Mammon oder Vaterland, das ist die Frage.

Brüssel denkt und „big business“ lenkt, und jeder, der sich letzterem unterwirft, geht bald einmal seinem Vaterland verloren. Ambroce Bierce charakterisiert in seinem „Wörterbuch des Teufels“ den Mammon als Gott der führenden Weltreligion. Sein Hauptsitz befinde sich in der „ heiligen Stadt New York“, schreibt er. Dazu bringt Bierce ein Zitat des mir unbekannten Jared Oopf: „Er schwor alle anderen Religionen seien nichts als Hinterschinken. Man sah ihn mit verschlissenen Knien im Gebet vor Mammon niedersinken“. Wallstreet muß sich allerdings das Privileg, ein Hauptsitz eines Finanzungeheuers zu sein, mit dem größten Finanzhandelsplatz der Welt, der City of London, teilen.

Bereits mehr als hundert Jahre stehen diese Finanzzentren einigermaßen im Fokus der öffentlichen Kritik, besonders die Wallstreet, weniger vornehm als die „City“, bewegte zu Beginn des 20. Jahrhunderts die spekulierenden Gemüter. Die Börse ist, ganz allgemein, als Tempel der Geldgläubigen von Anbeginn eine nie versiegende Goldgrube für skrupellose Spekulanten, aber auch immer wieder Jammertal für ein Heer naiver oder sorgloser Geldanleger, die da ihrem Ersatzgott huldigen.

Mit der Gründung der amerikanischen Notenbank (FED) lieferte sich die amerikanische Nation den Bankiers aus. Ambroce Bierce (gest. um 1913/14) wird posthum noch durch das Wirken der internationalen Repräsentanten bzw. Werkzeuge des Mammonismus – wie: IWF, Weltbank, BIZ, EZB usw. – in seiner Einschätzung bestätigt. Die genannten Institutionen sorgen heute unter anderem auch für Destabilisierung, Krisen und Kriege, Ausbeutung und Schuldknechtschaft. Alles, was in bare Münze umgewandelt werden kann, wird, zum Beispiel, unter dem Code „Privatisierung“ freudig begrüßt. Rohstoffe, Wasser, öffentliche Einrichtungen, nichts ist vor ihrer und privater Kapitaleigner Gier sicher.

Was den neuen Raubrittern im Falle Rußlands, etwa unter und mit Jelzin, beinahe schon vollständig gelungen wäre, eine grenzenlose Privatisierung, konnte von Putin noch gestoppt werden. Insofern hat man mit diesem natürlich noch eine Rechnung offen. Denn „erst wenn ein Land am Boden liegt, presst der IWF das letzte Blut aus ihm heraus“ (Joseph Stieglitz). Europäische Kandidaten dafür gibt es mittlerweile zuhauf, wobei die gemeinsame Währung bei der Entfesselung der Finanzmärkte Schützenhilfe leistet.

Das unheilvolle Wirken des großen Geldes dringt tief in weitere Bereiche von Staat und Gesellschaft ein, kontrolliert über Bilderberger und andere Zirkel die Politik, sofern es diese nicht schon, wie in der Bundesrepublik Deutschland versteckt oder offen wie in der Ukraine, steuert. Es übt mit der Leitwährung Dollar enormen Druck aus und erpresst auch schon, zum Beispiel: Schweizer Banken. Zum Vorteil Washingtons natürlich. So sollen die USA letztes Jahr auf dem Wege der Erpressung aus so genannten Bußgeldern 27 Milliarden Dollar eingenommen haben.

Oder man rettet via ESM demnächst vielleicht schon italienische und französische marode Banken. Und feiert im Vorfeld, zwecks Ablenkung, die virtuelle Gesundung Griechenlands und Portugals. So führt man den Wähler hinters Licht. Daß nationale Politiker bei dem globalen Feldzug der Hochfinanz mitmachen und sich in der Person des ESM-Ritters Schäuble begeistert für diese Abzocker in die Schlacht werfen, ist eine Schande. Eine solche ist auch Merkels kritiklose Propagierung der auf die Konzerne zugeschnittenen TTIP-Freihandelszone oder Berlins Wertschätzung ukrainischer Oligarchen.

