Die Europäische Union ist tot. Es lebe das europäische Projekt!

Es hieße Tauben nach Athen tragen, wo man schon eher auf weitere Euro-Milliarden wartet, wollte ich die vielen Fehlentwicklungen in dieser Europäischen Union hier noch einmal anführen. Der Brexit böte zwar Anlass reinen Tisch zu machen, aber weit und breit ist kein Herkules in Sicht, der den verfahrenen Karren EU aus dem hausgemachten Morast zu ziehen vermöchte. Dennoch will man höheren Orts die Realität einfach nicht zur Kenntnis nehmen und glaubt, Reformen, ein wenig Reorganisation oder eine teilweise Rückabwicklung der Union könnte noch zu dem von vielen Blauäugigen erhofften Ziel führen. Und das ohne die wahren Machthaber in die Schranken zu weisen, ohne die gnadenlose Macht der Banken und Konzerne auch nur anzutasten? Was für ein Trugschluß! wie die Zukunft noch zeigen könnte.

Glaubt der österreichische Außenminister allen Ernstes, eine „drastische Veränderung“ einer verfilzten und machtbesessenen Europäischen Union sei auf herkömmliche Weise noch möglich? Ähnliches hört man ja auch von der freiheitlichen Spitze*, die wahltaktisch mit einem Öxit liebäugelt, während der tagträumerisch gestimmte SPD-Recke Gabriel, der mit der traurigen Gestalt, nicht ausschließt, daß die Briten „in ein paar Jahrzehnten zur EU zurückkommen“ könnten. Gewiß, die Hoffnung stirbt normalerweise zuletzt, aber diese eine dann doch schon früher, wie ich glaube. So meint denn auch in der österreichischen Kronenzeitung eine einfache Stimme aus dem Volk: Die EU ertrinke in einem Loch, daß sie sich selber geschaufelt hätte. Wie wahr!

Die Tatsache, daß die EU seit gut einem Jahrzehnt nicht mehr richtig funktioniert und Länder in beinahe jeder Hinsicht aneinander bindet, die weder ökonomisch, noch politisch, noch kulturell und mentalitätsmäßig über einen Leisten geschlagen werden können, hat den renommierten französischen Ökonomen und Polit-Strategen Jacques Sapir veranlasst, die EU für tot zu erklären. Das Fundament sei nicht tragfähig, meint er, und nur ein neues könne etwas Stabileres bewirken. So weit Sapir. Doch anstatt die richtigen Schlüsse zu ziehen, werden alle jene, die mit dieser EU nichts mehr am Hut haben, als Dummköpfe oder gar schon als Hetzer gebrandmarkt. Daß aber nicht nur wirtschaftliche Faktoren bei der Abwägung der Vor- und Nachteile einer EU-Mitgliedschaft zählten, erklärt auch ein anderer Ökonom, der Brite David McWilliams.

Williams meint auf seinem Blog: „Eigenständigkeit, Nationalismus und Unabhängigkeit sind vielen Menschen wichtig. Im Kern ihrer nationalen Psyche schätzen Norweger, Schweizer und Isländer – letztere zogen vor einem Jahr ihren EU-Beitrittsantrag zurück – ihre Eigenständigkeit sowie das Recht, ihre eigenen Gesetze zu machen und ihr Land selbst zu regieren. Dafür sind sie bereit einen Preis zu zahlen. Sie wissen, daß die Globalisierung den Handlungsspielraum einzelner Staaten immer kleiner macht, doch das Gefühl der Unabhängigkeit ist ihnen wichtiger. Ich gebrauche hier bewußt das Wort ‚Gefühl‘, denn Unabhängigkeit ist ein Gefühl. … Das sind starke Emotionen, die für die Menschen offensichtlich mehr zählen als das Geld.“

Daß aus naheliegenden Gründen vor allem materieller Natur maßgebliche EU-Politiker, EU-Bürokraten, Unternehmer, Staats-Künstler, Journalisten und Intellektuelle das und vieles andere mehr nicht verstehen wollen oder können, ist die Tragödie in dieser Union, die dadurch ja erst in eine noch viel schlimmere Lage geraten wird als schon bisher. Eigentlich ist es doch ein übles Spiel, das von Seite heuchlerischer und naiver EUphoriker mit einem Europa getrieben wird, das im Übrigen nicht auf das politische Hoheitsgebiet der EU eingegrenzt werden kann, was aber regelmäßig geschieht. Anmaßung und Arroganz machen es möglich. Die Blindheit der Eliten, vor allem im Westen, war letztlich eine Garantie dafür, daß dieses von der angloamerikanischen Hochfinanz kontrollierte und von einem der besten Tugenden entleerten Liberalismus durchsetzte EU-Projekt scheitern mußte und vielleicht schon morgen als soeben Verblichenes nur mehr mit weiteren Lügen oder gar Gewalt aufrecht zu erhalten wäre. Nicht ohne Grund.

Die von oben erfolgten europäischen Einigungsbestrebungen hatten sich ja sehr bald vom Geist des „Reichsdeutschen“ Robert Schuman – sicher kein US-Agent wie Monnet, diesem aber anscheinend auf den Leim gegangen – so weit entfernt wie die US-amerikanische politische Elite von dem ihrer Gründerväter. Wenn Schuman den schönen Gedanken äußerte, Europa sei auf der Suche nach sich selbst und werde „seine Seele in der Vielfalt seiner Qualitäten und Bestrebungen finden“ und es werde „die Einheit seiner Grundkonzeptionen mit der Pluralität der Traditionen und Überzeugungen“ zu versöhnen wissen, so sind seine Nachfolger diesem europäischen Traum nicht nur nicht gerecht geworden, sondern verwandelten diesen zum real existierenden Albtraum dieser Tage. Nicht Brexit, die EU ist das Problem.

Besorgte Europäer, des offensichtlichen Hinscheidens der EU auf Raten bewußt, mögen sich nun fragen: „Was wird aus den Löchern, wenn der Käse gegessen ist“ (Bertold Brecht)? Keine Angst, man wird den freien Raum mit etwas zu füllen wissen, das die kühnsten Träume unserer Vorfahren übertreffen könnte. Anleitungen dazu finden sich in der Geschichte Europas, und Bausteine sind vorerst noch genügend vorhanden. Die besten Köpfe des Kontinents dürfen schon einmal zu rauchen beginnen.

*Norbert Hofer: „Ich halte noch einmal fest, dass ich mir wünsche, dass die EU aus dieser Krise gestärkt hervorgeht, aus Fehlern lernt und sich in Zusammenhalt übt“ (Quelle CCM-TV).

Helmut Müller

Quelle

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