Unter dem Zeichen von Hammer und Schwert

Markus März hat ein Standardwerk zur Frühgeschichte der NSDAP vorgelegt

„Es gab keine guten und keine schlechten Nationalsozialisten. Sie allesamt waren Nazis, die von menschenfeindlichen Motiven getrieben wurden; sie einte der Haß auf Demokratie und fremde ‚Rassen‛, auf Juden, Homosexuelle, Sinti und Roma, Kommunisten und Sozialdemokraten. Sie wollten eine Welt bauen, die sich auf die Ideologie einer Herrenrasse gründete, in der kein Platz war für Kranke und Schwache, Nonkonformisten und Querdenker.“ So geiferte der Vorsitzende der Linksfraktion im Bundestag, Gregor Gysi, noch im Jahr 1994 in seinem Vorwort zu dem Büchlein „Die Strasser-Legende“ des DDR-Historikers Kurt Gossweiler. Nationale Sozialisten? So etwas darf es nach Auffassung insbesondere vieler linker Historiker und Politiker nicht geben und nie gegeben haben, andernfalls wäre ja auch schließlich der eigene sozialistische Alleinvertretungsanspruch in Frage gestellt.

Der zu Papier gebrachte Wutausbruch von Gregor Gysi verdeutlicht, wie ideologisch und vorurteilsbehaftet auch heute noch die Auseinandersetzung um die Positionen und die historische Rolle der linken Nationalsozialisten geführt wird. Im Grazer „Ares-Verlag“ ist unter dem Titel „Nationale Sozialisten in der NSDAP“ nun eine der umfassendsten Darstellungen der linken Parteiströmung innerhalb der NSDAP in den Jahren von 1925 bis 1930 erschienen, die zahlreiche neue Forschungsergebnisse des Autors Markus März enthält und die das „heiße Eisen“ des Straßerismus/linken Nationalsozialismus mit vorbildlicher Akribie und Objektivität anfaßt.

Preußentum und Sozialismus

Markus März setzt in seiner Arbeit bei den Prägekräften der nationalsozialistischen Linken an, die ganz unter dem Bann der großen Sehnsuchts- und Hoffnungsbegriffe ihrer Zeit standen: Sozialismus, Preußentum, Volksgemeinschaft, Revolution. Im Inferno der Stellungs- und Grabenkämpfe des Ersten Weltkrieges waren Standesdünkel und Klassengegensätze eingeschmolzen worden, das Bewußtsein eines „Frontsozialismus“ griff um sich, der nicht tiefrot, sondern feldgrau eingefärbt war, und der viele Kriegsteilnehmer ihr ganzes Leben lang nie mehr verlassen sollte. In den Wirren des Nachkriegs brach das wilhelminisch-bürgerliche Kaiserreich wie ein morsches Gemäuer in sich zusammen und auch die junge Republik wäre ohne Zweifel schnell durch eine spartakistische Rätediktatur weggeputscht worden, wenn sie nicht durch ein Zweckbündnis aus Sozialdemokratie und militärischen Freiwilligeneinheiten, den Freikorps, geschützt worden wäre. Einer ganzen jungen und hochpolitisierten Generation, die größtenteils durch die Kriegsniederlage und das Versailler Diktat sozial deklassiert waren, schien nicht mehr der Bürger, sondern der Arbeiter die große Hoffnungsfigur der eigenen Epoche zu sein. Oswald Spengler, der in seiner im Jahr 1919 erschienenen Schrift „Preußentum und Sozialismus“ einen ethischen Sozialismusbegriff entwickelte, und Arthur Moeller van den Bruck, der in den unmittelbaren Nachkriegsjahren als Wortführer des jungkonservativen Juni-Klubs einen erheblichen Einfluß ausübte, avancierten zu den Meisterdenkern einer jungen nationalen Intelligenz. Während Moeller van den Bruck aber noch einen idealistischen geprägten Sozialismusbegriff vertrat, dem „eher eine Art Betriebsgefolgschaft und eine koporativ organisierte Volksgemeinschaft vorschwebte, in der der Arbeiter den Dienstcharakter seiner Tätigkeit erkennt und gerade dadurch seine Würde erobert“ (Günter Maschke), vertraten die linken Nationalsozialisten radikalere Sozialismusvorstellungen und strebten eine Umwälzung der Wirtschaftsordnung an, bei der auch die Eigentumsfrage nicht ausgespart werden sollte. Besonders interessant sind auch die bislang nur wenig erforschten Querverbindungen des nationalrevolutionären Kreises um Ernst Jünger zur nationalsozialistischen Linken, denen März ein eigenes Kapitel widmet.

