Kriegssignale: Putin – der „neue Hitler“

von Karl Richter

Kürzlich glaubten mich Neunmalkluge aus den „eigenen Reihen“ kritisieren zu müssen, weil ich die heutige Lage Rußlands unter Putin mit derjenigen Deutschlands 1939 verglichen hatte. Konkret ging es um die Frage der Einkreisung, um die Situation eigener Volksgruppen in den Nachbarländern und um die Instrumentalisierung nützlicher Idioten durch den Westen (1939: Polen; 2014: Ukraine und abermals Polen).

Heute kam nun Bundesfinanzminister Schäuble ebenfalls auf den Trichter und sagte etwas durchaus Richtiges, wenn auch in denunziatorischer Absicht. Tatsächlich sind die Parallelen zwischen beiden Szenarien – Deutschland 1939 und Rußland 2014 – derart deutlich mit Händen zu greifen, daß man jeden, der sie nicht sehen will, schon nach seinen Motiven fragen muß.

Um mit dem Grundsätzlichen zu beginnen: schon vor Jahrzehnten hat der Großmeister der deutschen Geopolitik nach dem Krieg, der österreichische Militär Jordis von Lohausen, in seinem nach wie vor lesenswerten Buch „Mut zur Macht. Denken in Kontinenten“ auf die Parallelen zwischen der geopolitischen Lage Deutschlands bis 1945 und der späteren Sowjetunion hingewiesen. Wir zitieren:

„Geopolitisch ist Rußland Deutschlands Wiederholung im Weltmaßstab, in der Einkreisung Rußlands wiederholt sich die der Deutschen. Ihre Lage zwischen zwei Fronten und abseits der Weltmeere, die Ungunst und Länge der Grenzen, die Feindschaft der angelsächsischen Handelsmächte und ihrer wechselnden Brückenköpfe, der Zwang zu deren möglichst blitzartiger Beseitigung, also zur Führung des ersten Schlages, zu steter Kriegsbereitschaft und raschester Mobilisierung sowie Ausschöpfung aller Möglichkeiten der ´inneren Linie´, alles das samt den unvermeidlichen Kosten ist beiden gemeinsam – dem Deutschland von einst und dem Rußland von heute (…). Insofern ähnelt die Lage Rußlands nach 1945 in vielem der deutschen vor 1914 und 1939.“ (Jordis von Lohausen, Mut zur Macht. Denken in Kontinenten, 1979, S. 11, 20f.)

Was aber noch viel augenfälliger ist, ist das gleiche Strickmuster, das den Krisen von 1939 und 2014 zugrundeliegt. Wir haben es im wesentlichen mit drei Bausteinen zu tun:

1. mit dem Selbstbestimmungsrecht der Völker – Hitler konnte sich in den dreißiger Jahren völlig legitim darauf berufen und es für das in Versailles entrechtete und gedemütigte Deutschland einfordern. Putin tut nichts anderes und nimmt nur seine Schutzpflicht gegenüber allen Russen im In- und Ausland wahr (was man im übrigen auch dem türkischen Präsidenten Erdogan unter türkischen Vorzeichen zugutehalten muß – offenbar dankten es ihm die Wähler bei der gestrigen türkischen Kommunalwahl mit einem satten Ergebnis, das ebenfalls nicht vom Himmel fällt). Die Volksabstimmung auf der Krim am 16. März, die mit einem Ergebnis von über 96 Prozent für den Anschluß an Rußland endete, war Ausdruck der Volkssouveränität, wie er eindeutiger und elementarer nicht hätte sein können. Angesichts solcher Ergebnisse ist jede Belehrung von außen pure Anmaßung.

2. mit eigenen Volksgruppen im Ausland, für die eine verantwortliche Staatsführung selbstverständlich ihre Schutzpflicht wahrnimmt. Angesichts der anhaltenden Entrechtung der deutschen Volksgruppe in Polen und ihrer zunehmenden Drangsalierung 1939, äußerte Hitler einmal, habe er Polen gegenüber ein Entgegenkommen gezeigt, das sich keine demokratische Regierung in Berlin hätte leisten können. Als auch im Sommer 1939 jede Verständigung mit Warschau scheiterte und die gewaltsamen Übergriffe auf Volksdeutsche in die Hunderte gingen, konnte die Reichsregierung allerdings nicht länger zusehen. An einen Weltkrieg dachte in Berlin niemand – sehr wohl dagegen in London und Washington. Und heute: wie wird sich Putin verhalten, wenn nationalistische Mordbrenner des „Rechten Sektors“, erforderlichenfalls auch eingeschleuste NATO-Söldner die ersten Massaker an Russen im Westen oder Süden der Ukraine verüben? Auch Putin wird es um den Schutz der russischen Minderheiten außerhalb Rußlands gehen, um sonst nichts. Die gut orchestrierten „Befürchtungen“ westlicher Meinungstrompeten, Putin plane nun auch den Griff nach Finnland und dem Baltikum, ist pure Propaganda – oder soll man sagen: mediale Kriegsvorbereitung?

