Der Faschismus zwischen Revolution und Reaktion (2)

Teil 2: Die Geburt der faschistischen Bewegung

Von Roland Lorent

1914 – Der revolutionäre Krieg

Bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges verabschiedete die syndikalistische Gewerkschaft Unione Sindicale Italiana eine Resolution gegen den Krieg. Unter Führung von Alceste De Ambris protestierten die Syndikate Mailands gegen den Pazifismus ihrer Mutterorganisation und forderten den Kriegseintritt gegen die Mittelmächte. Im Oktober 1914 entstand der interventionistische Bund „Fascio Rivoluzionario d`Azione Internazionalista“ (FRAI) – die Keimzelle des Begriffes „Faschismus“. Interessanterweise ist der Begriff „Fascio“ (in etwa Bund) nicht etwa rechter Herkunft, sondern entstammt der revolutionären Tradition der romanischen Linken. Die Fasces, das Rutenbündel, wurde im 19. Jahrhundert von Marianne, der französisch-revolutionären Symbolfigur, getragen, und zwar als Zeichen der republikanischen Solidarität gegen Aristokratie und Klerus. In Fasci organisierten sich auch die italienischen Revolutionäre des späten 19. Jahrhunderts. Dem Fascio erschien der Krieg als Weg zur Revolutionierung Italiens. Er sollte die bürgerlich-demokratische Entwicklung vollenden und Italien so reif für die proletarische Revolution machen. Zudem sahen die Linksinterventionisten den Kampf der demokratischen Entente gegen die durch die Mittelmächte geradezu verkörperte Reaktion als einen fortschrittlichen Krieg im Sinne von Marx und Engels an.

Weder Marx noch Engels waren Pazifisten, sondern befürworteten fortschrittliche Kriege gegen reaktionäre Gegner. So traten sie 1870 für Bismarck gegen Napoleon III. ein, da dieser fortschrittliche Krieg die nationale Einheit Deutschlands vorantrieb. 1871 aber solidarisierten sie sich mit der Pariser Kommune und der revolutionären Republik in Frankreich gegen Deutschland. Dieser „progressive Krieg“ findet sich auch bei den französischen Sozialisten; den deutschen Genossen war eine militante Feindschaft zum noch reaktionäreren zaristischen Russland ebenfalls nicht fremd. Der italienische Linksinterventionismus (einen nationalistischen Rechtsinterventionismus gab es selbstredend auch) speiste sich also vorwiegend aus dem wissenschaftlichen Marxismus und nicht etwa aus nationalistischen Gewässern, auch wenn das Risorgimento, die Befreiung der unter habsburgischem Joch lebenden Italiener, eine gewisse Rolle spielte. Sehr deutlich wird das alles bei Benito Mussolini, bislang Wortführer des radikalen Flügels der Sozialisten und Chefredakteur des Parteiorgans „Avanti“. Mussolini war zwar kein erklärter Syndikalist, aber er stand ihrem Gedankengut sehr nahe. Noch in den Junikämpfen von 1914 („Rote Woche“) trat er als prononcierter revolutionärer Agitator hervor, die blutigen Unruhen waren nicht unerheblich auf ihn zurückzuführen. In genau diesen Junikämpfen erkannte Mussolini aber auch, dass die revolutionäre Kraft des Proletariats nicht ausreichte. In diese, wenn man so will, vorrevolutionäre Situation Italiens platzte der Kriegsausbruch hinein. Wie die USI, so bezog auch die PSI-Mehrheit Stellung gegen den Krieg, und zwar in einer Deutlichkeit, die in der Sozialistischen Internationale beinahe einzigartig war.

