Der Nordirlandkonflikt und der irische Linksnationalismus (6)

Die Irisch-Republikanische Armee

Verfasser: Richard Schapke

Sechster Teil: Hungerstreik

1. Waffenstillstand

Nachdem auch die Kampagne Victory 74 scheiterte, erklärte die Provisional IRA am 22. Dezember 1974 eine 10tätige Waffenruhe, aus der sich ein langanhaltender Waffenstillstand entwickelte. Seit Jahresbeginn tötete die IRA 140 Menschen, die Gesamtverluste beliefen sich auf 216 Todesopfer. Im Verhältnis zu den Jahren 1970 bis 1972 flaute der nordirische Bürgerkrieg merklich ab. Die Briten hatten erfolgreich die Strukturen der Provisionals in den katholischen Ghettos zerstört, und viele Katholiken distanzierten sich von der IRA, deren Anschlägen immer wieder wehrlose Zivilisten zum Opfer fielen. Zivilbevölkerung und Bürgerkriegsparteien waren erschöpft und benötigten eine Atempause. Dem Waffenstillstand gingen von protestantischen Geistlichen vermittelte Gespräche mit dem neuen Nordirlandminister Rees voraus.

Etwa zur gleichen Zeit spaltete sich die Official IRA, als sich Seamus Costello mit der Irish Republican Socialist Party IRSP und der Irish National Liberation Army als bewaffnetem Arm selbständig machte. Costello setzte auf direkte Aktion, anstatt wie die Official IRA zunächst für die friedliche und überkonfessionelle Gewinnung der irischen Arbeiterklasse zu arbeiten. Die Spaltung führte zu einer blutigen Fehde zwischen INLA und Official IRA, in die auch die Provisionals auf Seiten der Ersteren hineingezogen wurden. Nach dem Vorbild der Loyalisten betrachtete die INLA, die sich zu einer der rücksichtslosesten Untergrundgruppen in Europa entwickeln sollte, gegnerische Paramilitärs und Zivilisten als legitime Ziele – gewissermaßen entstand hier eine linksextreme Hilfstruppe der Provisionals für „schmutzige“ Operationen. Der Bruderkampf und die Brutalität von INLA und Provisionals trieben das Ansehen der republikanischen Bewegung einem neuen Tiefpunkt entgegen.

Nachdem die Briten im Januar geheime Verhandlungen mit der Provisional IRA aufnahmen, erklärte der IRA Army Council den Waffenstillstand am 9. Februar 1975 für dauerhaft. Zuvor sicherte London zu, Belästigungen der katholischen Bevölkerung durch die Armee zu vermeiden, bei einer sichtbaren Entspannung die Truppenstärke zu verringern und die Internierungslager schrittweise aufzulösen. In allen größeren Orten Nordirlands entstanden Incident Centres, in denen Vertreter Sinn Féins und des Nordirlandministeriums auftretende Probleme in direkten Verhandlungen zu lösen suchten. Diese Einrichtungen entwickelten sich in der Folgezeit als Advice Centres zu den ersten offiziellen Parteibüros der republikanischen Bewegung. Wohl durch ein Mißverständnis hoffte Ruairi O´Branaigh, der Parteichef Sinn Féins, auf einen Abzug der Briten. Nordirlandminister Rees zielte jedoch eher auf die Schaffung eines neuen Regionalparlamentes ab, wofür die Normalisierung der Lage Voraussetzung war.

Die IRA stellte ihre Anschläge gegen Polizei und Militär ein, um sich mit gleicher Energie dem republikanischen Bruderkampf und dem Schlagabtausch mit loyalistischen Paramilitärs zu widmen. Sehr bald war es auch für die Provisionals normal, wahllos protestantische Zivilisten zu töten. Beispielsweise exekutierte am 5. Januar 1976 ein Kommando 10 protestantische Arbeiter, um die Ermordung von 5 Katholiken am Vortag zu rächen. Die Briten tolerierten die Brutalisierung der Kriegführung, da sie ihre Absicht, die republikanische Bewegung zu kriminalisieren, deutlich erleichterte. Die Armee hielt sich zugunsten der RUC zurück – Ziel war eine „Ulsterisierung“ des Bürgerkrieges. Erst im November 1975 erklärte die Provisional IRA ihre Fehde mit den Officials für beendet. Trotz des Waffenstillstandes fanden im Jahr 1975 247 Menschen den Tod.

