marschalls von Polen. Man sicherte sich außenpolitisch durch Bündnisse mit Frankreich, der Tschechoslowakei, Rumänien und Jugoslawien ab.

Das neue Staatsgebilde war instabil. Das Verhältnis zur Sowjetunion blieb schlecht, während man zur Weimarer Republik immerhin wirtschaftliche Beziehungen anknüpfen konnte. Die Verfassung von 1921 nahm den von den Alliierten geforderten Minderheitenschutzvertrag auf. Da Warschau sich mit der Anerkennung von Minderheiten schwer tat, machte es sich jeden dritten Einwohner zum Todfeind. Neben dem polnischen Staatsvolk zählte man 25 % Ukrainer und Weißrussen, 12 % Juden (in vielen Städten über 30 %) sowie 3,9 % Deutsche. Insbesondere die Deutschen in den westlichen Randgebieten wie Westpreußen, Posen und Oberschlesien wurden durch Verfolgungen und wirtschaftlichen Druck aus dem Land getrieben, und auch gegen die Ukrainer richtete sich ein Schreckensregiment. Als staatlich finanzierte Gruppe entstand der Westmarkenverband, der sich für die Polonisierung der Deutschen einsetzte und auch schon die Oder-Neiße-Linie im Munde führte. Der seit langer Zeit kultivierte militante Antisemitismus machte sich in blutigen Pogromen, Quoten im Berufsleben und Ausschluß vom Staatsdienst bemerkbar.

Ende 1922 gewannen die Nationaldemokraten die Parlamentswahlen, woraufhin Staatspräsident Pilsudski sich aus der Politik zurückzog. Aggressiver Nationalismus, Wirtschaftskrise und häufige Regierungswechsel belasteten die Innenpolitik. Noch vor Jahresende wurde der neue Präsident, der Litauer Narutowicz, von Extremisten ermordet. Die Jugendorganisation der Nationaldemokraten orientierte sich zusehends an Italiens PNF, und sie erhielt aus Rom Geld und propagandistische Unterstützung.

Im Jahr 1926 ermannte sich Marschall Pilsudski, dem Chaos ein Ende zu bereiten. Am 12. Mai marschierte er mit 14 Regimentern in Warschau ein. Die Putschisten errichteten eine „moralische Diktatur“. Sehr bald brachte Pilsudski die Linke gegen sich auf, da er mit den Großgrundbesitzern paktierte. Das Endergebnis war 1930 die Auflösung des Parlaments. Parallel hierzu lief seit Anfang 1927 die Zerschlagung der Organisationen vor allem der Ukrainer und Weißrussen. Nun stützte die Diktatur sich auf einen sogenannten Regierungsblock und ein im März 1933 verabschiedetes Ermächtigungsgesetz. Innenpolitisch bemühte die Militärregierung sich um ökonomische Stabilisierung und griff in der Judenpolitik zu vornehmeren Mitteln, indem der jüdische Mittelstand zusehends drangsaliert wurde. Massenauswanderung war auch hier die Folge.

Hitlers Machtergreifung in Deutschland animierte Warschau dazu, dem Westen einen Präventivkrieg vorzuschlagen. Als dieser Plan zurückgewiesen wurde, warf Pilsudski das Steuer herum und suchte den Ausgleich mit Berlin. Nach diplomatischen Kontakten folgte am 26. Januar 1934 ein Nichtangriffspakt, und zur Verhinderung eines Krieges bauten die beiden Nachbarn ihre Beziehungen aus. Keinem Geringeren als Hermann Göring oblag die Pflege der Kontakte, und auch Goebbels wurde in Warschau von Pilsudski empfangen. Berlin und Warschau führten zu dieser Zeit zahlreiche kulturpolitische sowie propagandistische und auch wirtschaftliche Gemeinschaftsprojekte durch. Kein Politiker der Weimarer Republik hätte einen derartigen Kurs gegenüber dem ungeliebten östlichen Nachbarn einschlagen können. Endziel der Deutschen war zunächst, die Minderheiten- und Grenzfrage zu behandeln und Polen letztendlich in eine antisowjetische Koalition einzubeziehen. In polnischen Regierungskreisen war man allgemein skeptischer. Die Verwaltung übte weiterhin Druck auf die deutsche Minderheit aus, aber Hitler ordnete Zurückhaltung an.

