Ernst Jüngers Ausblick ins 21. Jahrhundert

Arne Schimmer

Ernst Jüngers Ausblick ins 21. Jahrhundert

„Es wird sich alles ändern, alles wird weggepustet werden … Die heutigen Politiker sind dem, was sich da als Tiefenströmung vorbereitet, in keiner Weise gewachsen.“(1)

Ernst Jünger ist eine der umstrittensten Personen dieses Jahrhunderts, ob unter Rechten oder unter Linken. Unbestritten dagegen dürfte eine prognostische Hellsichtigkeit und Intuition für Kommendes sein, die ihresgleichen sucht. Jünger selbst bemerkte einmal in einem Fernsehinterview, er sei den historischen Realitäten vorgeschaltet. Die dynamische, nivellierende und informierende Tendenz unseres Jahrhunderts wurde in wohl keinem Buch treffender analysiert als im „Arbeiter“. Die Aufmerksamkeit des Uralten richtete sich in zunehmendem Maße auf das kommende, das ungeheure Jahrhundert, das herandroht, in dem der Mensch nach Jüngers Ansicht bis an die Grenzen des Humanen und darüber hinaus geführt wird.

DIE HERRSCHAFT DER TITANEN

„Wird das Interim als unverhüllte, also auch gestalthafte, Heraufkunft der Titanen betrachtet, so muß mit ihm vor allem eine Veränderung der Erde verknüpft sein, wie sie sich bereits, und nicht zuletzt durch Katastrophen, ankündigt.“(2)

Auch Ernst Jünger konstatiert das Ende der Geschichte, doch nicht in dem undramatischen und behaglichen Sinne wie Francis Fukuyama, der den Erdenball für alle Zukunft von „letzten Menschen“ besiedelt sieht, die nur noch Monaden der Konsumption und Produktion einer entgrenzten und globalen Wirtschaft sind. Denn: „Wo die Geschichte endet, führt sie zur Natur oder zum Mythos zurück-mit oder ohne menschliche Präsenz.“(3) Nach Jünger wird die Geschichte dem Mythos Platz machen und zwar, was beinahe schon ein Schlüsselwort seines Spätwerks geworden ist, der Herrschaft der Titanen.

Woran erkennt man den Titanismus? Unter diesem Stichwort wären beispielsweise die Veränderung von Bios und Materie durch Gen- und Kerntechnik, die Ablösung des Krieges durch den Terrorismus, die Vermassung, die Entstaatlichungsprozesse, die Machtkonzentration kleiner bürokratischer Eliten, die Schwächung alles Patriarchalen zugunsten des Matriarchalen und vor allem ein Energiehunger zu nennen, dem alles andere einschließlich der Moral geopfert wird. Die Titanen, die Mächte der Erde des griechischen Mythos, kehren auf elementarer Ebene in den verschiedenen Formen der Energie zurück, mit denen der technische Apparat der westlichen Zivilisation am Laufen gehalten wird, denn nach Jünger ist „auch unsere Elektrizität eine entseelte, spezialisierte und abstrahierte Erdkraft…, ein Beleg dessen, was Erdgeist vermag.“(4)

Unsere ganze Zivilisation trägt nach Jünger tellurischen Charakter und ist für ihr Fortbestehen auf die Verfeuerung von Stoffen angewiesen, die der Mensch der Erde abgewinnt: „Der plutonische Trieb gräbt nicht mehr nach Gold, sondern von den fossilen Brennstoffen bis zum Uran nach Energien, die sich in Utopien umsetzen. Er handelt nicht ökonomisch, sondern wie ein Verschwender, der sein Erbe für eine fixe Idee verpraßt … Der Dienst ist kollektiv und planetarisch, vorwiegend anonym und ohne umrissene Ziele, seitdem der Fortschritt verdächtig geworden ist.“(5) Den Naturwissenschaften fällt dabei die Rolle eines Türöffners für Kräfte zu, die der Mensch nicht ansatzweise zu kontrollieren imstande ist.