Im März 1976 nutzte Rees die Auflösung der Internierungslager, um den inhaftierten Paramilitärs ihren Sonderstatus zu entziehen. Sie galten fortan als gewöhnliche Kriminelle und hatten keinerlei Sonderrechte und Vergünstigungen mehr. Durch diese Kriminalisierung der republikanischen und loyalistischen Paramilitärs gaukelte London der Weltöffentlichkeit vor, der Konflikt sei politisch gelöst und habe sich auf ein gewöhnliches terroristisches Problem reduziert. Die Sicherheitskräfte konnten festgenommene Verdächtige weiterhin nach dem Emergency Provisions Act bis zu sieben Tage lang in den Verhörzentren festhalten, wo es zu routinemäßigen Folterungen von Verdächtigen kam. Die Reaktion der Provisional IRA bestand in der Aufkündigung des brüchigen Waffenstillstandes. Zwischen 1971 und Ende 1976 nahmen RUC und Armee in Nordirland 250.000 Hausdurchsuchungen vor und internierten 1981 Personen ohne Gerichtsurteil. Seit dem Ausbruch des Bürgerkrieges 1969 hatte es 1686 Tote und 18.312 Verwundete gegeben. Unter den Bewohnern öffentlichen Wohnraumes, also der Plattenbausiedlungen der Unterschicht, stieg der Anteil derjenigen, die in konfessionell einheitlichen Straßen lebten, von 59 % auf 89 % an.

Zugleich setzte der ökonomische Umbau Nordirlands in eine Dienstleistungsgesellschaft ein, der den Konflikt ebenfalls eindämmen sollte. Für das katholische Bürgertum in South Down oder am Stadtrand von Derry lebte es sich mit den Auftsiegschancen in Verwaltung, juristischen Berufen und Dienstleistungssektor vollkommen anders als für die arbeitslose Masse in den Ghettos. Sinn Féin ließ verlauten: „Die Mittelklassen haben ihre Bürgerrechte erhalten. Es ist eine andere Welt, eine andere Realität. Für sie ist der Kampf um Bürgerrechte vorüber. Statt dessen sind sie mit dem Aufbau ihres Business beschäftigt.“ Das katholische Bürgertum betrachtete den Konflikt bald als Angelegenheit zweier rückständiger Unterschichten und fühlte sich eher durch Unionisten und IRA am sozialen Aufstieg gehindert als durch die britische Direktherrschaft. Absetzbewegungen des liberalen Bürgertums zeigten sich schon bei der Radikalisierung der NICRA – man überließ der Masse die Auseinandersetzung mit dem Staat. Das Ergebnis war eine Klassenspaltung im katholischen Lager: Proletarische und ländliche Sinn Féin gegen die von Facharbeitern und Bürgertum gewählte SDLP.

Ein weiterer Ausdruck des Unmuts auch vieler Katholiken war die Bewegung der Peace People um Betty Williams und Mairead Corrigan. Von der IRA hatten die Anhänger der mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichneten Frauen nur Haß und Pflastersteine zu erwarten. Mit einem eindeutigen Bekenntnis von Williams und Corrigan zur britischen Verwaltung Nordirlands hatten die Peace People jedoch schon 1977 in der katholischen community ausgespielt.

2. Reorganisation

Die IRA stand am Rande der Selbstaufgabe. Ihre aktiven Volunteers hatten sich in Bruderkämpfe, wahllose Mordaktionen und kriminelle Machenschaften verstrickt, und die Rekrutenzahlen gingen permanent zurück. Schrittweise wurde nun die Führung um Seamus Twomey durch eine junge Gruppe um Gerry Adams, Martin McGuinness (Kommandeur der Brigade Derry) und Ivor Bell (Kommandeur der Brigade Belfast) entmachtet. Waren die alten, oftmals aus der Republik Irland stammenden Führungskader von den Erfahrungen der Grenzkampagne in den 50er Jahren geprägt, so hatten die „69er“ den Ausbruch des Bürgerkrieges in Nordirland hautnah miterlebt und stießen auf diese Weise zur IRA.

