Der Faschismus zwischen Revolution und Reaktion (1)

Teil 1: Anatomie des Faschismus

Von Roland Lorent, erschienen im Fahnenträger-Magazin.

Die Frage nach Herkunft und Wesen des Faschismus erhitzt seit Jahrzehnten die Gemüter. Allerdings ist die „Faschismus-Debatte“ eher von moralisierender denn von sachlicher Betrachtungsweise geprägt. Gerade auf der politischen Linken verkam der Faschismusvorwurf zum Totschlagsargument, das man im Bedarfsfalle Gott und der Welt um die Ohren hauen konnte. Ihre bizarrste Ausprägung fand diese Tendenz schon früh in der stalinistischen Sozialfaschismusthese. Die linken Wurzeln des Faschismus wurden und werden dabei ausgeblendet – waltet hier eine kollektive Urerinnerung, das kollektiv Unbewusste (C.G. Jung)? In jedem Fall ein interessanter Erklärungsansatz, der den hysterischen Antifaschismus von links erklären würde – gestatten, wir sind die hässlichen Verwandten von Marxismus, Syndikalismus und Anarchismus. Auch auf der Rechten feiert dieser nur zu oft von keinerlei Sachkenntnis belastete Missbrauch des Faschismusbegriffes fröhliche Urstände. Erwähnt seien hier nur der Vorwurf des „Linksfaschismus“ an die Adresse des linken politischen Gegners oder seltsam anmutende Versuche, sich als neonationalsozialistische Antifaschisten zu gerieren. Das nationalrevolutionäre Spektrum ist ebenfalls nicht frei von solchen Absonderlichkeiten. Wissenschaftlich gesehen, sind Konservative Revolution, Nationalrevolutionäre, Nationalsozialismus, Nationalbolschewismus und Faschismus allesamt verschiedene Namen für vergleichbare, miteinander verwandte, wenn auch nicht identische Erscheinungen.

Autoren wie Stefan Breuer beispielsweise sortieren KR / NR / NB im Bereich des Protofaschismus ein; Ähnlichkeiten mit dem italienischen Frühfaschismus sind in der Tat nicht von der Hand zu weisen. Man sollte gerade der „Erinnerungsliteratur“ der Beteiligten (Paetel, Jünger, Niekisch, Strasser und wie sie nicht alle heißen) mit gebotener Skepsis gegenübertreten. Die damaligen Protagonisten versuchen nämlich ziemlich angestrengt, sich die braunen oder schwarzen Flecken von der NR-Weste zu waschen. Ernst Niekischs Widerstands-Ideologie zum Beispiel kann man wissenschaftlich gesehen wohl als eine besonders bösartige und aggressive Version des Nationalsozialismus definieren, während Ernst Jüngers Neuer Nationalismus geradezu ein Untermieter im Gedankengebäude des italienischen Faschismus ist. Der Faschismus (wie der Nationalsozialismus) hatte nicht nur eine Stoßrichtung gegen die Arbeiterbewegung, sondern ebenso gegen die bürgerliche Gesellschaft. Gerade die zum Teil aus den italienischen Arditi-Sturmtruppen und d´Annunzios Fiume-Legionären hervorgegangenen Squadras hatten einen durchaus anarchischen Zug an sich.

Der Frühfaschismus ging die bürgerliche Gesellschaft mit vergleichbarer Radikalität wie einige deutsche Nationalrevolutionäre an. Er war eine auch nach dem Marsch auf Rom die totale Revolution und Vernichtung des bürgerlichen Staates fordernde Kraft. Nicht umsonst brauchte der zwischen den Parteifraktionen lavierende Mussolini Jahre, um das national-syndikalistische Hooligan-Element der Bewegung mit Hilfe der orthodoxen Nationalisten und bürgerlicher Opportunisten auszuschalten und seinen kollaborationistischen Regierungsfaschismus zu etablieren. Was er dann auch 1943 bitter bereuen sollte. Das Gleiche gilt im Grunde genommen für die NS-Linke (Strasser-Brüder, NSBO, teilweise noch die SA): Gerade die antibürgerlichen Kräfte, die der Bewegung überhaupt erst ihre Stoßkraft verliehen hatten, wurden ausgemustert, nachdem die Parteibonzen sich in der bürgerlichen Gesellschaft wohnlich eingerichtet hatten. Die Geschichte des Faschismus und Nationalsozialismus ist auch eine Geschichte von missbrauchtem Idealismus. Alles Entwicklungen, welche die KPD und die Nationalrevolutionäre vorausgesagt hatten. All das ist Anlass genug, ausgiebig Licht ins Dunkel zu bringen und darzustellen, woher der Faschismus überhaupt kam und wohin er sich entwickelte.

Faschismus und Nationalsozialismus

Betrachten wir zunächst einmal den italienischen Faschismus und den deutschen Nationalsozialismus. Der Nationalsozialismus geht in seinem rechten, hitleristischen Flügel klar auf die bürgerlich-reaktionäre völkische Bewegung des Kaiserreiches zurück und hat dies auch offen eingestanden, während die so genannte nationalsozialistische Linke eher in der Tradition der Konservativen Revolution bzw. der Nationalrevolutionäre steht. Seiner Herkunft nach ist der italienische Faschismus völlig anders geartet – wie wir sehen werden, entstammt er der sozialistischen Arbeiterbewegung und einem bürgerlichen Linksnationalismus. Ebenso unterschiedlich aufgestellt waren die beiden Ideologien in kultureller Hinsicht: Im Gegensatz zum Nationalsozialismus hatte der Faschismus einen positiven Bezug zur künstlerischen Moderne und Avantgarde: Futurismus und Avantgarde in der Kunst, Modernismus in der Architektur. Renzo de Felice erklärt die Unterschiede zum Nationalsozialismus so: Der Faschismus ist eine optimistisch-vitalistische Bewegung. Er zielt auf Modernisierung und Fortschritt, Überwindung bürgerlicher Traditionen und Werte ab und ist damit linkstotalitaristisch.