Auf diesem Feld wird es nach Jünger noch zu ungeheuren Überraschungen kommen, die dem forschenden Geist sein Damaskus bereiten werden: „Es ist nicht auszuschließen, daß die Naturgewalten das Heft in die Hand nehmen. Sie personifizieren sich oder werden durch Apparaturen maskiert. Die Energie überbietet ihre Funktionen unter anderem dadurch, daß sie zu ,denken‘ beginnt. Das wiederum, rufet die Arme der Götter herbei‘.“(6) Für Jünger ist dabei wiederum sicher, daß auch die titanische Machtenfaltung den Weg alles Irdischen gehen wird: „Der Untergang der Titanic, ihr Scheitern am Eisberg, ist ein prophetisches Zeichen, wie es deren sonst nur im Mythos gibt. Unter anderem ist daraus zu schließen, daß es sich beim Fortschritt in der Tat um ein Interim handelt – um eine Erscheinung, die Anfang und Ende hat. Daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen, hat man freilich schon immer gewußt.“(7)

ERDREVOLUTION UND WELTREVOLUTION

„Diese lange Fülle und Folge von Abbruch, Zerstörung, Untergang, Umsturz, die nun bevorsteht -, wer erriete heute schon genug davon, um den Lehrer und Vorausverkünder dieser ungeheuren Logik von Schrecken abgeben zu müssen, den Propheten einer Verdüsterung und Sonnenfinsternis, deren gleichen es wahrscheinlich noch nicht auf Erden gegeben hat?“(8) (Friedrich Nietzsche)

Ernst Jünger unterscheidet zwischen der Weltrevolution und der Erdrevolution. Als Weltrevolution bezeichnet Jünger die politischen Umwälzungen des Jahrhunderts, den Marxismus und seine Reaktionen, den Weltbürgerkrieg 1914 – 1945 bis hin zum entgrenzten, plutokratischen Liberalismus der „One World“, in der sich die Masse ohne Eigenschaften, Nietzsches „letzter Mensch“, das ihr analoge politische System geschaffen hat.

Diese Weltrevolution ist nach Jünger jedoch nur der Ausdruck einer tieferliegenden Strömung, der Erdrevolution, die mit großen geologischen Veränderungen verbunden ist. Die Erdrevolution ist Teil der Erdgeschichte und entzieht sich aller historischen, ja selbst humanen Wertungen. Umwälzungen dieser Art hat es nach Jünger schon gegeben, nämlich beim Übergang von einem Erdzeitalter in ein anderes, beispielsweise beim Aussterben der Dinosaurier durch einen Meteoriteneinschlag.

Jünger bleibt hierbei seiner durch und durch mythischen Weltsicht, die Erdmutter Gaia wechselt ihr Kleid, wie sie das beim Übergang von einem zum nächsten Erdzeitalter schon oft getan hat. Der Mensch ist dabei nicht das treibende Subjekt, sondern das Objekt der Veränderungen, seine „totale Mobilmachung“ entspricht dem titanischen Impuls, er führt nur das aus, was die Erde will: „Unsere Mitwirkung könnte der des Skorpions gleichen, der sich mit seinem eigenen Stachel aus dem Wege schafft.“(9) Doch Jünger verbindet mit dem großen Übergang auch große Hoffnungen: „Demgegenüber sagen die Astrologen eine ungemeine Vergeistigung voraus. Damit harmoniert die christliche Erwartung eines Zeitalters des Heiligen Geistes, das als drittes jenen des Vaters und des Sohnes folgt. Und mit ihm ein Drittes Testament, dessen Fassung den Dichtern vorbehalten bleibt.“(10)

DARWIN UND CUVIER

Jünger übernimmt Nietzsches Urteil über Darwin, daß es Wahrheiten gebe, die nur von mittelmäßigen Köpfen erkannt werden können. Er wendet sich dem französischen Gelehrten Cuvier und seiner vor Darwin entwickelten Katastrophentheorie zu, die besser Jüngers Theorie von der Erdrevolution entspricht. Nach Cuviers Theorie werden konstante Arten einer Erdepoche jeweils durch Katastrophen vernichtet und in einem Schöpfungsakt durch neue Arten ersetzt.

