Die Logik des europäischen Traums – Johannes Heinrichs systemtheoretische Vision

Europa im freien Fall, und Ratlosigkeit wohin man schaut. Immer mehr Bürger wenden sich von nicht demokratisch entstandenen Institutionen ab. Banken und Konzernen hörige Regierungen verlieren ihre Glaubwürdigkeit und ihre Handlungsfähigkeit. Die vielzitierte EU-Wertegemeinschaft erweist sich bei näherem Hinsehen als großer Bluff.

Damit nicht genug: Das soziale und ökonomische Europa wird zur Beute egozentrischer, auch barbarischer Kräfte. Der innere, immaterielle Reichtum Europas, seine Vielfalt werden dem Einheitsdenken und dem Multikulturalismus geopfert. Kurz und gut, die Klagen nehmen kein Ende, werden längst zu Anklagen. Wie und wo diese einmal enden werden, steht in den Sternen auf blauem Hintergrund.

Die schier ausweglos scheinende Lage Europas ruft nun aber doch loyale, unbestechliche Geister auf den Plan, die es nicht dabei bleiben lassen wollen. Sie suchen Auswege und werden fündig. Ob mehr in Teilbereichen praxisorientierte oder rein systemtheoretische Sicht, tut vorerst nichts zur Sache. Es ist etwas da, das anreizt diskutiert zu werden. Und das eine oder andere Denkmodell als Alternative zum Bestehenden fasziniert durchaus und überzeugt besonders dort, wo ein ganzheitlicher Zugang mehr oder weniger deutlich erkennbar ist.

Neben des deklarierten EU-Gegners Heinrich Wohlmeyer an dieser Stelle bereits erwähnte Arbeiten zähle ich auch die Vision einer Wertedemokratie von Johannes Heinrichs, Urheber der Reflexions-Systemtheorie des Sozialen, dazu. Denn diese friedlich-revolutionäre Demokratietheorie sieht ein anders strukturiertes und anders organisiertes, jedenfalls demokratischeres Europa am Ende des Tages vor. Auf dessen „Logik des europäischen Traums“ * will ich also kurz eingehen.

Visionäre sollten, empfahl einmal ein österreichischer Bundeskanzler und angeblicher Israel-Freund, der Banker Franz Vranitzky, einen Arzt aufsuchen. Was da wohl Theodor Herzl dazu gesagt hätte? Nun, Heinrichs ließe sich so wenig wie Herzl, dessen Vision in der Realität allerdings entartet ist, von der seinen abbringen. Und das gewiß nicht von einfältigen Politikern oder „Mainstream“-Apologeten die Wahrheiten und Differenzierungen gerne aus dem Wege gehen.

Differenzierung heißt bei Heinrichs, zum Beispiel, anstatt eines dem Wählerwillen entrückten Einheitsparlaments bereichsspezifische Wahlen für jede der großen Systemebenen Wirtschaft, Politik, Kultur und Grundwerte. Am Ende also reflexionslogisch aufeinander bezogene, intransparenten Einflüssen und Ebenen übergreifenden Kartellbildungen abholde Teilparlamente sozusagen.

Der linken wie rechten Globalisten gleichermaßen heiligen „Heimat Babylon“ stellt Heinrichs ein der Vielfalt der europäischen Völker und, im Hinblick auf die Migration gesehen, dem jus culturae der gastgebenden Kultur Rechnung tragend, sein eigenes Demokratiemodell gegenüber. Europas Kulturen sind ja gerade im Zeitalter der Globalisierung und der Massenzuwanderung durch Nivellierungsversuche extrem gefährdet.

Jede einzelne europäische Kultur muß also ihren strukturellen Vorrang behalten, so Heinrichs. Eigentlich eine auch demokratiepolitische Selbstverständlichkeit. Doch nicht nur an dieser, sondern auch an anderen Fragen zeigt sich darüberhinaus, daß „das ungelöste Strukturproblem Europas mit dem ungelösten Strukturproblem unserer Demokratien identisch ist“ (Heinrichs). Das hat etwas für sich, müßte aber von Brüssel erst einmal zur Kenntnis genommen werden.

Nicht ohne Grund befürchtet Heinrichs die schleichende Aushöhlung der Demokratie durch einen kapitalistischen Verwaltungs- und Überwachungsstaat. Ist er nicht schon zum Greifen nahe? Eliten-Diktatur oder Integration durch Differenzierung? lautet daher die von ihm gestellte Frage. Denn gerade die aktuelle Entwicklung – TTIP, TISA und NSA lassen grüßen – gibt da aufgekommenen Befürchtungen recht.