Der Nationalsozialismus hingegen in seinem tragischen Optimismus ist als typischer Rechtsradikalismus stark auf die Werte der Vergangenheit orientiert. Ein gewichtiger Unterschied zwischen beiden Ideologien waren nach Zeev Sternhell Rassenlehre und Antisemitismus. Im Nationalsozialismus besaß der Antisemitismus in extremster Ausprägung eine zentrale Stellung. Juden galten geradezu als untermenschliche Gegenrasse, Hitler strebte eine revolutionäre rassenimperialistische Umstrukturierung Europas an. Ethnische und politische Säuberungen gehören zu den Hauptbeiträgen Europas zur Moderne, hier steht der Faschismus nicht alleine auf weiter Flur da. „Moderne“ sollte man ohnehin nicht westlich-fortschrittsoptimistisch sehen – auch der Holocaust wurde mit überaus modernen Methoden durchgeführt. Während beide Flügel des Nationalsozialismus im Grunde genommen nicht ohne den Antisemitismus auskamen, waren derartige Anwandlungen dem Faschismus ursprünglich fremd. Juden waren bis 1938 im italienischen Faschismus überrepräsentiert (200 Juden nahmen am Marsch auf Rom teil, und Juden befanden sich schon unter den Mitbegründern der Bewegung), Mussolinis Geliebte und erste Biographin Margherita Scarfatti war Jüdin. Der Faschismus hatte jüdische Unterstützer in Industrie und Landbesitz, der wichtige Mussolini-Intimus Aldo Finzi war ebenso jüdischer Herkunft. Die 1931/32 erlassenen Toleranzgesetze für Juden und Protestanten verschafften diesen Freiräume, welche erst in den 60er Jahren wieder erreicht wurden. Selbst die faschistische Rassenlehre von 1938 fiel anders aus als die deutsche Version: Völker wurden als Produkt mehrerer vorangehender ethnischer und biologischer Gruppen aufgefasst, sie waren also das Resultat von Jahrhunderten von Geschichte, Kultur und Umwelteinflüssen. Der nordische Rassefimmel der Nazis war nicht nur den italienischen Faschisten völlig fremd. Mussolini lehnte den Rassenbiologismus der Nazis noch im Frühjahr 1934 als Widerspruch zur gesamten christlichen und romanischen Zivilisation sowie als im Widerspruch zur gesamten Menschheit stehend ab. Die faschistische Internationale CAUR verdammte das Rassenkonzept noch 1935 in deutlichen Worten. Antisemitismus und Annäherung an die NSDAP waren gerade unter den Jungfaschisten von 1938 extrem unpopulär, worin auch eine Ursache für das ab Ende der 30er Jahre katastrophal schlechte Verhältnis zwischen den italienischen und deutschen Jugendorganisationen liegen dürfte. Im Kontrast zum mystischen nordischen Rassismus stand der Faschismus näher an der abendländischen Tradition. Mussolini verwies immer darauf, dass der Faschismus Aspekte aller drei alten Ideologien (Liberalismus, Konservatismus und Sozialismus) vereinte, Hitler dagegen beharrte auf revolutionärer Ablehnung rivalisierender Doktrinen. Der neue Mensch des Nationalsozialismus war nicht nur ein kulturell-philosophisches, sondern auch und vor allem ein rassenbiologisches Produkt. Der Faschismus dagegen setzte ganz im nietzscheanischen Sinne (Gabriele d`Annunzio!) auf Ausbildung, Erfahrung und Wissen. Der im italienischen Faschismus vorhandene Kolonialrassismus gegenüber den „minderwertigen“ Völkern Afrikas war europäisches Gemeingut und keine Besonderheit. Der Nationalsozialismus war weitaus totalitärer, während der Faschismus sich tolerant zeigen konnte, sofern man ihn nicht politisch angriff.

Dazu gestattete selbst der regierungsfaschistische Korporativismus gesellschaftlich-wirtschaftlichen Subsystemen ein gewisses Maß an Autonomie, was man von der Deutschen Arbeitsfront nicht gerade behaupten kann. Zeigte der Faschismus sich vor seiner Machtergreifung deutlich militanter als der Nationalsozialismus, so agierte dieser nach 1933 in seiner Herrschaftsausübung und –durchsetzung weitaus brutaler. Wie Zeev Sternhell spricht sich auch Stanley G. Payne, wenn auch aus anderen Gründen als den oben skizzierten, gegen die Gleichsetzung von Nationalsozialismus und Faschismus aus. Zwar sind Gemeinsamkeiten beider Ideologien nicht zu leugnen, aber der Nationalsozialismus weist mehr Parallelen zum russischen Kommunismus bzw. Stalinismus auf als jedes andere nichtmarxistische System: Theorie eines praxisorientierten revolutionären Handelns (nachdem der Kreml wesentliche Aspekte der klassischen marxistischen Theorie aufgab) / Theorie eines fortwährenden Kampfes / starres Elitedenken und Führerprinzip / klassenunabhängige Einparteiendiktatur / eine von der Partei zu kontrollierende Armee (Wehrmacht ab 1943) / Autarkie und Militarisierung, revolutionärer Krieg / neuer internationaler politischer Mythos als Alternative zu den herrschenden Orthodoxien. Nationalsozialismus und Faschismus beeinflussten sich wechselseitig, hierbei kam dem italienischen Modell eine „historische Leitfunktion“ zu. Zahllose Artikel in der NS-Presse sprechen Bände darüber; vor allem für den „Arbeitnehmerflügel“ der NS-Bewegung waren das italienische Korporativsystem und die italienische Sozial- und Kulturpolitik von hoher Bedeutung. Zwar sind beide Ideologien nicht identisch, aber ihre Verwandtschaft ist nicht zu leugnen.

Vom geistigen Elend des Antifaschismus

Die wissenschaftliche wie publizistische Analyse ist seit Jahrzehnten davon geprägt, dass die Beobachter ihr eigenes Menschenbild verabsolutieren. Unbewusst bringen die Kritiker dadurch ihre eigene Antipathie gegen den Faschismus (oder gegen das Kleinbürgertum, also ihre eigene Klasse) zum Ausdruck. So wird krampfhaft nach abwertenden Motiven für den Anschluss an die faschistische Bewegung gesucht (Geld, Zwang, Abstieg, Asozialität, moralische Minderwertigkeit…). Eine rein marxistisch-materialistische Betrachtungsweise wird dem antimaterialistisch denkenden Faschismus ebenfalls nicht gerecht. Seine Betrachtung anhand der Klassentheorie betrachtet ihn nur „von außen“, da der Faschismus selbst nicht in Klassenaspekten dachte. Die Mittelklasse-Theorie ist nicht verallgemeinerbar, sie ignoriert die starke Unterstützung des Nationalsozialismus durch die Arbeiterschaft oder den ausgesprochen proletarischen Charakter z.B. des Faschismus in Ungarn. Auch in Italien gab es zum Teil erhebliche örtliche Abweichungen von der postulierten Dominanz der Mittelschichten im Faschismus. Die Literatur über den Faschismus ist, ungeachtet der in jeder ihrer Spielarten enthaltenen Wahrheiten, oftmals eine Literatur GEGEN ihn. Traditionen dieser Art gehen zurück bis in die Zeit des italienischen Antifaschismus und des Zweiten Weltkrieges.

Der Antifaschismus ist integraler Bestandteil einer Kreuzzugsideologie der politischen Linken und des 2. Weltkrieges. Genau diese Deutungen dominieren faktisch noch immer: Faschismus als Produkt der moralischen Krise der europäischen Gesellschaft im frühen 20. Jahrhundert, als Produkt einer verspäteten atypischen wirtschaftlichen Entwicklung und nationalen Einigung, und (marxistisch gesehen) als Produkt der Endphase des Kapitalismus oder extremes Produkt des Klassenkampfes. Das Endstadium des Kapitalismus wird übrigens von links wie rechts alle Jahre wieder einmal proklamiert; bislang hat er sich allerdings als erstaunlich resistent gegen diese Beschwörungen erwiesen. Der Faschismus ist eben nicht die Konsequenz des Kapitalismus, denn dieser zieht politisch stabile Demokratien vor – was jedem halbwegs gebildeten Menschen klar sein sollte und sich an der Entwicklung nach 1945 oder der „good governance“-Debatte in der Dritten Welt ablesen lässt. Faschismus ist, wie Thalheimer schon 1930 erkannte, nur eine Handlungsoption des Kapitalismus in einem bestimmten Stadium. Diese nutzte er in einigen Ländern, bei weitem nicht in allen, nach dem Schock der Oktoberrevolution und der totalen gesellschaftlichen Erschöpfung nach dem Weltkrieg. Allen marxistischen Faschismustheoretikern ist gemein, dass sie sich unter Hinwegignorierung historischer Fakten tendenziell dagegen sperren, dem Faschismus eine Handlungsautonomie gegenüber Kapitalgruppen und Gesellschaftseliten zuzubilligen. In punkto der moralischen Entartung sind sich alle Kritiker rundweg einig, von rechts über links bis liberal. Vergessen wird hierbei die Frage, WARUM diese Gesellschaft als so entartet aufgefasst wurde. Das würde wohl auch zu sehr am Selbstverständnis der antifaschistischen Kritikerströmungen jedweder Herkunft rütteln. Der Nationalsozialismus oder Faschismus als zwangsläufiges Produkt der deutschen oder italienischen nationalen Fehlentwicklung ist wohl zuviel der Ehre für Adolf Hitler und Benito Mussolini. Deutschland wird sich kaum seit Martin Luther auf den Holocaust vorbereitet oder Gabriele d´Annunzio den latenten Anarchismus der italienischen Volkseele manipuliert haben, diesen Blödsinn prangerte schon Golo Mann vor 50 Jahren an. Es wäre wahrlich zuviel Ehre gerade für Hitler, der ein Zufallsprodukt allseitigen Versagens, einer Verkettung von unglücklichen Umständen war. Die Theorie vom „deutschen Sonderweg“ oder vom unaufhaltsamen Dämon ist nichts als die Testamentsvollstreckung Adolf Hitlers und seiner Interpretation des Nationalsozialismus. Die Fixierung auf die Führer der Bewegung und die Selbstdarstellungen der Regimezeit wird der Vielschichtigkeit des Phänomens nicht gerecht und stellt eher den letzten Triumph faschistischer Propaganda als echte Auseinandersetzung dar.

