„Zerschlagt die NATO!“ Zum 75. Geburtstag von Rudi Dutschke

Rudi Dutsche hätte heute, am 07. März, seinen 75. Geburtstag begangen. COMPACT ehrt Dutschke mit einem Porträt, das ihn als Kämpfer für die nationale und soziale Befreiung des Volkes zeigt. Als linken Patrioten, der zum Hauptfeind der US-Besatzer wurde. Es folgen einige Auszüge, den vollständigen Text lesen Sie in COMPACT 3/2015.

Immer wieder werden Vorkämpfer einer besseren Welt von Anhängern der alten Misere zweimal umgebracht: zuerst mit Mordanschlägen, dann nach ihrem Tode durch Umfälschung ihres politischen Erbes. So war es auch bei Rudi Dutschke. Im April 1968 wurde er von dem Hilfsarbeiter Josef Bachmann durch zwei Schüsse lebensgefährlich verletzt – noch im Februar hatte der CSU-Bundestagsabgeordnete Franz Xaver Unertl ihn als „ungewaschene, verlauste und verdreckte Kreatur” bezeichnet. Zu Jahresende 1979 starb er – noch keine vierzig Jahre alt – an den Spätfolgen dieses Attentats. Danach wurde er von interessierter Seite umgebogen zu einem harmlosen Herz-Jesu-Salonmarxisten – eine Geschichtsklitterung, die bis heute anhält. Daran hat seine Witwe Gretchen Dutschke-Klotz vor allem mit ihrer 1996 erschienenen Biographie und mit ihrer Deutung der 2003 von ihr herausgegebenen Tagebücher einen nicht unerheblichen Anteil. (…)

Das, was Rudi Dutschke, den Rudolf Augstein zu Recht in seinem Nachruf „unkorrupt bis ins Mark“ nannte, zeitlebens auszeichnete und weit heraushob aus dem Hauptstrom der Achtundsechziger, wird dabei bewusst und unbewusst vollkommen verschleiert. (…)

Das eigentliche Charakteristikum Rudi Dutschkes, als Internationalist Patriot und als Patriot Internationalist zu sein und dem weltweiten Befreiungskampf gegen den Imperialismus durch den Kampf im eigenen Land praktische Solidarität zu erweisen, gerät so vollkommen aus dem Blick. Rudi Dutschke hat aber genau das unmissverständlich ausgedrückt, als er im Juni 1977 über die Spaltung Deutschlands sprach: „Diese Spaltung, gerade weil die Linke in dieser Frage keine geschichtliche Kontinuität aufrechterhalten hat, führt notwendigerweise in die Zerstörung der dialektischen Spannung von sozialer und nationaler Frage. Nicht nur objektiv, sondern auch subjektiv. Unter solchen Bedingungen fängt der linke Deutsche an, sich mit allem möglichen zu identifizieren, aber einen Grundzug des Kommunistischen Manifestes zu ignorieren: Der Klassenkampf ist international, in seiner Form aber national.“
(…)

Am zweitägigen Kongress gegen den Vietnamkrieg der USA in Westberlin 1968 beteiligten sich einige tausend Studenten. Bei der Abschlussdemonstration am 18. Februar gingen über 12.000 Menschen auf die Straße – angesichts der Hasskampagnen gegen die Außerparlamentarische Opposition (APO) ein großer Erfolg. (…) Ursprünglich war geplant, zur McNair-Kaserne in Lichterfelde zu marschieren, was aber SPD-Innensenator Kurt Neubauer verbot. Dort – Rudi Dutschke hatte zur „Zerschlagung der NATO“ und zur Desertion der US-Soldaten aufgerufen – wäre es nicht allein gegen die Nibelungentreue der westdeutschen Satrapen, sondern direkt gegen die strategischen Interessen der Führungsmacht gegangen. Da verwundert es nicht, dass die Amerikaner schon im Vorfeld ankündigten, bei einem Eindringen von Demonstranten zu schießen… Sehr bequem war es daher für sie, dass eine völlig auf den Hund gekommene Führung der Berliner SPD mit den anderen Blockparteien und der Springer-Presse am 21. Februar eine Pro-Amerika-Demonstration organisierte – unter Parolen wie „Volksfeind Nr. 1: Rudi Dutschke“. (…)

1977 unterstrich Rudi Dutschke seine Haltung mit den Worten: „Warum denken deutsche Linke nicht national? Die sozialistische Opposition in der DDR und in der Bundesrepublik müssen zusammenarbeiten. Die DDR ist zwar nicht das bessere Deutschland. Aber sie ist ein Teil Deutschlands.“ Das war ein Frontalangriff auf die Kumpanei der West- mit den Ostbürokraten, auf das friedliche Hinüberwachsen in die koexistierende Miserengemeinschaft BRDDR, aus der 20 Jahre später, nach dem Kollaps des kleineren Separatstaats, das alternativlose grün-rosa-graue Euro-Deutschland hervorkroch.

Die etablierten Ex- und Alt-Achtundsechziger, all die Toskana-Fraktionäre und Sonntagsrevoluzzer, konservieren ein politisch korrekt bereinigtes Dutschke-Bild, das ihren politischen Herrgottswinkel nicht durcheinanderbringt. Da fehlt dann natürlich die harte Radikalität, mit der Rudi Dutschke am 7. Dezember 1968 ausgerechnet seinem verhinderten Mörder Josef Bachmann ins Gefängnis schrieb: „Für die Schweine der herrschenden Institutionen, für die Vertreter des Kapitals, für die Parteien und Gewerkschaften, für die Agenten der Kriegsmaschinerie und der ,Medien‘ gegen das Volk, für die Parteifaschisten gegen die Massen, die sich überall finden, dürft Ihr täglich schuften. (…) Für uns taugen Studenten nur etwas, wenn sie endlich wieder ins Volk gehen. Die Intellektuellen und Künstler müssen endlich auch ihre schöpferische Phantasie fest mit dem Leben des Volkes verbinden, bei Euch arbeiten, Euch unterstützen, sich verändern, Euch und Dich verändern. Höre auf mit den Selbstmordversuchen, der antiautoritäre Sozialismus steht auch noch für Dich da.“ Ist das nicht der blanke Populismus, ist das nicht Querfront zum Quadrat? (…)

Quelle

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