Mit der Machtübernahme dauert es noch etwas

Von Karl Richter, veröffentlicht auf Facebook.

In mehreren deutschen Städten demonstrierten dieser Tage bis zu 25.000 Kurden, um Unterstützung für den Kampf gegen den IS-Terror zu mobilisieren und Druck auf die deutsche Politik aufzubauen. In München gingen zur gleichen Zeit erstmals Asylanten in Massen auf die Straße und erpreßten die Politik. In Hamburg war bei Auseinandersetzungen zwischen Kurden und Salafisten das Bürgerkriegsniveau zeitweise bereits erreicht.

Wo ist bei alledem eigentlich der „Nationale Widerstand“?

Auf der Straße jedenfalls nicht. Für Teile des „Szene“ gibt es Wichtigeres. Einblicke bieten Altermedia und, in aller gebotenen Bescheidenheit, zwei der letzten Postings hier auf meiner Facebook-Seite und die zugehörigen Kommentare, die allerdings gründlich bereinigt werden mußten. Es ging um das –politisch sensationelle – Gesprächsangebot des Pop-Sängers Xavier Naidoo an die NPD und, politisch zugegebenermaßen weniger gewichtig, um die kürzliche Scheidung Sigrid Schüßlers. Beides hat wenig miteinander zu tun, rief aber Reaktionen hervor, die lehrreich sind.

Im „Fall Naidoo“ wird die politische Brisanz, die im öffentlichen Gesprächsangebot des farbigen Sängers an die NPD liegt, augenscheinlich nur von wenigen erkannt. Ungleich wichtiger sind einem Großteil der Kommentatoren Abstammung, ethnische Identität und Hautpigmentierung des Sängers, der für seine immerhin couragierten Äußerungen inzwischen erste Repressalien kassiert hat. Im Fall Sigrid S. wiederum wähnt man sich ins Mittelalter versetzt. Tatsächlich wurde die frischgeschiedene Noch-NPD-Amtsträgerin als „Hexe“ beschimpft, und ersichtlich unterleibsgestörte Fanatiker echauffieren sich breit und unflätig über Vorleben, Lebenswandel, Moral, Verantwortung etc. der früheren RNF-Vorsitzenden. Auch hier mußten allzu dralle Auswüchse des Hexenwahns schon im Interesse des guten Geschmacks gelöscht werden.

Man muß mit Verallgemeinerungen vorsichtig sein. Zumindest in Teilen meiner Partei wird die Brisanz des „Falls Nadoo“ richtig eingeschätzt und der ausufernde Zuwanderungsterror als politische Aufgabe durchaus ernstgenommen, so etwa in Sachsen, Berlin oder München. Andererseits läßt die überschäumende Diskussion, wie sie sich auf Facebook zu vergleichsweise völlig randständigen Aspekten darstellt, Schlüsse zu, die für die Selbsterkenntnis der „Szene“ insgesamt fruchtbar sein können.

Ganz banal stellt sich die Frage, wie ernst man eine „Bewegung“ nehmen muß, die sich tagelang über den „Plastikdeutschen“ und „Quotenneger“ Xavier Naidoo das Maul zerreißt, am politischen Kampf an den Brennpunkten des täglichen Zuwanderungsterrors aber wenig bis gar kein Interesse zeigt, gemessen am Einsatz, der möglich wäre und in Anbetracht der Entwicklung auch geboten wäre. Am Vorbild der Kurden könnte sich auch der deutsche „Nationale Widerstand“ durchaus ein Beispiel nehmen, ein ganz kleines wenigstens. Die Asyl-Situation eskaliert ja nicht erst seit gestern. Bei vielen, die sich ansonsten ganz ausgezeichnet in Rassenkunde auskennen, mag es freilich an der zureichenden Rechtschreibkompetenz scheitern.

Woran krankt es?

1. Kurdische Krawalldemonstranten setzen sich in diesen Wochen allenthalben in Europa für ihre Sache ein und sind dabei über alle Gruppen- und Grüppchen-Interessen hinweg EINIG. Unter Kurden wäre die ethnische Identität eines Pop-Sängers oder die Scheidung der Sigrid S. vermutlich kein Thema, wenn die eigene Volksgruppe mit dem Rücken zur Wand steht. Will sagen: solange viele der „Kameraden“ das Trennende und Unwichtige über das Einigende und Wichtige stellen, werden Einheit und Erfolg des politischen Kampfes, zumindest des „Nationalen Widerstandes“, eine Fiktion bleiben. Die Feststellung sei angefügt, daß die Fähigkeit zum Integrieren, zum Aufeinander-Zugehen eine Gabe ist, eine charakterliche Disposition, über die nicht jeder verfügt. Sie setzt eine gewisse Reife und eine souveräne Persönlichkeit voraus, etwas, das im Ghetto-Biotop des „Nationalen Widerstandes“ zugegebenermaßen noch seltener anzutreffen ist als in der
ohnehin degenerierten bundesdeutschen Mehrheitsgesellschaft.