Die Wendung von Darwin zu Cuvier ist auch eine Wendung von einer linearen zu einer zyklischen Zeitbetrachtung, die Evolution erfolgt nicht wie bei Darwin linear und sukzessive, sondern sie macht Sprünge, die Erde gleicht in dieser Betrachtung dem Vogel Phoenix, Arten und Stämme werden durch kosmische Katastrophen vernichtet, doch immer wieder verjüngt sich die Erdmutter Gaia durch den Erfindungsreichtum und die Anpassungsfähigkeit des Bios. In diese Transformation wird nach Jüngers Ansicht auch der Mensch miteinbezogen werden: „Daß sich der Mensch verändern wird, und zwar im Sinne der Spezies,… hat Nietzsche vorausgesehen oder eher noch gewittert; inzwischen sind Biotechniker am Werk.“(11)

Mit Nietzsche teilt Jünger auch die Aussicht auf den Übermenschen: „Friedrich Nietzsche fühlte sich, wie er sagte, im 21. Jahrhundert zu Haus, vor dessen Schwelle wir stehen. Dort ist auch das Zeitalter des Übermenschen zu erwarten, dessen Ankunft sein Prophet verkündete … Der Übermensch ist ein Titan. In ihm triumphiert der Wille zur Macht. Der Übermensch ist für ihn (Nietzsche, Anm. d. Verf.) keine Variante, sondern eine neue Spezies. Er ist weniger eine zoologische als eine geistige Mutation.“(12)

DER ZEITSPRUNG

Wie die Welt, in die wir gehen, nach Jüngers Ansicht aussehen könnte, schildert er, und wie könnte das bei ihm anders sein, in seinem Traum in seinen Tagebüchern „Siebzig verweht“ unter dem Datum 8.8.88. Jünger selbst scheint diesem Traum einige Bedeutung beigemessen zu haben, denn er schildert ihn auf 14 Seiten und redet von einem „Zeitsprung“.

Im Traum besucht Jünger sein geliebtes Paris. Doch statt der hektischen Betriebsamkeit einer Millionenstadt spürt er eher eine Atmosphäre der Verwahrlosung wie auf einem Bild von Alfred Kubin. Die Stadt selbst hat sich stark verändert und Jünger mutmaßt, es müsse inzwischen einen Krieg, ein Erdbeben oder einen Börsenkrach gegeben haben. Er erkennt nur noch einige Gebäude und Plätze wieder, mit denen er persönliche Erinnerungen verknüpft, um schließlich in einem Bistro Platz zu nehmen. Dort macht er eine angenehme Bekanntschaft, den Kellner Freddy, der sich völlig von der heruntergekommenen Umgebung durch seine Geistesgegenwart, Bildung und Höflichkeit unterscheidet. Jünger und Freddy beginnen ein gutes Gespräch, doch als Jünger aufbrechen will, warnt Freddy vor einsamen Streifzügen in der Stadt, da der Grund unsicher geworden sei und ständig Erdbeben drohten. Jünger hält die Schilderungen seines Gegenübers für weit übertrieben, doch nimmt er sein Angebot zur Begleitung an. Die Szenerie wird nun vollständig unheimlich, die beiden bewegen sich auf den Trümmern einer untergegangenen Komfortzivilisation, deren Nihilismus sich nicht mehr durch Wohlstand und Konsum maskieren läßt. Jünger beobachtet Tiere, die sich zoologisch nicht mehr genau zuordnen lassen, Chimären, die anscheinend von der Gentechnik geschaffen wurden. Fortwährend wird die Umgebung für die beiden feindlicher und magmatische Ausbrüche und Erdbeben erschweren das Fortkommen, das direkt auf einen Punkt konzentrierten Feuers und Strahlung zuläuft. Schließlich bleibt für Jünger und Freddy nur noch ein von Feuer umgebener Trichter als letztes Rückzugsgebiet. Jünger, der Freddy inzwischen als sein stärkeres Ich erkannt hat, fragt diesen, ob sie verloren seien, doch dieser antwortet nur: „Das wird nicht akzeptiert.“

In seinem Traum erlebt Jünger den Eintritt in ein neues Erdzeitalter, in welcher der Fortschritt sich in eine Welt des unkontrollierbaren Feuers und der Strahlung verwandelt hat. Diese ist nur, wie Freddy es vormacht, durch Haltung und ein Ethos des Nicht-Aufgebens zu bestehen.

