Besprechungen (23)

Wer wissen möchte, wie die Neue Weltordnung aussehen wird, sollte sich unbedingt das neue Buch von Alexander Dugin zulegen. „Konflikte der Zukunft – Die Rückkehr der Geopolitik“ versteht der russische Politologe und Publizist als Gegenkonzept zur „Neuen Weltordnung“, wie sie von den Thinktanks der USA ausgedacht werden.

Siehe hierzu:
http://www.amazon.de/Konflikte-Zukunft-Die-R%C3%BCckkehr-Geopolitik/dp/3887412915

Zugleich liegt mit dieser Veröffentlichung das erste Buch Dugins in deutscher Sprache vor. Dieser Coup ist dem Bonus-Verlag gelungen, der zu dem in der Nähe von Kiel beheimateten Verlagsspektrum von Dietmar Munier gehört.

Siehe hierzu:
http://www.lesenundschenken.de/

Dugin demonstriert auch in diesem Buch, das er an das deutsche Publikum richtet, daß er ein scharfsichtiger politikwissenschaftlicher Analytiker ist. Er knüpft an die These von Samuel Huntington („The Clash of Civilisations“) an, demzufolge die künftigen Akteure der Weltpolitik die großen „Zivilisationen“ sein werden und nicht mehr – wie noch früher im europäischen System des Westfälischen Friedens (1648) – die Nationalstaaten. (vgl. Dugin: Konflikte der Zukunft, S. 16 ff.) Die nationalen Staaten würden zwar noch weiter existieren, aber nicht mehr an sich die Weltpolitik bestimmen, sondern die sie umgebenden Zivilisationen.

Ein weiterer Leitgedanke in Dugins Buch besteht darin, daß sich die Protagonisten der westlichen Zivilisation (Nordamerika und Europa) nicht mehr weiter einzubilden brauchten, daß ihr universalistischer Weltherrschaftsanspruch nicht angefochten würde. Diese Einbildung sei aus dem Niedergang der Sowjetunion und des Ostblocks geboren worden, mittlerweile seien aber neben die westliche Zivilisation die orthodoxe (eurasische), die islamische, die indische, die chinesische und die japanische Zivilisation getreten (eventuell auch die lateinamerikanische, die buddhistische und die afrikanische Zivilisation). (vgl. Dugin, ebenda, S. 72) Somit werde der amerikanische Universalismus zugunsten einer multipolaren Welt überwunden. (vgl. ebenda, S. 21 ff.)

Bei aller Übereinstimmung im Grundsätzlichen, so sind hierbei aus Sicht der „Sache des Volkes (SdV)“ doch ein paar Einwände geltend zu machen bzw. Fragen für künftige Diskussionen aufzuwerfen. Dugin erweist sich zwar als Kenner der Literatur von Carl Schmitt (vgl. u. a. ebenda, S. 61), dieser machte aber deutlich, daß ein Reich ein (National-) Staat sei, dessen Reichsidee in einen Großraum ausstrahlt. Schmitt zufolge wird also die Weltpolitik auch in Zukunft von nationalen Staaten, die reichsfähig sind, bestimmt. Am Verhandlungstisch der UNO beispielsweise sitzt nicht die christlich orthodoxe bzw. eurasische Zivilisation in dieser Abstraktheit an sich, sondern deren reichspolitischer Kern, das heißt der Moskowitische Staat, die russische Regierung, der russische Präsident bzw. der russische Botschafter – und eben nicht die serbische, griechische oder armenische Regierung, die sich zur christlich orthodoxen Zivilisation zugehörig fühlt (die ihre Interessen allenfalls durch Moskau auf internationalem Parkett vertreten sehen).

Zudem arbeitet Dugin in seinem neuen Buch zwar richtig heraus, daß die Völker, die einer gemeinsamen Zivilisation angehören, zumeist durch sprachliche und / oder religiöse Verwandtschaft zusammengekommen sind bzw. zusammengehalten werden, (vgl. ebenda, S. 56) aber das russische Imperium kann hierdurch eben nicht historisch erklärt und legitimiert werden. Zumal derzeit mehrere slawische Völker Mittelosteuropas versuchen sich dem Einfluß Moskaus – durch Hinwendung in den Hegemonialbereich von USA und EU zu entziehen -, während derzeit immerhin die orthodoxen, aber nicht slawischen Griechen die These Dugins stützen.

