Mediale Deeskalation?

Berichte über Neonazis in Ukraine

Von Arnold Schölzel

Die hysterische, antirussische Propaganda in bezug auf die Ukraine scheint in einigen Mainstreammedien Großbritanniens und der USA einer ausgeglicheneren Berichterstattung Platz zu machen. So brachte BBC jüngst ein Interview mit einem Kämpfer vom Kiewer Maidan, der zugab, mit einem Jagdgewehr, das ein Zielfernrohr hatte, vom Dach des unter Kontrolle der Demonstranten stehenden Konservatoriums gemeinsam mit anderen auf die Polizei geschossen zu haben. Erst daraufhin hätten die Ordnungskräfte das Feuer erwidert. Und die konservative US-Nachrichtenwebseite Fox.com titelte am Montag: »Hat die Ukraine ein Monster geschaffen, das sie nicht kontrollieren kann?« Fox meinte die russophoben und zumeist offen faschistischen Truppen, die auf Seiten der Kiewer Junta in der Ostukraine an vorderster Front im Einsatz sind und dabei zahllose Kriegsverbrechen begangen haben: laut Fox »Entführungen von Zivilisten, Folter und Exekutionen« sowie Einsatz von »Hunger und Durst gegen Zivilisten als Kriegswaffe«.

Über 30 »Neonazifreiwilligenverbände« gibt es demnach. Ein Teil, wie das berüchtigte »Asow-Bataillon«, unterstehe dem Innenministerium, ein anderer, wie z. B. der »Rechte Sektor«, operiere unabhängig von Kiew. Eine dritte Gruppe – wie das »Dnipro-Bataillon« – trete als Privatarmee von mit der Junta verbandelten Oligarchen auf. Die Anführer aller drei Kategorien sitzen laut Fox inzwischen in Schlüsselpositionen der sogenannten Sicherheitsministerien und –behörden. Insbesondere die kampferfahrenen Mitglieder der beiden ersten Gruppen sind in der Regel fanatisiert und hochmotiviert. In der offenen Bereitschaft ihrer Führer, Gewalt auch gegen vermeintliche Verräter in der Junta anzuwenden, sieht Fox eine »zunehmende Gefahr« für den Frieden in Kiew. Dazu zitiert das Portal den britischen Korrespondenten Shaun Walker, der zeitweise im Asow-Bataillon in Mariupol »eingebettet« war. Laut Walker waren »fast alle Kämpfer entschlossen, den Kampf nach Kiew zu tragen, sobald der Krieg im Osten vorbei« sei.

Tatsächlich haben viele Kommandeure das jüngst abgeschlossene Friedensabkommen von Minsk als Verrat und Ausverkauf an die Russen durch Präsident Petro Poroschenko angegriffen. Auch dessen martialische Reden anlässlich der Maidan-Gedenktage am Wochenende konnten die Wogen nicht glätten. Inzwischen verdichten sich in Kiew Gerüchte, der Präsident habe seine Familie vor den Faschisten nach England in Sicherheit gebracht. Aus hiesiger Sicht ein vollkommen unnötiger Schritt: In der Argumentationshilfe zur Ukraine für Beamte und Abgeordnete des deutschen Auswärtigen Amtes (siehe die Dokumentation in jW vom 20. Februar) ist unter Punkt zwei vermerkt, dass es zwar einige Gruppen »mit rechtsextremer Gesinnung« gebe, Neonazis aber »keine entscheidende Rolle in der ukrainischen Politik« spielen.

Quelle: Junge Welt

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