Schuldknechtschaft oder das ewig gleiche Spiel

Im Juni 2011 warnte der seiner unverblümten Ausdrucksweise und haltlosen Anschuldigungen gegen seine Person wegen inzwischen aus seiner Partei ausgeschlossene freiheitliche Nationalratsabgeordnete Werner Königshofer davor, „Griechenland mit einem Kaputtsparplan in die Rezession und in noch mehr Schulden zu treiben. Am Ende dieses Weges stünde ein hochverschuldetes Land, ohne Staatsvermögen, mit rezessiver Wirtschaft und einem demotivierten Volk. Das wäre die reine Schuldknechtschaft, die wegen der dramatischen Entwicklung der Staatshaushalte letztlich den allermeisten Völkern in der EU drohen würde“, so Königshofer. Ein Linker hätte das auch so sagen können.

Vier Jahre später hat die von der EU-Troika (EZB, IWF und EU-Kommission) verordnete Sparpolitik die wirtschaftliche Lage Griechenlands alles andere als verbessert. Die Forderungen der Geldgeber, dazu Gehalts- und Pensionskürzungen oder der Kahlschlag im Gesundheitswesen zählen, haben das soziale Gefüge eher noch mehr belastet als ein wünschbares Ergebnis gebracht. So wurde im Zuge dessen die Kluft zwischen Arm und Reich noch vergößert. In dieser Situation sind überhebliche Wortmeldungen eines arroganten Deutschen, wie Finanzminister Schäuble einer zu sein scheint, eher fehl am Platze.

Daß man als Dritter einem stolzen Volk wie den Griechen nicht einfach so drüberfahren kann, sollte sich eigentlich bis Brüssel und Berlin durchgesprochen haben. Besonders bei Belehrungen von deutscher Seite ist man in Athen, dessen politische und wohlhabende Klasse durchaus kritikwürdig war und noch ist, leicht allergisch. Obwohl, und das mutet beinahe schon wieder irrwitzig an, es vor Jahrzehnten ausgerechnet ein NS- Sonderbeauftragter war, der den richtigen Zugang zu den damals ebenfalls wirtschaftlich gebeutelten Hellenen zu finden schien. Hermann Neubacher, so hieß der Mann, hatte damals erkannt, „daß in diesem Lande, noch dazu unter den gegebenen Verhältnissen, eine Marktregelung nach deutschem Muster völlig falsch sei.“ *

So plädierte der damalige Sonderbeauftragte Berlins unter anderem dafür, die Versorgung der deutschen und italienischen Besatzungstruppen aus dem Lande auf ein Minimum zurückzuschrauben, der Hausse-Spekulation nicht mit Höchstpreisen und Strafbestimmungen , sondern nur mit Ware, Lebensmitteln vornehmlich, entgegenzutreten. Schließlich empfahl er finanztechnische Maßnahmen, die eine Geldknappheit erzeugten, und nicht zuletzt befürwortete er die Freigabe der Preisbildung. Der Verfall der Drachme sollte damit aufgehalten oder zumindest verlangsamt werden. Der weitere Kriegsverlauf änderte natürlich alles.

Als Neubacher zu Beginn seiner Mission mit dem Reichsaußenminister seine Schlußbesprechung führte, sagte dieser zu ihm: „Das Wichtigste ist, daß Sie sofort ein Dutzend Großspekulanten aufhängen lassen!“ Neubacher darauf: „Davon halte ich nichts. Ich kenne das Land ein wenig. Die bisherigen drakonischen Strafbestimmungen haben die Hungersnot nur verschärft, weil das Risiko des Schwarzhandels auf die Preise geschlagen wurde. Ich werde etwas anderes versuchen: eine Lage herbeizuführen, welche die Großspekulanten veranlaßt, sich selbst aufzuhängen “.

Von Letzterem hält die EU-Troika gewiß nichts. Diese wird alles dran setzen, daß die Großspekulanten, darunter auch jene Bank, die Griechenland in die EU geschleust hat, mit einem ordentlichen Reibach davonkommen werden. Das angebliche Einvernehmen zwischen Konzernlobbyist Juncker und Tsipras läßt diesbezüglich ja schon ärgste Befürchtungen aufkommen. Nicht nur was eine etwaige Verpfändung der Gas-oder Ölvorkommen in der Ägäis betrifft. Aber die griechische Regierung steht unter gewaltigem Druck, was auch ihre wenig realistischen Wiedergutmachungsforderungen an Deutschland verstehen läßt. Aber auch in Athen weiß man nur zu genau, wo in Wirklichkeit der gemeinsame Feind angesiedelt ist.

Ist es nicht so, daß, wie der weiter oben zitierte Ex-FP-Mandatar erst vor Kurzem schrieb, in Wirklichkeit alle im Würgegriff der Banken sich befinden, die bis Ende Juni ihre faulen (auch griechischen) Staatsanleihen an die EZB loswerden wollen? Dazu, so Königshofer, >müssen< die Griechen jetzt nochmals sieben Milliarden Schulden vom EURO-Block nehmen, um ablaufende Anleihen bedienen zu können um nicht vorzeitig in die Staatspleite zu fallen. Wenn dann die Banken ihre “Tücher im Trockenen haben” … so gegen Ende Juni … dann kann der GREXIT gerne kommen, dann verlieren ja die europ. Steuerzahler und nicht mehr die Banken.“ In der Tat, wir alle werden wie die Geschröpften dastehen.

Das ewig gleiche Spiel: Schuldknechtschaft. Und es ist nicht abzusehen, wie man aus dem Schlamassel, das ja längst nicht nur ein europäisches ist, wieder hinaus käme. Im Gegenteil könnten uns allen noch schlimme Dinge bevor stehen. Von der schleichenden Enteignung des Privatvermögens durch verschiedene Maßnahmen bis hin zur radikalen Euro-Abwertung ist alles schon denkbar. Die Aufrechterhaltung der Kredit-Schulden-Spirale muß von den dem globalen Finanzkapital zuarbeitenden Politikern und Bankern gewährleistet werden.

Die Völker sind somit einer nimmersatten global tätigen Finanzkrake ausgeliefert, deren verschiedene Namen aus gutem Grund niemals in der Forbes-Liste der Superreichen zu finden sind. Und diese Krake wird sich heute weniger denn je selbst aufhängen.

*Hermann Neubacher: Sonderauftrag Südost, 1940-1945, Bericht eines fliegenden Diplomaten, 1956, Musterschmidt-Verlag, Göttingen

Helmut Müller

Quelle

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