3. mit nützlichen Idioten, die sich als Handlanger der westlichen Kriegsvorbereitungen hergeben – und es ist bestürzend, daß sich Polen diese Rolle nun schon zum zweiten Mal überstülpen läßt. Im März 1939 erhielt Polen von London den berüchtigten „Blankoscheck“ – die Zusicherung, man werde Warschau für jeden Fall einer deutschen Aggression beistehen. Den Rest besorgte der polnische Größenwahn. Der Effekt war, daß Polen die Prügel für die britisch-amerikanische Politik bezog. Heute teilen sich die Rolle des nützlichen Idioten Washingtons Polen und die Ukraine. Demonstrativ hat sich Polen während des „heißen“ Umsturzes in Kiew angeboten, verletzte ukrainische „Freiheitskämpfer“ in polnischen Krankenhäusern zu versorgen, und leistete darüber hinaus weitere logistische Hilfe. Über die ukrainischen „Nationalisten“, die sehenden Auges das provokante Spiel der NATO spielen, erübrigt sich in diesem Zusammenhang jeder Kommentar.

Die Parallelen zwischen Deutschland 1939 und Rußland 2014 gehen aber noch weiter, und man muß sich allenfalls über die Einfallslosigkeit der westlichen Drehbuchschreiber wundern. Daß Putin neuerdings zum neuen „Hitler“ umgelogen wird, seine Friedens- und Ausgleichsvorschläge in Kriegsvorbereitungen, überrascht angesichts der üblichen Qualitätsmaßstäbe der westlichen Medien noch am wenigsten. Im Rückblick auf die letzten 20 Jahre der weltweiten westlichen Einmischungspolitik scheint diese Dämonisierung im Stil der „Bild“-Zeitung allerdings ein relativ sicherer Indikator für einen bevorstehenden Waffengang zu sein. Erinnern wir uns an die „Hitlers“ der letzten 20 Jahre: Saddam Hussein, Slobodan Milosevic, Gaddafi, Assad…

Wladimir Putin wird also vermutlich wissen, was im Busch ist. Er wird sich deshalb vermutlich auch nicht sonderlich darüber wundern, daß er nun auch noch vom deutschen Bundesfinanzminister mit Hitler verglichen wird – der allerdings ebenfalls nur auf die stimmige historische Parallele hinweist. Putin wird wohl längst selbst aufgefallen sein, welche Rolle ihm zugedacht ist.

Quelle

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Kommentare

  • Schwab  On 11. August 2014 at 17:20

    Wieder mal ein intelligenter Artikel von Karl Richter, der in der Grundausrichtung mit der SdV-Position übereinstimmt:
    Rußland wird vom Westen eingekreist – im Großmaßstab wie vor dem WK I und vor dem WK II das Deutsche Reich im kleinen Maßstab. Beide Länder sind Kontinentalmächte, die keinen echten Zugang zu einem Ozean haben – auch Rußland im großen und ganzen nur zu Binnenmeeren.

    Vor einer Woche war ich im Urlaub u. a. an der französischen Atlantikküste – in Biarritz, Bordeaux und La Rochelle -, dabei wurde mir schlagartig und elementar die geopolitische Lage Deutschlands bewußt. Als ich in Biarritz ins Meer sprang, spürt ich schon am Wellengang, daß dies ein richtiges Meer, ein Ozean ist.

    Allerdings war Hitler an seiner Einkreisung durch a) seine Lebensraum-im-Osten-Stategie und b) seinen Anti-Kommunismus teilweise selbst schuld. Auch Wilhelm II. ist das Versäumnis nicht abzusprechen, daß er den Rückversicherungsvertrag wie unter Bismarck mit Rußland nicht verlängerte. Diese Argumente fehlen bei Richter, was aber seine Grundintention nicht entwertet. .

    Richtig auch von Karl Richter, daß er in diesem Zusammenhang den großen,mittlerweile verstorbenen Geopolitiker Jordis von Lohausen zitiert. Ich durfte 1998, in meiner Grazer Zeit, diesen Mann kennenlernen, der mir sein Buch „Mut zur Macht. Denken in Kontinenten“ handsignierte mit einer schönen Widmung. Lohausen war im WK II junger Wehrmachtsoffizier an der Ostfront, nach dem Kriege brachte er es zum General im österreichischen Bundesheer. Ihn, der damals nur ca. 500 Meter von mir entfernt wohnte, konnte ich mehrfach für Veranstaltungen bei Burschenschaft Germania Graz gewinnen. So kann ich dieser Zeit auch positive Aspekte abgewinnen.

    Siehe auch:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_Jordis_von_Lohausen

  • sozrev  On 12. August 2014 at 08:13

    Gegen Moskau positioniert sich Bernhard Schaub. Er hält die Hinwendung Kiews zur EU und NATO für „verständlich“.

    http://www.europaeische-aktion.org/Artikel/de/Russland-die-Ukraine-und-Europa_298.html

  • sozrev  On 12. August 2014 at 08:17

    Der Dummfaschist Schaub hält Putin für einen Agenten der imaginären „jüdischen Weltverschwörung“. Die Vollpfosten scheinen nicht auszusterben.

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