ZEITENWENDE

„Perpetua schreibt mir, daß das Ende dieses Jahrhunderts vielleicht noch fürchterlicher als Anfang und Mitte werden wird. Ich möchte das nicht glauben und dachte oftmals, daß es dann dem Herakles, der Schlangen in seiner Wiege erdrückte, geglichen haben wird.“(13)

In seinem Aufsatz „Erde und Heimat“ in dem Sammelband „Die selbstbewußte Nation“ prophezeite Gerd Bergfleth, daß „die Ökokatastrophe zu einem Großkollaps führen wird, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hat“(14), der nach seiner Ansicht gleichzeitig den Endpunkt der „Ära des Unheils“ darstellt. Die Angst vor einer Apokalypse zur Jahrtausendwende ist bei den Massen, wenn auch unbewußt, vorhanden, wie ein Blick ins Kinoprogramm beweist: von „Deep Impact“ bis „Armageddon“ wird der globale Crash auf der Leinwand vorweggenommen.

Jünger rechnet zur Jahrtausendwende mit einer starken „Anflutung“: „Jedes Jahrtausend schließt mit Ermüdung und Hoffnungslosigkeit. Vielleicht wiederholen sich diesmal noch stärkere, uns unbekannte Welten -Sintfluten, die Kulturen überschwemmten und Tierstämme vernichteten.“(15) Die Prognose einer Apokalypse zur Jahrtausendwende wird in dem Spätwerk „Die Schere“ wiederholt: „Daß zugleich Katastrophen sich häufen, wird kein Zufall sein. Götterdämmerungen sind mit Naturkatastrophen verbunden, wie sie auch bei Hesiod, in der Edda und im Alten Testament geschildert werden- so mit Sintfluten, Feuerregen, sehr langen Wintern, Finsternissen, Dürren, von denen die Erde sich erst nach Jahren erholt.“(16)

Mit seinen Befürchtungen zur Jahrtausendwende befindet sich Jünger in Übereinstimmung mit etlichen Prophezeiungen. Wie auch der italienische Philosoph Julius Evola (17) nach dessen Ansicht sich die Menschheit in der Endphase des „Kali-Yuga“ , des „düsteren Zeitalters“, befindet, begreift er die Zerstörungen als notwendig zur Erreichung eines neuen „Goldenen Zeitalters“.

KRITIK AN JÜNGERS BEGRIFF DES
„TITANISCHEN“

Nicht jeder wird Ernst Jüngers mythische Weltsicht teilen wollen. Das was Ernst Jünger unter dem Begriff des „Titanischen“ subsumiert, kann auch als das Ergebnis historischer Abläufe dargestellt werden. Kennzeichnend für die Titanen des griechischen Mythos ist der Vatermord, übertragen auf unsere Zeit also der Bruch mit allem Tradierten und Überkommenen. Diesen Bruch könnte man aber auch anders als Jünger nicht als mythische Wiederkehr, sondern als das Ergebnis des amerikanischen Globalismus, dem kaum Titanenhaftes eignet, deuten. Dessen Auswirkungen beschreibt Hans-Dietrich Sander so: „Wo diese Wirtschaft eindringt, hebt sie alle Hegungen der Volkswirtschaft auf, zerstört durch Raubbau den Boden, verausgabt die Bodenschätze, verheizt die Werktätigen. Massenproduktion und Massenkonsum ebnen die Kulturen ein, lösen die Völker auf, schaffen manipulierbare Massen mit ubiquitären Bedürfnissen, die sich das alles gefallen lassen.“(18)

Die amerikanische Ideologie, die man als Freihandel + Profitmaximierung um jeden Preis bezeichnen kann, versucht sich in der Überwindung aller ethischen und biologischen Grundlagen, wie aktuell an dem Vorhaben amerikanischer Ärzte deutlich wird, Kliniken zum Klonen von Menschen einzurichten. Die Gentechnik ist nach Jünger eine der Hauptmerkmale des Titanismus.