Vor allem die französischen Sozialisten umwarben ihre italienischen Genossen und erklärten, der von ihnen propagierte Generalstreik gegen einen etwaigen Kriegseintritt Italiens sei revolutionärer Kretinismus. Zu dieser Ansicht gelangte auch Benito Mussolini und stellte sich zur Überraschung der Partei gegen ihren pazifistischen Kurs. Der Geist des Sozialismus sei wertvoller als der Buchstabe der Partei, und der Kriegseintritt werde die Lage in Italien noch weiter verschärfen und es revolutionieren. Italien und die italienische Arbeiterklasse dürften in diesem historischen Augenblick nicht abseits stehen. Die Internationale habe die Frage der Nation ignoriert, nun sei sie tot. Mussolini wollte sich nicht vom Sozialismus und vom Internationalismus lossagen und hoffte, irgendwann werde die Internationale neu erstehen. Dennoch: Millionen von Proletariern standen in den Schützengräben, und vor allem die SPD hatte die Internationale verraten. Der Klassenkampf sollte für die Kriegsdauer gestoppt und danach wieder aufgenommen werden. Mussolini erklärte, der Krieg sei furchtbar – aber eine Revolution sei ebenso brutal. Die Antwort bestand im Parteiausschluss, der am 29. November 1914 vom PSI-Vorstand bestätigt wurde. Die Kritiker des Parteirebellen hielten ihm einen vereinfachenden Voluntarismus, einen rein ästhetisch-dynamischen Revolutionsbegriff und Aktionismus als Selbstzweck vor.

Als Sprachrohr Mussolinis erschien ab dem 15. November 1914 die Zeitung „Popolo d`Italia“. Der „Popolo“ wurde von seinem Begründer als sozialistisches Organ aufgefasst; sein Untertitel „Sozialistische Tageszeitung“ verschwand erst 1918. Als Patrone wurden Blanqui, der Theoretiker des Putschismus, und der revolutionäre Kaiser Napoleon Bonaparte gewählt. In der Propaganda entwickelte sich ein ausgesprochener Revolutions- und Gewaltkult, der sich auch gegen das Bürgertum richtete. Offen wurde die Vernichtung aller gefordert, die sich gegen die nationalen wie internationalen Interessen des italienischen Proletariats stellten. Vorbild Pariser Kommune: Bewaffneter Kampf gegen die militaristische Reaktion. Krieg und Revolution galten als Einheit. Der Krieg revolutionierte die eigene Gesellschaftsordnung und diejenige anderer Länder, die Bajonette sollten die alte Zeit hinwegfegen und das eingeschläferte Bewusstsein der Massen wecken. Die industrielle Konzentration des „Kriegssozialismus“ konnte als Vorstufe zum eigentlichen Sozialismus fungieren. Am 12. Dezember 1914 erlebte Mailand die erste

Solidaritätsveranstaltung für den aus dem PSI ausgeschlossenen Mussolini. Das Publikum bestand aus Hunderten von Republikanern, Gewerkschaftern, Anarchisten, Syndikalisten und Linksinterventionisten. Gemeinsam wollte man einen neuen Bund gründen, keine neue Partei. Am Folgetag verkündete Mussolini in Parma, die Politik der SPD habe die Internationale vernichtet. Der Verrat der Deutschen zwinge alle anderen Sozialisten, sich auf ihre Nation und deren Verteidigung zu besinnen. Das Proletariat hatte sich zwischen den Lagern zu entscheiden, also für den Kampf gegen die reaktionären Mittelmächte. Für die Neutralität seien in Italien nur die Konservativen: Pazifisten, Altlinke, das schwächliche Bürgertum, der Klerus. Das Beispiel der vom deutsch-österreichischen Imperialismus vergewaltigten Kleinstaaten Belgien und Serbien spielte ebenso eine Rolle. Der nationale Krieg Italiens sollte auch aus sozialen Gründen geführt werden: Solidarität mit dem Frankreich der Menschenrechte und der Revolution. Deutschland wiederum könnte durch seine Niederlage republikanisch-sozialistisch erneuert werden, Deutschlands Niederlage sollte Europa den roten Frühling bringen. Ganz richtig folgerte Mussolini, wer um seine Haut zittere, werde nicht in den Schützengraben steigen. Am Tag der Revolution werde man ihn aber auch nicht auf den Barrikaden sehen. Sehr bald sah die „Popolo“-Gruppe sich in der Tradition der Jakobiner: revolutionärer Krieg gegen den reaktionären Feind. Zugleich sollte der Kampf auch gegen den inneren Feind geführt werden, und zwar mit allen Mitteln. Der Weltkrieg galt als Bürgerkrieg zwischen Fortschritt und Reaktion. Aus dem FRAI gingen durch Schulterschluss zwischen Mussolinis PSI-Renegatengruppe und den syndikalistischen Interventionisten Anfang Januar 1915 die „Fasci d`Azione Rivoluzionaria“ hervor.

