SdV-Gespräch mit Dr. Angelika Willig über die Zukunft des Nationalsozialismus

SdV: In der Zeitschrift „Neue Ordnung“ (1/2016) besprechen Sie die neue Kühnen-Biographie Werner Bräuningers. Gegen Ende der Rezension schreiben Sie, daß der „Verlierer des Weltkrieges am Ende noch der lachende Dritte werden könnte.“

Siehe hierzu:

https://sachedesvolkes.wordpress.com/2016/04/05/fast-ein-deutscher-held/

Halten Sie eine zweite Auflage des Nationalsozialismus als Herrschaftssystem für möglich? Können Sie Ihre Gedanken für unsere Leser noch einmal zusammenfassen und gegebenenfalls konkretisieren?

Angelika Willig: Der Nationalsozialismus ist kein „Herrschaftssystem“, sondern ein Ereignis, das sich nicht wiederholen kann. Ein „einzigartiges“ Ereignis. Es kommt jetzt darauf an, wie wir dieses Ereignis deuten und werten. Der Streit darüber wird sich noch lange hinziehen. Aber am Ende wird eine positive Bewertung stehen. Und aus dieser Überzeugung heraus können wir erst wieder politisch handeln.

Wie das „Herrschaftssystem“ dann im einzelnen aussieht, ist zweitrangig. Es ist ja ohnehin keine Kopie des NS denkbar, weil uns die Hauptperson fehlt. Hitler wußte, daß sich nach ihm neue Bedingungen ergeben.

Doch mit der Parteinahme für den NS wären wir von den heute herrschenden Anschauungen vollkommen befreit. Das ist die Voraussetzung, um zur Lösung der Probleme zu kommen.

SdV: Das ist natürlich geschickt, indem man leugnet, daß es zwischen 1933 und 1945 in Deutschland ein NS-Herrschaftssystem gegeben hatte, muß man sich nicht darüber unterhalten, wie ein solches zustande kommt und wie es ausgeführt wird. Oder habe ich Sie da falsch verstanden?

Angelika Willig: Ich leugne nicht, daß es ein Herrschaftssystem gab, aber man kann es nicht kopieren. Das wäre so, als wollte man einen Toten wiederbeleben. Wenn Sie den Vergleich gestatten: Jesus Christus ist nach seiner Auferstehung auch nicht wieder in seinen Sandalen umhergewandert. Diese Phase war vorüber, aber die eigentliche Wirkung begann erst jetzt. Auferstehung ist etwas anderes als Wiederbelebung, auf diesen Nenner könnte man es bringen.

SdV: Der Historiker Ernst Nolte sprach vom „Faschismus in seiner Epoche“.

Siehe hierzu:

https://www.amazon.de/Faschismus-seiner-Epoche-Italienischer-Nationalsozialismus/dp/3492203655

Warum begreifen Neonazis nicht, daß auch ihr deutscher NS einer vergangenen Epoche angehörte und daß die Voraussetzungen dafür durch den Kapitalismus, Stichwort „Globalisierung“, zerstört sind?

Angelika Willig: Noltes Theorie lautet, daß der „Faschismus“ eine teils verständliche Reaktion auf den Bolschewismus ist, und wenn diese bolschewistische Bedrohung verschwindet, hat sich auch der „Faschismus“ historisch erledigt. Nolte glaubt an das Fortbestehen der bürgerlichen Welt. Aber wir sehen immer mehr, daß nach dem Kommunismus auch der Liberalismus in Bedrängnis gerät. Wir können die Globalisierung zwar nicht rückgängig machen, aber sie ist selbst in eine tiefe Krise geraten, und es gibt starke Gegenkräfte. Die Welt ist voll davon. Aber die entscheidende Widerstandskraft wird aus dem nationalsozialistischen Erbe kommen.

SdV: Welche Probleme, von denen Sie vorhin sprachen, wären in Zukunft zu lösen?

Angelika Willig: Das Hauptproblem heute ist die mangelnde Legitimation der Führung. Die Demokratie taugt nicht mehr zur Legitimation. Das heißt: die Führung kann nichts durchsetzen, was gegen die Interessen heute lebender Menschen geht. Sie kann nicht für die Zukunft sorgen. Es kommen immer wieder Leute an die Macht, und zwar zwangsläufig, die nur kurzfristigen Interessen dienen. Wir brauchen aber einen Führungsanspruch, der sich auch gegen Widerstände durchsetzen läßt. Das ist nicht einfach, weil wir die religiöse Legitimation verloren haben. Das ist die große Stärke der Islamisten und die Gefahr, die von ihnen ausgeht. Mit Allah haben sie eine höhere Legitimation. Wir brauchen etwas, das wir der verspäteten Religiösität des Islam entgegensetzen können. Und das ist gewiß nicht das „Abendland“, das den Liberalismus hervorgebracht hat. Es kann nur die Anknüpfung an den NS sein, der zwar aus dem Abendland kommt, aber sich dagegen wendet.