Am 12. Mai 1935 starb Marschall Pilsudski nach schwerer Krankheit. Göring führte die deutsche Delegation bei den Trauerfeierlichkeiten an. Die Nachfolge übernahm ein Triumvirat aus Außenminister Oberst Beck, Staatspräsident Moscicki und Oberbefehlshaber Marschall Rydz-Smigly. Polen erhielt eine neue, autoritäre Verfassung. Der Antisemitismus verschärfte sich bis zur Erklärung des polnischen Botschafter Lipski in Berlin, man würde Adolf Hitler ein Denkmal in Warschau setzen, wenn es diesem gelänge, gemeinsam die Judenfrage zu lösen. Man initiierte Judenboykotte und erhob die Reduzierung des jüdischen Bevölkerungsanteils zum nationalen Ziel. Die nationaldemokratische Miliz „Blitz“ gebärdete sich besonders gewalttätig.

Zugleich brach der Regierungsblock auseinander. Er sollte durch das von Oberst Adam Koc geführte „Lager der Nationalen Einigung“ OZN ersetzt werden. Das OZN war eindeutig vom faschistischen Vorbild geprägt. Eine Konkurrenz entstand in Gestalt des „Nationalradikalen Lagers – Falanga“ ONR unter Boleslaw Piasecki. Keimzelle dieser Bewegung war die nationaldemokratische Jugendorganisation. Wichtigste Inhalte der ONR waren Nationalismus, Antisemitismus und Katholizismus, die Anhänger zumeist Studenten. Piaseckis Gefolgschaft forderte, einen Großteil der Juden aus dem Land zu jagen. Nach massiven Ausschreitungen erfolgten Parteiverbot und Kampfmaßnahmen der OZN-nahen Regierung.

Beteiligte das Triumvirat sich noch 1938 an der Zerschlagung der Tschechoslowakei, so sollte die Lage sich nun ändern. Hitlers Annexion des Memellandes und der Rest-Tschechei enttäuschte die Hoffnungen der Nationalisten. Schon seit Ende 1938 brachte Berlin die heikle Frage des Korridors zwischen Pommern und Ostpreußen sowie die Wiedereingliederung Danzigs ans Reich zur Sprache. Die polnische Reaktion fiel extrem aus: Hetzpropaganda in der Presse, Verfolgung der deutschen Minderheit und Kriegsdrohungen. England und Frankreich stachelten diese Haltung durch ihre Garantie noch weiter an. Hitler ließ den Angriff vorbereiten und bezog das Land endgültig in sein Lebensraumprogramm ein. Den Westen hoffte er, durch den Pakt mit Stalin abzuschrecken.

Nachdem wiederholt Verhandlungsversuche scheiterten, griff die Wehrmacht Polen an und löste den Zweiten Weltkrieg aus. Gemeinsam mit der Roten Armee brachen die Deutschen den Widerstand. Am Grabe Pilsudskis zog eine deutsche Ehrenwache auf. Erneut wurde Polen geteilt, und in beiden Landesteilen brachen schwere Zeiten an. Die Sowjets verschleppten Hunderttausende von Zivilisten und Gefangenen in ihre Lager. Viele flüchteten nach Westen. Ähnlich sah die Polenpolitik der Deutschen aus. Einsatzgruppen wüteten unter der Intelligenz und rechneten mit den Nationalisten ab, weite Teile Polens wurden dem Reich eingegliedert. In Krakau zog Generalgouverneur Hans Frank ein. Im Gegensatz zu den späteren Ostarbeitern aus der Sowjetunion wurden die ins Reich verschleppten oder gelockten polnischen Zwangsarbeiter immerhin als menschliche Wesen betrachtet, sie erhielten eine Arbeitsordnung und mußten den örtlichen Meldebehörden gemeldet werden.