Die ebenfalls vehement den Kriegseintritt fordernden Futuristen gründeten mit den Fasci Politici Futuristi ihre eigenen Bünde. Im Gründungsmanifest der FAR hieß es: „Der Klassenkampf ist eine leere Phrase, kraftlos und fruchtlos, solange ein Volk nicht in seinen eigenen, natürlichen Sprach- und Rassengrenzen lebt und die Nationalitätenfrage nicht gelöst ist (…); dies ist die notwendige historische Voraussetzung für die normale Entwicklung der Klassenbewegung, des Fortschrittes und des Sieges der Ideen des Arbeiterinternationalismus.“ Zugleich tauchten allerdings auch Großmachtambitionen für Italien auf. Im PSI mehrten sich Ausschlüsse von Interventionisten, so dass die FAR rasch Zulauf bekamen. An der ersten nationalen Versammlung der Fasci in Mailand nahmen 46 Delegationen aus ganz Italien teil. Mussolini erklärte Karl Marx für veraltet, und empfahl die Hinwendung zu Mazzini, Proudhon, Bakunin oder Fourier. Der Krieg sollte vorangetrieben werden. Solange das Bürgertum am Ruder war, hatte der italienische Proletarier kein Vaterland. Das Proletariat sollte zum Krieg drängen und die Massen mobilisieren und bewaffnen, um das Bürgertum von der Bühne zu verdrängen. Gefordert wurde der nationale Befreiungskrieg gegen Berlin und Wien, aber auch gegen die italienische Reaktion von linken Pazifisten bis hin zum Vatikan. Die italienische Monarchie sollte beseitigt werden, sie war wie das Bürgertum unfähig, diesen Krieg zu führen und zu gewinnen. Ein Vorbild für die späteren militanten Massenaktionen des Faschismus war der Mai 1915: Im „maggio radioso“ rissen die rechten wie linken Interventionisten die öffentliche Sphäre durch Massenaufmärsche an sich und zwangen – jedenfalls ihrer Sichtweise nach – das italienische Parlament und die kriegsunwillige Oligarchie in den Weltenbrand hinein. Für die Fasci war der Mai 1915 der Beginn einer Entwicklung hin zur antiparlamentarischen Revolution. Allerdings zerbrach die Bewegung 1917 am Widerspruch zwischen den revolutionären und den nationalen Syndikalisten und löste sich auf. Februarrevolution und Oktoberrevolution in Russland galten Mussolini als Bestätigung seiner Thesen: Der Krieg hatte einen revolutionären Charakter, nun hatte Russland sich von den germanophilen Reaktionären befreit: „1789 in Russland“. Gegenüber Plechanow forderte er, das russische Proletariat solle diesen revolutionären Krieg an der Seite der Alliierten fortsetzen. Der bolschewistische Terror radikalisierte Mussolini weiter und hatte Vorbildfunktion. Schon Blanqui und Sorel unterstrichen die revolutionäre Gewaltanwendung entschlossener Minderheiten.

Frühfaschismus – eine linke Bewegung?

Anfang 1919 zog Mussolini das Fazit seines revolutionären Krieges: 20 Kronen seien in den Staub gerollt, vor allem in Deutschland. Die Niederlage der Mittelmächte erschien ihm als Götterdämmerung der Reaktion, nun werde der Triumph der Massen kommen: „Wir haben diesen Gewittersturm gewollt, 1914 herbeigerufen und wir bekennen uns dazu 1919.“ Es folgte am 23. März 1919 die Gründungsversammlung der faschistischen Kampfbünde, der Fasci die Combattimento, an der Piazza San Sepolcro in Mailand. Die Gründungsmitgliedschaft setzte sich vor allem aus nationalen Syndikalisten, Sozialisten, Arditi-Frontkämpfern und Futuristen zusammen, es bestanden landesweit bereits rund 30 Fasci. Von den 191 Teilnehmern (darunter 9 Frauen) sind von 85 die Berufe bekannt: 21 Schriftsteller und Journalisten, 20 Angestellte und 12 Arbeiter. Fast alle Urfaschisten waren unter 40, 15 % sogar unter 20 Jahre jung. Der Faschismus organisierte sich also NEBEN der rechten ANI als eigenständige Bewegung. Wichtig ist der Beitrag des Syndikalismus: Michele Bianchi und Cesare Rossi waren Gründungsmitglieder, ihr Genosse Agostino Lanzillo saß im Zentralkomitee der Fasci. Die ersten beiden Generalsekretäre der Bewegung waren die Syndikalisten Longoni und Pasella, Bianchi sollte 1921 erster Generalsekretär des neuen PNF werden.