Folgerichtig fordert Heinrichs die Respektierung der Menschenrechte auf Arbeit, faire Löhne, soziale Sicherheit, gesunde Umwelt und kulturelle Rechte sowie eine politische Regulierung der Kapitalströme. Der „neoliberalen Durchkapitalisierung Europas“ gehört im Rahmen einer friedlichen Revolution, der Wertedemokratie, mit der Anwendung des Subsidiaritätsprinzips Paroli geboten. Da bin ich ganz bei ihm, und, wie ich vermute, auch viele andere.

Wer sich heute mit dem Zeitgeschehen beschäftigt und die dringlichen Probleme der Gesellschaften erkennt, kommt in unseren Breitengraden an dem des Islam nicht mehr vorbei. Auch für Heinrichs ist religiöser Fundamentalismus ein „ganz massives weltweites Demokratieproblem“. Alle historischen Religionen bedürften daher philosophischer, menschenrechtlicher Kontrollregeln, für deren Einhaltung ein entsprechender Gerichtshof zuständig sein sollte, so Heinrichs.

Der Philosoph und Neuerer in dieser Hinsicht plädiert zur Durchsetzung ethischer Maximen für ein Grundwerteparlament auf Weltebene. Womit seine weiteren Überlegungen übergehen in eine demokratische Weltföderation. Heinrichs meint, Europa wäre zum Schrittmacher eines transnationalen Rechtsgefüges mit parlamentarischer Basis berufen. Wäre es das wirklich? Dennoch: das Wort des der menschlichen Vernunft vertrauenden Philosophen in Gottes Ohr.

Zusammenfassend läßt sich sagen: Johannes Heinrichs zählt mit Heinrich Wohlmeyer zu den Denkern, die die vielfältigen und weitreichenden Gefahren eines ungezähmten Kapitalismus nicht nur sehen, sondern dazu auch sympathische demokratiepolitische Lösungsmöglichkeiten anbieten. Dieselben speisen sich bei Heinrichs aus dessen aufklärerischem Bekenntnis und seinem Vertrauen in Vernunft und Wissenschaft. Letzteres mag manchen Gläubigen zu wenig sein, doch sei erwähnt, daß bei Heinrichs die Religionen als gemeinschaftsbildende Mächte, nicht aber konfessionelle Privilegien, weiter ihren Platz haben, wo es um die unbedingten, letzten Werte geht.

Diese letzten Werte unterscheiden sich allerdings von den bedingten kulturellen Werten, wie Heinrichs hervorhebt. Das aber scheinen, nach meinem Dafürhalten, viele Islamkritiker zu ignorieren. Wodurch der Dialog mit dem Islam, so er überhaupt gewünscht wird, in eine falsche Richtung geführt, ja eigentlich eine wenig intelligente Konfrontation gesucht wird, deren Ausgang absehbar ist. Tagespolitische Opportunität und mangelnde Einsicht vernebeln aber bei vielen die Gehirne und ermüden dabei andere. Dagegen wirken aufgeklärte, vernünftige Standpunkte eines Philosophen wie Labsal.

In einigen Teilbereichen, Wirtschaft zum Beispiel., spricht Heinrichs die Probleme ähnlich an wie sie auch in Heinrich Wohlmeyers „Handreichung“ – siehe http://www.wienerwende.org – und dessen Buch „Empörung in Europa“ **erfasst und gesehen werden. Heinrichs Überlegungen sind zwar eine in inhaltlicher und systemkritischer Hinsicht gelungene und überzeugende Vision, deren Umsetzung in die Realität aber noch aussteht.

In Kenntnis der menschlichen Natur, machtpolitischen Zwänge, unterschiedlichen kulturellen Traditionen und damit auch der unterschiedlichen parlamentarischen Gepflogenheiten müßte man an der europaweiten Umsetzbarkeit dieser Vision eigentlich zweifeln. Aber wer weiß, was schon morgen möglich ist? Zumindest hielte ich es als ein schweres Versäumnis, würden nicht auch Heinrichs (und Wohlmeyers) Vorstellungen in den Überlegungen anderer Europäer ihre Berücksichtigung finden. Träumen ist bis auf weiteres ja noch erlaubt.

*Johannes Heinrichs: Die Logik des europäischen Traums – Eine systemtheoretische Vision, Academia (www.academia-verlag.de ), 2014, 225 Seiten, ISBN 89665-641-4, 978-3

**Heinrich Wohlmeyer: „Empörung in Europa“ – Wege aus der Krise, Ibera-Verlag (www.ibera.at), 2014, 383 Seiten, ISBN 978-3-85052-320-2

Helmut Müller

Quelle

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