Die „AG Nordwest“

In den Jahren 1925 und 1926 erlebte die NS-Linke ihre Blütezeit, da Hitler nach der Neugründung der zwischenzeitlich verbotenen NSDAP am 27. Februar 1925 in München in Gregor Straßer das dringend benötigte Organisationstalent für den flächendeckenden Organisationsaufbau in Norddeutschland fand. Straßer war insbesondere von dem Gedanken gereizt, die proletarisch geprägten Arbeiterreviere an Rhein und Ruhr politisch zu erobern und äußerte 1926 sogar die Auffassung, „daß von allen Gebieten Deutschlands keines stärker und fruchttragender die Idee des nationalen Sozialismus aufgenommen hat als das Gebiet der roten Erde und der rußigen Städte.“ Straßer war klar, daß man, um sich in Industrieregionen wie dem Ruhrgebiet politisch zu verwurzeln, völlig anders vorgehen müßte als in agrarisch geprägten Regionen wie Ostpreußen, Pommern oder Schleswig-Holstein und gründete im September 1925 die „Arbeitsgemeinschaft der nordwestdeutschen Gaue der NSDAP“, die schon bald zum Kraftzentrum des linken Nationalsozialismus avancieren sollte. In der „AG Nordwest“ traf Gregor Straßer auf seinen anfänglichen Mitstreiter und späteren Konkurrenten Joseph Goebbels. Der spätere Reichspropagandaminister war gerade in der Frühphase seiner politischen Biographie ein sozialistischer Heißsporn, der sich im Jahr 1923 noch als „nationaler Marxist“ bezeichnete und für den Elberfeld, wo die „AG Nordwest“ ihren Sitz nahm, gar zum „Mekka des nationalen Sozialismus“ wurde. Tatsächlich entwickelte die „AG Nordwest“ eine ganz eigene sozial- und nationalrevolutionäre Linie, die sich in vielen Fragen deutlich von der in der Münchener Parteizentrale vertretenen Linie abhob. Die linken Nationalsozialisten traten für eine klare Ostorientierung der NSDAP und sogar ein mögliches Bündnis mit der Sowjetunion gegen die Versailler Mächte des Status quo ein, sie waren für die Fürstenenteignung und für grundlegende Änderungen der Eigentumsordnung in Deutschland, die nach einem ausgeklügelten, von Gregor Straßer ersonnenen Systems der Lehensvergabe neu geordnet werden sollte, und konnten sich ein „Bündnis der unterdrückten Völker“ gegen den Westen vorstellen, das insbesondere das im antikolonialen Freiheitskampf befindliche Indien umfaßt hätte. Als die „AG Nordwest“ dann sogar noch einen eigenen Programmentwurf entwickelte, zog sie sich endgültig das Mißtrauen Hitlers zu und wurde schließlich Ende 1926 aufgelöst. Gleichzeitig ging mit Joseph Goebbels der begabteste Propagandist der „AG Nordwest“ als Gauleiter nach Berlin, wo die Freundschaft zu den Brüdern Otto und Gregor Straßer schnell in erbitterte Konkurrenz umschlug. März schildert detailliert das Verhältnis der beiden Antipoden Straßer und Goebbels und den Pressekrieg, den sie sich mit verschiedenen konkurrierenden Zeitungsprojekten in Berlin lieferten. Der Machtkampf zwischen Straßer und Goebbels endete im Dezember 1932 mit dem Rücktritt Straßers von allen Parteiämtern, Joseph Goebbels stieg im März 1933 zum Reichspropagandaminister auf, während das Leben von Gregor Straßer am 30. Juni 1934 in einem Berliner Gestapo-Keller endete.

Die Rolle des „Kampf-Verlages“

März Arbeit ist auch deshalb so wertvoll, weil sie erstmals die Entwicklung des „Kampf-Verlages“, der zum Sprachrohr der linken Nationalsozialisten wurde, detailliert nachzeichnet, der einer der wichtigsten politischen Verlage der Weimarer Republik und der modernste und professionellste Verlag der NS-Publizistik war. Mit dem gekreuzten Hammer- und Schwert-Symbol fanden die revolutionären nationalen Sozialisten der „Schwarzen Front“ dann auch noch ein gelungenes „Logo“, das bis heute gerne auf Veranstaltungen der nationalen Opposition verwendet wird. Eine wahre Fundgrube in dem Buch von März sind auch die 27 biographischen Skizzen von Exponenten des linken NS-Flügels, die zeigen, daß die NSDAP in ihrer „Kampfzeit“ eben nicht die gleichgeschaltete Führerpartei war, als die sie heute gilt, sondern daß sie durch einen breiten politischen Binnenpluralismus geprägt war, gegen den sich heutige „demokratische Volksparteien“ wie CDU und SPD wie glattgeschliffene Kiesel ausnehmen. Weiter gelingt es März, zahlreiche Verzerrungen oder gar bewußte Falschaussagen aus den Memoiren von Otto Straßer, dem schillernden Bruder Gregors, aufzudecken, und damit ein realistischeres Bild der „nationalen Sozialisten in der NSDAP“ zu zeichnen. Man kann das Buch von März nur mit Bewunderung aus der Hand legen, denn es besticht durch ein penibles Quellenstudium und ein unerschöpfliches Wissen über alle Zusammenhänge, Publikationen und Köpfe aus der Frühgeschichte des Nationalsozialismus und muß deshalb als großer Wurf bezeichnet werden.

Buchempfehlung: Markus März: Nationale Sozialisten in der NSDAP, Ares, 652 Seiten, zahlreiche Abb., biographischer Anhang, 34,90 Euro. Erhältlich beim DS-Versand, Postfach 100068, 01571 Riesa

Arne Schimmer

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