Der eschatologische Krieg

Zu gewissen Zeiten geht in Europa die Endzeitstimmung um, nicht immer ohne Grund, doch das Ende läßt sich Zeit und Vorausgesagtes landet nicht selten im Nebel des Vergessens. Erst recht wenn die Voraussage bloß einer Augenblicksstimmung zu Grunde lag. Etwas langlebiger und dramatischer erscheint die Sache, betrachtet man sie im Lichte der Eschatologie, der Lehre von den letzten Dingen, wie sie von evangelikalen und jüdischen Endzeitjüngern gesehen und beschworen wird. Antichrist und Apokalypse inklusive.

Da geht es seit Generationen dem Ende zu, und wenn es sein muß, wird eben über Jahrhunderte auf dasselbe dicke Ende und auf das Erscheinen des Messias bzw. den Sieg Jawhes gesetzt. Ähnlich, also bibelnahe, wird das Ende aller Dinge im Islam gesehen, was trotz einiger Gemeinsamkeiten mit den beiden anderen hier nicht weiter berücksichtigt wird. Und nicht zuletzt hatten auch die Germanen ihr Endzeit-Szenario, aber das ist schon wieder eine ganz andere Geschichte auf einem ganz anderen Schauplatz, aber wert, nicht vergessen zu werden.

Vom Aufkommen des islamischen Einflußes vorerst noch abgesehen, wird der Westen also seit langem und bis auf weiteres vor allem mit evangelikalen und jüdischen Endzeitphantasien oder -Szenarien konfrontiert. Gelegentlich glaubte man sich diesem Zeitenende schon ganz nahe, und derzeit gewinnt man sogar den Eindruck, man bemühte sich von anderer, mehr profitorientierter Seite, diesem Ende etwas nachzuhelfen. Abermillionen Menschenopfer und globale Verwüstungen jedweder Art reichen dem Finanzkapitalismus anscheinend noch immer nicht (Siehe auch Anhang).

Eigentlich fehlten ja nur mehr einige Knallköpfe in Washington und Jerusalem um das prognostizierte Ende vorzeitig herbeizuführen. Aber es genügte eigentlich auch ein Meteoriteneinschlag. Oder ein fürchterliches Urteil einer Gottheit. Am besten alles zusammen. Denn danach, wenn Nationen, Rassen und Völker, selbst traditionelle Familien und Religionen verschwunden sein werden, wird, so meint man in gewissen fanatisch-frommen Kreisen, absoluter Friede herrschen. Und eine Weltregierung. Für einen verwüsteten und menschenleeren Planeten?

Wir haben es im Großen und Ganzen mit einem politisch-religiösen Projekt zu tun, das Evangelikale und Zionisten trotz unterschiedlicher Sichtweisen in Detailfragen zusammenführt. Jerusalem ist ohne Zweifel die Klammer. Wenn nun dieselben durch ihre Politik die Renaissance eines militanten Islam und den ganzen Terror gefördert haben, geschah dies etwa im Sinne der letzten großen Schlacht? So nach dem Motto, lassen wir es noch einmal ordentlich krachen und dann sitzen wir Selbstgerechten zu Gericht. Es muß nicht so sein, aber daß die heutige Lage unseren Endzeitjüngern irgendwie in ihr Konzept paßt, darf schon angenommen werden.

Der französische Schriftsteller und Historiker Hervé Ryssen, einst ein Linker, jetzt der Rechten zugerechnet und „antisemitisch“ punziert, hatte sich vor zwei Jahren des Eschatologie-Themas angenommen*, dessen in der jüdischen Religion wurzelnde Grundgedanke etwa lautet: Aus der letzten Schlacht gegen die Mächte des Bösen – also das wäre der große Krieg am Ende der Zeiten – werde eine genesene Welt das Licht der Welt erblicken, aus der Ungläubige und Häretiker verbannt sein werden. Davon hatte sich übrigens ein Herr Bush inspirieren lassen, was daraus geworden ist, müssen wir täglich zur Kenntnis nehmen.

Nun sei es, so Ryssen, gerade die Eschatologie die uns die Ideologie des Globalismus, den langen Niedergang der katholischen Kirche und die moralische Krise des Westens besser verstehen lasse. Da könnte etwas dran sein. Ryssen vermeint übrigens das Gros der katholischen Würdenträger auf der Seite eines „jüdisch-zionistischen Imperialismus“ zu sehen. Zumindest auf der Seite der Globalisierer, das kann man gerade im Hinblick auf die für uns durch die neue Völkerwanderung entstandene bedrohliche Situation und deren aktive Hinnahme, ja auch Förderung durch die Kirche, schon sagen.