Außerdem ist durch Sprache und Religion das immense Imperium, das sich die Russen jenseits des Urals und in der Kaukasusregion geschaffen haben, nicht zu begründen. Die meisten dieser sibirischen und kaukasischen Völker und Stämme sprechen nicht Russisch als Muttersprache und einige sind religiös im Islam und im Buddhismus verortet – von den rassischen bzw. anthropologischen Unterschieden einmal abgesehen. Im Grunde genommen haben die Russen die letzten 300 Jahre in ihrem Osten Räume erobert, in denen Völker und Stämme leb(t)en, die wenig staatsfähig gewesen waren, so daß diese sich der Expansion des Moskowitischen Reiches nicht erfolgreich erwehren konnten.

Rußlands Prinzip hieß also: so viel erobern wie möglich. Moskaus Vorwärtsdrang mußte aber dann zum Stehen kommen, als es auf das Beharren anderer Reiche stieß, also auf den Iran, Indien und China. Das Prinzip des russischen Imperiums beruht also weniger auf einer gemeinsamen Sprachgruppe und Religion der dem Großraum angehörenden Völker als auf der reinen Eroberungsmacht Moskaus (weshalb auch heute Königsberg zu Rußland gehört). Da Rußland eine klassische Kontinentalmacht ist – ähnlich wie Preußen bzw. Deutschland im kleineren Maßstab und schroff im Gegensatz zu den angelsächsischen Seemächten – lag es im geopolitischen Sinne nahe, den dünn besiedelten und wenig zivilisierten Raum Eurasiens sich untertan zu machen.

Aber wie die Russen den Anspruch ihres Imperiums erklären, ist nun einmal ihre Sache – hier findet nur eine intellektuelle Auseinandersetzung statt -, dies soll nicht unser deutsches Problem sein. Uns von der SdV ist es allemal lieber, Moskau behauptet seinen Machtanspruch im nördlichen Abschnitt des eurasischen Kontinents bis hin nach Wladiwostok, als daß dort die USA und ihre Verbündeten immer weiter Fuß fassen – auch in Bezug auf die Ukraine, Georgien usw. Und daß eines fernen Tages China den sibirischen Raum erobert und sich die dortigen Rohstoffe zunutze macht, ist auch nicht im deutschen und europäischen Interesse.

Unbedingt zuzustimmen ist Dugin darin, daß die sogenannten westlichen Werte (Pseudodemokratie, individuelle Freiheit, Menschenrechte usw.) nicht als globale Maßstäbe zu gelten haben. (vgl. ebenda, S. 105) Schließlich kann jeder Kulturkreis, jede Nation für sich selbst bestimmen, was sie unter „Menschenwürde“ zu verstehen hat. Den weiblichen gepiercten Bauchnabel zur Schau zu stellen, …

Siehe hierzu:

… kann im islamischen Kulturkreis anders bewertet werden als in der Westlichen Wertegemeinschaft, die Schwulenparade stößt in Moskau auf Widerstand, während sich bei uns Homophobe und Pädophilenfeinde wie Jürgen Elsässer für ihre „menschenverachtenden Einstellungen“ rechtfertigen müssen.

Siehe hierzu:

Weiterer Gesprächsbedarf entsteht durch Dugins immer wieder verwendeten Begriff der „Westlichen Zivilisation“. In seinem neuen Buch erweckt er den Eindruck, daß diese auch in Zukunft eine feste Gesamtgröße sein werde. (vgl. ebenda, S. 89) Lediglich im Anhang des Buches (vgl. S. 192) räumt er in einem dokumentierten Gespräch auf eine Frage von Zuerst-Chefredakteur Manuel Ochsenreiter ein, daß in Europa derzeit noch die pro-atlantischen Kräfte dominierten, was aber nicht so bleiben müsse. Deutschland könne in Zukunft eine „Vermittlerrolle zwischen Ost und West einnehmen“. (ebenda, S. 205) Allerdings fehlt dieser perspektivische Hinweis im eigentlichen Hauptteil des Buches.

Siehe auch den Bielefelder Auftritt Dugins:

Jürgen Schwab

Alexander Dugin: Konflikte der Zukunft. Die Rückkehr der Geopolitik. Bonus-Verlag, Selent 2015. 256 Seiten, Zahlreiche Abbildungen, 19,95 Euro.

