Otto Strasser: Das Bürgerbräuattentat

Das Schweigen, das Hitler nicht erkaufen konnte, erzwang der Krieg. Jahrelang hatte ich in Hunderten von Gesprächen meine deutschen Freunde und ausländischen Bekannten immer wieder darauf hingewiesen, dass Hitler gestürzt werden müsse, bevor er Krieg machen könne. Denn ich war mir darüber klar, dass nach Ausbruch eines Krieges die Fronten sich automatisch ändern müssten.

Im Krieg fielen die Bomben auf alle Deutschen, ob sie Gegner, Anhänger oder Mitläufer Hitlers waren, und die Soldaten mussten ihre nationale Pflicht erfüllen, ganz gleich wie sie dachten. Wir von der Schwarzen Front waren Hochverräter gegen das Hitler-System, aber nie und nimmer Landesverräter.

Einer meiner Unterführer war – früher einmal – aus falsch verstandenem Fanatismus ohne mein Wissen in Beziehungen zu einer ausländischen Organisation getreten. Ich erklärte ihm in den eindringlichsten Worten, dass er diese Beziehungen sofort zu lösen habe, auch wenn sie ihm bisher völlig harmlos erschienen seien.

Ich sagte ihm: „Wir sind politische Kämpfer, keine Nachrichtenagenten. Das kann man gar nicht scharf genug unterscheiden. Es darf in der ganzen Welt kein Stück Papier und kein Wissen irgendeines Menschen existieren, die auch nur den leisesten Schatten auf unsere nationale Ehre werfen könnten. Wir wollen nach Hitlers Sturz mithelfen, Deutschland neu zu gestalten. Da müssen wir jedem Deutschen frei in die Augen sehen können, und keine deutsche Mutter darf sagen können: ‚Ihr seid mit dran schuld, dass mein Sohn gefallen ist.‘ “ Meine Kameraden dachten dasselbe.

Keines der zahllosen Erinnerungsbücher über Nachrichtendienste und Spionageorganisationen im Zweiten Weltkrieg von Allan Welsh und Dulles bis Gisevius kann über eine Beteiligung der Schwarzen Front oder auch nur eines ihrer Männer ein einziges Wort berichten.

Vom 1. September 1939 an verbrachte ich jede freie Minute im stillen Wetzwil überm Zürichsee am Radio. Nach den aufregenden Wochen des Polenfeldzuges setzte die trügerische Ruhe im Westen ein, so dass die Franzosen vom „drolligen Krieg“ sprachen. Mir war dabei nicht ganz geheuer, denn ich kannte Englands Politik und ich kannte den Druck, unter dem Hitler stand. In Diktaturen gibt es kein Halten, sie müssen unaufhörlich in Bewegung sein und ihrem Volk für die geraubte persönliche Freiheit und für die großen Opfer, die sie von jedem einzelnen verlangen, als Gegengabe sichtbare und nachdrückliche Erfolge präsentieren. Dieser Zwang der Verhältnisse wurde verstärkt durch Hitlers unstete Natur. Da der Westen nicht angriff, musste er angreifen. Aber das deutsche Volk hoffte nach der „Polizeiaktion“ gegen Polen auf Frieden. Hitler und Goebbels mussten also wieder einmal etwas inszenieren, um Kriegsbegeisterung zu erzeugen. Nach der Devise „Doppelt genäht hält besser“ führten sie am 8. und 9. November einen propagandistischen Doppelschlag, der sich dem Reichstagsbrand würdig an die Seite stellte.

Am 8. November hatten die verschiedenen Wehrmachtsberichte völlig unwesentliche Meldungen gegeben. Aber ich stellte um Mitternacht noch einmal München ein, um zu hören, was Hitler seinen alten Kämpfern in der traditionellen Bürgerbräu-Versammlung zu sagen gehabt hatte. Es kam die sensationelle Meldung, dass die Versammlung durch ein Attentat auf den „Führer“ gesprengt worden sei, wobei es Tote und Verletzte gegeben hatte. Nachricht folgte auf Nachricht. Es wurde mitgeteilt, dass Hitler und seine engere Gefolgschaft durch eine „Fügung des Schicksals“ dem Anschlag entgangen seien, da Hitler früher als vorgesehen den Saal verlassen hatte. Nur einfache Pg. waren die Opfer. Merkwürdig, dachte ich, wie gut seine „traumwandlerische Sicherheit“ wieder einmal funktioniert hat. Trug diese „Vorsehung“ nicht die Züge Himmlers?

Am anderen Morgen hatte das Propagandaministerium eine zweite Sensation bereit: In Venloo an der deutsch-holländischen Grenze waren zwei Offiziere des britischen Secret Service dem Sicherheitsdienst der SS in die Falle gegangen. Diese Engländer hatten mit einer angeblichen deutschen Friedensgruppe Verbindung gehabt – diese Friedensgruppe war aber in Wirklichkeit der SD, der die ahnungslosen Engländer an die Grenze lockte und gewaltsam nach Deutschland entführte.

Zunächst schien zwischen dem Attentat in München und der Aktion von Venloo kein Zusammenhang zu bestehen. Diesen Zusammenhang stellten Himmler und Goebbels her: Am 21. November meldete Himmler als Chef der deutschen Polizei, dass das Attentat in München von einem Mann namens Georg Elser „im Auftrag Otto Strassers und des britischen Intelligence Service“ durchgeführt worden sei. Elser habe tagelang geleugnet, aber am 14. November habe er gestanden, dass er sich mit dem „Verräter Strasser“ in der Schweiz getroffen habe, von ihm Geld und Auftrag erhalten habe, und dergleichen Märchen mehr.

Die Phantasie überschlug sich. Schließlich hatte man am Morgen nach dem Attentat mich in Kreuzlingen am Bodensee am Schlagbaum „gesehen“, wo ich auf meinen „Komplizen“ Elser wartete. Nur ein Goebbels konnte eine so vollkommene Lüge aushecken. Sie war ausgezeichnet kalkuliert und erfüllte mehrere wichtige Zwecke:

Hauptzweck war zweifellos, im deutschen Volk Hass gegen England zu erzeugen, „das gemeine Mordbuben ausschickt, um den geliebten Führer zu beseitigen und dadurch den Sieg zu verhindern.“ Gleichzeitig sollte ich für alle Zeit ausgeschaltet werden, und zwar sowohl als Anführer eines Mordkomplotts, wie auch als englischer Agent. Eine weitere Absicht war es, mich nun endlich – und ganz legal – lebend zu fangen. Dies gelang um ein Haar. Die Reichsregierung forderte nämlich von der schweizerischen Bundesregierung offiziell meine Auslieferung als Anstifter des Münchner Attentates.

Ich musste befürchten, dass die Schweiz dieser Erpressung nachgeben würde. Die Eidgenossen waren in einer außerordentlich schwierigen Lage. Hitler konnte ihnen Brot und Kohle nach Belieben zuteilen oder verweigern. Daher war ich nicht überrascht, als mich am Mittag des 24. November ein Schweizer Bekannter anrief, der gute politische Beziehungen hatte und mich beschwor, sofort mein Haus zu verlassen und mich zunächst zu verbergen, bis ich eine Gelegenheit zur Flucht aus der Schweiz hätte. Ich folgte dem Rat. So entging ich der Verhaftung und Auslieferung. 48 Stunden später fuhr ich im Auto eines Schweizer Freundes, eines sozialdemokratischen Nationalrates, nachts über die französische Grenze.

Zu dem von der Reichsregierung angekündigten großen Prozess, bei dem meine Schuld als Anstifter des Münchner Attentats öffentlich bewiesen werden sollte, kam es natürlich nie. Hitler hatte wohl an einem Reichstagsbrand-Prozess mehr als genug. Es wurde überhaupt nie der Versuch gemacht, das Geheimnis um den 8. November 1939 zu lüften. Die beiden Engländer wurden nach mehrjähriger KZ-Haft ohne Verfahren freigelassen, und Elser soll gegen Kriegsende in einem KZ umgekommen sein.

1934 im Exil in Prag
Quelle: Strasser, Mein Kampf

Das sind die dürren Tatsachen, die von der großen Sensation übrigbleiben. Es ist klar, dass ich mich gegen die Verdächtigungen der Berliner Propaganda wehren musste.

„Schweigen Sie doch wenigstens“, sagte mein französischer Verleger Bernard Grasset zu mir. „Sie brauchen es den Leuten nicht auf die Nase zu binden, dass Sie es nicht waren.“

Aber ich dachte mit keinem Gedanken daran, bei einem Goebbels’schen Ablenkungsmanöver mitzuspielen.

Es steht für mich außer Zweifel, dass das Münchner Attentat – durchgeführt von Himmlers Leuten und unterstrichen durch die Venloo-Affäre – der propagandistischen Vorbereitung der für November 1939 geplanten Invasion in Holland diente, die aber dann wegen des außergewöhnlich schlechten Wetters in letzter Minute abgeblasen und aufs Frühjahr 1940 verschoben werden musste. Dass bei diesem Attentat ein Dutzend gläubiger Anhänger Hitlers skrupellos geopfert wurden, störte weder den „Führer“ noch den „Reichsführer der SS und Chef der deutschen Polizei“.

