Der Realitätsverlust des Elmar Vieregge

In den 1990er Jahren sagte einmal mein politischer Lehrer Hans-Dietrich Sander zu mir, daß die BRD davon lebe, daß es im Bewußtsein der meisten Nachkriegsdeutschen keine denkbare Alternative zu diesem System gebe. Diese Einschätzung ist nach wie vor zutreffend. Zur DDR hatte es als Alternative, egal wie man diese bewerten mag, immerhin die BRD gegeben. Als die Deutschen nach 1945 in die BRD bzw. in die DDR und in die RÖ wechselten, hatten sie selbst auf diesen von den alliierten Siegern des Zweiten Weltkrieges initiierten Wechsel keinen Einfluß – egal, wie sie nachträglich diesen Wechsel öffentlich oder in privaten Gesprächen bewerteten.

Auch auf die „politische Großwetterlage“ hat der kleine Mann (und die kleine Frau) keinen großen Einfluß. Rechte und linke Abweichler von der „Westlichen Wertegemeinschaft (WWG)“ werden – sofern sie sich parlamentarisch etablieren – in der Regel durch Lobbyarbeit in eben diese WWG integriert. Das sieht man an den Grünen und Teilen der Linkspartei (links) und an der Alternative für Deutschland und Teilen der NPD-Funktionäre (rechts), die mit den ukrainischen NATO-Putschisten von der Swoboda und vom Rechten Sektor verbündet sind.

Insofern ist die Strategie naheliegend, vom Mainstream aus gesehen linke und rechte nicht integrierbare und nicht integrierwillige Außenseiter, die für politische Alternativen zum innen- wie außenpolitischen System werben wollen, als Spinner und Größenwahnsinnige abzutun. Das ist mir auch schon ein paar mal passiert. Elmar Vieregge beispielsweise attestiert mir in dem von der Technischen Universität Chemnitz herausgegebenen Jahrbuch „Extremismus & Demokratie“ (24. Jahrgang 2012, Rubrik „Kurzbesprechungen“, S. 463-464) überbordende „Machtphantasien“ (ebenda, S. 463) und „Utopismus“ (ebenda, S. 464).

Siehe:
https://www.tu-chemnitz.de/phil/politik/pspi/jahrbuch/2012_inhalt.php

Der Leser dieser Rezension, der mein Buch „Die Manipulation des Völkerrechts“ nicht kennt, erhält den falschen Eindruck vermittelt, ich würde bezüglich des gesamten eurasischen Kontinents für ein „nationalistisches Großreich“ eintreten (ebenda, S. 463). Der Begriff „Großraumordnung“, mit dem mich Vieregge eine Seite weiter zutreffend zitiert (ebenda, S. 464), ist eben inhaltlich nicht deckungsgleich mit einem „Großreich“. Vieregge schreibt dann aber wieder zutreffend, ich beziehe mein Großraumdenken auf Carl Schmitt („Völkerrechtliche Großraumordnung mit Interventionsverbot für raumfremde Mächte. Der Reichsbegriff im Völkerrecht“).

Siehe:
http://www.amazon.de/V%C3%B6lkerrechtliche-Gro%C3%9Fraumordnung-Interventionsverbot-Reichsbegriff-V%C3%B6lkerrecht/dp/3428071107

Hätte dieser selbsternannte Extremismusforscher allerdings die entsprechende Schrift Carl Schmitts gelesen, auf die ich mich ja beziehe, hätte er sofort erkennen müssen, daß eben die Begriffe „Reich“ und „Großraum“ nicht deckungsgleich sind. Isofern ist auch „mein“ Größenwahn der Fehlinterpretation des Elmar Vieregge entsprungen.

