Ukraine-Krise: Erstens ist es anders, zweitens als man denkt

Wenn die Journaille ihre Hochzeit hat, heißt es, sich in der Leseecke fest anschnallen: „EU muß Kriegstreiber im Kreml stoppen“ fordert einer dieser bemitleidenswerten Auftragsschreiber in der so genannten „unabhängigen“ österreichischen Tageszeitung Kurier. Tage zuvor kam ein dem Einschleimen anscheinend ebenfalls zugeneigter Kommentator des mindestens so „unabhängigen“ Blattes Standard zu dem Schluß: „Putins Rußland ist ein Gegner, kein Partner“. Na dann, auf in den Krieg! Da will oder kann keines der Systemmedien aus der Anti-Putin-Liga ausscheren, ist doch zwischen Hamburg und Wien längst, wie die Salzburger Nachrichten im Falle des offensichtlich der Vergessenheit anheimgefallenen Abschußes von MH17 meinten, alles „hinreichend klar“.

Da braucht man dann auch keine Beweise mehr. Wer da noch entgegnen möchte, fällt zwar noch nicht unter ein Verbotsgesetz, wird aber im Handumdrehen als “Putinversteher” an den Pranger gestellt. Nein, verstehen sollen das ganze wirklich die wenigsten, sonst müßte man ja das ganze Drehbuch samt Erstschlag-Szenario gleich wieder umschreiben. Also bleibt vorerst alles beim alten Schmäh. Dieser lautet, der Putin (Anmerkung von mir: liebt übrigens Deutschland, was von deutschen Politikern nicht gesagt werden kann) ist ja wirklich ein schlimmer.

Putin, der „Brandstifter“ (Der Spiegel), erdreistet sich also, Rußlands Ressourcen und Industrie nicht den US-Konzernen gleich frei Haus zu liefern, dann ist er auch noch verstimmt über die Pläne Washingtons, an Rußlands Grenzen Raketenabwehrsysteme zu errichten, regt sich auf, daß die EU im Auftrag Washingtons die Ukraine dem Einflußbereich Moskaus abspenstig machen möchte, um schließlich die Krim „heimzuholen“, nachdem ruchbar geworden war, daß die ukrainische Regierung der NATO bereits eine Marinebasis dort in Aussicht gestellt haben soll.

Was geht denn das alles den Putin an, nicht wahr? Wenn die friedensliebenden Amis nach Osteuropa auch Rußland in ihre gierigen Klauen bekommen möchten, ist das doch in Ordnung. Meinen die, die jetzt Putin als „Kriegstreiber“ denunzieren. Vielleicht blasen sie demnächst aber schon wieder zum Rückzug.

In Wirklichkeit sitzen ja die Kriegstreiber ganz wo anders, und John J. Mearsheimer ( „The Israel Lobby and U.S. Foreign Policy“) hat es in der Zeitschrift Foreign Affairs absolut richtig erkannt: Die Einkreisung Rußlands durch die NATO, die Expansion der EU und der vom Westen unterstützte Putsch in Kiew haben die Krise erst ausgelöst. Von Mearsheimer auf den Punkt gebracht: „…the United States and its European allies share most of the responsibility for the crisis”. Die USA und Europa stünden nun vor der Wahl, so Mearsheimer, ihre bisherige Politik der Feindseligkeiten gegenüber Rußland und der Zerstörung der Ukraine fortzusetzen, wobei alle nur verlieren könnten, oder die Entwicklung einer gedeihlichen und neutralen Ukraine zum Vorteil aller einzuleiten.

Dies bedeutete keine Gefährdung für Rußland und würde die Beziehungen mit Moskau wieder normalisieren. Aber wird dies in Washington zur Kenntnis genommen, denn wie Mearsheimer in einem Interview* richtig sagt: “Die anderen sehen die Welt anders als wir (Amerikaner) es tun”.

Nun kann man sich fragen, was das im Auftrag der wichtigen US-Denkfabrik Council on Foreign Relations herausgegebene Blatt bewogen haben mag, mit der Wahrheit herauszurücken. Ist man sich in Washington der Gefährlichkeit des eigenen üblen Spiels erst jetzt so richtig bewußt geworden? Glaubte man Putin in die Knie zwingen zu können und ist jetzt ratlos? Es ist wohl noch zu früh um die Hintergründe, die zur Veröffentlichung dieses Beitrages, der ja besonders auch die Lakeien in Europa irritieren müßte, geführt haben, zu kennen. Möglich ist ja, daß eine Mearsheimer nahestehende Minderheitsfraktion innerhalb der Denkfabrik und des State Departements die Veröffentlichung durchsetzen konnte, die Mehrheit der Entscheidungsträger aber doch am eingeschlagenen Weg festhalten möchte. Mit Herrn Obama und Frau Merkel im Schlepptau.

Noch wird ja die Drohkulisse aufrechterhalten, ja sogar erweitert. Neue, härtere Sanktionen gegen Rußland stehen im Raum und eine Art NATO-Eingreifsoldateska wird auch schon angedacht. Krieg um jeden Preis? Und wenn, sollte ein Dritter Weltkrieg den Dollar retten und auch gleich die drohende Deflation „bekämpfen“? Was wären das bloß für kranke Hirne, die sich so etwas ausdenken? Haben wir es mit Verbrechern zu tun? Man wird dabei an eine Rede Kennedys** erinnert, darin es heißt: “Denn wir stehen rund um die Welt einer monolithischen und ruchlosen Verschwörung gegenüber, die sich vor allem auf verdeckte Mittel stützt, um ihre Einflusssphäre auszudehnen – auf Infiltration anstatt Invasion; auf Unterwanderung anstatt Wahlen; auf Einschüchterung anstatt freier Wahl; auf nächtliche Guerillaangriffe anstatt auf Armeen bei Tag. Es ist ein System, das mit gewaltigen menschlichen und materiellen Ressourcen eine eng verbundene, komplexe und effiziente Maschinerie aufgebaut hat, die militärische, diplomatische, geheimdienstliche, wirtschaftliche, wissenschaftliche und politische Operationen kombiniert.“

Sollte Kennedy damals die UdSSR im Sinne gehabt haben, sind dann die USA nicht dabei, unter kapitalistischem Vorzeichen zwar, deren Machtpolitik und globale Strategie zu verinnerlichen? Damit wäre im Extremfall zwar das bittere Ende nicht nur dieser Supermacht besiegeltt. Aber um welchen Preis?

*https://www.youtube.com/watch?feature=player_detailpage&v=PIvaSrk5KQE#t=7
** https://www.jfklibrary.org/Historical+Resources/Archives
Ebenfalls zum Thema: https://www.youtube.com/watch?feature=player_detailpage&v=0T9Upb-QE3E#t=5

Helmut Müller

Quelle

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