Aber nicht nur Ryssen, auch der Österreicher Wolfgang Caspart (www.wolfgang-caspart.com) hatte sich schon einmal dem Thema angenähert und kam zusammenfassend zu Schlußfolgerungen die ein strategisches Bündnis von Evangelikalen und Zionisten nahelegen. Wolfgang Casparts Ausführungen dazu möchte ich meinen Blog-Besuchern nicht vorenthalten, haben sie doch an Aktualität nichts eingebüßt und lassen die Politik der USA wie auch Israels vor ihrem stark eschatologisch geprägten Hintergrund tatsächlich besser verstehen.

CHRISTLICHER ZIONISMUS

Die Calvinisten treffen sich über ihre puritanische Ausrichtung am Alten Testament mit den Juden. Dies gilt nicht nur für das Religiöse, sondern auch säkularisiert für das Politische. Da die meisten Calvinisten wie auch die Mehrheit der Juden in den Vereinigten Staaten leben, kommt es zu einer Verschränkung der calvinistischen und jüdischen Ansichten und Interessen. Wer dies nicht verstanden hat, versteht nicht die geistige und politische Ausrichtung des amerikanischen Welthegemons.

Schon das Christentum ist nicht einheitlich, der Calvinismus teilt sich ebenfalls wiederum in verschiedenen Freikirchen, wie auch das Judentum nicht homogen ist. Innerhalb des Calvinismus geben die fundamentalistischen Evangelikalen den Ton an, ähnlich bei den Juden die Zionisten – Amerika gilt manchen sogar als der eigentliche Sitz des Zionismus (Michael Collins Piper, 2005).

DIE EVANGELIKALEN

Schon von ihrem calvinistischen Ansatz her fühlen sich die Evangelikalen nicht nur den Juden allgemein, sondern speziell den Zionisten verbunden. Während für die jüdischen Zionisten Israel die Heimstatt der Juden darstellt, sehen die Evangelikalen die Juden und Israel unter einem ganz speziellen Gesichtspunkt, dem Prämillenarismus. Dieser erklärt sich aus der fundamentalistischen Auslegung der Offenbarung des Johannes im Neuen Testament. In dieser Geschichtsphilosophie des Christentums herrscht der Diabolos, der Teufel, Verwirrer, Verführer, Satan, Luzifer, der Antichrist auf der gegenwärtigen sündigen Welt. Demzufolge muss die Welt eine Zeit schwerer Trübsal durchmachen, ehe sie in einer apokalyptischen Katastrophe untergeht und Christus glorreich wiederkehrt.

Nach der Wiederkehr Christi (1. Parusie) wird der Teufel gefangen genommen und das Tausendjährige Reich („Millenium“) der Gerechten und Heiligen folgt. Darauf entkommt der Teufel noch einmal kurz, wird dann aber endgültig in die Hölle verbannt, Christus kommt nochmals wieder (2. Parusie) und das Jüngste Gericht hebt an. Die evangelikalen Prämillenaristen sehen nun in der Rückkehr der Juden nach Palästina das Aufkommen der bevorstehenden (ersten) Wiederkunft Christi und fördern daher diese. Im alttestamentarischem Verbundenheit nach Ezechiel 37:12: „So spricht Gott der Herr: Siehe, ich will eure Gräber auftun und hole euch, mein Volk, aus euren Gräbern herauf und bringe euch ins Land Israels.“

UM JERUSALEM UND ISRAEL

Die christlich-fundamentalistischen Prämillenaristen nehmen aber erstaunlicherweise nicht Jesu Worte zur Kenntnis „Mein Reich ist nicht von dieser Welt“ (Johannes 18:36). Selbst aus der Offenbarung (21:2) wird ignoriert „Und ich, Johannes, sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabfahren“. Oder aus dem Hebräer-Brief 12:22 „Sondern ihr seid gekommen zu dem Berge Zion und zu der Stadt des lebendigen Gottes, dem himmlischen Jerusalem“. Ähnlich im Galater-Brief 4:26 „Aber das Jerusalem, das droben ist, das ist die Freie; die ist unser aller Mutter“. Jerusalem und Israel der Zukunft sind aus christlicher Sicht keine geographischen Orte, wie es der evangelikale Zionismus annimmt, sondern metaphysische. Die evangelikale Parteinahme für die konkrete zionistische Landnahme in Palästina entspricht also nicht den Worten des Neuen Testaments.