Die Krise der alten Ideologien

Der Faschismus ist neben der Umweltbewegung die ideologische Hauptentwicklung des 20. Jahrhunderts. Eine Ideologie, die nicht weniger kohärent oder widerspruchsvoll ist als alle anderen großen Weltanschauungen wie Liberalismus, Sozialismus oder Konservatismus. Zu seiner Erklärung muss man ihn ernst nehmen, und das auch (aber keinesfalls nur) anhand seiner eigenen Äußerungen und Handlungen. Man sollte sich davor hüten, dem Faschismus aus moralischen Gründen jeglichen eigenständigen ideologischen Wert abzusprechen. Seine Verbindung von Staatspolitik und Ästhetik ging weiter als andere Regimes der damaligen Zeit, die Etablierung der Einparteienherrschaft ist ein revolutionärer Systemwandel. Der Faschismus ist somit ein politik- und kulturhistorisches Phänomen, eine politische und soziale Praxis. Er neigte einerseits zum Bündnis mit traditionellen Eliten, während er auf der anderen Seite gerade auf kulturell-philosophischem Gebiet eine Herausforderung derselben darstellte – das große Paradoxon des Faschismus. Er strebte nicht weniger als eine andersartige Lebensform an. Der Faschismus wollte die Ganzheitlichkeit des Menschen wiederherstellen. Hierher gehört auch der metaphysische Revolutionsbegriff der Konservativen Revolution, der Nationalrevolutionäre und des Nationalsozialismus. Angestrebt wurde quasi eine Umbiegung des bisherigen europäischen Entwicklungsideals.

Dieses stammt mit seinem Fortschrittsoptimismus aus Aufklärung und Französischer Revolution, die das Streben nach Menschenglück auf Kosten des Gleichgewichtes der Menschheitsseele (Ratio-Irratio, Macht und Moral) entfesselten. Die gestörte Menschheitsseele tobte sich in Materialismus, Rationalismus, Egoismus, Atomisierung und Habgier aus, ebenso in Kriegen von bislang unbekannter Brutalität. Wenn man so will, betrachtete auch der Faschismus seine Widersacher als moralisch entartet. Die Menschen der damaligen Zeit, denen ihre Herkunft aus nichtproletarischen Verhältnissen noch bewusst war, verlangten nach Idealen, nach Aufstiegsmöglichkeiten und nach materieller Absicherung. Die faschistische Bewegung fungierte als Heimat, als seelische Bleibe, sie bot Anerkennung und mit ihrem Aktivismus die Möglichkeit, „mitzumachen“. Diese ideologische Mixtur wurde dann ab 1920 angereichert durch die Elemente des Fiumanismo (Gabriele d´Annunzio). Der nüchternen Demokratie, die das politische Leben jeglichen Stils entkleidet hatte, setzte man eine neue, kulturrevolutionäre Ästhetik entgegen, die sich auch aus der künstlerischen Avantgarde des Futurismus speiste. Die Bewegung verlieh als Avantgarde den unklaren Hoffnungen der Massen Ausdruck, und das gilt auch für die bolschewistische Sowjetunion. Konservatismus, Sozialismus und Liberalismus waren bereits Ende des 19. Jahrhunderts voll ausformuliert. Friedrich Engels äußerte noch 1895 die Ansicht, die Verbreiterung der Wählerschaft durch die schrittweise Demokratisierung des Wahlrechts würde automatisch der Linken zugute kommen, d.h. diese würde die Mittelschichten in Stadt und Land erobern. Die sozialistischen Theoretiker konnten sich die Möglichkeit einer Diktatur gegen die Linke mit gesellschaftlicher Massenbasis schlichtweg nicht vorstellen. Das politische Leben wurde von Politkartellen bestimmt, von den miteinander in Parlamenten und Arbeitskämpfen kuhhandelnden Lagern links wie rechts. So betrachtet, erscheint der Faschismus als ein Mittel, dieses Verhältnis aufzubrechen. Linke Partei- und Gewerkschaftsfunktionäre sind in gewisser Hinsicht Bestandteil der Bourgeoisie. Mit der Lebenswirklichkeit der Massen hat ihr Dasein jedenfalls nichts mehr zu tun. Die revolutionäre Linke hatte versagt. Demokratie und Liberalismus waren durch Weltkrieg und Wirtschaftskrisen vollkommen diskreditiert. Alle drei Ideologien des 19. Jahrhunderts waren mit Ende des 1. Weltkrieges scheinbar gescheitert (den Sonderfall Russland einmal ausgenommen) – Zeit für eine neue, eine vierte weltanschauliche Strömung. Der Faschismus ist das Produkt der existenziellen Krise der drei großen alten Ideologien.

Schieder und Paxton: Das Phasenmodell

In Ideologie, Form und Herrschaftspraxis ist der Faschismus ein überaus flexibles Gebilde. Er zeichnet sich durch verschiedene Entwicklungsstufen aus, zwischen denen durchaus gewechselt werden konnte. So beispielsweise der italienische Faschismus, der ab 1943 in der Republik von Saló wieder starke Anleihen bei seiner Frühphase machte. Wolfgang Schieder nennt vier Phasen: Bewegung – Durchsetzung – Regime – Radikalisierung mit schrittweiser Entmachtung der Partner. Genau in dieser Phase 4 ging der Nationalsozialismus auch über den italienischen Faschismus hinaus. Robert O. Paxton arbeitet dagegen mit fünf Phasen. Zunächst einmal haben wir die Entstehungsphase aus einer Synthese von Nationalismus und Syndikalismus, im italienischen Falle unter Einbeziehung der künstlerischen Avantgarde. Es folgt die Verfestigungsphase mit Bildung einer politischen Bewegung. Schon jetzt setzen die schrittweise Zurückdrängung der antikapitalistischen und antibürgerlichen Elemente der Ursprungsideologie ein, es kommt zu Pakten mit der traditionellen Rechten. In Phase Nummer drei ergreift der Faschismus die Macht, und zwar ausnahmslos durch eine Allianz mit nationalkonservativen Gruppen. Da diese Allianz nicht überall erfolgreich war, war der Faschismus auch nicht überall siegreich. Ist er siegreich, entsteht ein – mal mehr, mal weniger stabiler – Herrschaftskompromiss. In den faschistischen Staaten liegt die eigentliche Macht nicht in den Händen des Kapitals oder der alten Eliten, sondern sie sind nur Teil eines Herrschaftskompromisses. Herrschen tut die Gewalt der staatlichen oder parteilichen Exekutive. Dieser Herrschaftskompromiss wird in Phase Nummer vier erschüttert, und zwar durch den Machtkampf zwischen den Säulen des „totalitären Pluralismus“ (Neumann). Die herrschende Gewalt der Exekutive verselbständig sich zusehends; sie marginalisiert die alten Aktivisten der Kampfzeit, aber sie setzt sich auch über die neuen Partner hinweg. Das Postulat einer einheitlich handelnden Kapitalistenklasse ist in diesem Zusammenhang übrigens analytischer Schwachsinn, sie zerfällt ebenfalls in mehrere Fraktionen. Der Faschismus war sehr wohl imstande, seine Partner (bei durchaus vorhandener politischer Interessengleichheit) zu mit Profiten ruhiggestellten Befehlsempfängern zu degradieren. Die letzte Phase ist diejenige der Radikalisierung, vor allem während des Zweiten Weltkrieges. In dieser Phase Nummer fünf tauchen auch rassentheoretische und antisemitische Elemente im italienischen Faschismus auf.

