Fast ein deutscher Held

von Dr. Angelika Willig, aus: „Neue Ordnung“ 1/2016

Werner Bräuninger: Kühnen. Portrait einer deutschen Karriere. Die Biographie, Bad Schussenried (Gerhard-Hess-Verlag) 2016

Weshalb schreibt man eine 700-seitige Biographie über Michael Kühnen? Die Frage hat sich Werner Bräuninger in seinem Schlußwort selbst gestellt. Die Antwort dürfte in Bräuningers bisherigen Publikationen zu finden sein, die sich gern mit Randfiguren des Nationalsozialismus beschäftigen, so mit den Gegnern Hitlers innerhalb der NSDAP. Der ehemalige Bundeswehr-Leutnant Michael Kühnen bezeichnet sich zwar als Anhänger Hitlers, bleibt aber zwangsläufig eine Randfigur, da er zu spät geboren ist. Vom Nationalsozialismus trennen ihn 20 Jahre, und diese Zeit wird von Kühnen als „lange Nacht des Nationalsozialismus“ beschrieben. Sie endet am 26. November 1977 mit der Gründung der „Aktionsfront Nationaler Sozialisten“ (ANS) in Hamburg. Seit diesem Tage hat sich die Medienöffentlichkeit begierig auf das Phänomen der -„Neonazis“ gestürzt und es aus einer Mischung von Sensationslust und politischer Panikmache zur gewaltigen Bedrohung hochstilisiert.

Mit Michael Kühnen stand von Anfang an der Richtige an der Spitze der mikroskopisch kleinen „Bewegung“. Denn Kühnen hatte ein besonderes Talent im Umgang mit den Medien. Dieses Talent baute sich auf aus Intelligenz und Eloquenz, gepaart mit Verbalradikalität. Wohlverstanden: verbal, denn Gewalt lehnte Kühnen demonstrativ ab. Sein Häuflein wäre damit auch nicht weit gekommen. Die Journalisten konnten es im Umgang mit Kühnen gar nicht fassen, daß hier ein intelligenter und höflich-sympathischer Mensch für den Nationalsozialismus eintrat. Das war sein Zaubertrick, der immer wieder gelang.

Besondere PR-Erfolge sind das Interview mit dem Zeitgeist-Magazin „Tempo“, das auch Michael Kühnen – mit seinen coolen und schnittigen Fotos aufwertete, weiter die Freundschaft mit dem linken jüdischstämmigen Schriftsteller Erich Fried und schließlich die Veröffentlichung in Hans -Dietrich Sanders „Staatsbriefen“ im Milieu der Jünger-und-George-Leser.

Allerdings lehrt das weitere Schicksal Kühnens sehr schnell, daß es höchst unklug ist, in der BRD den Nationalsozialismus wiederbeleben zu wollen. Erst wird der Berufsoffizier bei der Bundeswehr entlassen, dann geht Kühnen für acht Jahre ins Gefängnis. Das ist im Grunde schon seine Beerdigung. Die „Bewegung“ draußen orientiert sich an anderen, weniger vornehmen Gestalten wie Christian Worch und Thomas Brehl. Kühnen hat nach seiner Entlassung kein Geld mehr zum Leben, und seine Aids-Infektion macht den Niedergang nur perfekt. Die Reihe sogenannter „neonazistischer“ Organisationen und Aktivitäten reißt nun nicht mehr ab, doch Michael Kühnen spielt darin keine Rolle mehr. Als Märtyrer ist er nicht zu gebrauchen. Heute begegnet man dem Namen Kühnen unter „Neonazis“ nur mit Spott oder Abscheu.

Nach der Maueröffnung hat er allerdings noch einmal Einfluß gewonnen in der legendären Weitling-Straße und mit der „Nationalen Alternative“ (NA). Doch die unangenehmen Diskussionen um seine Homosexualität reißen nicht ab. Manche benützen es, um Kühnen zu schaden, andere sehen hier einen Herd der Selbstzerstörung für Nationalsozialisten – wie einst bei Ernst Röhm. Es kommt in diesem Zusammenhang sogar zu einem „Fememord“.
Daß das Thema auch politischen Gehalt hat, zeigt ein Redebeitrag, in dem davor gewarnt wird, „die anderen als SA-Typen und Schwule abzuwerten“ oder umgekehrt „die SS als sogenannte Verräterschweine abzustempeln“.

Die „lange Nacht“ beginnt bei Kühnen nicht erst im Mai 1945, sondern gewissermaßen schon im Juni 1934, als die SA vor allem wegen ihrer sozialen und revolutionären Vorstellungen von Hitler rigoros abgestraft wurde. Der Begriff „Nationale Sozialisten“ nimmt Partei für diese frühe Form des Nationalsozialismus. Kühnen hat immer den SA-Stil vertreten und sich von der SS ausdrücklich distanziert. Die Judenpolitik erwähnt er dabei allerdings nicht, die Judenfrage spielt in seinen Überlegungen insgesamt eine geringe Rolle. Die Berufung auf Hitler ist mehr eine Geste – oder sie meint den „netten Hitler“ aus der Zeit bis 1934. Wer das alles im Original nachlesen will, sollte sich Kühnens Schrift „Die zweite Revolution. Glaube und Kampf“ von 1979 vornehmen. Er versteht sich auch als Theoretiker, berühmt-berüchtigt wurde die Schrift „Nationalsozialismus und Homosexualität“, erschienen 1986 im Pariser „Exil“.

Faszinierend ist die Autosuggestion, mit der Kühnen ganz offensichtlich an das glaubt, was die Presse über ihn schreibt. Daß er zwar kein neuer Messias ist, aber eine Art Papst, der hoheitsvoll eher wandelt als marschiert, eher gnädig als zackig den Gläubigen seinen Segen spendet. Man merkt den Klassensprecher aus dem katholischen Internat. Die Patres wissen, wie man große Wirkung erzeugt. Möglich wird das jedoch nur, weil unsichtbar die echten nationalsozialistischen Führer mitsamt ihrer fatalen „Unvergleichlichkeit“ hinter eher bizarren Veranstaltungen wie dem „Kühnen-Gruß“ (drei gereckte Finger) stehen. Für den Nationalsozialismus gilt allemal: Auch der dünnste Aufguß schmeckt noch nach Kaffee.

Man nennt es Charisma. Vor allem damit ist es Kühnen wohl auch gelungen, seinen Biographen bei der Stange zu halten. Werner Bräuninger ließ sich eingestandenermaßen von der Person faszinieren, wahrt aber stets die innere Distanz, die man gegenüber einem Forschungsgegenstand braucht.

Sehr detailreich ist das Buch, was die Organisation dieser überschaubaren Anzahl von Männern betrifft. Man muß es vielleicht im einzelnen nachzeichnen, um diese typisch deutsche Organisationswut zu begreifen, hinter der bei vielen das ideologische Interesse eher zurücktritt: „Zum Prinzip hatte Kühnen eine strenge Kaderbildung erhoben. Unter Kader verstand er einen harten Kern von Aktivisten, die als politische Soldaten ohne Einschränkung der Revolution zur Verfügung ständen, die ständig aktiv sind und blieben, unbeeindruckt von vorübergehenden Rückschlägen, Niederlagen, aber auch von flüchtigen Erfolgen.“ – Vielleicht kommt daher bis heute die Rede von „Neonazi-Führern“, obwohl sich die Betreffenden alle untereinander kennen, wie man sich in der Verwandtschaft kennt, wo es auch nur Sympathien und Antipathien gibt, aber keine feste Hierarchie.

Am Ende fragt Bräuniger, ob Michael Kühnen etwa ein „sinnloses“ Leben geführt habe. Die Antwort soll sich der Leser auf Grund der Biographie selbst geben. Es gilt das gleiche wie beim nationalen Widerstand insgesamt. Wäre es sinnvoller, eine gute berufliche Qualifikation zu erreichen, z.B. auch in der Bundeswehr, und mit kleinen Nadelstichen die eigene Sache zu betreiben oder gelegentlich Sympathisanten an sich zu locken, oder soll man durch ein offenes Bekenntnis und politische Aktivität die Verfolgung auf sich ziehen? Die erste Variante ist auf jeden Fall komfortabler und für einen gebildeten Menschen angenehmer, also wird wahrscheinlich doch die zweite – also die Variante Kühnens – die unverzichtbare sein.

Nach der „langen Nacht des Nationalsozialismus“ kommt mit Kühnen gewiß kein strahlendes Morgenrot. Bedenken sollte man aber, was in Bräuningers Buch etwas zu kurz kommt, den weltpolitischen Hintergrund. In den 1970er Jahren standen sowohl die USA wie die Sowjetunion noch ungeschmälert da. Die Sieger des 2. Weltkrieges schienen eine große historische Zukunft zu haben. Die Entscheidung ging zwischen Marxismus und Liberalismus, der Nationalsozialismus war längst ausgeschieden. Wenn ein junger Mensch sich dafür begeisterte, konnte er nur als „Spinner“ und Wichtigtuer gelten. Wahrscheinlich war Kühnen auch so etwas. Inzwischen aber sieht die Sache schon anders aus. Die Sowjetunion ist verschwunden, die USA haben ihre Strahlkraft bereits verloren, der Nationalismus ist überall in Europa auf dem Vormarsch. Kein Wunder also, wenn sich heute die Medien mit den „Neonazis“ keine gefährlichen Spielchen mehr leisten. Denn reine Spinner sind es nicht mehr, die glauben, daß vielleicht der Verlierer des Weltkrieges am Ende noch der lachende Dritte werden könnte.

Bezüglich des NPD-Verbotsverfahrens, das Anfang März begonnen hat, sagt Udo Pastörs: „Sie werden uns noch vermissen, allein wegen des Unterhaltungswerts, den wir für die Medien haben.“ Der Unterhaltungswert ist nicht zu bestreiten. Doch es kommt der Tag, wo es ernst wird.

Dr. Angelika Willig

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