Das Wort Jesu (Matthäus 5:17) „Glaubt nicht, dass ich gekommen bin, das Gesetz und die Propheten aufzuheben; ich bin nicht gekommen, um aufzuheben, sondern um zu erfüllen“, definiert sich im Christentum neu (Johannes 14,6): „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich“. Es wird zu „Die Erfüllung des Gesetzes ist also die Liebe“ (Römer-Brief 13:10). Wie man auf dieser Basis zu der Meinung, kommen kann, „Jedes Sandkorn zwischen dem Toten Meer, dem Jordan und dem Mittelmeer gehört den Juden. Dazugehören auch das Westjordanland und Gaza“ oder „Wir stehen für das Recht, dass alles Land, das Gott Abraham in seinen Bund vor 4000 Jahren gegeben hat, Israel gehört …. Palästinenser gibt es nicht“ (Jane Lampman, 2004), bedarf einer wahrhaft puritanischen Denkart.

AMBIVALENTEN

Auf diese Weise wundert es nicht, dass „die amerikanischen christlichen Zionisten, abgesehen von den israelischen Streitkräften, vielleicht der letzte strategische Aktivposten des jüdischen Staates sind“ (Daniel Pipes, 2003). Der Kommunikationsdirektor von Benjamin Netanjahu schrieb (Michael Freund, 2006): „Danken wir Gott für die christlichen Zionisten. Ob es uns gefällt oder nicht – die Zukunft der Beziehungen zwischen Israel und den Vereinigten Staaten hängt vielleicht weniger von den amerikanischen Juden als von den amerikanischen Christen ab.“ Der Mehrheitsführer der Republikaner Richard Armey erklärte sich „zufrieden damit, wenn Israel sich das ganze Westjordanland nimmt“ und musste sich erst später von seinem Diktum distanzieren „die Palästinenser sollten wegziehen“ (Matthew Engel 2002). Zwar „würden die meisten amerikanischen Juden mit den neuen christlichen Rechten nichts zu tun haben wollen“ (Naomi M. Cohen) und nennen die evangelikale-zionistische Zusammenarbeit eine „unheilige Allianz“ (JoAnnMort, 2002). Auch fürchten Zionisten die Missionierungsabsichten der Evangelikalen (Gershom Gorenberg, 2000). Doch sieht es David Harris als leitender Direktor des American Jewish Committee pragmatisch: „Das Zeitenende mag morgen kommen, aber heute geht es um Israel“ (nach Bill Broadway, 2004).

Die mindestens 40 Millionen erklärten evangelikalen Christen (Mearsheimer und Walt, 2007) auf der Seite der amerikanischen Rechten, der Republikaner, arbeiten somit an der Errichtung des „jüdischen Jahrhunderts“ (Yuri Slezkine 2004/2006). Nach anderen Quellen sind es 70 Millionen Evangelikale in Amerika und sogar 600 Millionen weltweit (Craig Nelson, 2003), jedenfalls wenn man die philosemitischen Tendenzen vor allem der evangelischen Kirchen, aber auch anderer nach 1945 einbezieht. Damit stellen die politisch engagierten Evangelikalen jedenfalls in den herrschenden USA einen Gutteil einer der beiden Parteien, während die Mehrheit der Juden die andere Partei bevorzugt (nach Helmreich, 2012). Steht also – wenn es nach Amerika geht – das christliche Millenium oder die Verwirklichung der Prophezeiungen des Alten Testamentes vom Sieg Jahwes vor der Türe?

Eine Frage, die sich die meisten vor vierzig Jahren noch so gestellt hätten, gewiß. Jetzt aber müßten sie bei solchen Überlegungen eigentlich doch die islamische Komponente berücksichtigen. Wie auch immer, der Schrecken würde uns so oder so gewiß sein. Da nun aber die Verursacher aller Unordnung und Betreiber einer globalen Diktatur, sei sie politisch-religiös oder nicht, in fast allen wichtigen westlichen Leitungsgremien sitzen oder zumindest sich dort ihre Vasallen halten, wer sollte denn das große Chaos, den Zusammenbruch der Ordnung und letztlich den großen Knall noch aufhalten, wenn nicht wir? Wir, die wir bereits auseinanderdividiert, individualisiert sind und deren geistige und seelische Wurzeln beschlagnahmt wurden. Werden wir noch einmal als Volk zusammenfinden und uns befreien können? Wenn ja, dann werden uns die Globalisten und ihre scheinheiligen Einflüsterer den Buckel runterrutschen können.

*Hervé Ryssen: „La guerre eschatologique“, Editions Baskerville, 2013

Helmut Müller

Quelle

Advertisements
Post a comment or leave a trackback: Trackback URL.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: