Erzfeinde als Wegegenossen im Krieg gegen die ISIS Kampfverbände?

Der Fachmann staunt, der Laie wundert sich.

Das öffentlich verkündete Angebot Rohanis, in Sachen ISIS eventuell mit dem amerikanischen Erzfeind kollaborieren zu wollen, kam unerwartet und sorgte für allgemeines Erstaunen. Inzwischen hört man, dass die Amerikaner nicht völlig abgeneigt sind, das iranische Angebot anzunehmen.

Wie haben wir diese seltsame Entwicklung zu verstehen?

Hält man sich die Interessenlagen und die unüberwindbaren Sachzwänge der beiden, seit Jahrzehnten verfeindeten Mächte vor Augen, so wird das, von Rohani zur Diskussion gestellte, mögliche Arrangement hinsichtlich einer „zumindest vorläufig“ nur bedingten und auf den Einsatz gegen die ISIS auf irakischem Boden begrenzten militärischen Partnerschaft verständlich. Nicht mit Bodentruppen, Schulter an Schulter, aber vielleicht doch in Form einer Ergänzung von Kampfhandlungen am Boden, durch partiell durchgeführte amerikanische „Luftschläge“ gegen die ISIS Kämpfer.
Das Interesse der USA ist schnell beschrieben. Den Amerikanern geht es um den Zugriff auf Ölfelder, wo immer sich die Gelegenheit dazu bietet.

Daneben sind bei allen Entscheidungen die Sicherheits-Interessen Israels zu berücksichtigen. Im Bezug auf Letzteres wird es darauf ankommen, wie die Israelis die Möglichkeit der Verwirklichung eines vom Persischen Golf bis zum Mittelmeer reichenden, von Saudi Arabien aus regierten sunnitisch-salafistischen Gottesstaates einschätzen und welche Erwartungen sie damit verknüpfen.

Anderseits wäre bei einer totalen Zerschlagung der ISIS eine weitere Ausdehnung des iranischen Einflussbereiches über den Irak hinweg bis zum Mittelmeer die zwangsläufige Alternative. Beides wird den Israelis nicht gefallen, doch eine Kröte werden sie schlucken müssen. Es sei denn, sie entscheiden sich, dafür zu sorgen, dass in Syrien keine Ruhe einkehren kann. Die Möglichkeiten dazu haben sie. Diesbezüglich braucht man dem Mossad keine Ratschläge zu geben, diese Strategie beherrscht man in Tel Aviv.

Für alle am Kräftespiel Beteiligten muss auch klar sein, dass sich weder die Kurden, noch die Iraner jemals wieder aus den von ihnen eroberten Gebieten zurückziehen werden. Was sich jetzt durch militärische Aktionen im Irak verändert, wird danach länger Bestand haben, als es einigen der Mitspieler lieb ist.

Wenn die Amerikaner von der jüdischen Lobby grünes Licht bekommen sollten und sie sich an der Niederschlagung der ISIS Revolte beteiligen dürfen, dann haben sie dabei auch zu bedenken, dass sie damit die Interessen der verbündeten Saudis schwerwiegend beeinträchtigen. Wir dürfen davon ausgehen, dass sich derzeit in Washington die jüdischen Lobbyisten mit den saudischen Diplomaten die Klinke in die Hand geben. Es wird für Obama nicht leicht werden, zwischen den unterschiedlichen Interessen herumzulavieren.

Für die Iraner stellt sich die Lage folgendermaßen dar:

Die Perser möchten das schiitische Maliki-Regime in Bagdad nicht untergehen sehen. Wenn das geschähe, dann würden ihre, von den Saudis gesponserten Todfeinde unmittelbar an die iranische Grenze heranrücken. Also muss die Maliki-Regierung vor dem Zusammenbruch bewahrt werden. Das geht aber nur mit militärischen Mitteln auf irakischem Boden. Würde das schiitische Regime im Irak zusammenbrechen, dann wäre unter anderem auch ein kaum zu bewältigender Flüchtlingsstrom vom Irak nach Persien die Folge. Das wäre im Paket der Gesamtüberlegungen sicher kein Ausschlag gebender Punkt, aber unangenehm wäre es allemal.

Der Iran hat auf jeden Fall die militärische Potenz, im Irak nachhaltig aufzuräumen. Das Problem liegt woanders. Würden die Iraner ihre Armee ohne Absprache mit den Amerikanern nach Bagdad schicken, dann würde die ganze „westliche Welt“, was letztlich auch nichts anderes ist als die Stimme Amerikas, in ein Wutgeheul ausbrechen. Der Iran würde als Aggressor verteufelt. Dem will Rohani entgegen steuern. Die Iraner brauchen die Amerikaner militärisch nicht zur Niederschlagung des ISIS Aufstandes. Das wäre eine Sache von einigen Wochen, höchstens Monaten. Aber sie brauchen den diplomatischen Rückhalt.

Ich glaube, dass der Iran gar nicht anders kann, als die Verhältnisse im Irak in Ordnung zu bringen. Die Perser könnten niemals untätig zu sehen, wenn die heilige Stadt Kerbala von salafistischen Marodeuren verwüstet würde. Für Rohani würde aus Untätigkeit ein großes innenpolitisches Problem erwachsen.

Könnten wir die Interessen der Saudis und der Scheichs von Katar bei unseren Überlegungen beiseitelassen, so wären die Interessen und Sachzwang-Konstellationen der übrigen am Irak interessierten Mächte relativ einfach durchschaubar. Doch das können wir nicht. Saudi-Arabien und Katar sind die eigentlichen Beherrscher der ISIS. Man muss sich vergegenwärtigen, welche Summen das ISIS Projekt bis jetzt schon verschlungen hat. Da geht es nicht um großzügige Spenden einiger saudischer und katarischer Oligarchen. Da steckt weit mehr dahinter. Wer solch gewaltige Finanzmittel für ein Rebellen-Projekt locker macht, wird nicht so einfach aufgeben.

Und genau an diesem Punkt wird es in Washington knirschen. Die Saudis sind die Verbündeten der Amerikaner. Es wird nicht leicht werden, sich über die Interessen der Wüstensöhne hinwegzusetzen.

Noch vor einigen Jahren hätte ich gesagt, die saudische Politik wird primär von den Vorgaben der islamisch-wahabbitischen Religion und erst danach von der Gier nach Reichtum bestimmt. Vielleicht war das auch früher so, doch die Entwicklung in Ägypten hat gezeigt, dass für die Saudis von heute der schnöde Mammon Vorrang vor den religiösen Vorgaben hat. Wäre es anders, dann hätten die Saudis in Ägypten die Mursi-Partei unterstützen müssen. Doch das Gegenteil geschah. Die Saudis haben sich gegen ihre Moslimbrüder im Geiste gewendet und den laizistischen Putschisten Al Sisi massiv unterstützt.

Und warum taten sie das zunächst Unverständliche? Sie taten es, weil sie in ägyptischen Projekten Milliardenbeträge investiert haben und die von Mursi ins Auge gefasste Besteuerung ihrer Pfründen nicht hinnehmen wollten.
In Syrien und im Irak sind die von den Saudis finanzierten fanatischen Gotteskrieger nur eine Manövriermasse im Konkurrenzkampf um Einfluss und Öl. Wobei das eine das andere bedingt. Aus allem folgt: Audi Arabien ist im Spiel um den Irak die große, sehr mächtige und daher einflussreiche Unbekannte. Es wird darauf ankommen welche Wirkung das saudische Geld entfalten kann.

Karl-Heinz Hoffmann

Advertisements
Post a comment or leave a trackback: Trackback URL.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: