Etwas mehr Spiritualität und Solidiarität bitte

Denk ich in diesen längst entheiligten Nächten an jenes mehrheitlich noch christliche Europa, dann kommt mir der Frühromantiker Novalis* in den Sinn. In seinem Fragment „Die Christenheit oder Europa“ hatte dieser, aus heutiger Sicht, naive Visionär, dieses Europa als eine in Zukunft christliche Kultureinheit gesehen.

Eine solche scheint vorerst ausgeträumt, denn diesbezüglich klaffen Ideal und Wirklichkeit wie nie zuvor auseinander. Da hilft auch kein ohnehin bereits exotisch anmutendes „Herz-Jesu“-Gelöbnis** eines österreichischen Ministers, dem möglicherweise bald eines „beim Barte des Propheten“ folgen könnte.

Novalis, dessen ideale Europa-Vorausschau unter anderem Verbundenheit und einheitliche christliche (d. h. auch politische) Führung beinhalteten und voraussetzten, kommt mit der Analyse der damaligen Ausgangslage, jener unserer Zeit eigentlich doch sehr nahe.

Sind denn nicht Christentum und Europa, wie im ausgehenden 18. Jahrhundert, jedes für sich, zerrissen, uneins und daher von Innen wie von Außen bedroht? Allerdings ist, mehr als zwei Jahrhunderte später, die Situation in Europa und in der Welt insgesamt dann doch ein wenig anders, und so muß einiges wohl auch mit anderen Augen gesehen werden.

So warten die anderen Weltteile keineswegs, wie es sich Novalis damals erhoffte, auf Europas Auferstehung und Versöhnung.

Im Gegenteil, ist es ja außerdem äußerst schwer vorstellbar, daß Europas Christenheit, trotz eines neuen Papstes, noch schnell genug „wieder lebendig und wirksam“ werden könnte. Und die in diesem Zusammenhang von Novalis angestellten Überlegungen hinsichtlich einer „Zeit des ewigen Friedens“ könnten, im Sinne Kants Äußerungen zu dem Thema, bestenfalls als möglich scheinende Wege zu einem halwegs dauerhaften Frieden verstanden werden. Novalis Vision wörtlich genommen, würde ja sonst ein apokalyptisches Vorspiel bedingen.

Für den Abgesang des europäischen Christentums machte Novalis die Geistlichkeit, und, wie nicht anders zu erwarten, die Erleuchtung, also die Aufklärung, verantwortlich. Hinsichtlich Letzterer mangelt es auch heute nicht an Für und Wider.

Europas jetzigen – welchen Ursaschen auch immer zugrundeliegenden – Niedergang, hätte sich Novalis wahrscheinlich so wenig vorstellen können, wie die Tatsache, daß die europäischen Christen in ihrer Mehrheit ihren Kirchen einmal so ferne sein könnten, wie so mancher aufgeklärte Kirchenfürst oder Spitzenpolitiker seinem von Frust und Desorientierung heimgesuchten Volk heute.

Aber trotz allem Anschein hat der Nihilismus die Herrschaft noch nicht übernommen. Eher droht vorerst, um Albert Camus zu bemühen, die Revolte des Sklaven.
Die kategorische Zurückweisung einer Zudringlichkeit durch selbsternannte, unmoralische Eliten und die von ihnen geschaffene Unordnung, ist in den Anfängen ermutigend, wenn auch mit unüberwindlich scheinenden Hindernissen und allerlei Gefahren für Dissidenten aller Art verbunden.

In dieser Hinsicht scheint uns Novalis Zeit zwar auch nahe, doch der religiöse Schwärmer war kein poltischer Mensch im heutigen Sinne, der erwähnte Camus aber durchaus, und insofern ergänzten sich beide eigentlich, der eine in seiner verinnerlichten christlichen Haltung, der andere, Atheist, in seinem ausgeprägten Humanismus.

Was zu der Frage führt: Benötigte das heutige Europa denn nicht mehr Spiritualität (im engeren wie im weiteren Sinne) und auch mehr Solidarität (Brüderlichkeit), nicht nur unter seinesgleichen, wenn auch vorerst einmal vorrangig unter diesen?

In dieser Zeit des Hochverrats, maßloser Gier und spiritueller Dürre, der Unglaubwürdigkeit von Amtskirchen und der Ungewißheit des Kommenden, mag es für manche Enttäuschte und Irrende daher tröstlich sein, nicht ausschließlich bei außereuropäischen Glaubensangeboten Zuflucht nehmen zu müssen, sondern in Glauben und Tradition unserer Alten längst verschollene erbauliche und sinngebende Werte auffinden zu können. Eben diesen verdanken wir ja immerhin den Naturschutz, dazu sich Tier- und Umweltschutz gesellten. Doch ist das beileibe nicht alles.

Ganz aktuell böten jetzt die weihnachtlichen Festtage die Gelegenheit, ein weiteres kulturelles Erbgut unserer Vorfahren bewußter und ganzheitlicher zu verinnerlichen als bisher. Plus récemment offrirait l’occasion de Noël d´internaliser un autre patrimoine culturel de nos ancêtres consciemment./Most recently, Christmas would offer the opportunity to internalize another cultural heritage of our ancestors consciously.

Die uns vertraute Weihnacht knüpft ja bekanntlich an das Sonnen- oder Lichtfest, das in alter Zeit begangen wurde und heute, da und dort, wieder begangen wird, an. Begangen als Feier (Julfest***) des wiedererstandenen, von dem Dunkel der Winternächte erlösenden, wärmenden, belebenden und segnenden Sonnenlichts (Wintersonnenwende).

Da beide Feste für Europäer von wegweisender und segenspendender Bedeutung sind, sollte daher neben dem Weihnachtsfest der Christen auch das naturverbundene Julfest der europäischen „Heiden“ in ebenbürtiger Weise gefeiert werden können.

Ein hohes Fest also in der Tradition sowohl des christlichen als auch des heidnischen Erbes, wobei letzteres zur Erhaltung und Kräftigung unserer nationalen und europäischen Identität eben noch sehr viel mehr beizutragen hätte. Wenn man es nur wieder mehr schätzte und nicht weiter diskriminierte. Der Europäer hat schließlich ein Recht auf seine ganze Geschichte.

Was in manchen Ländern und anderen Erdteilen bereits wieder möglich ist, aktive Rückbesinnung auf das gesamte geistig-kulturelle Erbe – und damit auch Rückgewinnung der Einheit von Natur, Kultur und Mensch – sollte auch uns nicht länger verweigert werden. Könnten daraus doch neue Inspirationen und Hoffnungen für Europa hervorgehen. Letzten Endes auch zum Vorteil und zum Wohle der nicht nur demographisch bedrängten europäischen Christenheit.

In diesem Sinne, gesegnete und versöhnliche Festtage!

*Novalis, eigentlich Georg Philipp Friedrich Freiherr von Hardenberg (1772-1801), Schriftsteller Philosoph, Jurist und Bergbauingenieur.

**Bei der Angelobung der neuen österreichischen Regierung sorgte der neue Landwirtschaftsminister Andrä Rupprechter (ÖVP) für Aufmerksamkeit, indem er sein mündliches Gelöbnis ausschmückte: “Herr Bundespräsident, ich gelobe, so wahr mir Gott helfe und vor dem heiligen Herzen Jesu Christi.”

***Das Julfest der alten Germanen begann mit der Nacht zum 25. Tage des Julmondes und dauerte zwölf Tage lang, bis zum Berchtentage, den wir heute das Fest der Heiligen Drei Könige nennen.

Helmut Müller

Quelle

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