Krieg gegen die Gesellschaft

Eine Reduktion des Faschismus auf rein präventive Konterrevolution erscheint fragwürdig. Innerhalb der Bewegung gab es immer wieder heftige Auseinandersetzungen um den Kurs und das Programm. Der Faschismus trat eben nicht nur mit Gummiknüppel und Rhizinus an die Öffentlichkeit, sondern auch mit antibürgerlichen Forderungen. In gewisser Hinsicht trägt er ein janusköpfiges Gesicht, trägt zwei Seelen in einer Brust. Vielen Zeitgenossen erschien es, als gäbe es zwei oder mehrere Faschismen gleichzeitig. Mussolinis Justizminister Alfredo Rocco erläuterte die Zwiespältigkeit im Jahre 1926 öffentlich: Es bestanden Dualismen zwischen Autorität und Populismus, zwischen Anerkennung des Privateigentums und Syndikalismus, zwischen unternehmerischer Privatinitiative und Staatsinterventionismus. Der Futurist Volt (Vincenzo Fani) identifizierte sogar fünf Seelen, zu denen neben mehreren Spielarten des Nationalismus eben auch ein revolutionärer Republikanismus und der Syndikalismus gehörten. Es bestanden mehrere Faschismen innerhalb der Bewegung, die oftmals nur den Namen miteinander gemeinsam hatten. Die Janusköpfigkeit ist auch in faschistischer Presse greifbar: Schwanken zwischen eher konservativen Standpunkten gegenüber der Linken und Subversion gegenüber Kapital und Bürgertum. Diese Gegensätze innerhalb des Faschismus waren auch der frühen Komintern vor ihrer politischen Selbstkastration unter Stalin klar, was ihre einschlägige Resolution vom Juni 1922 belegt. Zeitgenössische italienische Beobachter erkannten schon um 1921, dass der Faschismus einen sozialen Mischcharakter besaß, eben keine reine Mittelschicht-Bewegung war.

Die sozial heterogene Zusammensetzung des Faschismus erlaubte es ihm, sich in Momenten der gesellschaftlich-ökonomischen Krise in alle Schichten hineinzufressen. Der faschistische Historiker Gioacchino Volpe definierte den Faschismus nicht ganz zu Unrecht als die erste italienische Volksrevolution, somit hinausgreifend über die revolutionäre Linke oder das von bürgerlichen Minderheiten getragene Risorgimento. Der Faschismus war kein Haufen pathologischer Verbrecher, sein Aufstieg wäre ohne charakterlich gesunde, anständige Aktivisten und Idealisten unmöglich gewesen. Es ist ebenso fragwürdig, die Anhänger des Faschismus, wie seit den 20er Jahren üblich, vor allem als durch sozialen Abstieg motiviert zu betrachten – viele handelten ebenso aus echter Überzeugung. Ihre bildungsbürgerliche Reduktion auf eine Barbarenhorde greift nicht, ebenso die Verteufelung der Faschisten als Hilfstruppe des Kapitals. Der Faschismus kann auch nicht, wie Antonio Gramsci schon 1926 sehr richtig erkannte, auf die Rolle eines reinen Kampforgans der Bourgeoisie reduziert werden. Stattdessen war er eine soziale Bewegung: Eine „soziale Bewegung ist ein mobilisierender kollektiver Akteur, der mit einer gewissen Kontinuität auf der Grundlage hoher symbolischer Integration und geringer Rollenspezifikation mittels variabler Organisations- und Aktionsformen das Ziel verfolgt, grundlegenderen sozialen Wandel herbeizuführen, zu verhindern oder rückgängig zu machen.“ (Joachim Raschke) Als eine organisationsdominierte soziale Bewegung gehört der Faschismus eher in die Nähe der Arbeiterbewegung als der Neuen Sozialen Bewegungen (auch wenn es keinen eindeutig dominierenden Organisationskern gibt).