Endgültig eskalierte die Lage, als der Westen Hitlers Verständigungsangebot mit Wiederherstellung eines entmilitarisierten Kongreßpolens ablehnte. Mit Wladyslaw Studnickis Nationalkomitee hätte eine kooperationsbereite Gruppe zur Verfügung gestanden. Auch Mussolini forderte einen polnischen Staat. Italien brach im Februar 1940 seine Unterstützung ab, und Studnicki wurde in Ehrenhaft genommen. Die Polen sollten zu einem Helotenvolk degradiert und z.T. germanisiert werden. Die Deportation Hunderttausender Polen und Juden sowie die Aushebung von Zwangsarbeitern richteten ein wirtschaftliches Chaos an. Alleine in den sowjetischen Lagern kamen bis zu 1 mio Polen, Soldaten und Zivilisten, ums Leben. Die Zahl der von Deutschland durch Terror und Hunger Ermordeten war ebenfalls erheblich, wobei Stalins Herrschaft zumindest bis 1941 Polen ungleich härter traf. Auf unterer Ebene bestanden im Generalgouvernement noch polnische Verwaltungen, und landeseigene Polizeiverbände beteiligten sich zusammen mit Antisemiten an der Jagd nach Juden. Sonderpolizei aus ehemaligen Armeesoldaten tat sich bei der Bewachung von Ghettos hervor. In den Lagern plünderten Polen jüdische Häftlinge unter Ermunterung durch die SS aus. Nach der Vertreibung der Sowjets aus den ostpolnischen Gebieten durch die Wehrmacht im Sommer 1941 unterstützten auch polnische Freischärler und Zivilisten die Einsatzgruppen bei antijüdischen Maßnahmen und lieferten sich Kämpfe mit roten Partisanen. Die Deutsch-Polen der Volksliste III kämpften ab 1943 in den Reihen der Wehrmacht.

Gegen das Regime der Deutschen und Sowjets organisierte sich der nationale Widerstand. In Paris entstand eine Exilregierung mit General Wladyslaw Sikorski als Ministerpräsident. Ihre Presse griff die alten Forderungen nach deutschen Gebieten auf. Unter General Anders entstand eine Exilarmee. In Polen selbst bildete General Tokarzewski die Untergrundbewegung SZP („Dienst für den Sieg Polens“), schon im Dezember 1939 in ZWZ („Gemeinschaft für den bewaffneten Kampf“) umbenannt. Sie stand über die sogenannte Delegatura mit der Exilregierung in Verbindung. Der Widerstand war nationalistisch und antikommunistisch orientiert, außerdem durften nur Polen in seinen Einheiten dienen. Juden wurden abgewiesen. Beim Warschauer Ghettoaufstand 1943 nahm man bis auf einige unbedeutende Aktionen abwartende Haltung ein.

Die ZWZ-Führung setzte zunächst auf Deeskalation und schränkte Widerstandsaktionen ein, um ungestört ihren Aufbau vorantreiben zu können. Legendäre Figur dieser frühen Phase ist Henryk von Dobrzanski, der „Schimmelmajor“, der mit seiner regulären Reitereinheit den Deutschen im Raum Radom arg zu schaffen machte. Er wurde nach Verrat von deutschen Soldaten erschlagen. General der Kavallerie Freiherr von Gienanth, Kommandeur des Grenzabschnitts Mitte, salutierte vor seinem aufgebahrten Leichnam, um dem Gegner die letzte Ehre zu erweisen. Dobrzanskis Geliebte und Mitkämpferin Maria Cel sollte 1947 im Kampf gegen die Kommunisten fallen.

Schon früh erreichte die ZWZ einen hohen Organisationsstand. Neben britischen Waffenlieferungen entstand eine beachtliche illegale Rüstungsindustrie. Selbst im Lager Auschwitz bildete man eine Untergrundgruppe, die regen Kontakt zum Oberkommando unterhielt. Kurioserweise arbeitete die ZWZ 1940 mit dem japanischen Geheimdienst zusammen, der hier eine nachrichtendienstliche Basis gegen die Sowjetunion gewinnen wollte. Mit dem Beginn des deutschen Kampfes gegen die Sowjets gewann die ZWZ mehr Operationsfreiheit. Viele Einheiten führten militärische Aktionen durch, andere übten sich in Wirtschaftssabotage. Obwohl die Exilregierung jetzt den Kriegszustand mit Moskau beendete, wurden die Nationalisten keine Freunde der kommunistischen Volksgarden, die sich ab 1942 organisierten.

Am 3. Februar 1942 entstand aus der ZWZ die neue Armia Krajowa PAK, die Heimatarmee. Das Kommando übernahm General Stefan Rowecki. Seine Truppen sollten bis 1944 auf 400.000 Mann anschwellen, die 500.000 Mann Sicherheitskräfte banden. Glanzleistung der PAK war die Bergung einer kompletten V 2 und ihre Übergabe an die Briten. Wichtigste Aufgabe war die Vorbereitung der Operation Gewittersturm. Mit einem landesweiten Aufstand wollte die Delegatura die Macht übernehmen und die Kommunisten vor vollendete Tatsachen stellen. Zweitstärkste Bewegung wurden die auf die ONR zurückgehenden Nationalen Streitkräfte NSZ, deren 70.000 Kämpfer den Anschluß an die PAK ablehnten. Seit ihrer Bildung im September 1942 führten diese Verbände einen gnadenlosen Kampf gegen Juden und Linke, während sie sich gegenüber den Deutschen zurückhielten. Ihr erster Führer war Ignacy Ociewicz