Die Organisationsstruktur der Bewegung wurde maßgeblich durch syndikalistisches Gedankengut bestimmt. Alceste De Ambris wollte als führender Repräsentant der neuen nationalsyndikalistischen Gewerkschaft Unione Italiana del Lavoro (UIL) parteipolitische Neutralität wahren, beeinflusste aber das frühfaschistische Programm stark. Das Minimalprogramm vom 30. März 1919 erschien Mussolini selbst als nicht sonderlich revolutionär. Seine Zwecke waren die Erneuerung der Nation und die Demokratisierung Italiens, wobei Mussolini sich zum syndikalistischen Prinzip bekannte. Der Staat sollte sich aus der selbstverwalteten Wirtschaft heraushalten. Kernforderungen des frühen Nachkriegsfaschismus waren Umwandlung Italiens in eine Republik, politische Dezentralisierung, allgemeines Wahlrecht, Entbürokratisierung, Frauenwahlrecht, Achtstundentag, weitreichende Mitbestimmung der Arbeitnehmer in den Betrieben, Antiklerikalismus, außenpolitischer Nationalismus, Abschaffung des Adels usw. Im Mai konkretisierte man die Forderungen weiter. Nun tauchten auch die Enteignung unproduktiven Kapitals und ungenutzten Landbesitzes auf. In mehreren Schüben dauerte die Programmdiskussion bis in den Oktober hinein an: Verstaatlichung des Großgrundbesitzes, von Industriebetrieben, Bergbau, Verkehrswesen, Banken und Kircheneigentum.

Eine radikale Kapitalbesteuerung sollte zur teilweisen Enteignung der großen Vermögen führen, ebenso sollten 85 % der Kriegsprofite beschlagnahmt werden. Der Faschismus radikalisierte sich also 1919 – nach links. Es erschien zu diesem Zeitpunkt als vollkommen unklar, ob der Faschismus eine rechte oder eine linke Bewegung war. Der deutsche Faschismusexperte Stefan Breuer verortet ihn, ebenso wie Renzo de Felice, auf der politischen Linken. Von Anfang an erteilte diese Bewegung jedoch allen theoretischen Doktrinen eine klare Absage. Den PSI attackierte man als die einzige wahrhaft reaktionäre Partei Italiens, da er sich dem Krieg widersetzt hatte. Alle Forderungen der Arbeiter sollten unterstützt werden, um sie einerseits vom PSI zu lösen und sie andererseits daran zu gewöhnen, die Betriebe selbständig zu leiten, und zwar ohne Bevormundung durch den PSI und seine CGL-Gewerkschaften. Durch das Ziel, die revolutionären Kräfte Italiens für die Nation zu gewinnen, unterschied der Faschismus sich klar vom herkömmlichen Antikommunismus.