Ich berichtige mich: Es ist eigentlich eine Schande für dieses ganze EU-Europa wie es dem schnöden Mammon zu Kreuze kriecht. Und dabei die große Masse im Schulden-Regen stehen läßt. An dieser Tatsache werden auch die pseudodemokratischen Europawahlen und die gewissenlosen Leerversprechen der meisten Kandidaten nichts ändern. Alles nur Ablenkungsmanöver, damit die Herren des Geldes, so paradox es manchen EU-„Fans“ klingen mag, im Windschatten ihrer Heilspropaganda ihre Macht weiter ausbauen können.

Die Mächtigen gehen äußerst geschickt vor: So kommt man dem EU-Parlament, das sich seiner Rolle als Teil der EU-Zentralbürokratie anscheinend nicht wirklich bewußt ist, gelegentlich großzügig entgegen, was dann nationale Politiker zuhause scheinheilig als ihren großen Erfolg verbuchen dürfen: Hurra, wir haben etwas erreicht! Aber gleich danach oder sogar parallel dazu werden Hunderttausende von ihrem „Job“ befreit. Wenn überhaupt etwas erkämpft wird, dann im Wesentlichen durch zivilgesellschaftliche Initiativen.

Das Zentralkomitee mag manchmal großzügig erscheinen, aber es macht keinesfalls Konzessionen, die dem Profitstreben und der wahren Machtstruktur dieser EU gefährlich werden könnten. Daher kann dem „big business“ und den maßgeblichen internationalen Bankiers jedes Ergebnis einer EU-Wahl recht oder auch egal sein, solange nicht mit absoluter Mehrheit ausgestatte Parteien auftreten, die ohne Wenn und Aber die nationale Souveränität anstreben und deren Führungen sich gegen Geld-Verlockungen immun zeigen.

So sehr ich nun einige wenige aufrechte Politiker in ihrem Bestreben bezüglich eines EU-Austritts oder andere wegen ihres Glaubens in eine neue, demokratischere EU, zu verstehen versuche und ihren Einsatz anerkenne, so wenig bin ich von den Erfolgsaussichten überzeugt. Wo doch die Strippenzieher im Hintergrund die Regeln eines Spiels bestimmen, bei dem man als geduldeter „Einsteiger“ (mit geborgtem Spielkapital) nur als Verlierer aussteigen kann. Außerdem: Wer sich mit Geldhyänen ins Bett legt, wird schwerlich mit selbstlosen Lämmern aufwachen können.

Man gibt sich also, denke ich, hinsichtlich einer grundlegenden EU-Reform tatsächlich Illusionen hin, da die herrschenden Kreise genügend Vorkehrungen dagegen getroffen und eine riesige Propagandamaschine zur Verfügung haben, wodurch solche Reformanliegen, soweit ich es bisher beobachten konnte, von den „global players“ und ihren politischen Lakaien ausgetrickst oder zumindest verwässert werden können. Doch verstehe ich auch, daß jemand, der in dieser „Haste was, biste was“-Gesellschaft sozialisiert wurde, dem Lockangebot, einer auf großem Fuß lebenden privilegierten Klasse angehören zu können, schwer widerstehen kann.

Dennoch meine ich wieder einmal: so wie der Einzelne erst bei sich selbst Ordnung schaffen und in sich gefestigt sein muß, ehe er anderswo etwas zu verändern oder gar aufzuräumen versucht, so sollte auch eine Partei erst einmal dafür sorgen, im eigenen Land ein glaubwürdiges politisches, auch europataugliches Konzept auf die Beine zu stellen, daß die überwiegende Mehrheit gegen die Einschläferungsbemühungen der Herrschenden immunisiert und für ein demokratischeres und sozialeres Europamodell hinter sich zu scharen wüßte.

Konnte eine solche Mehrheit einmal vom angestrebten Weg restlos überzeugt werden, würde sie auch bereit sein, dem in Richtung Diktatur abdriftenden Brüssel den Rücken zu kehren. Diesem Schritt würden, zwecks Schaffung eines in jeder Hinsicht souveränen Europas und einer neuen Währungsordnung, weitere Länder gewiß folgen. Nichts ist unmöglich, wenn man sich seiner Lage bewußt ist und aufrecht, mutig und entschlossen sein Ziel verfolgt, anstatt vor Gott Mammon im Staub zu kriechen, um ein paar vergoldete Krümel auflesen zu dürfen.

PS: Es würde mich interessieren, ob und in welcher Höhe die in Südosteuropa tätigen Banken und Konzerne den dortigen Hochwasseropfern unter die Arme greifen.

Helmut Müller

Quelle

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