Der Frühfaschismus kommt nicht zuletzt aus dem revolutionären Syndikalismus wie aus dem linken Sozialpatriotismus und argumentiert mit Anleihen bei Marxismus und Anarcho-Syndikalismus. Er schloss zwar keine Bevölkerungsgruppe von vornherein aus, etablierte sich als ausgesprochener late-comer aber in den durch die Industrielle Revolution entstandenen, zwischen organisierter Arbeiterbewegung und klassischer Bourgeoisie schwebenden Schichten. Hierbei versuchte der Faschismus, als Protestbewegung gesellschaftliche Missstände und Aggressionen in die Zerstörung der alten Ordnung umzuwandeln: Krieg gegen die bestehende Gesellschaft, Ziel die nationale Erneuerung. Italo Balbo: „Als ich aus dem Krieg heimkehrte, ging es mir wie vielen anderen. Ich hasste die Politik und die Politiker, die, meiner Ansicht nach, die Hoffnungen der Soldaten betrogen hatten, indem sie Italien in einen schändlichen Frieden gezwungen hatten, und die solche Italiener, die den Heldenkult beibehalten wollten, systematisch demütigten. Sollte man weiterkämpfen, um schließlich in das Land Giolittis zurückzukehren, der aus jedem Ideal eine Ware gemacht hatte? Nein. Dann doch besser alles verleugnen, alles zerstören, um alles von Grund auf neu aufzubauen.“ Curzio Malaparte: „Wir sind aus dem Krieg mit einem wilden Hass gegen unsere Feinde zurückgekehrt, nicht gegen den Feind, den wir vier Jahre hindurch bekämpft hatten, sondern gegen diejenigen auf unserer Seite, die uns hatten leiden machen, die uns auf tausend Arten gedemütigt hatten, ohne Notwendigkeit. Während des Krieges hatten wir nicht aus Schuld des Feindes gelitten. Der Feind, den wir bekämpften, war ehrlich, ritterlich, er litt mit uns, aus den gleichen Gründen wie wir. Alle Soldaten, aller Nationen, sind heimgekehrt mit dem Herzen voll Hass gegen diejenigen aus ihrer eigenen Nation, die sie hatten leiden machen, die sie auf tausend Arten gedemütigt hatten. (…) Wir lagen im Schützengraben, doch unser Feind lag nicht dort, uns gegenüber: er befand sich hinter uns, in unserem Rücken. Questa porca Italia, dieses fette, sadistische, bösartig grinsende Italien, das seine Soldaten als Knechte, als Sklaven, als feiges Pack behandelte. (…) Wir kehrten heim mit wildem Hass im Herzen gegen dieses elende, niederträchtige, rhetorische, königliche, aristokratische, bürokratische Italien, das Italien der Litzen, der Kutten, der Käppis, der Stiefel, der Kronen…“ Gabriele d´Annunzio: „Glaubt ihr, ich sei Sozialist? Ich bin immer derselbe geblieben…ich bin und bleibe Individualist…Der Sozialismus in Italien ist eine Absurdität. Bei uns gibt es nur einen politischen Weg, Zerstören. Was jetzt ist, ist Moder, ist der Tod, ist gegen das Leben. Man muss Beute machen. Eines Tages werde ich auf die Straße gehen.“ Benito Mussolini: „Mit seiner ungeheuren bürokratischen Maschine gibt einem der Staat das Gefühl des Erstickens. Der Staat war für das Einzelwesen erträglich, solange er sich damit begnügte, Soldat und Polizist zu sein; heute aber ist der Staat alles: Banker, Wucherer. Spielhöllenbesitzer, Schiffer, Kuppler, Versicherungsagent, Briefträger, Eisenbahner, Unternehmer, Lehrer, Professor, Tabakverkäufer und unzähliges andere mehr, außer seinen früheren Beschäftigungen als Polizist, Richter, Gefängniswärter und Steuereintreiber. Der Staat, dieser Moloch mit den schrecklichen Zügen, sieht heute alles, tut alles, kontrolliert alles und richtet alles zugrunde. Jede Staatsfunktion ist ein Unglück. Ein Unglück die Staatskunst, die Staatsschifffahrt, die staatliche Lebensmittelfürsorge – und die Litanei könnte bis ins Unendliche fortgehen…Wenn die Menschen nur eine blasse Ahnung von dem Abgrund hätten, auf den sie zugehen, so würde die Zahl der Selbstmorde wachsen: wir aber gehen der vollständigen Vernichtung der menschlichen Persönlichkeit entgegen. Der Staat ist jene furchtbare Maschine, die lebendige Menschen verschluckt und sie als tote Ziffern wieder ausspuckt. Das menschliche Leben hat keine Geheimnisse mehr, keine Intimität, weder im Materiellen noch im Geistigen; alle Ecken werden durchschnüffelt, alle Bewegungen gemessen, jeder ist in sein Fach eingesperrt und nummeriert wie im Zuchthaus.“ Roberto Farinacci: „Da liegt die Gefahr: bei den Freunden der letzten Zeit – der Presse wie den Menschen; bei den späteren Helden;…bei den falschen Freunden oder versteckten Feinden von gestern, die heute die wärmsten Freunde sind, und morgen die schlechten Berater sein werden. Notwendigerweise soll sich der Faschismus vor solcher – schlimmsten – Gefahr rechtzeitig in Acht nehmen. Diese Vorsorge…bildet die Grundlage, um seine ursprüngliche Stärke und seine Flexibilität zu erhalten und seine Märtyrer und seinen Erfolg nicht zu betrügen. Es ist notwendig, dass das wandlungsfähige Tier des alten duckmäuserischen Konservatismus zerstört wird; dass die alte Klientel kontrolliert…und hauptsächlich entfernt wird; es ist notwendig, dass niemand dank des Faschismus…seine alten sündigen Gewohnheiten weiter treibt. Der Sieg muss integral sein, indem er nicht nur zur Erneuerung der herrschenden Stände und deswegen zur kompletten Wiederaufwertung des Geistes der nationalen Stärke führe, sondern auch eine vollständige breite Erneuerungsbewegung der lebendigen Zentren des Nervensystems der Nation im moralischen Bereich beginne.“

Nationale Erneuerung

Der Gedanke des palingenetischen, die Nation erneuernden Nationalismus ist keine Erfindung des Faschismus. Sie geht direkt auf die Französische Revolution von 1789 zurück. Ebenso ein Kind von 1789 ist das Konzept einer säkular-ästhetischen Ersatzreligion. Nur ersetzte der Faschismus die modernen Gedanken des Rationalismus, Materialismus und Egalitarismus durch philosophischen Vitalismus, Idealismus und die Metaphysik des Willens, die alle selbst wiederum modern waren. Gefordert wurde die Überwindung gesellschaftlicher Dekadenz durch eine revolutionäre neue Kultur unter Führung neuer Eliten, die Schaffung einer diesseitigen Zivilreligion, eines Systems von Mythen. Vitalismus und Dynamismus provozierten eine Art permanenter Revolution. Die Ideale von 1789 waren um die Wende zum 20. Jahrhundert durch das Bürgertum schon längst in eine für es selber passende Form transferiert, und zwar gegen die breite Volksmasse. Der Faschismus hasste den bürgerlichen Liberalismus aus voller Überzeugung, den Materialismus und die bindungslose Beliebigkeit, seinen rücksichtslosen Individualismus. Ein konservatives Bedürfnis nach Ruhe, Ordnung und schmaler, stabiler Elite lief dem faschistischen Verständnis mit seiner permanenten Mobilisierung ebenfalls zuwider.

Umgekehrt war die Übertragung staatlicher Funktionen auf die Syndikate für den alten Rechtsnationalismus undenkbar. Von diesem unterschied der Faschismus sich auch hinsichtlich seines Charakters als Massenbewegung und seines kultur- und sozialrevolutionären Selbstverständnisses. Der sich auf Giuseppe Mazzini berufende Nationalismus der italienischen Nationalsyndikalisten und Frühfaschisten hat nichts mit dem völkischen Nationalismus der NSDAP zu tun. Mazzini vertrat einen progressiven Nationalismus. Er stand für ein Europa der Nationen, für Freiheit-Gleichheit-Brüderlichkeit, gegen Monarchie und Elitenherrschaft, für die Integration der Arbeiter usw. Es handelte sich um einen Nationalismus von unten, und zwar durch die Volksrevolution. Freiheit-Gleichheit-Brüderlichkeit wurden zu sozialen Zusicherungen und individuellen Verpflichtungen, sie alle haben dem Fortschritt des Ganzen zu dienen. Das Ganze ist hier die Menschheit, die Nation ist dabei nur Mittel zum Zweck. Der Mazzinismus trifft sich also mit der italienischen Spielart des National-Syndikalismus. Der Italiener galt Mazzini als überlegener Menschentypus: Gott segnete den Germanen mit dem Geist und den Franzosen mit der Tat. Der Italiener hingegen vereint beides in sich und ist berufen, einst die Menschheit zu erlösen. Gerade der Mazzinismus ist der kleinste gemeinsame Nenner, auf dessen Basis sich die diversen Strömungen innerhalb der frühfaschistischen Bewegung treffen sollten. Ab ca. 1920 machten sich noch aus der Azione Nazionalista Italiana (ANI) stammende Einflüsse bemerkbar, die stark an den rechten Flügel der Konservativen Revolution in Deutschland erinnern (Moeller van den Bruck, Wilhelm Stapel, Max Hildebert Boehm). In seinem Nationalismus stand demnach aber selbst der rechte Flügel des italienischen Faschismus nur so weit rechts wie der linke Flügel der NSDAP (siehe oben).