2. Was können wir darüber hinaus von jeder erfolgreichen Bewegung lernen? Daß sie, dem bekannten Wort Mao Zedongs folgend, wie ein Fisch im Wasser schwimmt, d.h. als Bewegung vom Volk getragen wird. Kann man vom Volk erwarten, daß es eine „Bewegung“ ernst nimmt und an die Macht trägt, die bei Xavier Naidoo als erstes an Abstammung und Pigmentierung denkt, aber stumm bleibt angesichts seines bemerkenswerten Auftrittes bei den „Reichsbürgern“ und seines nicht weniger sensationellen Gesprächsangebots an die NPD? Wie oft – vielleicht habe ich etwas verpaßt – bekommt die NPD Gesprächsangebote von Exponenten des bundesdeutschen Mainstreams? Wie politikfähig ist eine solche „Bewegung“? Der Gerechtigkeit halber muß angemerkt werden, daß es zumindest aus den Reihen der Partei durchaus ernsthafte Bemühungen gab, dem Gesprächsanliegen Naidoos politisch gerecht zu werden.

3. Im Januar 2014 fragte immerhin die Bundeszentrale für politische Bildung (BPB) in einem Interview mit einer „Expertin“ nach den Erfolgsursachen des Front National und machte diese u.a. an der Führungsfigur Marine Le Pens fest. Wörtlich: „Eine Parteivorsitzende wie Marine Le Pen beim rechtspopulistischen französischen Front National wäre in der NPD doch undenkbar, oder?“ – Die Antwort der „Rechtsextremismus-Expertin“ Renate Bitzow: „Klar, bisher ist so etwas schwer vorstellbar. Aber wer weiß, was passieren würde, wenn es in der NPD jemanden dieses Formats gäbe. In Bayern hat die Partei bei der letzten Landtagswahl eine Frau als Spitzenkandidatin aufgestellt, Sigrid Schüßler, die machte überhaupt keinen verhuschten Eindruck. Sie trat selbstbewusst auf, kess und ein bisschen provokativ, der Slogan dazu lautete ´Unwiderstehlich anders´. Natürlich sind das Einzelfälle, aber es ist eben überhaupt nicht ausgeschlossen.“ Hier
freilich kann man die Bundeszentrale für politische Bildung beruhigen: doch, es ist ausgeschlossen. So lange sich die „Kameraden“ so couragiert, teils hinter irren Phantasie-Profilen versteckt, an der Hexenverfolgung gegen die „gar nicht verhuschte“ Sigrid S. beteiligen wie zuletzt erlebt, so lange besteht keinerlei Gefahr, daß sich die Partei möglicherweise in einer Vorsitzenden wie Marine Le Pen wiederfindet und so den weiblichen Teil der Bevölkerung vielleicht viel besser ansprechen könnte, als das bisher der Fall ist. Es ist schlicht und einfach gar nicht gewünscht, paßt nicht ins Weltbild, darf mithin nicht sein. Ihr durchaus origineller, wenn auch kontrovers diskutierter Stöhn-Hörspot zur bayerischen Landtagswahl 2013 wurde Sigrid S. von mindestens zwei Parteivorsitzenden als angeblich „parteischädigend“ um die Ohren gehauen; solche Verdammungsurteile muß man freilich nicht ernstnehmen, enttarnte sich doch der eine der
beiden Muster-Spitzenfunktionäre wenig später als kameradengrabschendes Ferkel und verlieh der Vokabel „parteischädigend“ so eine ganz neue Note. Der andere brachte zur saarländischen „Peniskuchen-Affäre“ – ja, auch so etwas gibt es bei der NPD

zuwege. Solche Spitzenrepräsentanten nationaler Politik sind natürlich viel bürgernäher und authentischer als eine vierfache Mutter.

Kurz und gut: selbstbewußte und „ein wenig provokative“ Frauen machen vielen offenbar Angst. Klaus Theweleit lag mit seiner inzwischen legendären Studie „Männerphantasien“ (1977/78) erkennbar richtig. Zu islamischen Männersekten wie dem IS-Irrenhaus ist der Weg da nicht allzu weit – zum politischen Erfolg in der realexistierenden Bundesrepublik dagegen umso mehr. Er gründet sich, wie wir wissen, eben nicht nur auf die richtigen politischen Inhalte, sondern auch auf ihre Verpackung und ihre Repräsentanten.