Der Widerstand nahm bald solche Ausmaße an, daß Frank am 19. Juni 1943 Hitler zur Änderung der Polenpolitik aufforderte. Auch aus Kreisen um das SS-Organ „Das Schwarze Korps“ und Goebbels wurde die Forderung nach einem Ende der „Untermensch“-Ideologie laut. Andererseits verschlechterte sich durch das Bekanntwerden der Morde von Katyn und die Westverschiebung Polens das Verhältnis zu Moskau bis hin zum offiziellen Bruch. Die Rote Armee stellte bereits polnische Einheiten auf, und eine Art Exilregierung in spe wurde auf Geheiß des Kreml gebildet. Der britische Geheimdienst räumte Exilpremier Sikorski mittels eines Bombenanschlages aus dem Weg, da er zu unbequem wurde. Ein weiterer großer Verlust war die Gefangennahme Roweckis durch die Deutschen. Sein Stellvertreter General Tadeusz Graf Komorowski übernahm die Führung.

Nach der vernichtenden Niederlage der Deutschen im Sommer 1944 in Weißrußland überfluteten die sowjetischen Truppen Polen bis zur Weichsel. In Lublin siedelte sich Bieruts kommunistische Gegenregierung an. Am 15. Juli brachen im Raum Wilna Kämpfe zwischen PAK und Sowjetarmee aus. Wieder ermordete die sowjetische Geheimpolizei Nationalisten oder deportierte sie (allein in Lublin 21.000). Die Kampfhandlungen weiteten sich zusehends aus, und die polnischstämmige Zivilbevölkerung floh vor dem Wüten der roten Soldateska nach Westen – zu den Deutschen. Für die Massaker an Deutschen und Ukrainern im kommunistischen Polen trug der nationale Widerstand nur bedingte Verantwortung, nicht selten schützten polnische Hilfswillige die Deutschen vor ihren Verfolgern. Haupttäter waren kommunistische Soldaten, Miliz und verhetzter Pöbel.

Komorowski trat die Flucht nach vorn an. Am 1. August löste er die Operation Gewittersturm aus, vor allem zur Befreiung Warschaus vor dem Einmarsch der Sowjets. Wieder lehnte man jüdische Freiwillige ab oder schickte sie auf Himmelfahrtskommandos. Während in der Hauptstadt 25.000 Mann den Kampf aufnahmen, fielen in den sowjetisch kontrollierten Gebieten 50.000 Kämpfer einer Welle von Massakern und Deportationen zum Opfer. Die Alliierten verweigerten den Aufständischen die Anerkennung als Soldaten und schickten ihnen nur lächerliche Hilfslieferungen. Nach erbitterten Kämpfen kapitulierte Komorowski am 2. Oktober zu ehrenvollen Bedingungen. Die gesamte Heimatarmee erhielt Soldatenstatus, die Offiziere durften ihre Seitenwaffen behalten. Von der PAK bestimmte Einheiten übernahmen die Ordnung in Warschau. Kampfhandlungen und Massenmorde (gegen die sich übrigens wieder Kreise der SS zur Wehr setzten) kosteten mindestens 150.000 Warschauer das Leben. Rund 400.000 Polen wurden nach Westen verschleppt, die Stadt lag in Schutt und Asche. Leopold Okulicki übernahm die Führung der PAK, die ihr Operationsgebiet noch vor Kriegsende bis nach Pommern ausdehnte.

Während in Warschau gekämpft wurde, verriet der Westen die Heimatarmee und die Exilregierung an Stalin. Man stellte die Unterstützung der PAK ein und verstieg sich zu der Behauptung, diese habe keinen Einfluß in Polen. Dem Exilkabinett drohte man bei Nichtanerkennung der Westverschiebung mit der Auslieferung ihres Landes an die Kommunisten. Nachdem es nachgab, sah man tatenlos der Installierung eines roten Regimes zu. In der Folgezeit nahm ausgerechnet Reichsführer-SS Himmler Kontakt zu Graf Komorowski auf, um ihn zu einer Zusammenarbeit zu bewegen. Ein weiteres „zu spät“ in der Geschichte hitleristischer Europapolitik. Erfolgreicher waren Bemühungen um die NSZ. Im Endkampf 1945 schlug sich die Brigade Swietokryszky gemeinsam mit den Deutschen in Tschechien und Sachsen gegen die Sowjetarmee.