Im Herbst 1976 zwang Martin McGuinness den Army Council zur Einrichtung des Northern Command. Diesem Kommando unter seiner Führung unterstanden nun alle IRA-Einheiten in Nordirland und den fünf angrenzenden Grafschaften. In dieser war zone hatte der zum Oberquartiermeister degradierte Army Council nur noch formelle Befehlsgewalt. Nachdem McGuinness Ende 1977 zum Chef des Army Council gewählt wurde, war diese Trennung wieder obsolet. Der neue Mann schrieb der entmachteten

Führung ihre Versäumnisse ins Stammbuch: Die Volunteers waren mangelhaft auf Festnahmen und Verhöre vorbereitet, die überholte militärische Infrastruktur erwies sich als reformbedürftig. Die IRA mußte zu Geheimhaltung und strikter Disziplin zurückkehren. Alle Teile der republikanischen Bewegung sollten straff von den Provisionals kontrolliert werden.

Die alten Kompanien und Bataillone wichen einer diskreten Zellenstruktur. Jede Zelle, einer Active Service Unit entsprechend, zählte vier Mann, und den Kontakt zur Brigadeführung hielt der Zellenleiter. Der Zellenleiter wiederum kannte nur die Offiziere für Aufklärung und Einsätze. Die Zellen wurden nicht mehr geographischen Einheiten zugeteilt, sondern auf verschiedene Funktionen wie Aufklärung, Scharfschützen, Hinrichtungen, Sprengstoffattentate und Raubüberfälle spezialisiert. In den Grenzgebieten Fermanagh, Armagh und Down operierten ferner Commando Units von je 10 Mann, die einen Guerillakrieg gegen die Briten führten. Diese Operationen verunsicherten die Briten so sehr, daß sie eine Reihe von Kasernen nur noch aus der Luft versorgten.

Die Anschläge der Provisionals wurden seltener, aber dafür ungleich gefährlicher und gezielter. Die aus dem Ausland importierten Waffen ergänzte man durch neue Sprengmittelkombinationen und digitale Zeitzünder. In Ausbildungslagern im Nahen Osten waren Mitte der 70er Jahre immer wieder IRA-Gruppen anzutreffen, Arafats Al Fatah lieferte sowjetisches Kriegsmaterial. In den USA sammelten die 100 Ortsgruppen der NORAID Spenden unter den Amerika-Iren, ferner zahlte Libyen jährlich 5 mio Pfund. Ein weiteres Mittel waren Beschaffungsaktionen durch Sozial- und Steuerbetrug, Banküberfälle, Schutzgelderpressung und Kidnapping. Den Drogenhandel hatten sich allerdings schon die Loyalisten gesichert. Das Ausmaß der illegalen Beschaffungsaktionen wurde jedoch bald durch die Beteiligung an Unternehmungen wie Kneipen, Discotheken und Geschäften gedrosselt – die Bewegung besserte ihren Ruf in der Bevölkerung fortlaufend auf.

Spektakuläre Operationen der späten 70er Jahre waren die Ermordung des britischen Botschafters Ewart-Biggs in Dublin am 21. Juli 1976, der Bombenanschlag auf das protestantische Restaurant „La Mon“ bei Belfast (12 Tote) im Februar 1978, die Ermordung von Airey Neave, dem designierten Nordirlandminister der Konservativen, vor dem britischen Parlamentsgebäude durch die INLA am 30. März 1979 und vor allem die Anschläge des 27. August 1978. An diesem Tag ermordeten die Provisionals Lord Mountbatten, den hochdekorierten Soldaten und letzten Vizekönig von Indien, in seinem irischen Feriendomizil. Ein weiteres Kommando sprengte mit vom südirischen Ufer des Barrow Water aus gezündeten Bomben eine britische Truppeneinheit in die Luft und tötete 18 Soldaten. Mit gezielten Anschlägen stellten die sich bei 400 Aktiven konsolidierenden Provisionals klar, daß sie den Nordirlandkonflikt jederzeit wieder eskalieren lassen konnten. 1981 tötete eine Autobombe John McMichael, den Vorsitzenden der Ulster Loyalist Democratic Party, des politischen Flügels der UDA.