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Kommentare

  • sozrev  On 13. Juli 2015 at 16:01

    Da ist das auch das Dugin-Interview im Spiegel zu beachten.

    http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-128101577.html

  • sozrev  On 17. Juli 2015 at 15:35

    Alexander Dugin schadet sicherlich russischen Interessen wenn er meint Russland solle „Europa erobern“. Alle europäischen Nationen müssten ihn ein Allrussisches Reich eingeliedert werden.

    Siehe: https://www.youtube.com/watch?v=e-oH58VA5Rw

    Deutsche, Franzosen, Ungarn, Italiener, Griechen, Spanier, usw. sind falls sie irgendwie national und patriotisch denken für einen souveränen – jeweils eigenen Nationalstaat – und haben sicherlich wenig Lust sich von irgendeinem anderem Nationastaat oder einem „Reich“ beherrschen und bevormunden zu lassen.

    Ich denke aber auch das auch die wenigsten Russen sehr wenig Lust haben in Dugins „Europa-Russland“ zur Minderheit zu verkommen. In Dugins „Konzept“ würden etwa 140 Millionen, ja über 500 Millionen Nicht-Russen gegenüber stehen. Russland hat schon mit der Zuwanderung aus dem Kaukasus, einem hohen muslimischen Anteil an der Gesamtbevölkerung, islamistischen Aufstandsbewegungen von Tschetschenien bis Dagestan und Autonomiebewegungen in diversen Gebieten zu kämpfen. Dugins Konzeption wäre für Russland mehr als schädlich. Über 20 Prozent der Bevölkerung Russlands gehören ja schon heute zu den nationalen Minderheiten, in Russland leben mehr als 100 nichtrussische Völker. So gesehen wäre ein deutscher Nationalstaat weniger bedroht als der russische, da wir es in Deutschland mit nur drei gewachsenen nationalen Minderheiten zu tun haben (Dänen, Sorben und Ostfriesen) – die sich zudem weder bewaffnen, noch nach einem eigenen Staat verlangen.

  • Schwab  On 17. Juli 2015 at 19:23

    @Sozrev

    Gute Einspielung von Dir.
    Ich schrieb ja oben in meiner Rezension, daß Rußland eben in der Geschichte so viel erobert hat, wie es erobern konnte bzw. k a n n . Aber nicht nur China, Indien und Iran sind harte Brocken, auch Europa läßt sich nicht so leicht erobern (zur Zeit ist es noch von den USA erobert). Aber ich glaube nicht, daß Putin diese Duginsche Entgleisung, Europa sei von Rußland zu erobern, zum Programm macht.

    Hier ein gutes Interview Dugins mit Zuerst über die deutsche Vereinigung von 1990:

  • sozrev  On 22. Juli 2015 at 16:01

    Die Dugin-Phantasie hat sicherlich nichts mit Putin zu tun, da dieser an einer Kooperation mit europäischen Nationen interessiert ist, die sich von den USA lossagen (sollen). Zudem ist die Behauptung das Dugin der „Cheftheoretiker des Kreml“ sei, reine antirussische Westpropaganda, die mit der Realität nicht viel zu tun hat.

    Dugin sei daran erinnert das schon Katharina die Große unter russischen Patrioten besonders verhasst war. Sollen sich etwa in seiner „Großrussland-Europa“ Utopie Deutsche und Franzosen zusammenschließen um einen deutschen oder russischen „Zar“ zu wählen? Der Europaeroberungsplan wäre weder im Interesse der europäischen Nationen und schon gar nicht im Interesse Russlands.

    Russland hat genug Probleme! Die Geburtenrate der christlichen Russen geht zurück. Während die Anzahl der Muslime massiv ansteigt – es sollen bereits an die 25 Millionen Muslime auf russischem Gebiet leben, hinzu kommt die hohe Zuwanderung in das russische Kernland aus dem Kaukasus, der demographische Druck an der Grenze zu China.

    Noch wichtiger ist aber die ethnische Zerpflückung Russlands durch etwa 100 nicht-russische Völker. Alleine das Gebiet der Jakuten umfasst ein größeres Gebiet als die BRD. Es gibt ja sogar ein „Autonomes Gebiet der Juden“ – der Fläche nach ist selbst dieses Gebiet größer als einige deutsche Bundesländer.

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