Ein Reich ist demzufolge ein Staat, dessen Macht bzw. Hegemoniebestreben über seine eigenen Staatsgrenzen ausstrahlt. Die Russen nennen dies heute „benachbartes Ausland“. Also die Gebiete, die einmal der Sowjetunion als Staat angehörten. Hierzu zählen unter anderem Kasachstan, Georgien und die Ukraine. Eine Großraumordnung bedeutet eben nicht, daß der gesamte Großraum zum Staatsgebiet der Hegemonialmacht bzw. des Reiches zählt bzw. von diesem militärisch besetzt wäre. Um mein Denken auf den Punkt zu bringen: Deutschland müßte wieder ein Reich werden, das in Mitteleuropa – also von Holland bis Rumänien und von der Schweiz bis ins Baltikum – ein hegemoniales Konzept verfolgt. Im Verbund mit den anderen „Reichen“ Europas – vor allem mit Frankreich (historisch West-Franken r e i c h) und Rußland – wäre der nördliche Abschnitt Eurasiens als Großraumordnung zu gestalten – freilich auch in Abstimmung mit den anderen Groß- und Regionalmächten des südlichen Abschnitts Eurasiens: mit China, Indien, dem Iran usw.

Also insofern braucht keiner zu befürchten, daß ich mit meiner Reichsidee noch Cäsar, Napoleon, Hitler und Stalin zu übertrumpfen beabsichtige! Bei denen ging es ja auch darum, benachbarte Reiche komplett auszuschalten, deren Gebiete der eigenen Hegemonie zu unterwerfen.

An Realitätsverlust leidet Vieregge deshalb, weil er seinen Leser suggeriert, mein Größenwahn, der seiner Fehlinterpretation entsprungen ist, sei alleine „meinem“ kranken Hirn entsprungen. Dabei bräuchte Vieregge nur mal zu ihm nahestehenden bürgerlichen Presseerzeugnissen zu greifen, um seinen eigenen Realitätsverlust zu erkennen und zu überwinden. So berichtet die FAZ (vom 5. Juni 2014, S. 2), daß sich im Wiener Palais Liechtenstein die Strategen einer „Eurasischen Internationalen“ getroffen hatten.

Siehe:
http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/europa/treffen-der-rechten-in-wien-eurasische-internationale-12972620.html

http://de.wikipedia.org/wiki/Palais_Liechtenstein_%28F%C3%BCrstengasse%29

Bei diesem Treffen war der Russe Alexander Dugin ebenso mit dabei wie Politiker von FPÖ und Front National. Es ist also keinesfalls so, daß das national- und sozialrevolutionäre Netzwerk „Sache des Volkes“ in Sachen Eurasischer Großraumordnung völlig isoliert wäre. Über uns nahestehende publizistische Plattformen im Umfeld der FPÖ ist die SdV auch in das gesamte eurasische Netzwerk eingebunden. Da kann der Herr Vieregge noch so sehr seine Wunschwelt von irren Reichstheoretikern herbeischreiben. „Eurasien“ und vor allem die deutsch-russische Allianz sind schon längst greifbare politische Ansätze. In diesen Kontext gehören auch all die vielen als „Rußland- bzw. Putin-Versteher“ geschmähten (Ex-) Politiker und Publizisten wie Altbundeskanzler Gerhard Schröder und Peter Scholl-Latour. Man braucht im übrigen auch kein Nationalist zu sein, um den eurasischen (Querfront-) Weg zu beschreiten.

Jürgen Schwab

Bücher von Jürgen Schwab:
Die Manipulation des Völkerrechts. Wie die „Westliche Wertegemeinschaft” mit Völkermordvorwürfen Imperialismus betreibt. Kyffhäuser Verlag, Mengerskirchen 2011, 14,95 Euro.

Siehe:
http://www.amazon.de/Manipulation-V%C3%B6lkerrechts-Wertegemeinschaft-V%C3%B6lkermordvorw%C3%BCrfen-Imperialismus/dp/3941348779

Angriff der neuen Linken – Herausforderung für die nationale Rechte. Hohenrain Verlag, Tübingen 2009, 19,80 Euro.
Die „Westliche Wertegemeinschaft”, Abrechnung, Alternativen. Hohenrain Verlag, Tübingen 2007, 19,50 Euro.
Volksstaat statt Weltherrschaft. Das Volk – Maß aller Dinge. Hohenrain Verlag, Tübingen 2002, 9,80 Euro.

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