Endziel des Langen Krieges war das Eingeständnis Londons, daß die nordirische Frage nur unter Berücksichtigung des republikanischen Standpunktes und damit der Option einer Wiedervereinigung gelöst werden konnte. Die IRA beabsichtigt die Errichtung einer sozialistischen Republik. „Sozial und ökonomisch werden wir eine Politik umsetzen, die den sozialen Imperialismus von heute auslöscht, durch die Rückgabe des Eigentums am Reichtum Irlands an das irische Volk in einem System von Kooperativen, belegschaftseigenen Betrieben und der Kontrolle von Industrie, Landwirtschaft und Fischerei. In kultureller Hinsicht hoffen wir auf die Wiederherstellung der gälischen Sprache.“

Der noch inhaftierte Adams setzte sich für eine Abkehr vom Nur-Militarismus ein. Der Kampf der IRA sollte politisiert werden. Da die Briten militärisch nicht besiegt werden konnten, begann nun ein „Langer Krieg“ zur Zermürbung des Gegners, der auf Unterstützung durch breite Teile der Bevölkerung angewiesen war. Neben die IRA sollte eine radikale republikanische Massenbewegung treten. So konnte der republikanische Kampf auch dann fortgesetzt werden, wenn der militärische Flügel unter Druck geriet. Sinn Féin griff die sozialen und ökonomischen Nöte der Bevölkerung auf und unterwanderte andere Organisationen, um Öffentlichkeit herzustellen. In den katholischen Gebieten etablierte sich die Bewegung in der Folgezeit als Staat im Staate, als Gegengewicht zur ungeliebten britischen Verwaltung.

Die republikanische Bewegung übernahm die administrativen Aufgaben bis hin zu Justiz und Polizei. Opfer von Straftaten konnten sich an das örtliche SF-Büro wenden. Der Verdächtige erhielt gegebenenfalls eine Verwarnung und Bewährungsauflagen. Wird er rückfällig, traten Bestrafungskommandos der IRA in Aktion. Bei schwereren Vergehen wie Autodiebstahl, Sexualdelikten, Drogenhandel usw. schritten die Provisionals direkt ein. Neben brutalen Prügelattacken gehörten Schüsse durch die Knie oder die Ellenbogen zum Standardrepertoire. Bestrafungsmethoden waren zum Beispiel 50-50 (Schuß ins untere Rückgrat zwecks Querschnittslähmung), Sixpack (Schuß durch beide Knie und zusätzlich Fußknöchel, Waden oder Ellenbogen, bevorzugt bei Sexualtätern), Carding (Nagelbrett) und Black´n Decka (von den Loyalisten übernommenes Durchbohren von Gewebe, Knochen oder Kniescheibe mit einem Akkubohrer). Im Extremfall wurde der „Anti-Soziale“ erschossen. In den republikanisch kontrollierten Gebieten standen bis zu 80 % der Katholiken hinter dieser Art der IRA-Justiz. Die Bedrohung durch RUC und Armee stärkte den inneren Zusammenhalt der Ghetto-communities bis hin zu einer regelrechten Stammesmentalität, in der ein Ausscheiden aus der katholischen Solidarität fast undenkbar war.

Die Umstellung der republikanischen Bewegung auf die neuen Richtlinien dauerte bis Anfang der 80er Jahre an, vor allem in den ländlichen Grafschaften Tyrone, Armagh und Fermanagh widersetzten die Bataillone sich.