Vom revolutionären zum nationalen Syndikalismus

Der Faschismus ist nicht vorstellbar ohne weltanschauliche Veränderungen in den Reihen der revolutionären Syndikalisten Frankreichs und vor allem Italiens. Nachdem das Proletariat schon vor dem Ersten Weltkrieg als revolutionäres Subjekt versagt hatte und die sozialdemokratischen Parteien sich dem bürgerlich-kapitalistischen System trotz allen Revolutionsbombasts angepasst hatten, kam es auf der radikalen Linken zu Umorientierungen. Arturo Labriola entwickelte schon vor dem Ersten Weltkrieg das Konzept der proletarischen Nation Italien. Die Italiener wurden demnach als Nationalität im Rahmen der internationalen Arbeitsteilung ausgebeutet. Revolutionäre Veränderungen mussten sich daher auf die Gesamtgesellschaft beziehen und nicht auf eine Klasse. Daraus resultierte bald die Ansicht, man müsse die vollständige Entwicklung des Kapitalismus vorantreiben, denn ohne diesen gab es keinen erfolgreichen revolutionären Kollektivismus. Angesichts der zahlenmäßigen und politischen Schwäche des Industrieproletariats musste die revolutionäre Bewegung sich zwangsläufig auch auf andere Gesellschaftsschichten stützen: Bauern, Landarbeiter und produktive Mittelklasse. Inklusive der Kleinbauern gehörten im frühen 20. Jahrhundert 53 % der wirtschaftlich aktiven Bevölkerung den alten und neuen Mittelklassen an, die sich rapide vergrößerten. Hier lag die latent stärkste politische Kraft Italiens, das Industrieproletariat stellte gerade um die 20 % und war zu zwei Dritteln politisch unorganisiert und indifferent. Eine „wissenschaftlich-sozialistische Perspektive“, die unter „Arbeiterklasse“ nur die klassenbewussten, organisierten Proletarier versteht, hat demographisch und soziologisch eine absolute Schieflage und ist für die Analyse gänzlich ungeeignet. Diese Mittelklassen, die wie gesagt von proletaroiden Kleinselbständigen auf dem Land bis hin zu modernen Agrar- und Mittelunternehmern reichten, sahen sich, wie Luigi Salvatorelli schon 1923 ganz richtig erkannte, zwischen dem organisierten Großkapital und der organisierten Arbeiterklasse eingezwängt und bedrängt – als ihr klassenmäßiger Ausweg sollte sich einst der Faschismus erweisen.

Das Kleinbürgertum hatte den Kriegseintritt begrüßt, aber auch nach Kriegsende blieb es eingekeilt. Die alten Eliten und die Sozialisten kungelten miteinander, bildeten neue Entscheidungskartelle. Ebenso wie das Großkapital ging die Arbeiterbewegung gestärkt aus dem Krieg hervor, während die Welt des Kleinbürgertums in Trümmer ging. So konnte der Faschismus zum Klassenkampf der alten und neuen Mittelschichten werden. Karl Radek definierte den Faschismus 1923 als „Sozialismus des Kleinbürgertums“. Beobachter wie Don Sturzo erklärten noch 1926, der Faschismus sei eine Verkleidung des Sozialismus unter nationalem Deckmantel, angefeuert vom Kriegserlebnis. Selbst Palmiro Togliatti registrierte diese unterschiedlichen Tendenzen: Der Faschismus war klar antiproletarisch, aber keinesfalls nach Diktatur des Finanzkapitals strebend. Togliatti sprach sich übrigens 1935 vehement gegen die Dimitroffschen Schematisierungen aus. Labriolas Endziel war ein pluralistisches, syndikalistisches System als Weg zum Sozialismus. Hauptfeind war in dieser Lesart nicht mehr die Bourgeoisie. Italien wurde nicht durch die Bourgeoisie regiert, sondern durch eine dekadent-ausbeuterische Oligarchie aus Adel, Klerus und Großkapital. Diese Betrachtungsweise weist übrigens gewisse Ähnlichkeiten zu dem Anarchisten Errico Malatesta auf, der eine starr-schematische Klassenperspektive ebenfalls ablehnte. Vonnöten war nach Meinung der italienischen Syndikalisten eine vorbereitende Revolution, um das politische und wirtschaftliche System fortschrittlicheren Kräften zu öffnen.

Als Kampfmittel dienten die schöpferische Gewalttätigkeit Sorels, die direkte Aktion und heroisch-revolutionäre Taten. Gewaltanwendung bis hin zum Mord war im späteren Faschismus als Mittel der nationalen Reinigung und Erneuerung positiv besetzt. Labriolas Genossen Sergio Panunzio, Angelo Olivetti und Edmondo Rossoni entwickelten den integralen Syndikalismus aller Produzierenden und sollten sehr bald eine gewichtige Rolle im Faschismus spielen. Die gesamte Arbeiterbewegung sollte sich in den Dienst der höheren Ziele der Nation stellen, Etatismus und Syndikalismus fusionierten also im Faschismus. Im „Manifesto dei sindacalisti”, dem Programm des revolutionären Syndikalismus von 1921, hieß es: „Der Syndikalismus erkennt das Faktum und die Existenz der Nation als geschichtliche Realität an, die er nicht zu negieren, sondern zu integrieren beabsichtigt. Mehr noch: die Nation selbst wird verstanden als das größte Syndikat, als die freie Assoziation aller Produktivkräfte in einem Land, dessen Grenzen und dessen Einheit von der Natur, der Geschichte, der Sprache und dem tiefen und unbesiegbaren Geist des Stammes vorgegeben sind. Das nationale Faktum ist immanent, fundamental und höchstrangig, es ist das Maximalinteresse für alle Produzenten. Fremd sind der Nation nur die Parasiten, die unproduktiven Elemente.“ Der syndikalistische Internationalismus der Italiener sah eben so aus, dass es sich um die Freie Vereinbarung der Nationen handelte. Die Gleichung des Kampfes zwischen proletarischen und bourgeoisen Nationen hat im Grunde genommen immer noch Gültigkeit, nicht zuletzt für die Befreiungsbewegungen der Dritten Welt. Labriolas Konzept der proletarischen Nation wurde auch durch Mussolini verfochten, über seine Person fand es dann Einzug in die Schriften Lenins und teilweise auch des Nationalsozialismus.

Advertisements
Post a comment or leave a trackback: Trackback URL.

Kommentare

  • Schwab  On 5. Dezember 2014 at 14:02

    „Ernst Niekischs Widerstands-Ideologie zum Beispiel kann man wissenschaftlich gesehen wohl als eine besonders bösartige und aggressive Version des Nationalsozialismus definieren, … “

    Weite Übereinstimmung mit dem Autoren. Aber worin Ernst Niekischs Theorie und Praxis „besonders bösartig“ gewesen sein soll, bösartiger als Hitler !!! ???
    Daß Niekisch dem Wortsinne nach „Nationalsozialist“ gewesen war, wenn man einfach nur die Worte „National“ und „Sozialistisch“ nimmt, ist richtig. Allerdings nicht gleichzusetzen mit dem Hitlerschen NS. Sicherlich war Niekisch nach heutiger PC „Antisemit“ und „Rassist“, Belege dafür gibt es, aber nicht in der Ausprägung von Hitler, Himmler, Streicher usw. usf. In Sachen außenpolitischer Orientierung vertrat nun Niekisch eine Gegenposition zu Hitler usw.: Mit Rußland gegen den Westen. Niekisch war zweifellos Nationalist, warf Hitler in einer Schrift vor, die nationale Sache gegen Versailles zu verraten, was aber ab 1933 ff. von Hitler widerlegt wurde.

