Der Dritte Weg der Dritten Welt

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges konsolidierten sich zwei politisch-wirtschaftliche Blöcke: der kapitalistische, der von den USA dominiert wurde, und der kommunistische, dessen wichtigster Staat die Sowjetunion war. Es gab aber auch eine Reihe von Ländern, die weder das eine, noch das andere System übernehmen wollten.
Zu den Nationen die ihre Unabhängigkeit und Souveränität betonten und sich keiner der beiden Großmächte unterwarfen, zählten Argentinien in Amerika, Ägypten in Afrika und Indonesien in Asien.

Wenn man heute den Begriff „Dritte Welt“ benutzt, denkt man automatisch, jedoch fälschlicherweise an „arme, unterentwickelte Länder“. Die Medien haben diese ursprünglich positive Bezeichnung im Laufe der Jahre so entstellt, dass heute die öffentliche Meinung davon überzeugt ist, dass nur entweder Kapitalismus oder Kommunismus zur Wahl stünden. Dem kollektiven Bewusstsein der Massen wird die Annahme eingeimpft, dass es keine Alternative gebe. Ursprünglich waren die Staaten der Dritten Welt eigentlich diejenigen, die eine selbständige Politik führen wollten, also weder Washington („Erste Welt“) noch Moskau („Zweite Welt“) gehorchten. Diejenigen, die an eine Alternative sowohl zur „Ausbeutung des Menschen durch den Menschen“ als auch der „Ausbeutung des Menschen durch den Staat“ glaubten. Perón, Nasser, Sukarno oder auch Mossadegh im Iran gehörten in den fünfziger und sechziger Jahren zu den politischen Führern der „Dritten Welt“, die einen „Dritten Weg“ suchten.

1961 gründete sich in Belgrad auf Initiative des jugoslawischen Marschalls Tito die Bewegung der Blockfreien Staaten. Außer Jugoslawien waren auch Ägypten, Indonesien und Indien unter den Gründungsmitgliedern. Später kamen viele andere Staaten aus Amerika, Asien und Afrika dazu. Die Bewegung der Blockfreien Staaten war die bekannteste und die größte unter den alternativen supranationalen Organisationen, die weder Washington noch Moskaus Linie folgten. Aber es gab auch andere, die auf die jeweilige geopolitische Zone der Länder begrenzt waren.
Der General Juan Domingo Perón wurde 1946 zum ersten Mal als Präsident Argentiniens gewählt. Er hatte sich vorgenommen, in seinem Land soziale Gerechtigkeit durchzusetzen und sprach offen gegen die Plutokraten, die Argentinien plünderten, aus. Argentinien sollte kein Vasallenstaat der USA mehr sein, doch auch keiner der Sowjetunion werden. Der peronistische Sozialismus war nicht marxistisch, sondern christlich orientiert.
Während der Lebensstandard der argentinischen Bevölkerung sich unter Perón wesentlich verbesserte, versuchte der General im internationalen Bereich, ein militärisches und geopolitisches Bündnis mit seinen Nachbarländern zu bilden. Da die Grenzen in Lateinamerika artifiziell sind und Einigkeit die Stärke macht, erstrebte Perón, langfristig mit Chile und Brasilien einen gemeinsamen Block zu formen.

Die Präsidenten von Chile (Carlos Ibáñez del Campo) und von Brasilien (Getúlio Vargas) waren einverstanden. Aber bevor das Projekt Gestalt annehmen konnte, musste der 80jährige General Ibáñez wegen Altersschwäche zurücktreten, und der Brasilianer Vargas starb 1954 nach einem angeblichen Selbstmord. Die Nachfolger der beiden distanzierten sich vom geplanten Bündnis. 1955 wurde Perón in einem Militärputsch gestürzt und musste nach Spanien ins Exil. So wurde die Entstehung des alternativen lateinamerikanischen ABC-Blocks („ABC“ steht für Argentinien-Brasilien-Chile) verhindert.

Ungefähr zur gleichen Zeit in Mittleren Osten hatte Nasser übrigens die Vereinigung von Ägypten und Syrien erreicht. Allerdings war die Vereinigte Arabische Republik sehr kurzlebig und musste sich 1961, nach nur drei Jahren, wieder auflösen.

In Südostasien hatte der indonesische Präsident Sukarno eine Vereinigung zwischen Malaysia, den Philippinen und Indonesien (das „Maphilindo“) vorgeschlagen. Aber auch Sukarno wurde 1967 vom Militär gestürzt. Sein Nachfolger, der Diktator Suharto, war jahrzehntelang ein Schützling der „westlichen Demokratien“, die sein Regime mit der Ausrede der „kommunistischen Gefahr“ unterstützten.

Die alternativen Blöcke, die Perón, Nasser oder Sukarno anstrebten, versuchten ein internationales Gleichgewicht in einer multipolaren (und nicht nur bipolaren) Welt herzustellen, wo jeder Block so selbständig wie möglich sein sollte. Aber für die Globalisten, welche nicht einmal mit einer bipolaren Welt zufrieden sind, sondern versuchen, die unipolare Welt zu errichten, waren die Politiker der Dritten Welt ein Dorn im Auge, wenn sie unabhängig handelten und man sie nicht kontrollieren konnte.

Quelle

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