Die Formierung des Frühfaschismus fällt in die Zeit des „Biennio rosso“, der zwei roten Jahre von 1919 und 1920. Italien präsentierte sich als Nachzügler der revolutionären Welle von 1917/1918. Diese Phase war geprägt durch sehr intensive und teilweise vorrevolutionäre Streikaktivitäten der Gewerkschaften. Die offen gewaltsame Durchsetzung ihrer Ziele konzentrierte sich jedoch vorwiegend (zu rund 80 %) auf das Land, wo die sozialistischen Landarbeiterverbände (Federterra) bis hin zur Verbrennung von Scheunen, dem Abschlachten der Viehbestände und der sozialen Ächtung derjenigen gingen, die ihren Diktaten Widerstand entgegensetzten, ihr Monopol auf Arbeitsvermittlung und Tarifverhandlungen nicht anerkannten oder den Beitritt verweigerten. Es kam zu bürgerkriegsähnlichen Zusammenstößen zwischen nationalistischen ANI-Militanten und linken Revolutionären. Letzten Endes kam es aber nicht zum Umsturz, denn die Führungen der sozialistischen Gewerkschaft CGL und des PSI schreckten vor dem Radikalismus ihrer nur noch schwer kontrollierbaren Basis zurück und handelten einen faulen Kompromiss mit dem tatenlosen Staat und dem Kapital aus. Die italienische Linke befand sich ab Mitte 1920 in der Defensive, sie hatte im Machtkampf versagt. Die Folgen waren zweierlei: Ernüchterung und Enttäuschung an der linken Basis sowie Entfremdung der italienischen Mittelschichten, die, wie wir gesehen haben, ein weitaus größeres Gewicht als das Industrieproletariat hatten. Entfremdet wurden die Mittelschichten auch dem Staat, der sich nicht für die Aufrechterhaltung der Ordnung oder für ihren Schutz einsetzte und dessen Ansehen durch Gabriele d´Annunzios national-syndikalistische Fiume-Expedition und deren Beendigung durch italienisches Militär weiteren Schaden nahm. Diese Fakten möge der Leser bitte im Gedächtnis behalten, sie sind von erheblicher Bedeutung für den Aufstieg des Faschismus zur Massenbewegung.

1919 suchte der Faschismus in jedem Falle Anschluss an die Linke: Streiks, Lohnbewegungen, Betriebsbesetzungen, lokale Enteignungen. Lenin als Staatsmann wurde öffentlich von Mussolini gelobt, und zwar als Gegenbeispiel zur chaotisch agierenden und heillos zerstrittenen italienischen Linken. Die möglicherweise sogar erste Betriebsbesetzung in Italien erfolgte am 17. März 1919 in der Fabrik „Franci e Gregorini“ in Dalmine bei Bergamo, und zwar durch – die Faschisten. Mussolini erschien am 20. März persönlich im Betrieb. Dieser Arbeitskampf war nach seinen Worten kein Streik alten, destruktiven Stils mehr, sondern ein neuer, schöpferischer Streik. „Ihr steht auf dem Boden eurer Klasse, habt aber die Nation nicht vergessen…Ihr belehrt gewisse Industrielle, insbesondere jene, die alles ignorieren, was sich in diesen letzten vier Jahren in der Welt ereignet hat, dass die Figur des alten, gierigen und ausbeuterischen Industriellen dem Industriekapitän weichen muss, der das Notwendige für sich verlangen kann, aber den anderen Schöpfern des Reichtums nicht Elend aufzwingen darf.“ Selbst die renommierte Kommunistin Angelica Balabanoff erklärte schon zu ihren Lebzeiten zur Legende, dass die Faschisten den Betriebsbesetzungen ein Ende bereitet hätten. Ganz im Gegenteil unterstützten sie die Besetzungen, die ihnen als neue Phase der im Mai 1915 eröffneten italienischen Revolution erschienen. Der einzige Agitator von Bedeutung, der zu den revoltierenden Industrieproletariern sprach und sich mit ihnen offen solidarisierte, war Benito Mussolini. Im Juni 1919 drohte er: „Entweder werden die Besitzenden enteignet oder wir setzen die Kriegsteilnehmer ein, um dieses Hindernis niederzureißen.“

Auch der große Metallerstreik von August und September 1919 hatte die Unterstützung der Fasci. Mussolini forderte die Sozialisierung der Industriebetriebe und die Übergabe ihrer Leitung an die Gewerkschaften. Den zurückhaltenden Reformismus der Sozialisten geißelte man mit ätzender Kritik. PSI und CGIL wurden als Bremser des Klassenkampfes attackiert. Mussolini warb um die revolutionäre Einheitsfront zwischen Faschisten, Syndikalisten, Kommunisten (damals noch den linken Flügel des PSI bildend) und Anarchisten. Am 9. und 10. Oktober 1919 verabschiedete der Kongress von Florenz das Programm der Fasci. In den Diskussionen tat sich nicht zuletzt der nationale Syndikalist Michele Bianchi hervor. Die Programmatik des Faschismus zielte laut Bianchi ganz im Sinne Labriolas nicht nur auf die Arbeiterschaft, sondern auch auf den fortschrittlichen Teil der Mittelklassen ab. Ebenso sollte der Faschismus sowohl mit Elementen der extremen Rechten wie auch den bislang noch abseits stehenden Syndikalisten paktieren. Für die Futuristen forderte Marinetti die Befreiung Italiens von Monarchie, Oberklassenherrschaft und Papismus.