3. Von der Untergrundarmee zur Massenbewegung

Als Ersatz für die aufgelösten Internierungslager bauten die Briten das ehemalige Lager Long Kesh zum Hochsicherheitsgefängnis Maze aus, wo man nun die loyalistischen und republikanischen Paramilitärs in H-Blocks konzentrierte. Im September 1976 bezog der IRA-Volunteer Ciaran Nugent seine Zelle in Maze und wurde als erster Paramilitär in den Status eines gewöhnlichen Kriminellen überführt. Nugent weigerte sich daraufhin, normale Sträflingskleidung zu tragen – er hüllte sich fortan in ein Bettlaken oder eine Decke. Nachfolgende IRA-Häftlinge schlossen sich dem Protest an, so daß Anfang 1978 schließlich 2-300 Gefangene „auf Decke“ waren. Nur bei Verwandtenbesuchen trugen sie die ungeliebte Anstaltskluft. Das Kommando über die IRA-Gefangenen in Maze führte zu dieser Zeit Brendan Hughes. Man wickelte die Kommunikation gefängnisintern auf Gälisch über die Heizungsrohre und extern mit geschmuggelten Kassibern.

Im Januar 1978 nahmen Mißhandlungen und Schikanierungen der republikanischen Gefangenen durch das Vollzugspersonal überhand, so daß Hughes den Befehl gab, niemand solle mehr seine Zelle verlassen. Zunächst erfolgte die Reinigung mittels von den Wärtern gelieferter Wassertröge in den Zellen. Nachdem das Gefängnispersonal immer wieder das Schmutzwasser in die Zellen kippte, begann im März der „schmutzige Protest“. Fortan verweigerten die Volunteers jegliche Körperhygiene. Ihre Forderungen lauteten auf eigene Kleidung, Ablehnung von Strafgefangenenarbeit, freien Kontakt zu anderen Gefangenen, wöchentlichen Empfang von je einem Paket, einem Brief und einem Besuch sowie Anrechnung der Protestzeit auf die Haftdauer. Die Gefängnisverwaltung ordnete bald Zwangssäuberungen der Volunteers an an.

Am 27. Oktober 1980 schlug der dirty protest der IRA-Gefangenen in einen Hungerstreik um. Der Army Council hatte nur widerstrebend zugestimmt, da er ansonsten eine Revolte der Kriegsgefangenen gegen die eigene Führung befürchtete. Neben sechs IRA-Aktivisten hungerte auch ein Paramilitär der INLA. In Nordirland organisierten sich Tausende in H-Block-Committees und protestierten gegen die inhumane Behandlung der Gefangenen sowie für die Erfüllung ihrer Forderungen von 1978. Nordirlandminister Atkins erklärte im Unterhaus, seine Regierung sei trotz des Hungerstreiks zu keinerlei Zugeständnissen bereit. Informell verhandelte London jedoch bereits mit den Gefangenen. Atkins deutete vage an, er sei zu einem Entgegenkommen in der Frage der Häftlingskleidung bereit, ferner könne man Fernstudien oder eine Berufsausbildung als Strafarbeit deklarieren. Nach Erhalt dieser „Zusicherungen“ brachen die Gefangenen ihren Hungerstreik ab.

Eine Abordnung von 60 Mann beendete am 23. Januar 1981 den dirty protest und versetzte sich wieder in einen vorzeigbaren Zustand, da Angehörige den IRA-Gefangenen Zivilkleidung übergeben sollten. Der Gefängnisdirektor von Maze verlangte nun jedoch, die Häftlinge sollten als Zeichen der Unterwerfung die Sträflingsuniform anziehen, bevor ihnen das Recht zum Tragen von Zivilkleidung zuerkannt wurde. Die aufgebrachten Provisionals weigerten sich und zerlegten das Mobiliar ihrer Zellen. Unter Führung des neuen Gefängniskommandanten Bobby Sands beschloß man, einen zweiten Hungerstreik zu organisieren.