Der Unterschied zwischen einerseits mythischer und andererseits historisch-soziologischer Betrachtungsweise kommt auch in der Kritik von Ernst Niekisch an dem von Jünger in den 50er Jahren verfaßter Essay „Der Waldgang“ zum Ausdruck. Niekisch bezeichnet Jüngers Ansicht vom Wald als einem Symbol innerer, existentieller Freiheit als ein „Symbol des Ungesellschaftlichen“ und als „Flucht aus der Geschichte“. Friedrich Kabermann schreibt in seiner Niekisch ­Biographie „Widerstand und Entscheidung eines deutschen Revolutionärs“ zu dieser Kritik, daß „Niekisch stets jede metaphysische Position politisch-soziologisch historisiert, Jünger dagegen jede politische Stellungnahme in Metaphysik verwandelt und beide dabei die existentielle Position des anderen jeweils zu relativieren scheinen, doch bestätigen sie sich dabei im Grunde eigentlich nur gegenseitig.“(19)

Doch auch wenn man der Ansicht ist, daß Jüngers Figur des Waldgängers eine Flucht ins Ungesellschaftliche ist oder daß Jünger die Herrschaft der Titanen mit der Herrschaft der USA verwechsle, gleitet diese Kritik an Jünger leicht ins Polemische ab, wenn man nicht bedenkt, daß er gar nicht begrifflich oder dialektisch denken will. Jünger denkt, so Kabermann, „überhaupt nicht geschichtlich, sondern mythisch, d. h. die Wahrheit geschieht nicht in, sondern ist außerhalb der Zeit und erscheint in der Geschichte lediglich verschlüsselt, als Gleichnis, Symbol und Mythos …“(20) wobei diese Denkweise durch Jüngers Wahrnehmung noch unterstützt werde, denn in allen Schriften Jüngers gehe es „stets um geistiges Sehen bzw. Erleben … nicht aber um abstrakte begriffliche Analysen.“(21)

FAZIT

Jüngers Aufmerksamkeit richtete sich zunehmend auf die Wucht der Transformationsprozesse eines von ihm als erdgeschichtlich aufgefaßten Umbruchs. Dementsprechend schwand sein Sinn für Politik. Als er 1983 von dem nationalen Kommunisten Richard Scheringer aufgefordert wurde, sich der Friedensbewegung gegen die Stationierung atomarer Mittelstreckenraketen in Deutschland anzuschließen, antwortete Jünger lakonisch: „Die Politik jeglicher Färbung ist mir seit langem zuwider, und ich marschiere hinter keiner Fahne mehr her. Auch ist die Erdrevolution mit politischen Mitteln nicht zu bewältigen. Sie dienen höchstens zur Garnierung des Vulkanrandes, falls sie nicht die Entwicklung sogar vorantreiben.“(22)

Die Bundesrepublik, auf die Jünger beinahe unverschlüsselt in dem utopischen Roman „Eumeswil“ Bezug nimmt, bezeichnet er als „Fellachengesellschaft, die periodisch von Demagogen moralisch strapaziert wird“ als eine vom liberalistischen Gezänk der Parteien und Interessengruppen gekennzeichnete „große Deponie“ abgelegter Ideen und historischer Trümmer in einer Welt, „in der nichts mehr wirklich und alles möglich scheint“.(23) Daß Ernst Jünger in dem von ihm entworfenen, katastrophalen Szenario auch das Ende der Bundesrepublik voraussah, versteht sich von selbst: „Jedes juste-milleu erfordert Balance-Akte, „ausgewogen“ ist eines der Schlagwörter. Es spiegelt sich in den Standardbegriffen, so im freiheitlichen Rechtsstaat, der sozialen Marktwirtschaft‘ und anderen. Wie all und jedes, gehen solche Epochen an sich selbst zugrunde…“(24)

An der Formulierung politischer Altemativen beteiligte er sich, wie gesagt, nicht mehr. Gerd Bergfleth, der ähnlich wie Jünger, einen „Aufstand der Erde“ prognostiziert, erwartet die „verwandelnde Heilstat … von einer Religion der Erde, die sich aus mythischer Urerinnerung speist und den Men­schen aufs neue mit der Erde verbindet“. Den Deutschen mit ihrer Tradition der Naturphilosophie und Naturdichtung der Romantik und ihrem „metaphysischen Draht zur Erde und zur Heimat“ fiele es dabei zu, einen „deutschen Sonder­weg“ zu statuieren, „der das bankrotte Leitbild des techno­kratischen Liberalismus abzulösen berufen ist“ und ohne den wir die kommende Katastrophe nicht bewältigen, und die westliche Welt schon gar nicht“.(25)