SdV: Entspricht die „Volksgemeinschafts“-Ideologie heute noch der Wirklichkeit? Die deutsche Oberschicht setzt – im großen und ganzen – auf Einwanderung in die Arbeits-, Mieter- und Verbrauchermärkte. Gerät da nicht der Volksgemeinschafts-Apologet zum Volksverräter, weil er sich bei der volksfeindlichen Oberschicht anbiedert, der gegenüber um ein Bündnis bettelt?

Angelika Willig: Sie haben recht: „die Wirtschaft“ denkt, daß die Einwanderung dem Wachstum nützt. Doch das würde es auf die Dauer nur, wenn die Zuwanderer die gleiche Disziplin und Leistungsfähigkeit aufbringen würden wie derzeit noch die Deutschen. Das wird nicht der Fall sein. Dann wird sich zeigen, daß die Masseneinwanderung der Wirtschaft nicht viel nützt, sondern neue Steuern hervorruft, die bekanntlich überwiegend von den Besserverdienenden gezahlt werden. Es liegt also weniger ein Interessenskonflikt vor, sondern ein ideologischer Irrtum. „Volksgemeinschaft“ bedeutet, daß ein wertvolles Volk der Wirtschaft nützt und eine funktionierende Wirtschaft wieder dem Volk nützt. Voraussetzung ist allerdings, daß man Einkommensunterschiede und eine gesellschaftliche Hierarchie akzeptiert als eine Form des Lebenskampfes und keine Rundum-Versorgung fordert.

SdV: Ist der sogenannte Nationalsozialismus der 1930er Jahre nach Ihrer Einschätzung ein modernes „Ereignis“ gewesen – bezüglich Bewegung, Ideologie, Herrschaftssystem? Der NS stand ja einerseits für die Ablehnung der Ideen von 1789, andererseits für die Förderung von Technik und Naturwissenschaften.

Angelika Willig: Heinrich Himmler benutzt manchmal den Ausdruck „Waralda“, soll heißen: das Uralte. Das liegt vor der Geschichte, in der Urzeit. Das ist es, woran die Nationalsozialisten anknüpfen. Es ist weder modern noch traditionell. Und die Technik kann noch so modern sein, sie ändert nichts an der Geltung dieser Grundordnung. Kann man heute im Fantasy-Film sehen, wie sich Futuristisches mit Archaischem mischt. Das ist die Zukunft. Oder: „Die Deutschen sind ein Volk von vorgestern und übermorgen.“ Das gilt jedenfalls für die Nationalsozialisten.

SdV: Zur Zeit des nationalsozialistischen Ereignisses gab es einen bizarren Kult um die Nietzsche-Schwester Dr. Elisabeth Förster-Nietzsche.

Siehe hierzu:

War das Bemühen der NS-Führung, nicht zuletzt Hitlers, sich als geistige Erben Friedrich Nietzsches zu positionieren, berechtigt oder nicht?

Angelika Willig: Hitler hat sich um Nietzsche gar nicht bemüht. Er war einmal im Nietzsche-Archiv zu Besuch, aber hat sich nie auf ihn berufen oder ihn zitiert. Hitler bezieht sich stattdessen auf Darwin. Allerdings auch, ohne den Namen zu nennen, aber inhaltlich ist es ganz klar, daß seine Grundlage der „Kampf ums Dasein“ und das Ausleseprinzip im Sinne von Darwin ist. Außerdem hat sich Nietzsche mehrmals pro-jüdisch und anti-deutsch geäußert, was seine Schwester bekanntlich aus den Büchern herausgestrichen hat. Eigentlich braucht Hitler keinen Nietzsche Er wendet die biologischen Prinzipien direkt auf die Politik an und fragt niemanden um Erlaubnis. Und alles, was an Nietzsche interessant ist, ist genau diese Übertragung der Biologie auf die Kultur. Er bringt das in einem raffinierten Stil, so daß Geisteswissenschaftler es mögen. Aber Hitler ist kein Geisteswissenschaftler.

SdV: Sehr geehrte Frau Dr. Willig, vielen Dank für das Gespräch.

Die Fragen stellte Jürgen Schwab.

Zu unserem Gesprächspartner:

Dr. Angelika Willig, geboren 1963 in Göttingen, Promotion 1994 über Martin Heidegger, mehrere Jahre als Redakteurin bei der „Jungen Freiheit“, Berlin, anschließend freie Mitarbeit bei „Nation&Europa“, „Deutsche Stimme“, „Umwelt&Aktiv“ und „Neue Ordnung“.

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Kommentare

  • Adebar  Am 2. Juli 2016 um 09:53

    Lieber Hr. Schwab!

    Vielen Dank, ein wirklich hervorragendes Interview. Etwas Schade finde ich allerdings, daß die Person Dr. Angelika Willig nicht in gebührender Weise vorgestellt wurde. Mir war die Dame leider bisher gänzlich unbekannt, gibt eine Biographie von ihr, gerne auch mit Quellen zu ihren Texten?

    Herzliche Grüße

    Adebar

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