Am 1. März 1981 setzte dieser erneute Hungerstreik ein. Die vier Hungerstreikenden begannen nicht gleichzeitig, sondern nacheinander, wobei Sands den Anfang machte. Schon am dritten Tag seines Hungerstreiks eröffnete er einem Journalisten, er gehe davon aus, bei dieser Aktion zu sterben. Die Ernsthaftigkeit des Streiks und die Bereitschaft, für den Status des politischen Häftlings das eigene Leben zu opfern, brachte die Mehrheit der Katholiken Nordirlands auf die Seite der Republikaner. Mit Mairead Corrigan schloß sich auch eine Mitbegründerin der Peace People der Kampagne an. Bobby Sands wurde am 9. April 1981 bei einer Nachwahl gegen den unionistischen Bewerber als Kandidat Sinn Féins ins britische Unterhaus gewählt; er erhielt die Stimmen von 30.492 Katholiken, die so dem Protest gegen Maze und die Kriminalisierung des republikanischen Untergrundes Ausdruck verliehen. Das republikanische Lager sah durch dieses Ergebnis den Hungerstreik und den bewaffneten Kampf der IRA legitimiert. Der Erfolg ermunterte Sinn Féin dazu, erstmals eine bewußte Massenpolitik zu betreiben.

Maggie Thatcher blieb hart, und am 5. Mai 1981 starb Bobby Sands nach 66 Tagen Hungerstreik in Maze. An seiner Beisetzung auf dem Belfaster Milltown-Friedhof erschienen 100.000 Menschen. Der Masse der nordirischen Katholiken galt das Ende ihres Volksvertreters als Symbol für die Mißachtung ihrer Bevölkerungsgruppe. In Belfast kam es umgehend zu schweren Krawallen, im italienischen Mailand demonstrierteen 5000 Menschen gegen die britische Regierung und forderten den Abzug aus Nordirland. Zu den verbliebenen drei Hungerstreikenden gesellten sich nun weitere Gefangenen. Nach 277 Tagen Hungerstreik befahl der Army Council am 3. Oktober den Abbruch, und im Dezember erhielten die Gefangenen gewisse Erleichterungen wie Fortbildungsmaßnahmen, Verwandtenbesuche und Kommunikation untereinander zugebilligt. Insgesamt hungerten sich zehn Aktivisten der IRA und der INLA zu Tode.

Neun IRA-Häftlinge kandidierten bei den irischen Parlamentswahlen im Juni, davon zwei erfolgreich. Als Ergebnis stürzte die irische Regierung, und Sinn Féin hatte Aussichten, in der Republik Irland das Zünglein an der Waage zu werden. Bobby Sands hatte der bislang eher anonymen republikanischen Bewegung erstmals ein Gesicht gegeben. Die IRA gewann internationale Reputation, Aufmerksamkeit und vor allem Selbstbewußtsein. Das aus der Mitte der 70er Jahre stammende Odium des Anrüchigen und Kriminellen wich einem neuen Ansehen in der katholischen Community. Endlich erreichte Gerry Adams seine Ziele: Politisierung des Kampfes, Aufbau einer republikanischen Massenbewegung und politische Konfrontation mit England. Sinn Féin konnte sich als eigenständige politische Bewegung etablieren und ein breiteres Unterstützernetz aufbauen.

Im Oktober 1981 kam es auf dem Parteitag Sinn Féins in Dublin zur entscheidenden Kraftprobe zwischen den Modernisiereren um Adams und Morrison einerseits und dem militärischen Flügel um Ruairi O´Brádaigh. Die Modernisierer stellten heraus, daß der bewaffnete Kampf durch die Teilnahme am politischen Leben nicht beeinträchtigt werde. Sinn Féin solle mit dem Stimmzettel in der einen und der Waffe in der anderen Hand die Macht übernehmen. O´Brádaigh trat zurück und wurde bald darauf als Parteichef durch Gerry Adams ersetzt. Sinn Féin wollte fortan zu allen Wahlen antreten, die Parlamente in London, Dublin und Belfast aber weiterhin als illegal boykottieren. Mit der Reduktion ihrer Aktivitäten vor Wahlgängen leitete die IRA allmählich ihre Politisierung und ihren Abschied vom bewaffneten Kampf ein. Mit neuem Elan widmeten die Republikaner sich nun dem Ausbau ihrer Partei Sinn Féin.

(Fortsetzung folgt)

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