Eines ist augenfällig, wenn auch nicht neu: durchaus nennenswerte Teile des „Nationalen Widerstandes“ WOLLEN gar nicht Politik machen und sind von ihrer Persönlichkeitsstruktur her auch gar nicht dazu fähig. Sie haben im Gegenteil panische Furcht vor der Welt „draußen“, in der realexistierenden BRD, wo es, horribile dictu, nicht nur Brennpunkte des Zuwanderungsterrors, sondern auch farbige Musiker, schwule Bürgermeister und selbstbewußte Frauen gibt. Da geht man am besten gar nicht erst vor die Tür, sondern bleibt besser im liebgewonnenen Ghetto, wo die eigenen Defizite und Ressentiments völlig gefahr- und folgenlos ausgelebt werden können, anstatt auch nur in bescheidenem Maße zum Werbeträger der „nationalen Idee“ zu werden – und niemand kann sagen, daß es für ihn in der prä-apokalyptischen Bundesrepublik des Jahres 2014 nichts zu tun gäbe.

Wir wollen nicht päpstlicher sein als der Papst: so wie sich die Linkspartei den Luxus einer Kommunistischen Plattform leistet, wäre es völlig daneben, etwa von der NPD zu verlangen, daß sie sich ihrer „Nazis“ entledigen solle. Warum denn? Politik lebt vom Wettbewerb der Ideen und Konzepte, und so viel Toleranz muß sein, erst recht im eigenen Lager. Wer partout Rassekunde betreiben und die Grenzen von 1937 (oder 1942 oder 1226 – Neapel bleibt unser!) hochleben lassen möchte, soll das tun, warum auch nicht. Die Grenzen von 1937 sollten im übrigen nicht verhandelbar sein. Man soll ausufernde Vergangenheits- und Ideologiehuberei nur nicht mit Politik verwechseln, denn die spielt sich in der Gegenwart ab und wendet sich an reale, oft auch beschränkte Menschen, die heute leben. Hier muß eine Wahlpartei andere Prioritäten setzen als parteifreie Gruppen. Befremdlich ist, daß man darüber noch immer diskutieren muß.

Gleiches gilt für die Stimmungslage, oder sagen wir besser: für die Persönlichkeitsstruktur des beteiligten Personals. Noch die geringste Anforderung ist, vor der Welt, wie sie nun einmal ist, nicht davonzulaufen, sondern auf sie zuzugehen im Bestreben, ihr etwas zu sagen und zu geben, und zwar mehr als vorgefertigte Flugblätter. Das tun wir derzeit als Partei wie als „Bewegung“ noch so gut wie gar nicht. Die uns umgebende bundesdeutsche Mehrheitsgesellschaft hat von uns keinen erkennbaren Nutzen. Wollen wir die Herzen unseres Volkes erobern – Hand aufs Herz: wollen wir das? -, dann müssen wir innerlich raus aus der Wagenburg und auf die Menschen zugehen. Wer kann das? Wo ist die deutsche Evita Perón? Der deutsche Martin Luther King? Besonders widerborstige „Kameraden“, die nach erfolgreicher Google-Suche erbittert registrieren, daß letzterer ja noch viel schwärzer war als Xavier Naidoo, mögen getrost herunterschalten und sich an ein
bekanntes Goebbels-Wort erinnern: „Nun mag es für manchen befriedigend sein, wenn seine Macht sich auf Gewehrläufe stützt. Um wieviel beglückender aber ist es, die Macht aus dem Herzen des Volkes zu besitzen.“ Dort sollten wir eigentlich hin. Eigentlich.

Einstweilen ist mit einer Gefährdung der Bundesrepublik durch den „Nationalen Widerstand“ nicht zu rechnen. Es handelt sich vielmehr zu weiten Teilen um einen absonderlichen Mikrokosmos, eine bizarre, männerbündlerische Parallelwelt, um nicht zu sagen: um ein Irrenhaus, im Gesamtbild aber nicht um eine ernstzunehmende politische Alternative – woran, wir wollen es gar nicht abstreiten, gegnerische Infiltrierung, jahrzehntelanger Verfolgungsdruck und demzufolge intellektuelle Auszehrung kräftig mitgewirkt haben.

Es hilft aber nichts: die geschilderten Defizite müssen weg. Auch „Nationale“ müssen dringend „normaler“, souveräner und weniger borniert werden. Sonst dauert es womöglich mit der Machtübernahme noch etwas.

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