Jünger, der in der Akzeleration unseres Jahrhunderts, dem sich beschleunigenden Anfall von Tatsachen und Ereignissen, den Schlußpunkt eines abgelaufenen Zyklus und den Beginn eines neuen Zeitalters erkennen möchte, würde der Idee, künstlich eine „Religion der Erde“ zu schaffen, sicherlich skeptisch gegenüberstehen, da seiner Ansicht nach Religionen nur auf Erscheinungen, also „dem Einbruch des Absoluten in die Zeit“ basieren können. Für die Umbruchszeit, in der wir leben, würde er wohl weiterhin das für gültig halten, was er in einem Brief vom 7. 6.1934 an seinen Bruder Friedrich Georg schrieb: „Das revolutionäre Stadium, in das wir eingetreten sind, kann nur durch tiefere Kräfte bestanden werden, als durch die rhetorischen, literarischen oder ideologischen- es prüft uns in der Substanz. Man muß jetzt das Blatt aufdecken und zeigen, wer man ist.“ (26)

Anmerkungen

1 Ernst Jünger in „Die Politiker sind dem, was sich da vorbereitet nichtgewachsen“, Welt am Sonntag vom 9. 10. 1994.

2. Ernst Jünger in „Prognosen «, (1993), S. 31.

3 Ernst Jünger in „Siebzig verweht V“, (1997), S. 95.

4 Ernst Jünger in „An der Zeitmauer“, Gesamtausgabe, Band 6, (1963), S. 525.

5 Ernst Jünger in „Die Schere“, (1990), S. 154.

6 Ernst Jünger in „Siebzig verweht IV“, (1993), S. 210.

7 Ernst Jünger in Prognosen «, (1993), S. 30.

8 Friedrich Nietzsche in „Fröhliche Wissenschaft“, Werke 1, Band 5, S. 343.

9 Ernst Jünger in „Siebzig verweht IV“‘ , (1995), S. 160.

10 Ernst Jünger in „Prognosen“(1993), S. 31.

11 Ernst Jünger in „Die Schere“, (1990), S. 121.

12 Ernst Jünger „Siebzig verweht V“, (1997), S. 163-164.

13 Ernst Jünger in Strahlungen 1″, (1988), S. 390.

14 Gerd Bergfleth in „Erde und Heimat“ in Die selbstbewußte Nation‘, (1994), S. 113.

15 Ernst Jünger in „Fassungen II“, Gesamtausgabe, Band 13, (1995), S. 473.

16 Ernst Jünger in „Die Schere „, (1990), S. 148.

17 Evola schreibt in seinem Hauptwerk „Revolte gegen die moderne Welt“: „… daß den Verteidigern des ,Konkreten‘ nicht mehr zugerufen werden soll: Haltet ein‘ oder ,Kehrt um‘ oder ,Erhebt das Haupt‘, sondern vielmehr: ,schneller, immer schneller, immer weiter abwärts, stürmt die Ziele, reißt die Dämme ein. Ketten, die Euch halten, gibt es nicht. Sammelt den Ruhm all eurer Eroberungen. Eilt mit immer schnelleren Flügen, voll von Stolz, der durch Eure Siege‘ durch Eure Eroberungen, durch Eure Reiche und Eure Demokratien immer größer wird. Die Grube muß gefüllt sein, und Dünger ist nötig für den neuen Baum, der flammend Eurem Ende entspringen wird.“

18 Hans-Dietrich Sander in „Es ist dafür gesorgt, daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen“ in Staatsbriefe, (1996), Heft 6.

19 Friedrich Kabermann in „Widerstand und Entscheidung eines deutschen Revolutionärs- Leben und Denken von Ernst Niekisch“ (1973), S, 265.

20 Ebenda, S. 192.

21 Ebenda, S. 189.

22 Ernst Jünger in „Siebzig verweht III“ (1993), S. 219.

23 Ernst Jünger in „Eumeswil“, Gesamtausgabe, Band 17,(1980), S. 80.

24 Ernst Jünger in „Fassungen II“, Gesamtausgabe, Band 13, (1981), S. 230.

25 Gerd Bergfleth in „Erde und Heimat“ in „Die selbstbewußte Nation“, (1994), S. 119.

26 Ernst Jünger in Criticon, Nr. 157, (1998).

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