Die “Verrückten Gottes” und andere Fanatiker

Wir lesen: Er läßt große Scharen von jungen Leuten durch die Stadt ziehen, die im Namen des von ihnen verehrten Gottes alles beschlagnahmen, was als Symbol für die Verkommenheit der Menschen gedeutet werden könnte. Also heidnische Schriften, pornographische Abbildungen, Gemälde, Kosmetika und viele andere Dinge, die anschließend auf dem Marktplatz der Stadt verbrannt werden. An Straßenkreuzungen laueren mit Stöcken bewaffnet seine Jünger, ermahnen unzüchtig gekleidete Frauen, durchsuchen Häuser nach anstößigen Dingen, bespitzeln, denunzieren jedermann. Ihr Anführer wähnt sich im Besitz der absoluten Wahrheit und möchte einen Gottesstaat errichten.

Wer ist er? Abubakar Mohammed Shekau, der Anführer der Boko Haram Sekte in Nigeria? Oder doch eher der nicht weniger blutrünstige (angeblich mit dem Mossad unter einer Decke steckende) selbsternannte Kalif der Terrormiliz IS im Irak, Abu Bakr al Bagdadi? Weder noch. Der leicht veränderte, zeitlich versetzte Wikipedia-Text, der hier als Vorlage dient, nimmt Bezug auf den Dominikanermönch Girolamo Savonarola (1452 – 1498) der Ende des 15. Jahrhunderts in Florenz kurzfristig eine Art theokratische Diktatur errichtete. Genau so gut aber könnte, sofern man einige Begriffe durch andere ersetzt, der geschilderte Tatbestand später in einem eher atheistischen Staat lpkalisiert sein. War es nicht während der chinesischen Kulturrevolution ähnlich? Und dennoch wird kaum jemand das chinesische Volk für die damaligen Verbrechen für schuldig befinden, hüten wir uns also auch für die Verbrechen islamischer Fanatiker* alle Muslime dafür verantwortlich zu machen.

Fanatiker kennen, in der Tat, keine Kompromisse und daher auch keine Toleranz. Das könnte vom despotisch herrschenden Reformator Johannes Calvin (1509 -1564) und so manchem Wiedertäufer ebenso gesagt werden, obwohl deren Gegner nicht weniger grausam waren als einige Islamisten heute. Fanatismus ist zwar in den monotheistischen Religionen vermehrt anzutreffen, etwa auch im Judentum, und da, wie im Islam, sogar ganz aktuell**, aber selbst dem Hinduismus und einigen neuzeitlichen Sekten ist er nicht fremd. Natürlich kann man nicht alle Fanatiker über einen Kamm scheren. Savonarola ließ wahrscheinlich niemand köpfen, aber ganz allgemein ist diesen Fanatikern doch das Verlangen nach absoluter Macht über die ihm und seiner Idee oder Vision ausgelieferten Anhänger, die im Falle eines Abweichens von der reinen Lehre mit Bestrafung rechnen müssen.

War es nicht in totalitären weltlichen Systemen auch so, und finden wir nicht Ähnlichkeiten bei Vertretern der politischen Korrektheit. Nicht nur religiöse Fanatiker sind für die einen Heilige, für die anderen in bestimmten Fällen „Ungeheuer“ (Goethe über Savonarola). Mit deren Tod verliert aber jede Bewegung ihre Lebensfähigkeit oder endet in Schismen und Häresien, wenn nicht dafür gesorgt wird, daß zum passenden Zeitpunkt ein geeigneter Nachfolger da ist. Zwar ist gelegentlich ein Fanatiker auch ein Tatmensch, was aber eher ungünstig ist, da der eine den anderen dann behindert.

IS – der Schrecken des Orients:

Nun wären die gewalttätigen sunnitischen Gotteskrieger der IS und ihre Bewegung ein geeignetes Studienobjekt zu dem Thema. Das Ganze ist aber so komplex, daß es eines eigenen längeren Beitrages bedürfte. Aber ohne es wenigstens verstehen zu wollen und die Ursachen annähernd zu kennen, wird man einer solchen Massenbewegung und deren Irrationalismus weder beikommen, noch andere später verhindern können. Daher nur einige Stichworte zur Anregung: Noch ehe der CIA anfangs deren Dienste in Anspruch nahm, war der Humus auf dem diese Bewegung gedeihen konnte, dafür schon vorbereitet. Denn bedeutend mehr als unsere westlichen Gesellschaften hat die technische Entwicklung Kultur und Erziehung im Orient unter Druck gesetzt. Der im Westen mit schweren sozialen, gesundheitlichen und seelischen Schäden erkaufte Fortschritt, bedrohte nun, gemeinsam mit dem westlichen Säkularismus, auch die Welt der schlecht informierten und ungebildeten, aber noch überwiegend gläubigen und von Fremdbestimmung erniedrigten Massen dort. Ein “gefundenes Fressen” für Heilsbringer aller Art.