Die italienischen Kommunisten erkannten im Nachhinein den revolutionären Charakter des Faschismus von 1919 an: Im August 1936 appellierte die KPI an die „Faschisten der alten Garde“, gemeinsam mit ihnen für die Verwirklichung der altfaschistischen Programmatik zu kämpfen. „Die Kommunisten erklären sich für das faschistische Programm 1919, ein Programm des Friedens, der Freiheit und der Verteidigung der Arbeiterinteressen.“ Schon jetzt baute Mussolini in Mailand einen harten Kern von Militanten auf, der zum Vorläufer der späteren Squadras werden sollte. Allerdings zeigte Mussolini sich zurückhaltend, als der Arditi-Führer Ferruccio Vecchi den Aufbau paramilitärischer Verbände und den bewaffneten Umsturz forderte. Vecchi (und Marinetti) zeichneten auch für den 15. April 1919 verantwortlich, der gemeinhin als Beginn des faschistischen Terrors gegen den PSI angesehen wird. Nach einer provozierenden Sozialistendemo in Mailand attackierten junge Offiziere, die nicht dem Fascio angehörten, auf Betreiben Vecchis und Marinettis die Linken.

Die Bilanz waren drei Tote auf sozialistischer Seite, und die Redaktion des Parteiorgans „Avanti“ ging in Flammen auf. Vorerst sollte es sich um den einzigen politisch motivierten Gewaltakt aus dem Dunstkreis des Faschismus gegen die Parteilinke handeln. 1919 richteten die Gewaltexzesse und Plünderungen des Faschismus sich eher gegen Kleinhändler, Kaufhäuser und Genossenschaften sowie gegen Wohnungsräumungen und waren klar sozial motiviert. Offen forderten die Fasci, man solle alle Vermieter und Spekulanten kurzerhand aufhängen. Mussolinis Rolle fällt bereits zu dieser Zeit etwas zwiespältig aus. Einerseits predigte er die soziale und nationale Revolution, andererseits wurden er und sein „Popolo d`Italia“ von Geldgebern aus Mailänder Industriekreisen finanziert. Diese Finanzierung galt nur seiner Person, wodurch er eine gewisse Unabhängigkeit vom Rest der faschistischen Bewegung gewann und zugleich zu ihrer Hauptgeldquelle wurde. Bis auf diese Mailänder Besonderheit ist eine Industriefinanzierung des Faschismus in der Frühzeit nicht belegbar. In jedem Falle zeigte Mussolini sich ab Spätsommer 1919 als eher gemäßigt und verlieh seiner Ablehnung gegen die Beteiligung an Streiks und Teuerungsunruhen Ausdruck. Marinettis Futuristen protestierten vehement gegen diese Zurückhaltung; die syndikalistische UIL um De Ambris und Olivetti stellte im Herbst die Zusammenarbeit mit den Fasci ein und begann einen antifaschistischen Kurs. Dieser hinderte De Ambris aber nicht, sich bald aktiv am Fiume-Experiment Gabriele d´Annunzios zu beteiligen und mit der Carta del Carnaro eine syndikalistische Verfassung zu erarbeiten. Die junge Bewegung beteiligte sich im November 1919 an den italienischen Parlamentswahlen – und erlebte ein Debakel. Von ihren 19 Kandidaten (darunter der Dirigent Toscanini) brachte sie nur einen durch (in Genua). Die Futuristen führten das Desaster darauf zurück, dass man nicht radikal genug aufgetreten sei. Angesichts von Perspektivlosigkeit und mangelnder Resonanz auf der radikalen Linken schien der Faschismus rapide zu zerfallen. Am Jahresende bestanden nur noch 31 Fasci mit 870 Mitgliedern, vor allem in Mailand, Turin, Cremona, Venedig und Triest.

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