Am 18. Januar 1945 wurde die PAK von den Kommunisten für illegal erklärt, und ein neuer Guerillakrieg nahm seinen Anfang. Rund 260 Abteilungen mit alleine 40.000 namentlich bekannten Kämpfern setzten den Widerstand fort. Zur Inhaftierung von Nationalisten wurde das KZ Maidanek wieder eröffnet. Im März 1945 luden die Sowjets 16 Vertreter von PAK und Exilregierung zu Verhandlungen ein. Sie gingen in die Falle und verschwanden in sibirischen KZs. Unter den Opfern befanden sich Vizepremier Jankowski und General Okulicki. Im Mai erfolgte ein neuer Schlag. Die Kommunisten erschossen 20 hohe Offiziere und verschleppten Zehntausende. PAK und NSZ reorganisierten sich und setzten den Kampf bis 1947 fort. Komorowski spielte eine bedeutende Rolle in der Exilregierung, die schließlich in der Versenkung verschwinden sollte. Am 25. Juni 1945 richteten die Sowjets nach einem Schauprozeß 12 ranghohe PAK-Führer in Moskau hin. Als Staatsanwalt Dr. Martine an Informationen über die sowjetischen Massenmorde von Katyn gelangte, wurde er im März 1946 von Kommunisten ermordet. In den Jahren 1947 und 1948 endeten 66 NSZ-Führer vor dem Standgericht. Insgesamt sollte alleine der innerpolnische Bürgerkrieg zwischen 1939 und 1947 bis zu 250.000 Todesopfer fordern. Die Gesamtverluste an Menschenleben seit 1939 dürften nach seriösen Berechnungen (gültig für alle Volksgruppen) zwischen 2,4 und 2,8 mio liegen, von denen die Hälfte auf das Konto der Kommunisten geht.

Der Antisemitismus ließ sich nicht überwinden, wurde sowohl vom Widerstand praktiziert als auch später durch die Kommunisten faktisch Bestandteil der Staatsideologie. Bis Mitte 1946 verließen bereits 50.000 Juden das Land, und als in Kielce das Gerücht von einem jüdischen Ritualmord umging, kam es am 4. Juli 1946 zu einem Pogrom mit insgesamt 43 Todesopfern. Schon in den 50er Jahren sollte die polnische Arbeiterschaft zur Trägerin des nationalen Widerstandes gegen die kommunistische Bevormundung werden und bei mehreren Aufständen und Streikwellen hohe Opfer bringen. In diesem Sinne ist die Tradition des Freiheitskampfes ungebrochen.

Literatur:

Gerhard Frey jr.: Polens verschwiegene Schuld. Das ungesühnte Unrecht am deutschen Volk, München 1990
Israel Gutman (Hrg.): Enzyklopädie des Holocaust, München 1995
Heinz Höhne: Der Orden unter dem Totenkopf. Die Geschichte der SS, Augsburg 1992
David Irving: Hitlers Weg zum Krieg, München u.a. 1978
Jüdisches Historisches Institut Warschau (Hrg.): Faschismus-Ghetto-Massenmord, Ostberlin 1960
Erich Kern: Adolf Hitler und das Dritte Reich, Preußisch-Oldendorf (3) 1981
Peter Kleist: Die europäische Tragödie, Preußisch-Oldendorf 1971
Janusz Piekalkiewicz: Pferd und Reiter im II. Weltkrieg, München u.a. 1992
Janusz Piekalkiewicz: Spione Agenten Soldaten. Geheime Kommandos im Zweiten Weltkrieg, München 1988
Wolfgang Wippermann: Europäischer Faschismus im Vergleich 1922 – 1982, Frankfurt/Main 1983

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Kommentare

  • hanswernerklausen  Am 9. Dezember 2013 um 07:58

    Ein Bündnis zwischen Polen und der Tschechoslowakei kam in der Zwischenkriegszeit nicht zustande, da beide Staaten das Teschener Schlesien für sich beanspruchten. Polen hatte durch das Bündnis mit Rumänien eine indirekte Anbindung an die „Kleine Entente“ (Tschechoslowakei, Rumänien, Jugoslawien), doch die Beziehungen zwischen Warschau und Prag waren in der ganzen Zwischenkriegszeit schlecht. Selbst 1945 gab es wegen des Teschener Schlesien Spannungen zwischen Prag und Warschau, bis das Machtwort Moskaus dazwischentrat.

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