Die meist in eher ärmlichen Verhältnissen lebenden Menschen erhoffen sich natürlich eine Verbesserung ihrer Lage vor allem dann, wenn Chaos und Unordnung, wie eben in Syrien und im Irak, ihre kleine “heile” Welt bedrohen. Daß ein charismatischer Prediger mit eschatologischen Visionen und Heilsversprechen da Anhänger hinter sich zu scharen weiß, ist unschwer einzusehen. Und nicht überraschend auch, daß sich ihm, dem “Erlöser” desorientierte, hoffnungslose auch infolge von Kommunikationsstörungen und emotionalen Spannungen in der jeweiligen westlichen Kultur nicht wirklich angekommene Migrantenkinder bedingungslos anschließen. Aufgestaute Aggressionsenergien, die sich sonst in städtischer Kriminalität ausleben, finden ein aus Sicht der Betroffenen sinnvolles Ventil im Kampf gegen eine ungerechte, gottlose Welt. Das klingt etwas einfach, ist es, wie schon gesagt, aber nicht. Schließlich spielen da eine Menge anderer Faktoren sowie in- und ausländische Interessen (z. B. im Irak) auch noch mit, die, übrigens, Rolle und Überleben der IS weiter bestimmen werden. Bagdadis Rolle mag jener Bin Ladens ähneln und er könnte durchaus einmal Bin Ladens Schicksal teilen.

Ob islamistische Fanatiker und ihnen blind folgende Anhänger ein Fall für die Sozialpsychiatrie sind, mag dahingestellt bleiben, aber wenn, müßten wir einen nicht unwesentlichen Teil unserer westlichen politischen und gesellschaftlichen Elite mit in die Therapie überweisen. Denn deren Eifer in der Zerstörung Europas sowie deren Unfehlbarkeit und grenzenlosen Anmaßung kann auch nur ein gewisser Fanatismus zugrunde liegen. Ein Fanatismus, der nicht nur keinen Vergleich mit jenem islamistischen zu scheuen braucht, sondern dessen grundlegende, alldurchdringende Auswirkungen, auch wenn sie nicht so spektakulär und grausam erscheinen oder weil man sich an sie bereits gewöhnt hat, jenen anderen in einigen Bereichen längst in den Schatten stellen.

* So meldete die kurdische Nachrichtenseite „Rudaw“ über Twitter, die Opfer (Jesiden) seien erschossen worden, weil sie nicht zum Islam übertreten wollten. Jetzt werden einige sagen, das erlaube der Koran. Dazu: Erstens dürfen Verse nicht aus dem Zusammenhang gerissen und nur im historischen Kontext (z. B. was die Kriegszeiten zur Entstehungszeit des Islam betrifft) von rechtschaffenen Gelehrten ausgelegt werden, und zweitens steht im Koran ja auch: „In der Religion gibt es keinen Zwang“ (Sure 2,256). Fanatiker legen den Koran, in dem Toleranz in unserem Sinne gegenüber “Ungläubigen” sicher nicht gepredigt wird, aber ganz willkürlich aus. Ein Problem ist ja auch, daß die meisten, auch Muslime, den Koran nicht wirklich ganz gelesen haben, und wenn, dann nur einige ausgesuchte oder zum jeweiligen Gebrauch dienliche Verse verinnerlicht haben und Nicht-Muslime zudem die überlieferten Feinheiten des islamischen Glaubens (Rituale, Brauch, Moral usw.), die nicht im Koran stehen, gar nicht kennen.

**Etwa die Bewegung des Rabbi Dow Lior in Kiryat Arba (besetzte Westbank). Von ihm stammt die Aussage, Tausend Nicht-Juden seien nicht soviel wert wie ein jüdischer Fingernagel. Er propagiert auch die Zerstörung Gazas. Wikipedia schreibt: „Dow Lior ist ein rechtsextremer israelischer Rabbiner, jüdischer Gelehrter und Autor, der Oberrabbiner in den israelischen Siedlungen in Hebron und Kiryat Arba im Westjordanland ist. Er ist Vorsitzender des Rates der Rabbiner von Judäa und Samaria“.

Ein weiteres Beispiel eines Fanatikers: Ein gebürtiger US-Jude, Baruch Kappel Goldstein, tötete 1994 in Hebron 29 Muslime beim Beten und verletzte 150 bevor er anschließend selbst getötet wurde. Dafür wird er heute von rechtsextremen Rabbinern verehrt und seine Tat von ihnen öffentlich gelobt. Übrigens genießt auch der Mörder Ministerpräsident Rabins hohes Ansehen unter diesen Leuten. In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, sind diese fanatischen Rabbiner etwa auch Gesprächspartner europäischer Rechtspopulisten?

Und aus diesem Milieu kommen Fanatiker wie George W. Bush:

Helmut Müller

Quelle

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