  • Schwab  On 5. Dezember 2014 at 14:25

    „Der Faschismus (wie der Nationalsozialismus) hatte nicht nur eine Stoßrichtung gegen die Arbeiterbewegung, sondern ebenso gegen die bürgerliche Gesellschaft. Gerade die zum Teil aus den italienischen Arditi-Sturmtruppen und d´Annunzios Fiume-Legionären hervorgegangenen Squadras hatten einen durchaus anarchischen Zug an sich.“

    Aus meiner Sicht größtenteils richtig. Die bürgerliche Welt wollte Faschismus und NS überwinden, wobei aber nicht das bürgerliche Eigentum zu überwinden war, dieses war allenfalls dem Primat der Politik zu unterstellen. Zu überwinden war der bürgerliche Rechtsstaat, wobei die Partei bzw. der Führer/Duce das Recht festlegte. Daß man aber von unten her den Staat erfolgreich verklagen konnte, war dann nur noch illusorisch.

    Nebenbei: Recht ist das sowieso. Auch „Unrecht“ ist Recht. Nach Hegel verkörpert der Staat das Recht. So viel zur derzeit laufenden unsinnigen Debatte über die DDR als „Unrechtsstaat“.

  • Schwab  On 5. Dezember 2014 at 14:27

    Die bürgerliche Welt wollte Faschismus und NS überwinden,

    Muß heißen:

    Faschismus und NS wollten die bürgerliche Welt überwinden

  • Schwab  On 5. Dezember 2014 at 15:22

    „Man sollte gerade der „Erinnerungsliteratur” der Beteiligten (Paetel, Jünger, Niekisch, Strasser und wie sie nicht alle heißen) mit gebotener Skepsis gegenübertreten. Die damaligen Protagonisten versuchen nämlich ziemlich angestrengt, sich die braunen oder schwarzen Flecken von der NR-Weste zu waschen.“

    Guter Gedanke, volle Übereinstimmung.

  • Schwab  On 5. Dezember 2014 at 15:45

    „Gerade die zum Teil aus den italienischen Arditi-Sturmtruppen und d´Annunzios Fiume-Legionären hervorgegangenen Squadras hatten einen durchaus anarchischen Zug an sich.
    Der Frühfaschismus ging die bürgerliche Gesellschaft mit vergleichbarer Radikalität wie einige deutsche Nationalrevolutionäre an.“

    Auch ein guter Gedanke. Der Faschist lehnt schon von seinem Verhalten her, vor allem habituell die bürgerliche Gesellschaft ab. Das Marschieren auf der Straße unterstreicht dies. Männlichkeit, Kriegerideal, das Soldatische und Gewaltverherrlichung sind typisch faschistoid (deshalb kann man auch Faschisten wie Sven Skoda nur mit Gewalt beeindrucken!). Deshalb hatte ich vor ein paar Wochen in einem Strang hier geschrieben, daß auf Deutschlands Straßen wieder die SA da ist! Nämlich die HoGe S A ! Und zwar ziemlich anarchisch ohne Parteiführung und Konzept.

  • sozrev  On 5. Dezember 2014 at 18:18

    Der Verfasser meinte wohl das die Widerstandsideologie gewissermaßen „rechts“ von Teilen der NS-Linken stand, da Niekisch Barbarismus gegen Zivilisation setzte und in seiner Widerstandserklärung einige Punkte enthalten sind die sicherlich etwas reaktionär wirken – etwa die übermäßige Kritik an der Stadt, dem Urbanen, als Ausdruck der „Moderne“. Soweit ich mich an eine Diskussion mit dem Verfasser erinnern kann, waren dies seine Kritikpunkte an Niekisch.

  • sozrev  On 6. Dezember 2014 at 07:10

    Schwab:

    Wenn von Seiten „Nationaler Sozialisten“ oder der NPD die DDR ständig als „Unrechtsstaat“ bezeichnet wird, so schwingt da eine gehörige Portion Heuchelei mit. Im Vergleich zum 3. Reich – auf welches sich sogenannte „Nationale Sozialisten“ und Teile der NPD beziehen – war die DDR nun sicherlich kein „Unrechtsstaat“. Wer aber nun der Meinung ist die DDR sei ein Unrechtsstaat gewesen, der müsste doch dann bitte schön auch sagen das bei gleicher „Logik“ auch Syrien, Libyen unter Gaddafi und selbst Russland (Verfolgung oppositioneller Kräfte) als „Unrechtsstaaten“ zu bezeichnen wären. Nach westlich-liberaler und auch antikommunistischer NW-Logik (falls hier eine solche vorauszusetzen wäre) müsste man nämlich so gut wie alle Staaten die nicht zur WWG gehören als „Unrechtsstaaten“ bezeichnen, weil sie autoritär bis „diktatorisch“ regiert werden und dort die jeweilige Opposition unterdrücken, einknasten. Hinter dieser rechten Pseudomoral („Unrechtsstaat“) steckt Heuchelei und Selbsttäuschung.

  • Schwab  On 6. Dezember 2014 at 12:39

    @Sozrev

    Sehr richtig. Nach Hegel i s t der Staat das Recht.

    Siehe:
    http://www.amazon.de/Werke-B%C3%A4nden-Registerband-Band-Staatswissenschaft/dp/3518282077/ref=sr_1_1?s=books&ie=UTF8&qid=1417869441&sr=1-1&keywords=Grundlinien+der+Philosophie+des+Rechts+%28Hegel%29

    Aus subjektiver Sicht kann Franz Frank sagen – worin ich mit ihm übereinstimme -, daß es „Unrecht“ sei, die NPD verbieten zu wollen. Das ist aber, wie gesagt subjektiv. Objektiv ist der Staat, für den sich die BRD hält, das Recht der Deutschen heute.
    Wir beide haben übrigens in der schrecklichen BRD mehr Lebensqualität als wenn hierzulande Nazi-Faschisten an der Macht wären. Dann müßte man wie Otto Strasser in der Tschechei einen Störsender bzw. eine SdV-Internetseite betreiben, oder man würde wie Gregor Strasser von SS-Männern totgeschlagen, oder man müßte hoffen, sich wie Niekisch von der russischen Armee (Putins?) aus dem Zuchthaus befreien zu lassen. Deshalb, nie wieder (Nazi-) Faschismus! Auch nicht in der Ukraine …

    Deine Interpretation der Position des Autors mag zutreffend sein, aber dann ist die Wortwahl irrreführend, dann soll er schreiben, daß Niekisch in manchen Positionen (Beispiele! Frauen usw.) reaktionärer war als die Gebrüder Strasser. Aber warum soll Niekisch „bösartiger“ gewesen sein als Hitler???

  • sozrev  On 6. Dezember 2014 at 13:55

    Tatsächlich war die NR-Ideologie ja damals auf einen Befreiungskrieg aus – gegen Frankreich, Großbritannien und Polen. Das war im Grunde das Programm von Niekisch, Paetel und den Scheringer-Leuten, während Hitler für einen Burgfrieden oder gar ein Bündnis mit den Siegermächten von Versailles eintrat. Deshalb hat ja u.a. Scheringer der NSDAP „Pazifismus“ vorgeworfen. Wenn man es also pazifistisch deuten möchte dann waren die Nationalrevolutionäre und die KPD was die Stellung zum Westen anbelangt kriegerischer als die NSDAP und die DNVP. Die Haltung der NR und der KPD war aber zumindest aus meiner Sicht berechtigt – aus der nationalen Not heraus wäre also auch ein Waffengang gegen Frankreich, die Engländer und Polen nicht ausgeschlossen gewesen. Ich vermute einmal das Roland Lorent auch darauf anspielte. Insofern ist der Hinweis das die NR-Ideologie „aggressiv“ war berechtigt – was aber aus meiner Sicht kein Negativpunkt der damaligen Nationalrevolutionäre war.

    Bösartig war dies aus nationalistischer deutscher Sicht nicht. Da kommt es eben darauf an ob man aus einer eher pazifistischen Perspektive argumentiert (NWSN, Teile des Fahnenträger) oder eben nicht (historische NR, SdV).

