Irak zerfällt, Bush feiert

ISIL-Islamisten rücken auf Bagdad vor, Kurden nehmen Erdölstadt Kirkuk ein, Regierung rekrutiert Freiwillige. Und die Verantwortlichen in den USA – machen Party

Von Rüdiger Göbel

Die Meldungen vom Vormarsch islamistischer Gruppen im Irak überschlagen sich. Presseberichten zufolge rückten Einheiten der Organisation »Islamischer Staat im Irak und in der Levante« (ISIL bzw. ISIS) am Freitag aus drei Richtungen weiter auf die Hauptstadt Bagdad vor. Die Gruppierung soll bis zu 15000 Mann unter Waffen haben. Nach Behördenangaben lieferten sich die irakische Armee und Aufständische Kämpfe am Stadtrand von Mukdadijah unweit von Bakuba in der Provinz Diala.

In den Tagen zuvor hatten ISIL-Kämpfer zunächst die Millionenstadt Mossul im Norden und dann die gesamte Provinz Ninive sowie weitere nördliche Städte und Regionen erobert. In Tikrit, Geburtsstadt des 2003 von den USA gestürzten irakischen Präsidenten Saddam Hussein, feuerte ein Hubschrauber der Armee Raketen auf eine Moschee ab. Das berichteten Augenzeugen und örtliche Behörden. In Bagdad rechnet die Bevölkerung seit Tagen mit einem Einmarsch der Islamisten. »Die Straßen waren am Freitag weitgehend menschenleer«, meldete AFP.

Kurdische Milizen wiederum rücken im Windschatten der Islamisten ebenfalls vor. Offiziell unterstützten sie die Truppen Bagdads im Kampf gegen ISIL-Gruppen. Am Donnerstag übernahmen Peschmerga-Kämpfer die vollständige Kontrolle über die Großstadt Kirkuk – die kurdische Autonomieregierung im Norden des Irak beansprucht die ölreiche Gegend dort schon lange für sich. Sie dürfte ihre Truppen auch nicht ohne weiteres wieder abziehen. Am Freitag sollen kurdische Einheiten im Nordosten von Bakuba die Bezirke Saadijah und Dschalawla unter ihre Kontrolle gebracht haben.

Der irakische Großajatollah Ali Al-Sistani rief derweil die Bevölkerung zum Widerstand auf. Die Bürger sollten zu den Waffen greifen und »ihr Land, ihr Volk und ihre heiligen Stätten verteidigen«. Wer könne, solle sich den Sicherheitskräften im Kampf gegen die sunnitischen ISIL-Kämpfer anschließen. Das meldete dpa unter Verweis auf die arabische Nachrichtenseite Ilaf am Freitag. Auch die Regierung von Nuri Al-Maliki in Bagdad rekrutiert Freiwillige.

UN-Menschenrechtskommissarin Navi Pillay gab sich »extrem beunruhigt« angesichts der »dramatischen Verschlechterung der Situation« im Irak. Sie sei »besorgt« über Berichte von willkürlichen Hinrichtungen und »außergerichtlichen Tötungen«. Nach UN-Angaben wurden bei Kämpfen in den vergangenen Tagen mehrere Hundert Zivilisten getötet und etwa 1000 verletzt. Eine halbe Million Menschen sei inzwischen auf der Flucht.

Und die für die Zerstörung des Irak Verantwortlichen, allen voran der US-Präsidentenclan Bush? Der feierte runden Geburtstag und spendierte seinem Senior zum 90. einen Fallschirmsprung. Zur Erinnerung: George H. W. Bush war von 1989 bis 1993 US-Präsident. Anfang 1991 hatte er das Zweistromland in der »Mutter aller Schlachten« (Saddam Hussein) bombardieren lassen, Vorwand war der Einmarsch irakischer Truppen im benachbarten Ölemirat Kuwait. Nachdem die Infrastruktur des Irak zerstört worden war, wurden die 28 Millionen Einwohner schließlich auch noch mit Sanktionen belegt. Mehr als 1,5 Millionen Menschen starben an den Folgen, ein Drittel von ihnen Kinder. 2003 schließlich gab Bush junior (von 2001 bis 2009 US-Präsident) Befehl zum Einmarsch und zur Besetzung des Irak. Das gab dem Land den Rest. Das Gros der US-Truppen zog 2011 ab, Chaos und Gewalt blieben.

Quelle: Junge Welt

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