Dass Hitler selbst der SS befohlen hat, das Attentat im Bürgerbräukeller zu inszenieren, bestätigt folgende schriftliche Erklärung, die mir Pfarrer Muras von der Evangelischen Akademie Tutzing 1967 übergeben hat:

„Im W. S. 45/46 sprach Pastor Martin Niemöller in der Neustädter Universitätskirche vor den Erlanger Studenten. Er sprach von der Dämonie des Dritten Reiches, insbesondere Hitlers. Dafür gab er einen einmaligen Beweis hinsichtlich des Attentates im Bürgerbräukeller 1939. Dieses Attentat sei von Hitler persönlich inszeniert worden, wofür er den folgenden Beweis erbringen könne.

Im November 1939, als er bereits zwei Jahre im KZ Dachau verbrachte, als persönlicher Gefangener Hitlers, wurde eines Tages die freistehende Zelle neben ihm für einen Neuankömmling hergerichtet. Dies geschah in der Weise, dass aus drei Zellen eine große gemacht wurde, indem man die beiden Zwischenwände entfernte. Diese Großzelle wurde als Schreinerwerkstätte eingerichtet und dem Neuankömmling übergeben. Im Laufe der folgenden sechs Jahre hatte Niemöller nur ein einzigesmal Gelegenheit, mit dem Neuen zu sprechen. Er erzählte ihm, in dem Bewusstsein, einen Pastor vor sich zu haben, das folgende:

Er, der SS-Unterscharführer Georg Elser, habe den Auftrag bekommen, eine Zeitbombe anzufertigen und auf einen bestimmten Tag in einem Pfeiler des Bürgerbräukellers einzubauen. Er habe dies getan. Dann sei er von der SS ins KZ Dachau eingeliefert worden, damit, wie man ihm sagte, er nicht in Versuchung komme, seine Schweigepflicht zu verletzen. Doch wolle er sich erleichtern und würde daher ihm, dem Pastor Niemöller, von dieser sicherlich furchtbaren Tatsache erzählen. Soweit dies Gespräch.

Als es auf das Ende des Krieges zuging, wurde eines Morgens der Zellennachbar Niemöllers von der SS herausgeholt; er kehrte nicht wieder in seine Zelle zurück. N. dachte sich das Seine…

Kurz vor dem Näherkommen der amerikanischen Armee wurde Niemöller zusammen mit anderen hohen Gefangenen unter Führung eines SS-Offiziers abtransportiert. Sie sollten bei Kapitulation des Reiches liquidiert werden. Unterwegs, irgendwo in den Alpen, trafen sie auf eine deutsche Kompanie, deren Hauptmann blitzschnell die Lage erkannte und das SS-Kommando entwaffnete. Als man die Aktentasche des SS-Kommandanten öffnete, fand man eine Reihe hochwichtiger Dokumente. Darunter eines, das den folgenden Wortlaut hatte:

Reichsführung oder Reichsführer SS
Bureau oder Sekretariat
Berlin.

„Auf allerhöchste Weisung ist der SS-Unter-Scharführer Georg Elser, Lagerinsasse des KZ Dachau, anlässlich des nächsten Terrorangriffes auf München unauffällig zu liquidieren. Als Vollzugsmeldung ist bekanntzumachen: Der SS. U. S. F. G. E. wurde während des letzten schweren barbarischen Terrorangriffes auf München tödlich verletzt und ist in den Flammen umgekommen.“

Aus diesem Bericht ergab sich für Niemöller der klare Beweis, dass dieser Mord an Hitlers ältesten Parteigenossen im Bürgerbräukeller 1939, sowie der an Georg Elser, aufgrund der Eingangsformel des aufgefundenen Dokumentes auf Hitler selber zurückging.

In der gleichen Rede sprach N. auch das erste oder zweite Mal von der „Kollektivschuld“ des deutschen Volkes (womit er die spätere „Kollektivverantwortlichkeit“ nannte). An dieser Stelle, also nach dem wiedergegebenen Beispiel, verließen von den etwa eintausend Studenten in der Kirche etwa einhundert polternd und unter Protestrufen und türenschlagend das Gotteshaus …

Aufgezeichnet von einem Teilnehmer dieser kirchlichen Abendveranstaltung, dem damaligen stud. theol. et. phil. Gerhard Muras aus Stettin (Pommern).

Pullach (Isartal), am 4. Oktober 1967, gez. Gerhard Muras, P.

Quelle: Otto Strasser, Mein Kampf – Eine politische Autobiographie, Frankfurt 1969

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