  • Schwab  On 6. Dezember 2014 at 14:19

    „Nicht umsonst brauchte der zwischen den Parteifraktionen lavierende Mussolini Jahre, um das national-syndikalistische Hooligan-Element der Bewegung mit Hilfe der orthodoxen Nationalisten und bürgerlicher Opportunisten auszuschalten und seinen kollaborationistischen Regierungsfaschismus zu etablieren.“

    Sehr gut! Also auch damals gab es schon Hooligans in den faschistischen Bewegungen, auch wenn sie sich damals nicht so nannten. Nur noch mal zur Erinnerung, hier spricht der „Neue Ernst Röhm“ zu uns:

    Er wird aufpassen müssen, daß er sich nicht von dem SS-Mann Stürzenberger vereinnahmen oder beseitigen läßt.

  • Schwab  On 6. Dezember 2014 at 16:06

    „Der Nationalsozialismus hingegen in seinem tragischen Optimismus ist als typischer Rechtsradikalismus stark auf die Werte der Vergangenheit orientiert. Ein gewichtiger Unterschied zwischen beiden Ideologien waren nach Zeev Sternhell Rassenlehre und Antisemitismus.“

    Der ital. Faschismus sei moderner als der dt. Hitler-NS gewesen!? Sehe ich nicht so. Der dt. Rassismus, den Lorent zurecht als Unterschied herausstellt, ist sehr modern! Genetik, Eugenische Lösungen usw. usf. waren und sind sehr modern. Aus der Sicht von Gutmenschen freilich nicht. Aber objektiv schon.

    Daß Hitler weniger Deutschland modernisierte als Mussolini in der längeren Zeit, die er an der Macht war, Italien – halte ich für falsch. Das völkische Gedöns war mehr Theorie als Wirklichkeit. Mutterkreuze waren genauso realististsch wie die erste kinderlose dt. Karrierefrau Leni Riefenstahl.

    Lorent bezieht sich in dem Punkt zu sehr auf den Linkszionisten Sternhell, für den die Judenvernichtung – subjektiv und völkisch logisch – der Dreh- und Angelpunkt der Differenz gewesen sei. Ich bin hier Ernst Nolte-Anhänger: Das Gemeinsame ist viel größer als die Unterschiede, weshalb Hitler mit seinem System unter das Dach des „Faschismus“ gehört.

    Faschismen sind …

    A: Parteien, Bewegungen und Führer;

    B: Systeme bzw. Real-Politiker in der Regierung, auch als Diktatoren;

    C: Ideologien und Programme.

    Aber es war der Anti-Kommunismus, der Mussolini wie Hitler an die Macht brachte. Mussolini war – nach Nolte – „Normalfaschist“, Hitler hingegen „Radikalfaschist“, weil er die für das europäische Bürgertum bolschewistische Bedrohung auf die Gefahr des „jüdischen Bolschewismus“ zuspitzte (hoher Anteil an jüd. Kommunisten und Funktionären). Das völkische Prinzip führte nach diese Hitlerschen Variante und „Logik“ dazu, die Juden insgesamt aus Europa und Rußland vertreiben zu müssen – teilweise territorial, teilweise biologisch, also eine Kombination aus Vertreibung und Massentötung.

    Indem man aber an den Anfang das Judenthema stellt, macht man sich die falsche Methode des Zionisten Sternhell zueigen – typisch philosemitsch …

    Übrigens die dt. Neonazis argumentieren ähnlich, die sagen auch, daß aufgrund der Rassenlehre und des nordischeren Menschenmaterials der dt. NS etwas völlig anderes und besseres sei als der it. Faschismus.

    Weiterer Unterscheid, aber nur teilweise:
    In der T h e or i e war der it. Faschismus etatistisch, der dt. NS hingegen völkisch und rassentheoretisch. In der staatlichen W i r k l i c h k e i t hingegen waren beide Regime sehr etatistisch, der Staat lenkte die Wirtschaft, die Verwaltung usw. usf. Kein wirklicher Unterschied. Auch der italienische Korporatismus war nicht so verschieden zum dt. Treuhändersystem. Ergebnis in beiden Systemen: die Arbeitermassen sollten nicht die Mehrheit über die Kapitalisten haben, Arbeiter durften sich nicht eigenständig in Gewerkschaften organisieren.
    .

  • sozrev  On 6. Dezember 2014 at 20:02

    Schwab:

    Der NS wird von seinen heutigen Anhängern in der BRD zumeist als so etwas wie ein völkischer Nationalkonservatismus interpretiert. Aus nationalliberaler Sicht hat Zitelmann Hitler als Modernisierer und Sozialreformer gedeutet.

    http://www.amazon.de/Hitler-Selbstverst%C3%A4ndnis-Revolution%C3%A4rs-Rainer-Zitelmann/dp/3776620544

    Aus der Sicht eines Sozialrevolutionären oder Nationalisten war Hitler nun anders als für den Nationalliberalen Zitelmann kein „Revolutionär“. Allerdings hat Hitler Deutschland damals „modernisiert“. Was nun niemand im NS-Spektrum anspricht ist die Tatsache das in der Gesellschaftspolitik des 3. Reiches gewisse Vorläuferstufen zu den 68er und ihrer sexuellen Befreiung zu sehen sind. Darauf hat unter anderem Götz Aly in „Unser Kampf 1968“ hingewiesen. Im damaligen NS-Studentenbund gab es sogar so etwas wie einen Vorläufer der „Kommune“.

    Zum Faschismus allgemein: Im Grunde ist es doch wie beim Marxismus. Dort streiten sich auch Stalinisten, Trotzkisten, Maoisten, Linkskommunisten und zahlreiche andere Strömungen um die richtige Auslegung des Kommunismus. Ein Trotzkist würde nun behaupten der Realsozialismus hätte nichts mit dem Marxismus zu tun und ein Stalinist würde nun behaupten der Trotzkismus sei antikommunistisches Abweichlertum- Antisozialismus. Nun kann man sich auch beim Thema Faschismus streiten: Was der „wahre“ Faschismus sei. Der bürgerliche Regierungsfaschismus, der sozialistische Frühfaschismus, der Nationalsyndikalismus, usw. Ich persönlich würde da unterscheiden zwischen

    1. Frühfaschismus nach Sorel

    2. Bürgerlicher Regierungsfaschismus – der sich mit dem italienischen und spanischen Großkapital verbunden hat

    3. Nationalsyndikalismus der zahleiche sozialrevolutionäre Ansätze enthielt

    4. Eine Mischform aus reaktionären und sozialrevolutionären Ansätzen – wie bei Mussolinis Republik von Salo (1943)

    PS: Niekisch hatte es eher mit Mussolini:

    Ernst Niekisch gegenüber Benito Mussolini, 1935:

    „Hitler gebe sich dem Irrtum hin, von den westlichen Mächten die Befugnis zu bekommen, Rußland zu zerstören und als seine Beute einzustreichen. … Die antirussische Linie Hitlers werde damit enden, daß sich Deutschland in einen Zweifrontenkrieg stürze, indem es zugrunde gehen müsse.“

    Mussolini entgegnet:

    „Dies ist es, was ich Hitler auch immer sage! Wenn Hitler durch seine törichte Politik Rußland in die Arme Frankreichs und Englands treibt, dann wird Deutschland, wird Italien, wird ganz Europa zugrunde gerichtet werden.“

    Aus: Ernst Niekisch, Gewagtes Leben – Begegnungen und Begebnisse, Kiepenheuer & Witsch 1958, Seite 263/264

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: