Griechenland. Das Volk hat gesprochen. Lassen wir es nun nicht allein.

Graecia locuta, würde der Lateiner sagen. Doch die Sache ist noch nicht endgültig entschieden. Erst einmal erlebten wir einen demokratischen Entscheid von großer Tragweite, jedenfalls eine schallende Ohrfeige für Brüssel und die Gläubiger. Die griechische Regierung kann mit dem Votum des Volkes im Rücken neue Verhandlungen mit der Gegenseite anstreben. Mit ungewißem Ausgang allerdings. Ob Tsipras und Freunde noch einen Talon im Ärmel haben und notfalls auf einen Plan B zurückgreifen werden können, wird sich bald zeigen. Daß sie so ohne weiteres mit vollen Taschen vom Pokertisch aufstehen werden, ist aber eher zu bezweifeln.

Aber hätte Athen denn von Anfang an in die Knie gehen, alle Auflagen der internationalen Geldaristokratie akzeptieren sollen? Gegenüber deren und Brüssels Selbstherrlichkeit hatten die in Nöten sich befindlichen freiheitsliebenden Griechen wahrscheinlich keine andere Wahl als so „unprofessionell“ zu verhandeln wie sie es getan haben. Daß ein Volk jetzt sich Nein zu sagen getraut, ist natürlich für eine Diktaten zugeneigte EU-Elite etwas Ungeheuerliches. Ihr ist der aus dem antiken Griechenland stammende Gedanke, Herrscher sollten nur der erste Diener eines Gemeinwesens sein, gewiß fremd.

Daß der gar nicht unterwürfige, frech anmutende Verhandlungsstil der griechischen „Newcomer“ die machtgierigen Eurokraten verärgert hat, ist nachvollziehbar und zeitigt ein erstes Opfer: Finanzminister Varoufakis. Aber sind es nicht dieselben Eliten, die wider besseres Wissen, also in fahrlässiger Weise, Griechenland in die Euro-Zone geradezu hineingezerrt haben? Zudem sind peitschenschwingende Gläubiger denen direktdemokratische Äußerungen eines Volkes so suspekt sind wie dessen kulturelles Andersein, nicht unbedingt glaubwürdig genug, den Griechen jetzt Mores zu lehren.

Wie immer die nächste Runde ausgehen möge, Gewinner werden wir – ausgenommen internationale Spekulanten und die ihnen verbundenne griechischen Oligarchen – auf lange Sicht keine sehen. Die verheerenden Folgen der stümperhaften und herausfordernden Politik Brüssels aber werden nicht nur das wirtschaftsschwache Griechenland auf Jahre hinaus in Mitleidenschaft ziehen. Das Projekt eines gemeinsamen Europas nach Art der USA oder gar nach Fasson der verblichenen Sowjetunion darf hoffentlich als gescheitert betrachtet werden. Wiewohl die Vorarbeiten dazu weiter laufen als wäre alles paletti. Ja, wie weit denn noch?

In Anbetracht anderer unbewältigter Mega-Probleme ist das schwer vorauszusagen, aber daß wenig erfreuliche Perspektiven sich am Horizont zeigen, das kann man getrost feststellen. Besonders die Masseneinwanderung – vor dem Hintergrund hausgemachter demographischer und sozio-ökonomischer Defizite sowie aus dem Ruder laufender globaler Entwicklungen – darf als gefährlichste Zeitbombe genannt werden. Ermöglicht und gelegt von jenen politischen Kräften, die die Flucht nach vorne in einen autoritären Zentralstaat seit langem schon vorbereiten. Noch wäre Widerstand möglich, und in Teilen formiert er sich ja.

Denn einer Unionsführung, die eigene Verträge mißachtet, aus ideologisch-politischen Gründen Sanktionen gegen ein Mitgliedsland beschließt, bei einem anderen aber menschenverachtende Gesetze toleriert, hinter dem Rücken der EU-Völker an unsittlichen internationalen Abkommen feilt und sich für Kriege der USA einspannen läßt, ist noch Schlimmes zuzutrauen.

Man darf gespannt sein, wie das selbstherrliche EU-„Establishment“ samt seinem cognacfesten Kommissionschef auf den zu erwartenden anwachsenden Widerstand einiger EU-Mitglieder und den möglichen weiteren Zerfall seiner “Wertegemeinschaft” noch einmal reagieren wird. So dämlich vielleicht, daß es endlich zu einem europaweiten Aufstand für mehr Demokratie und Selbstbestimmung reicht? Mit Österreich als Vorreiter? Nun ja, die weitere Entwicklung steht wohl noch in den Sternen. Sicher ist nur, Spaziergang wird es keiner. Weder für uns, noch für die Griechen.

Im Übrigen bin ich der Meinung, jeder, der es sich leisten kann, sollte seinen nächsten Urlaub trotz allem in Griechenland verbringen. Kritik an der griechischen Regierung oder Ablehnung derselben ist eine Sache, Solidarität mit dem griechischen Volk eine andere.

PS. Bei dieser Gelegenheit möchte ich allen Aktivisten des EU-Austritt-Volksbegehrens, die sich ehrenamtlich und unter persönlichen Opfern bei jeder Witterung für dieses erfolgreiche Unternehmen eingesetzt haben, meine Anerkennung und meinen Dank aussprechen.

Helmut Müller

Quelle

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